Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 4,30-32

Pfarrerin Barbara Eberhardt (ev.)

18.06.2017 Kirchweihgottesdienst Kriegenbrunn

Ein Lied für die Kleinen (Mk 4,30-32)

Das ist ein Lied für die Kleinen.
Für die Zachäusse unter den Menschen.
Für die unter eins sechzig.
Immer steht irgendjemand vor ihnen,
und verdeckt ihnen die Sicht.
Manchmal sagt einer:
Geh doch nach vorn,
damit du was siehst.
Aber das wollen sie nicht, die Kleinen.

Denn sie sind keine Vornsteher, Vordrängler,
vorwitzig In-den-Vordergrund-Schieber.
Sie nehmen heroisch in Kauf,
dass sie in Augenhöhe mit dem Schweißfleck
auf dem Hemd des Vordermanns sind,
dass sie den Kopf hin- und herwiegen,
links an der Schulter,
rechts an der Schulter vorbeischauen.
Und manchmal auf den Zehenspitzen.
Aber: Sie haben ihren Platz.
Die unter eins sechzig.
Die Kleinen.

Das ist ein Lied für die Kleinen.
Für die, über die niemand redet.
Sie leben ihr Leben in Zweizimmerwohnungen
oder zwischen Vorgärten und Terrassen,
freuen sich über guten Kaffee am Morgen
und ein kühles Bier am Abend.
Statt Politik zu machen,
lesen sie die Zeitung,
und am liebsten den Lokalteil.
Sie schreiben keine Gedichtbände.
Sie sind keine Querdenker,
Quellensucher, Querulanten,
Quatschmacher, Quertreiber.
Sie haben einige Fotoalben
mit Bildern von den Reisen nach Südtirol und Spanien.
Sie arbeiten und ruhen.
Und sie haben ihren Platz.
Die, über die niemand redet.
Die Kleinen.

Das ist ein Lied für die Kleinen.
Für die Kriegenbrunns unter den Vororten.
Für die links liegen Gelassenen.
Keine Schule, kein Laden.
Sogar der Bahnverkehr wurde eingestellt.
Nichts verbindet Kriegenbrunn mehr
mit Bruck und Herzogenaurach.
Und für die Erlanger ist Kriegenbrunn
ein Dorf am Rand der Zivilisation.
Wer kommt schon da hin?
Sogar die Hüttendorfer fahren vorbei
und nehmen den direkten Weg nach Frauenaurach.
Kriegenbrunn nimmt das hin.
Es ist kein Profilierer, Protestierer,
Auf-Polierer, postmoderner Hofierer.
Es liegt einfach da
in seiner Mulde.
Es hat seinen Platz.
Kriegenbrunn.
Das Kleine.

Das ist ein Lied für die Kleinen.
Für die Senfkörner unter den Samenkörnern.
Winzig zwischen Bohnen und Tulpenzwiebeln.
Sogar die Weizenkörner sind größer.
Wenn sie gesät werden, die kleinen Senfkörner,
verschwinden sie im Ackerboden.
Nehmen ihren Platz ein
neben Sandkörnern und Lehm und Humus.
Verbinden sich mit dem Erdreich.
Dicht an dicht mit Wasser und Nährstoffen.
Wenn du sie suchen wolltest:
Du würdest sie nicht mehr finden.
Sie sind nicht darauf aus, gesehen zu werden,
gehätschelt, betätschelt,
gehegt, gepflegt.
Sie haben ihren Platz.
Die Senfkörner.
Die Kleinen.

Das ist ein Lied für die Kleinen.
Sein Text ist von Jesus.
Und seine Melodie von Gott.
Und das Lied geht so:
Jesus sprach:
Womit wollen wir das Reich Gottes vergleichen,
und durch welches Gleichnis wollen wir es abbilden?
Es ist wie mit einem Senfkorn:
Wenn das gesät wird aufs Land,
so ist's das kleinste unter allen Samenkörnern auf Erden;
und wenn es gesät ist,
so geht es auf und wird größer als alle Kräuter
und treibt große Zweige,
sodass die Vögel unter dem Himmel
unter seinem Schatten wohnen können.

Das ist ein Lied für die Kleinen.
Für das Reich Gottes.
Es ist keine eins sechzig groß.
Keiner redet über es.
Ein Kriegenbrunn.
Ein Senfkorn.
Gesät aufs Land.
Es verbindet sich mit dem Erdboden.
Es verbindet sich mit uns.
Wird Fleisch von unserem Fleisch.
Und geht auf.

Es wächst, das Reich Gottes.
Wie das Senfkorn.
Wie der Weizen auf den Feldern.
Wie der Löwenzahn im Pfarrgarten.
Wie Petersilie und Basilikum.
Es wächst, das Reich Gottes,
wird größer als alle Kräuter.
Wie die Petunien in den Balkonkästen,
wie die Tomaten auf meiner Dachterrasse,
wie die Rosen am Rankgitter,
wie Clematis und Hortensien,
wie Bohnen und Gurken und Paprika.
Es wächst, das Reich Gottes,
und treibt große Zweige.
Wie die Apfelbäume in den Gärten,
wie Ahorn und Birke,
wie die Blaufichte vor dem Pfarrhaus,
die wir am liebsten loshaben würden.

Es wächst, das Reich Gottes.
Wie das kleine Kriegenbrunn.
Einer hat sich hier angesiedelt.
Andere sind gefolgt.
Sie haben Häuser gebaut und Ställe,
haben das Land beackert,
haben gesät und geerntet,
keinen Senf, eher Weizen und Kartoffeln.
Sie haben eine Kirche gegründet.
Generationen haben mitgebaut.
Den Turm, die starken Mauern.
Die Empore.
So wuchs Kriegenbrunn,
wurde groß.
Es entwickelte Handwerks- und Handelsbetriebe,
Gasthaus und Kindergarten,
Jugendclub, Freiwillige Feuerwehr und Gesangverein,
Neubausiedlungen und vor allem: Gemeingeist.
So dass es heute noch passiert,
dass die Pfarrerin bei einem Geburtstagsbesuch
die Zeit vergisst,
weil es so lebendig und schön ist in Kriegenbrunn.

Es wächst, das Reich Gottes.
Wie die Menschen, über die niemand redet.
Sie wachsen wie ein Senfkorn.
Jedes Lebensjahr bekommen sie neue Zweige.
Kinder und Freundinnen,
Erfahrungen bei der Arbeit
und bei Dingen, die man einfach mal ausprobiert.
Sie lernen Kärwa zu feiern
und später dann lernen sie Dankbarkeit.
Sie bekommen Falten und graue Haare,
wachsen über sich hinaus,
durchwachsen Schmerz und Freude,
Gesellschaft und Einsamkeit.
Und ihre Fotoalben zeugen vom Reichtum ihres Lebens.

Es wächst, das Reich Gottes.
Wächst unter uns
und oft sehen wir es gar nicht,
weil wir sind wie die Kleinen.
Die unter eins sechzig.
Und es steht jemand vor uns
und verdeckt uns die Sicht.
Und wir sehen den Schweißfleck
auf dem Hemd der anderen.
Und die Wand, die man streichen muss,
und den Nachbarn, dem man weichen muss,
die Rechnung, die man begleichen muss,
und die Zeit verrinnt im Überfluss
und die Bratwürste sind kein Hochgenuss
und die Sonne brennt bis zum Verdruss,
und der Blutdruck führt bald zum Exitus
und die Predigt ist lang und kommt nicht zum Schluss.

[Pause]

Aber wenn wir den Kopf hin- und herwiegen,
vorbeischauen an dem ganzen Muss und Verdruss,
dann sehen wir es.
Das Reich Gottes.
Mit seinen leuchtenden Farben,
mit Kärwabaum und Bierbänken,
mit allem, was wächst,
Senfkorn und Gemeinschaft.
Und wir mittendrin.
Wir haben unseren Platz.
Wir Kleinen.

Amen.