Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 2,1-12

Vikar Christoph Radtke (ev.)

21.10.2017 Bartenshagen-Parkentin

Uraufführung der Kantate "Die Heilung des Gelähmten"

4 barrierefreie Kontrapunkte

Kapitel 1

Das ist doch total behindert.

Mach mich nicht so dumm an, du Mongo!

Ey du alter Spast!

Stigmata. Überall. Im ganz normalen Sprachgebrauch. Ganz klar negativ konnotiert. Jemand den man nicht leiden kann, wird – nicht nur in der Jugendsprache – schnell mal zum „Spast“.

Spastiken beschreiben eine erhöhte Eigenspannung der Skelettmuskulatur, die immer auf eine Schädigung des Gehirns oder Rückenmarks zurückzuführen sind.

Jemandem, der etwas nicht sofort versteht, ein wenig Begriffsstutzig ist oder einfach eher langsam, kann es passieren, unfreundlicherweise als „Mongo“ betitelt zu werden.

Menschen mit Down-Syndrom (veraltet: Mongoloid), besitzen auf Grund einer Genmutation das 21. Chromosom dreifach. Sie weisen in der Regel typische körperliche Merkmale auf und sind mehr oder weniger in ihren kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigt.

„Behindert“ ist über die letzten Jahre teilweise zu einem allgemeingültigen Adjektiv geworden, für Dinge die schlecht sind, nerven oder gar stören oder nicht eingesehen werden.

Als Behinderung bezeichnet wird eine dauerhafte und gravierende Beeinträchtigung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Teilhabe einer Person. Diese wird durch die Wechselwirkung ungünstiger Faktoren (sog. Barrieren) mit den Eigenschaften der Personen, die eine Überwindung dieser Barrieren unmöglich machen, bedingt.

Kapitel 2

Ein sarkastischer Dialog.

A: Behindert ist man nicht. Behindert wird man.

B: Naja. Das gibt’s heute ja zum Glück nicht mehr. Alles Barrierefrei und Behindertengerecht. Nervt total, man kann nie direkt am Eingang des Supermarktes parken.

A: Nein, das gibt’s nicht mehr. Alles in Ordnung. Niemand hat vor eine Barriere zu bauen! Kommt gar nicht mehr vor. Wobei, was ist mit dem Mal, wo die Treppen des alten Regionalexpress' so hoch und schmal sind, das kein Rollstuhl durch passt?

B: Gut, das sind Ausnahmen. Diese alten Züge gibt’s doch kaum noch.

A: Hm (nicken). Und was ist mit dem Mal, wo die Knöpfe für die Klingel so hoch angebracht sind, dass kleine Menschen da nicht unbedingt rankommen.

B: Ja gut, das muss man zugeben. Aber du kannst ja jetzt auch nicht alles da immer anpassen, für die paar. Und man muss schon sagen, dass das ziemlich komisch aussehen würde, wenn überall, sämtliche Knöpfe in Kniehöhe angebracht werden...

A: Verstehe. Jaja. Wusstest du, das immer noch nur 30% des Fernsehangebots für Blinde aufbereitet wird?

B: Nein. Das ist jetzt nicht so mein Thema, ich kann ja sehen. Das stört nur bei Tatort, wenn man auf die Hörfassung klickt und dann labert die im Hintergrund die ganze Zeit. Und außerdem, die müssen ja nicht fernsehen, die können doch ganz prima Radio hören.

A: Schon klar. Aber gut, dass es keine Barrieren gibt. Wenn niemand behindert wird, dann sind eben doch alle behindert?

B: Ja, da kann ich jetzt auch nichts für. Das ist halt tragisch. Aber mein Mitleid haben die auf jeden Fall.

A: Klasse! Schön, dass sie wenigstens dein Mitleid haben. Oh man...
Das Mitleid kam über die Welt. Anstatt mitzuleiden wurde aber nur großzügig Bedauern ausgeschüttet. „Ich verstehe das ja. Du Ärmster! Übernimm dich nicht. Mensch, ganz toll hast du das gemacht, wenn man bedenkt, dass du fast nichts kannst.“
Wer zu sehr bedauert, vergisst zu verstehen. Wer nur Wohlfühl-Mitleid kennt, strebt nach eigener Absolution. Wo ist der Mensch? Ach da, hinter der Barriere! Der Ärmste...

Kapitel 3

„Geben Sie mir Schokolade“. „Kein Arme, keine Schokolade!“

Kennen Sie den herrlichen französischen Film „Ziemlich beste Freunde“? Wenn nicht, habe ich eine kleine Zusammenfassung für Sie. Falls ja, werden Ihnen beim Zuhören wieder die Bilder des Films in den Kopf kommen.

Philippe ist ein reicher Witwer mit einer Vorliebe fürs Paragliding. Einmal geht alles schief, er stürzt ab und ist vom Hals abwärts gelähmt. Philippe kann die Arme und Beine nicht bewegen, folglich keine Handlungen des alltäglichen Lebens vollziehen. Er wohnt in einer großen Villa mit vielen Angestellten für die Haushaltung, Küche und den Schriftverkehr. Außerdem muss er rund um die Uhr gepflegt werden, so dass ein Pfleger ebenfalls im Haus wohnt. Das Pflegepersonal wechselt allerdings fast monatlich, da Philippes Laune meist unerträglich ist. Wiedereinmal wurde einer gefeuert und die neuen Kandidaten finden sich gewissermaßen zum Casting ein. Unter Ihnen auch der Schwarze Kleinkriminelle Driss aus einem Problemviertel der Pariser Vorstadt. Er will nur eine Unterschrift für das Arbeitsamt. Nach kurzem Hin und Her kommt es natürlich dazu, Sie ahnen oder wissen es, dass ausgerechnet Driss dieses Stelle bekommt. Er hat keine Pflegeausbildung, kein Feingefühl und kennt überhaupt keine Konventionen der besseren Pariser Kreise. Dafür kann er unglaublich witzig sein, ist immer direkt und undiplomatisch und bringt gänzlich neue Sichtweisen und Vorlieben in den Haushalt. Sie können es sich denken: Es entsteht eine eigenartige Freundschaft zwischen den beiden. Philippe regt sich oftmals unglaublich auf, über den ungehobelten Driss. Aber er lernt auch zu lachen, er versucht nicht ohne Erfolg seine Vorliebe für Kunst an den jungen Mann zu bringen und er verlässt das Haus, zu lange vergessenen Unternehmungen. Kurz: Er lebt auf.

Im Filmverlauf wird Philippe von einem alten Freund eindringlich vor diesem schwarzen Typen gewarnt: „Die Jungs aus der Vorstadt, die kennen kein Mitleid !“ Darauf äußert Philippe: „Genau das ist es. Das ist es was ich will. Kein Mitleid. Weißt du wie oft er mir schon die Tasse in die Hand geben wollte? Weil er es vergisst!“

Ganz interessant oder? Für Driss, ausgerechnet für Driss, dem Kleinkriminellen aus dem Problemviertel, ist Philippe nicht der bedauernswerte Querschnittsgelähmte und sonst nichts. Für ihn ist er zuerst mal Philippe: Der Mann mit dem ihm fremden Kunstgeschmack, der mit dem er jeden Tag scherze macht, sein Chef und gleichzeitig ein Freund. Und ja, er sitzt auch im Rollstuhl. Philippe halt...

„Das ist es was ich will. Kein Mitleid!“

Kapitel 4

Die Heilung eines Gelähmten.

Da kommt also dieser Prediger und Wunderheiler Jesus nach Kapernaum. Viel Aufruhr macht das. 'Das Haus ist viel zu klein'. Die Freunde, die unseren Gelähmten bringen, müssen den Umweg über das Dach wählen, sie schaffen sozusagen die nötige Barrierefreiheit. 'Sie mussten ja nicht gleich das halbe Dach abtragen'. Mussten sie eben doch. Damit Jesus ihn sieht.

Was dann passiert ist das Höhepunkt der Geschichte, wie ich finde der Höhepunkt der Kantate und die Kulmination der vier Predigtkapitel:
'Du hast mich so angesehen wie niemand sonst.'

Jesus kennt keine Stigmata. Diejenigen, die vielleicht als behindert, als Mongos oder Spasten beschimpft würden, sind gerade diejenigen, die er aufsucht, die er um sich schart. Die Ausgegrenzten, diejenigen, die behindert werden. Jesus ist barrierefrei.

'Das ist das Wunder meines Lebens. Du hast mich angesehen wie niemand sonst'.

Jesus ist in gewisserweise wie Driss. Ausgerechnet Jesus soll kein Mitleid kennen? Vielleicht kennt er es, aber er geht darüber hinaus. 'Du hast mich angesehen wie niemand sonst'. Das ist der Clou. Driss sieht Philippe an, wie niemand sonst. Jesus sieht den Gelähmten an, wie niemand sonst.

Das ist das eigentliche Wunder für den so oft stigmatisierten und ausgegrenzten Gelähmten. Jesus sieht den Menschen in ihm. Er kennt keine Unterschiede zwischen Graden von Behinderungen. Der Gelähmte ist ein nicht länger „der Gelähmte“, sondern zuerst ein Mensch. Und zwar einer, der auch Fehler macht wie jeder Andere. Diese zu vergeben ist das entscheidende Kriterium für Jesus. Hier findet das große Erbarmen, das Wunder statt. Die eigentliche Heilung wird zum Beiwerk. 'Dir ist vergeben, geh nicht mehr zurück, geh neu ins Leben, finde dein Glück'.

Wenn es das große Wunder des Lebens ist, den Anderen anzusehen wie niemand sonst – über alle Stigmata, Schubladen und Krankenakten hinweg – dann könnten wir das auch. Dann ist dieses Wunder ohne großes Hokuspokus einem jeden von uns möglich. Dafür müssen wir Barrieren abreißen, statt welche aufzubauen. Und wenn wir dafür erstmal durch Dächer steigen müssen, damit wir endlich angesehen werden, wie von niemanden sonst. Dieser Blick ist nicht ausgrenzend oder mitleidig, nein er ist wertschätzend und liebend, ohne Barriere.
Amen

Anmerkung: Im Text fett gedruckt sind Zitate aus dem Kantatentext.