Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 16,9-15

Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann

22.04.2001 Marktkirche Hannover

Sonderpreis 2001

Predigt steht in gekürzter Fassung als mp3-Datei zur Verfügung

Kurz nach meinem Dienstantritt wurde ich mit dem Fall eines Pastors konfrontiert, der sich auf der Kanzel rasiert hatte. "Werden Sie ihn disziplinarrechtlich belangen?", war die Frage. Ich habe gesagt: "Er hat sich auf der Kanzel rasiert? Das glaube ich nicht!"

Und so kam es zum Gespräch mit dem Pastor, der erklärte, genau das sei doch der Sinn gewesen. Er habe am Sonntagmorgen auf der Kanzel Rasierschaum und Pinsel heraus geholt, sich in Seelenruhe rasiert, in den Spiegel geguckt und dann zur Gemeinde gesagt: "Wenn Sie jetzt nach Hause gehen und das erzählen, wird Ihnen jeder sagen: das glaube ich nicht." Genauso war es an Ostern, als die ersten erzählt haben: "Er ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!"

Bis heute bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich das nun einen hilfreichen Zugang finde oder nicht. Das Rasieren auf der Kanzel und die Auferstehung sind denn doch noch zwei verschiedene Paar Schuhe. Aber dennoch hat der Pastor hier einen Punkt erwischt: Den Unglauben der ersten Jüngerinnen und Jünger, der bis heute mit Blick auf die Auferstehung uns Menschen prägt. Der Predigttext für den heutigen Sonntag, eine Woche nach Ostern, steht bei Markus im 16. Kapitel. Dort heißt es in den Versen 9 ff.:

"Als aber Jesus auferstanden war früh am ersten Tag der Woche, erschien er zuerst Maria von Magdala, von der er sieben böse Geister ausgetrieben hatte. Und sie ging hin und verkündete es denen, die mit ihm gewesen waren und Leid trugen und weinten. Und als diese hörten, dass er lebe und sei ihr erschienen, glaubten sie es nicht. Danach offenbarte er sich in anderer Gestalt zweien von ihnen unterwegs, als sie über Land gingen. Und die gingen auch hin und verkündeten es den andern. Aber auch denen glaubten sie nicht. Zuletzt, als die Elf zu Tisch saßen, offenbarte er sich ihnen und schalt ihren Unglauben und ihres Herzens Härte, dass sie nicht geglaubt hatten denen, die ihn gesehen hatten als Auferstandenen. Und er sprach zu ihnen: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur."

Liebe Gemeinde, diese Textpassage wird von Exegeten "der unechte Markusschluss" genannt. Das ursprüngliche Evangelium, eines der frühesten Zeugnisse der Christenheit, endete mit dem Satz: "Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatten sie ergriffen und sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich." So enden die Aufzeichnungen des Markus.

Gut hundert Jahre später wird unser Predigttext als neuer Schluss an das Evangelium angefügt. Mehr als hundert Jahre nach dem Tod Jesu ist deutlich: Es endete eben nicht mit Zittern und Entsetzen. Nein, Neues hat begonnen, die Jüngerinnen und Jünger haben allmählich begriffen: Mit dem Tod Jesu am Kreuz war eben nicht alles zu Ende. Nein, das Sterben Jesu, es ist erst der Anfang des Lebens. Das Evangelium muss weiter geschrieben werden, denn die Osterbotschaft hat schließlich die Jüngerinnen und Jünger überzeugt, ermutigt zum Glauben.

Die Auferstehungsbotschaft ist das Zentrum des Evangeliums. Wir wissen aber auch, dass die Osterbotschaft das Unglaublichste an unserem christlichen Glauben ist. Und das war von Anfang an so. Gerade Maria von Magdala! Eine Frau. Sieben böse Geister hat er ihr ausgetrieben und die erzählt nun, er sei auferstanden. So ein Unsinn. Verdrängte Liebesgefühle, Verlustängste - ein Psychotherapeut sollte da mal ran.

Zwei sind unterwegs und meinen, ihn getroffen zu haben. Wie soll man denen denn glauben? Halluzinationen. Einen Trauerprozess haben die nötig. Gibt es nicht einen qualifizierten Arzt, der da etwas verschreiben kann?

Von Anfang an gehört zum Glauben der Unglaube, das Bestreiten. Das kann doch nicht sein. Das ist doch naiv. Völlig unwissenschaftlich. Gegen jede Erfahrung, gegen jedes Wissen! Das ist von Herrn Lüdemann gar nicht neu formuliert worden, sondern 2000 Jahre alt. Wie kann er auferstanden sein? Wie soll das möglich sein? Vor drei Tagen habe ich bei einer Diskussionsveranstaltung erklärt: ohne die Auferstehung gibt es keine Verkündigung des christlichen Glaubens. Hinterher kommentierte jemand: "Na ja, das müssen Sie als Bischöfin natürlich sagen." Ich habe gekontert: "Sie werden lachen, ich glaube das tatsächlich!"

Wir haben es mit Weihnachten da wesentlich leichter. Die großen Gefühle, die Familie, Vater, Mutter und Kind, das sind einfache Assoziationen. Aber Ostern? Ich habe das in der EZ erzählt, kurz vor Ostern bekam ich den Anruf einer Journalistin, die mir sagte: "Wir brauchen noch etwas zu Ostern von Ihnen - aber bitte nichts mit Jesus." Aber Ostern geht nicht ohne Jesus und nicht ohne Auferstehung. Ostern sind eben nicht nur Eier, Häschen, Küken, Osterfeuer und Osterwasser, sondern Ostern ist der Glaube daran, dass Gott unser Leben über den Tod hinaus hält. Wie das aussehen wird, das wissen wir nicht. Und darüber müssen wir auch nicht spekulieren. Aber wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott uns bei unserem Namen gerufen hat und dieser Name bei Gott geborgen sein wird, auch wenn wir längst gestorben sind. Gerade das führt Christinnen und Christen nicht zur Weltflucht, sondern gibt uns die Freiheit, uns der Welt und ihren Herausforderungen zuzuwenden.

Liebe Gemeinde, nur von diesem Osterglauben her können wir meines Erachtens den Mut haben, uns ganz offen mit dem Tod auseinander zu setzen. Wir leben ja in einer Zeit, die geradezu panische Angst vor dem Tod hat. Er wird abgeschottet in vermeintlich klinisch saubere Bereiche. Bloß weg aus meinem Gesicht. Bloß keinen Sterbenden zu Hause behalten, das ist ja furchtbar, das kann doch niemand mit ansehen. Jeder möchte schnell und zügig sterben. Und so befürworten 78% der Deutschen Euthanasie. Unter den Christen sagen nur 14% der Evangelischen und 18% der Katholiken: "Über Leben und Tod darf nur Gott entscheiden." Für mich ist das ein Signal dafür, wie groß die Angst vor dem Tod ist, wie wenig Menschen sich mit ihm befassen und wie groß die Distanz zum christlichen Glauben geworden ist.

Vor kurzem habe ich mit Herrn Dr. Admiraal, einem holländischen Arzt, diskutiert, der schon über hundert Menschen aktiv Sterbehilfe geleistet hat. Wir haben heftig miteinander gestritten, weil ich persönlich aktive Sterbehilfe in keiner Weise befürworten kann. Am Ende des Interviews wurden wir beide gefragt, wie wir sterben möchten. Herr Admiraal antwortete: "Ich möchte bei vollem Bewusststein sterben. Damit ich mich verabschieden kann." "Und dann?", fragte die Journalistin, "kommt dann noch etwas?" "Nichts, gar nichts", sagte Herr Dr. Admiraal. "Es gibt keine Existenz nach dem Tod. Das ist das Ende. Das Leben ist zwecklos und sinnlos."

Ich glaube tatsächlich, dass Lebensmut und Todesmut im positiven Sinne zusammen gehören. Wenn ich glauben kann, dass Gott mein Leben hält und trägt über den Tod hinaus, dann muss ich dem Tod auch nicht ausweichen. Ich muss keine Furcht vor dem Tod haben. Dass Menschen Angst vor dem Sterben und dem Tod haben, das ist ganz normal. Wir kennen das Sterben nicht und den Tod, und alles Unbekannte macht zunächst Angst. Aber dass so viele Menschen aktive Sterbehilfe befürworten, das drängt uns viererlei zu tun:

- Zum einen gilt es, die Palliativmedizin zu stärken. Sobald Menschen erfahren, dass es möglich ist, schmerzfrei in den Sterbeprozess zu gehen, sinkt die Zahl der Befürworter der aktiven Sterbehilfe auf 36 %. Und es gibt Schmerztherapien, die ein Sterben in Würde ermöglichen.

- Wir müssen außerdem die Hospizbewegung stärken. Für viele Familien ist es schwer, gerade diesen letzten Pflegeprozess zu Hause durchzuführen. Ich meine, Sterbende gehören nicht in ein Krankenhaus, das ja gesund machen soll. Nein, Sterbende gehören in eine eigene Umgebung, wo sie liebevoll und begleitet diesen letzten Weg gehen können in Würde.

- Wir sollten deutlich machen, dass beispielsweise in den Niederlanden ein Viertel aller Euthanasieopfer ohne ihre persönliche Einwilligung getötet werden. Und wenn nun noch die Todespille für Sterbewillige kommt, Alte, Selbstmordgefährdete. Wäre es nicht plötzlich ein Druck auf die Alten, nun endlich zu gehen? "Man schämt sich ja schon, so alt zu werden," sagt mir die alte Dame. "Wir belasten der Krankenversicherungen und stellen die Alterspyramide auf den Kopf..." Freie Entscheidung? Die Sache ist hochproblematisch und nicht im Namen der Freiheit zu verteidigen.

- Und schließlich denke ich, die christlichen Patientenverfügungen, Patientenverfügungen überhaupt, sind anzuerkennen. In der Verfügung, die wir als Kirchen herausgegeben haben, heißt es:

"An mir sollen keine lebensverlängernden Maßnahmen vorgenommen werden, wenn medizinisch festgestellt ist, dass ich mich im unmittelbaren Sterbeprozess befinde oder es zu einem nicht behebbaren Ausfall lebenswichtiger Funktionen meines Körpers kommt. Ärztliche Begleitung sowie sorgsame Pflege sollen in diesen Fällen auf die Linderung von Schmerzen, Unruhe und Angst gerichtet sein, selbst wenn durch die notwendige Schmerzbehandlung eine Lebensverkürzung nicht auszuschließen ist. Ich möchte in Würde und Frieden sterben können ...".

Das ist passive Sterbehilfe, die ich für richtig halte.
Hierüber müssen wir mit Pflegekräften, Ärztinnen und Ärzten, Angehörigen in ein Gespräch kommen. Auch sie müssen ermutigt werden, das Sterben, das sie so vielfach erleben, als Teil des Lebens wahrzunehmen.

Liebe Gemeinde, es geht gar nicht anders, als von der Auferstehung her in diesen Tagen auf die Frage der Sterbehilfe zu blicken. Wir sprechen vom Auferstandenen und nicht von einem Toten. Dieser Glaube gibt uns Lebenskraft. Dieser Glaube kann uns halten und tragen, da wo wir andere im Sterben begleiten, wo wir einen geliebten Menschen verlieren und wo wir selbst im Sterbeprozess stehen. Ich habe das zum ersten Mal verstanden, als ich als junge Pastorin mit 28 Jahren zum ersten Mal ein Kind beerdigen musste. Die Eltern hatten die kleine Marie-Louise, 5 Jahre alt, in ihrem Kinderzimmer aufgebart. Eine Barbiepuppe in der einen Hand, einen Strauß Schneeglöckchen in der anderen. Vom Hof, auf dem sie gelebt hatte, haben wir sie hoch zum Friedhof getragen. Nahezu das ganze Dorf kam mit. Und am nächsten Tag, da waren sie wieder auf dem Feld, die Eltern. Der Tod war bei allem Schmerz in das Leben integriert.

Gerade weil unser Gott lebt, Leben will und dem Leben zugewandt ist, ist es möglich, das Sterben anzusehen. Jesus hat uns gezeigt, dass Leiden zum Leben gehört. Ein Leben ohne jede Erfahrung von Leid ist auch kein erfülltes Leben. Wer Leiden kennt, kennt auch Lebenslust. Zum Leben in Fülle gehören Freude wie Leid.

Unglauben wird es immer wieder geben. Auch wir werden immer wieder mit Zweifeln zu ringen haben. Da brauchen wir uns gar nichts vorzumachen. Zweifeln, so Paul Tillich, gehört zum Wesen des Menschen, weil er endlich ist und nie das Ganze erfassen kann. Wir können uns den Glauben auch nicht erarbeiten nach dem Motto: "So, ab morgen glaube ich das und damit ist die Sache geklärt." Nein, das hat uns Martin Luther beigebracht, Glaube ist auch ein Geschenk. Ein Geschenk, um das ich Gott bitten kann, im Dialog. Im Gebet. In der Stille, die ich aufsuche, um die letzten Fragen zu stellen.

Was ermutigend ist: Jesus schickt nun gerade diese Zweifler, diese Ungläubigen in die ganze Welt, um vom Glauben zu sprechen. Das finde ich nun geradezu unglaublich! Diese Fischer und Huren und Zöllner sind nun gerade keine so ganz überzeugenden Leitfiguren. Bei jedem Casting würden sie durchfallen. Keine Sonnyboys, keine Glamourgirls, keine Erfolgsfiguren. Aber sie werden geschickt in alle Welt, das Evangelium zu predigen, zum Glauben zu rufen und zu taufen. Ich finde, das kann jeden und jede von uns nur ermutigen. Auch wir mit unseren Ecken und Kanten, wir mit unseren Zweifeln und unserem Unglauben werden geschickt, Spuren des Reiches Gottes zu legen. Wir können in diese Welt gehen und weitersagen: Er ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja.