Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 4,26-34

Prof. Dr. Christian Bauer (rk)

14.06.2015 in der Pfarrkirche von Innsbruck-Saggen (AUT)

Sonntagspredigt

"Leben Sie – wir kümmern uns…“

Vom Geheimnis der selbstwachsenden Saatkörner

„Leben Sie, wir kümmern uns um die Details“ – mit diesem Versprechen hat vor einiger Zeit eine Bank für sich geworben. Besonders der zugehörige Werbespot hat mich angesprochen – milieumäßig betrachtet: ein Zielgruppenvolltreffer. Die Tonlage des rasant geschnittenen Filmes ist die eines Gesprächs mit guten Freunden. Es geht um die großen Fragen des Lebens, um Menschen und Mächte und das kleine Glück in dieser Zeit: „Sagt mal, geht eigentlich alles immer schneller – oder bin ich nur langsamer geworden? Jeden Tag ist es, als würde man auf einem neuen Planeten aufwachen. […] Kommt da noch jemand mit? Bitte versteht mich nicht falsch: Ich will ja nicht die Welt anhalten – aber: Kann sie sich nicht ab und zu mal um mich drehen? Nur so lange, bis ich hier in meinem Eck ein paar Sachen in den Griff gekriegt habe? […]“ Und dann folgt eine Texteinblendung mit dem Versprechen: „Leben Sie, wir kümmern uns um die Details.“

Mich spricht das alles sehr an. Und bitte verstehen Sie mich jetzt nicht falsch – ich meine das überhaupt nicht kulturpessimistisch! Ganz im Gegenteil: Ich genieße das turbulente Spiel unseres heutigen Lebens durchaus in vollen Zügen. Nur manchmal wird es mir einfach zuviel. Dann hätte ich gerne jemanden, der sich um die vielen Details im Kleingedruckten meines Alltags kümmert, während ich mich endlich auf das wirklich Wichtige konzentrieren kann – auf das, wovon ich lebe und wofür. Natürlich weiß ich, dass die Bank mit ihrem Versprechen, das alles zu übernehmen, vor allem Geld verdienen möchte. Was aber, wenn da einer wäre, der mir genau dasselbe verspräche – und dabei aber nicht vor allem auf den eigenen Vorteil schaute? Der es einfach nur so täte? Gratis sozusagen? – Das ist meine Sehnsucht. Und vielleicht ist es ja auch die Ihre?

Im gerade gehörten Evangelium bietet Gott sich uns Menschen als ein solcher ‚Jemand’ an. Jesus spricht darin von einem Bauern, der seine Saatkörner auf dem Feld ausbringt. Tag für Tag legt er sich des Abends schlafen und steht am nächsten Morgen wieder auf – und siehe da: „es keimt und sprosst“ (Mk 4,27). „Die Erde“, so sagt es Jesus, „bringt von selbst ihre Frucht.“ (Mk 4,28). Automatē steht hier im griechischen Original: von selbst, automatisch, ohne das Zutun des Sämanns. Es ist wie in der Schöpfungsgeschichte: „Es wurde Abend und es wurde Morgen“ (Gen 1,5ff; vgl. Mk, 4,27) – ein neuer Tag. Gott schafft und alles ist gut. Darum hat der Bauer auch so einen ruhigen Schlaf. Er weiß: er hat das Seinige getan, nun müssen andere Kräfte wirken.

Das ist eine gute Nachricht für alle, die meinen, das Heil der Welt hinge nur von ihnen ab. Wenn ich die Dinge zumindest probeweise einmal aus der Hand gebe, gewinne ich ein wenig von dieser wunderbaren Leichtigkeit des Evangeliums – etwas von jener „sanften Brise, die vom Paradies her“ (John Caputo) zu uns herüberweht. Ein kleines Stück vollendete Schöpfung, manchmal nur für die Dauer eines Wimpernschlags. Für einen kurzen Moment verlasse ich das Hamsterrad meines Alltags, und die Welt dreht sich einmal nur um mich. Nur so lange, bis ich in meiner kleinen Ecke die eine oder andere wirklich wichtige Sache erledigt habe. Zum Beispiel mit meinen Kindern ein Eis zu essen. Beim Aufschließen meines Fahrrades den Ausblick auf die Berge zu genießen. Oder den gestressten Blick der Sekretärin wahrzunehmen. Solche Augenblicke sind ein Geschenk, sie sind gratis wie die Gnade Gottes: sie kosten nichts, außer vielleicht ein wenig Zeit.

Das Gleichnis von der selbstwachsenden Saat ist aber auch eine gute Nachricht für alle Sämänner und Säfrauen des Evangeliums. Denn wie oft erscheint ihr Tun ihnen selbst als eine vergebliche Liebesmüh? Heute wurden in unserer Kirche über dreißig junge Menschen gefirmt. Wie viele von ihnen sind auch am nächsten Sonntag noch hier? Auch in diesem Fall gilt das Versprechen des heutigen Evangeliums. Wenn wir beim Wesentlichen bleiben, bei der Reich-Gottes-Sorge um das umfassende Heil aller Menschen, dann dürfen wir uns auch hier darauf verlassen, dass Gott selbst sich schon um die Details kümmern wird: zum Beispiel darum, dass auch nach der Firmung noch genügend junge Leute in die Kirche gehen und sie nicht zum feierlichen Kirchenaustritt wird. Oder darum, dass sie dann vielleicht als kirchlich verheiratete Brautleute auch ihre Kinder christlich erziehen und dass unsere Kirchenbänke nicht noch leerer werden… Um all das kümmert sich Gott – nur tut er es möglicherweise ein wenig anders, als wir selbst uns das vorstellen.

An einer anderen Stelle sagt Jesus: „Um all das geht es den Heiden. Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles braucht. Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben.“ (Mt 6,25; 32f). Das von selbst wachsende Reich Gottes an die erste Stelle zu setzen bedeutet, dass es uns vor allem anderen um ein gutes und erfülltes Leben unserer noch immer zahlreichen Täuflinge, Erstkommunionkinder, Firmlinge und Brautleute gehen darf. Und nicht darum, nur unsere kirchliche Statistik aufzubessern. Auch wenn das eigene Tun uns dann manchmal umsonst vorkommt, als vergebliche Liebesmüh – aus der Perspektive Gottes darf es dennoch ruhig ‚gratis’ bleiben: ein Geschenk des Himmels ohne Hintergedanken und Gegenleistung. Umsonst, auch wenn es bisweilen vergeblich ist. Denn sonst geht uns etwas ganz Wesentliches von der befreienden Botschaft Jesu verloren.

Mit Blick auf diese ‚heilige Sorglosigkeit’ des Evangeliums war es eine tröstliche Einsicht, als mir vor einigen Monaten auf dem Altar ein paar schon recht abgebrannte Kerzen aufgefallen sind. Es waren selbstgestaltete Kerzen aus der Erstkommunionvorbereitung. Die Kerze unserer eigenen Kindergruppe habe ich gleich erkannt: zwar nicht die allerschönste, dafür aber sehr individuell. In diesem Moment ist mir ein tröstlicher, entlastender Gedanke gekommen. Vielleicht sind diese Kerzen ja so etwas wie ‚Stellvertreterkerzen’: Kerzen, die hier stellvertretend für all jene Kinder brennen, die nun nicht mehr da sind – und deren Geschichte mit Gott deswegen aber noch lange nicht zuende ist. Vielleicht führt ihr gottgewollter Weg zum Glück ja einfach nur haarscharf an unseren Kirchenpfaden vorbei? Für Gott jedenfalls reicht es völlig, wenn sie später einmal als Firmlinge, Brautleute oder Taufeltern das Gefühl mitnehmen: Im Saggen sind entspannte Christinnen und Christen, die mich in meiner Freiheit respektieren. Die wollen mich nicht einfach nur eingemeinden, sondern sind an dem interessiert, was mir im Leben wichtig ist. Und sie können auch selbst faszinierende Geschichten von dem erzählen, was ihnen wichtig ist.

Wir dürfen uns also locker machen. Wie der Sämann im Gleichnis Jesu müssen wir nur das Unsrige tun, mehr nicht. Gott braucht keine Übermenschen und schon gar keine Überchristen. Er allein lässt wachsen. Und manchmal ist es schon viel wert, wenn wir ihm dabei keine Steine in den Weg legen. Wachstum des Glaubens – das ist Gottes Werk und unser Beitrag. Stimmen diese Prioritäten, dann kann diese kleine biblische Lockerungsübung vielleicht auch so manche kirchliche Verkrampfung lösen. Eine solche reichgottesfrohe, unverzagte Gelassenheit wünsche ich mir für mich – und auch für Sie. Und wer weiß, vielleicht werden wir dann ja auch für andere wieder attraktiv? Jedenfalls gilt hier, wie auch sonst im Leben, eine alte Maxime der Jesuiten: „Handle so, als ob alles von dir abhinge. Und vertraue so auf Gott, als ob alles von ihm abhängt.“ Im ersten sind wir schon recht gut, im zweiten können wir durchaus noch ein wenig wachsen.

Amen.