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Predigt über Markus 7,1-23

Pfarrer Stefan Burkhard (ev.-ref.)

15.02.2009 in der ref. Kirche in Wettingen (CH) und in der ref. Kirche in Neuenhof (CH)

Der Bibeltext zur heutigen Predigt steht im Markusevangelium im 7. Kapitel.
Ich lese Ihnen die Verse 1 bis 23 nach der Übersetzung der neuen Zürcherbibel vor.

Da versammelten sich bei ihm die Pharisäer und ein paar Schriftgelehrte,
die von Jerusalem kamen.
Und sie sehen, wie einige seiner Jünger mit unreinen,
das bedeutet mit ungewaschenen Händen ihr Brot essen.
Die Pharisäer nämlich und die Juden überhaupt essen nicht,
ohne sich die Hände mit einer Handvoll Wasser gewaschen zu haben,
um so an der Überlieferung der Alten festzuhalten.
Auch wenn sie vom Markt kommen, essen sie nicht, ohne sie gewaschen zu haben,
und vieles andere mehr gibt es, was zu halten sie übernommen haben:
das Abwaschen von Bechern und Krügen und Kupfergeschirr.
Da fragen ihn die Pharisäer und Schriftgelehrten:
Warum leben deine Jünger nicht nach der Überlieferung der Alten,
sondern essen ihr Brot mit unreinen Händen?

Er aber sagte zu ihnen:
Wie zutreffend ist doch, was Jesaja geweissagt hat über euch Heuchler, wie geschrieben steht:
Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, ihr Herz aber hält sich fern von mir.     
Nichtig ist, wie sie mich verehren; was sie an Lehren vortragen, sind Satzungen von Menschen.


Das Gebot Gottes lasst ihr ausser Acht und haltet fest an der Überlieferung der Menschen.
Und er sagte zu ihnen: Schön, wie ihr das Gebot Gottes ausser Kraft setzt,
um eure Überlieferung an seine Stelle zu setzen.
Mose hat nämlich gesagt: Ehre deinen Vater und deine Mutter, und:
Wer über Vater oder Mutter schlecht redet, der sei des Todes.

Ihr aber sagt: Wenn einer zu Vater oder Mutter spricht:
Korban, das meint: dem Tempel soll geweiht sein, was dir von mir zusteht,
so lasst ihr zu, dass er nichts mehr tut für Vater oder Mutter.
Damit setzt ihr das Wort Gottes ausser Kraft durch eure Überlieferung,
die ihr weitergegeben habt; und dergleichen tut ihr noch manches.

Und wieder rief er das Volk herbei und sagte zu ihnen: Hört mir alle zu und versteht!
Nichts, was von aussen in den Menschen hineingeht, kann ihn unrein machen,
sondern was aus dem Menschen herauskommt, das ist es, was den Menschen unrein macht.
Und als er in ein Haus hineinging, weg aus dem Gedränge,
befragten ihn seine Jünger über das Gleichnis.
Und er sagt zu ihnen: So seid auch ihr unverständig?
Begreift ihr nicht, dass alles, was von aussen in den Menschen hineingeht,
ihn nicht unrein machen kann?
Denn es geht nicht ins Herz, sondern in den Bauch, und von dort in die Grube.
Damit erklärte er alle Speisen für rein.
Er sprach: Was aus dem Menschen herauskommt, das macht den Menschen unrein.
Denn aus dem Innern, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken,
Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, List, Ausschweifung, Missgunst, Lästerung, Hochmut, Unverstand.
All dies Böse kommt aus dem Innern heraus und macht den Menschen unrein. Amen.


Liebe Mitchristen,

bevor wir uns womöglich etwas allzu leichtfertig dem Tenor des heutigen Bibeltextes anschliessen und die Pharisäer kritisieren, sollten wir zuerst einmal versuchen, sie als solche zu verstehen!

Ich meine nämlich, dass gerade wir Christen den Pharisäern an diesem Punkt einiges schuldig sind, hat doch gerade das Christentum im Pharisäer fast 2000 Jahre lang einzig und allein den gesetzestreuen, aber hartherzigen Kleingeist und geldgierigen Juden gesehen; nicht zuletzt wahrscheinlich auch deshalb, um vor diesem dunklen Hintergrund die Botschaft Jesu in einem noch helleren und strahlenderen Lichte erscheinen zu lassen.
 
Nun; – Tatsache ist: Die Pharisäer waren mehr oder weniger die einzig respektablen Gesprächspartner Jesu; und die heutige Forschung sieht Jesus darum auch viel näher bei den Pharisäern, behauptet sie doch bisweilen sogar, dass Jesus selber zu den Pharisäern zu zählen ist, und Jesu Streitgespräche mit den Pharisäern eben als Streitgespräche zwischen Berufskollegen zu verstehen und zu werten sind.

Wohl hat sich Jesus von den Pharisäern abgegrenzt, aber die Trennungslinie zwischen den Kontrahenten verläuft viel differenzierter als es die klassische Schwarz-Weiss-Malerei deutlich macht.

Gerade der heutige Bibeltext mit dem Streitgespräch darüber, was den Menschen „rein“ beziehungsweise „unrein“ macht, eignet sich meines Erachtens gut, um das Wesen des Pharisäismus herauszuarbeiten und als solches erkennbar zu machen:

Es ist dies nämlich die Versuchung, der so genannt „reinen Lehre“ zu erliegen womit das Pharisäische im Grunde genommen eine Versuchung darstellt, derer wir alle ausgesetzt sind, weshalb es sich beim Pharisäismus um eine Problematik handelt, die nicht nur das damalige Judentum betrifft, sondern uns alle!

Doch darauf – auf diese Versuchung, der „reinen Lehre“ zu erliegen – komme ich später nochmals zu sprechen.

Vorerst geht es mir einzig darum, dass Sie spüren, dass uns im Pharisäer nicht eine spezifische Problematik oder Spielart des Judentums begegnet, sondern eine Lebenseinstellung, die potentiell bei jedem von uns anzutreffen ist.

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Im Folgenden muss ich nun jedoch zuerst einmal etwas ausholen, um Ihnen das Wesen und das Anliegen des Pharisäertums verständlich zu machen:

Wenn Sie das Alte Testament nämlich lesen, dann finden Sie im 3. Buch Mose – also im Levitikus – viele Anweisungen für das damalige Leben.

Sehr oft kreist die Thematik bei diesen Anweisungen um das richtige und das falsche Verhalten in völlig verschiedenen Lebensbereichen, also um eigentliche Fragen der Ethik, und oft werden dabei auch Fragestellungen der medizinisch-hygienischen Reinheit verhandelt (z.B. Lev 13, 47-59), aber auch solche, die den Begriff der Reinheit auf den kultischen und sittlichen Bereich ausdehnen und auch da zur Anwendung bringen.

Im Levitikus gibt es viele Reinheitsvorschriften für praktisch alle Lebensbereiche, und in der Regel eignen sich diese Texte nicht sonderlich gut, um sie in eine Predigt aufzunehmen.

Als Beispiel jedoch für das, was da steht, lese ich Ihnen ausschnittweise einige Verse vor:

Im 19. Kapitel im Vers 2 steht nämlich – fast wie eine Überschrift für alles Übrige – das eigentliche Hauptprogramm für das, was das Rein-Sein meint:  

Ihr sollt heilig sein, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig. (Lev.19,2)

Im Kapitel 10 wird erläutert, wie man heilig wird und wie man heilig handelt:  

Ihr sollt unterscheiden zwischen dem, was heilig ist, und dem, was nicht heilig ist, zwischen dem, was unrein ist, und dem, was rein ist. (Lev 10, 10)

Im Kapitel 11 wird dann definiert, wie sich diese Unterscheidung dann etwa beim Essen zeigt:
 
Dies sind die Tiere, die ihr essen dürft von allen Tieren auf der Erde. Jedes Tier, das gespaltene Klauen – und zwar ganz gespaltene Klauen – hat und wiederkäut, dürft ihr essen. Doch von denen, die wiederkäuen, und von denen mit gespaltenen Klauen dürft ihr diese nicht essen: das Kamel, denn es ist zwar ein Wiederkäuer, hat aber keine gespaltenen Klauen. Es ist für euch unrein.  (…) Und das Wildschwein, denn es hat zwar gespaltene Klauen, ganz gespaltene Klauen, es ist aber kein Wiederkäuer. Es ist für euch unrein. (Lev 11, 2-7)

Daneben gibt es im 3. Buch Mose viele weitere Vorschriften für ganz andere Lebensbereiche, die zum Beispiel auch deutlich machen, woran man den Aussatz erkennt (Lev 13), wer von den Menschen also noch als „rein“ gelten darf und wer nicht – ; oder wie man zum Beispiel den Hausschwamm – einen gefährlichen Pilz für ein Gebäude – erkennt, und was man dagegen tun muss. (Lev 14,33 ff)

Darüber hinaus gibt es viele Vorschriften, die den Opferkult betreffen (z.B. Lev 22), oder auch solche, die um die Sexualität kreisen. (z.B. Lev 15 + 18)

So heisst es zum Beispiel im Kapitel 20:

Wenn jemand mit der Frau eines andern Ehebruch begeht,
wenn er mit der Frau seines Nächsten Ehebruch begeht,
müssen der Ehebrecher und die Ehebrecherin getötet werden.
Und wenn jemand mit der Frau seines Vaters schläft,
hat er die Scham seines Vaters entblösst.
Beide müssen getötet werden, auf ihnen lastet Blutschuld. (…)
Und wenn jemand mit einem Mann schläft, wie man mit einer Frau schläft,
so haben beide einen Gräuel verübt.
Sie müssen getötet werden, auf ihnen lastet Blutschuld. (Lev 20; 10-13)


An dieser Stelle geht es mir nicht darum, mich zu den je einzelnen Geboten zu äussern, egal, ob sie uns nun sinnvoll erscheinen oder eben auch nicht. Für das Verständnis des Folgenden ist im Moment einzig wichtig, dass Sie spüren, dass das Volk Gottes – das jüdische – sich aufgefordert fühlte, einen heiligen Lebenswandel an den Tag zu legen, weswegen es im Kapitel 20 fast wie in einem Refrain heisst:  

So heiligt euch und seid heilig, denn ich bin der Herr, euer Gott.
Haltet meine Satzungen und befolgt sie. (Lev 20, 7-8)


Denn der heilige Lebenswandel konkretisierte sich für das Volk Israel darin, dass das Volk rein – und nicht unrein – leben sollte, und sich folglich der Reinheit als solcher verpflichtet fühlte.  

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Ausgebildet wurde diese Reinheits-Lehre im Besonderen während des babylonischen Exils. Denn damals versuchte man sich darüber Rechenschaft zu geben, weswegen Jerusalem zerstört wurde, obwohl man doch all die Jahre zuvor geglaubt hatte, dass Jahwe den Zion – also Jerusalem – bis in alle Ewigkeit beschützen würde.

Und die Antwort auf solche und ähnliche Fragen gaben sich die Menschen im Exil mit Hilfe von Schriften, die damals – auf Grund von eben diesen Fragen – entstanden:

Die Menschen im Exil gaben sich im Wesentlichen nämlich zur Antwort: Eben deshalb kam es zur Zerstörung Jerusalems, weil das Volk Gottes im gelobten Land nicht heilig genug lebte und die Gebote Gottes nicht ernst genug nahm.   

Während des babylonischen Exils entstanden also ganz viele Texte mit dieser Hauptaussage zwischen den Zeilen, und erst auf Grund von diesen Texten entstand das Alte Testament in der uns heute bekannten und vorliegenden Form.

Nachdem nun die Juden in Babylon im Jahre 537 vor Christus durch das Edikt von Kyrus die Erlaubnis bekamen, wieder zurück in ihre Heimat zu ziehen, machten sich die Heimgekehrten in Jerusalem daran, den Tempel wieder aufzubauen und die Heimgekehrten achteten nun rigoros darauf, dass der Tempel durch niemanden verunreinigt wurde, weshalb die Bevölkerungsteile aus dem nördlichen Samaria beim Bau des Tempels nicht mithelfen durften, so sehr sie das wollten. (vergl. Esra 4, 1-3)

Und so kam es damals auch zum Bruch und zum Schisma zwischen den Samaritanern und den Juden, denn das eigentliche Judentum, – das nun ganz stark zwischen reinem und unreinem Verhalten unterscheiden wollte –, entstand erst in dieser nachexilischen Zeit.

Und in der Folge davon bildete sich dann nochmals später im 2. Jahrhundert vor Christus auch die Laienbewegung der Pharisäer aus, die nun durch die zusätzlichen Bestimmungen einer „mündlichen Tora“ – nämlich der so genannten Halaka – die Weisungen Gottes wie mit einem zusätzlichen Gartenhag zu schützen versuchte.

Weil es zum Beispiel im Alten Testament heisst, dass jemand mit maximal 40 Stockhieben bestraft werden dürfe, da er sonst entehrt würde (Dtn 25, 3), reduzierten die Pharisäer die Anzahl der Stockhiebe schon mal prophylaktisch auf 39, um eben der Gefahr entgegenzuwirken, dass man sich beim Austeilen der Hiebe um einen Schlag verzählen kann. (vergl. 2. Kor 11, 24)

Und so darf vermutet werden, dass auch Jesus in der Passionsgeschichte „nur“ – in Anführungszeichen – mit 39 Stockhieben geschlagen wurde; und gerade dieses Beispiel der 39 Stockhiebe macht deutlich, was die Pharisäer eigentlich wollten:

Die Pharisäer versuchten nämlich ganz und gar alles richtig – und ja nichts falsch – zu machen, und so wollten sie durchwegs rein und nach den Gesetzen Gottes leben.

Deshalb machten sie zusätzliche Bestimmungen zu den Weisungen in der Tora, damit deren Gebote in jedem Fall eingehalten würden. Denn durch die zusätzlichen Regeln, die für verschiedene Fälle und Unterfälle und Ausnahmefälle gedacht waren, versuchten sie die Tora – die Weisung Gottes – immer und in jedem Fall zu erfüllen.

So entstand ein ganzes System von kasuistischen Ausführungsbestimmungen, um den Geboten Gottes in ihrer Reinheit Geltung zu verschaffen.

Doch genau darin liegt unter anderem die Problematik dieser Gesetzes- und Lebensauffassung begründet: Denn das Leben kreiert in seiner Vielfalt, Zufälligkeit und Nichtvorhersehbarkeit immer wieder neue und andere Situationen, die in keinem noch so ausgeklügelten Regelsystem erfasst oder mitbedacht werden können.

Und Jesus hält seinen Berufskollegen darum auch vor, dass sie manchmal ob ihrem kasuistischen Streben nach der reinen Gesetzeserfüllung den Blick für das Wesentliche aus den Augen verlieren, indem sie sich zwar sorgfältig darum bemühen, selbst das Gewürz zu versteuern, dass sie dabei aber das gesunde Augenmass für das Recht und die Menschlichkeit ausser Acht lassen.

So sagt Jesus im 11. Kapitel des Lukasevangeliums:
Doch wehe euch, ihr Pharisäer! Ihr gebt den Zehnten von Minze, Raute und jedem Kraut, aber am Recht und an der Liebe Gottes geht ihr vorbei. (Lk 11, 42)

Und im heutigen Bibeltext geht Jesus sogar noch einen Schritt weiter: Er sagt den Pharisäern, dass nicht das den Menschen unrein macht, was zum Mund hineinkommt, sondern, dass es das ist, was aus seinem Mund herauskommt (Mk 7,15), und dass es letztlich eben die Worte und die Taten sind, die darüber entscheiden, ob ein Mensch nun rein oder unrein handelt. (Mk 7, 21-22)

Man könnte also sagen: Jesus distanziert sich von dem Anspruch, dass man immer und überall alles richtig und rein machen muss. Und folglich ist es ihm weniger wichtig, ob seine Jünger sich vor dem Essen die Hände waschen oder eben auch nicht, denn er sieht es wohl ähnlich, wie es dann später der Titusbrief sieht: Den Reinen ist alles rein. (Titus 1, 15)

In Bezug auf die Speisevorschriften hat Jesus zwar die jüdischen Vorschriften nicht ausser Kraft gesetzt, aber mit deren Abschwächung gleichwohl schon ein wenig vorweg genommen, was dann später die Apostelgeschichte im Zusammenhang mit dem Konsum von Fleisch für die Christen aus Nicht-Jüdischen Völkern proklamiert: Was Gott für rein erklärt hat, das nenne du nicht unrein. (Apg. 10, 15; vergleiche. auch Mk 7, 19b)

Denn meines Erachtens hat Jesus wahrgenommen, welche Gefahr von der Idee einer jüdischen – oder wie auch immer gearteten – Reinheit für die Menschen ausgeht:

Dass diese Idee der Reinheit die Menschen nämlich kaum reiner, sondern eher unreiner, und kaum menschlicher, sondern eher unmenschlicher macht.

Genau das meine ich an der zunächst einmal innerjüdischen Auseinandersetzung Jesu mit seinen Berufskollegen erkennen zu können.

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Zudem spricht es wohl Bände, dass das Wort „Pharisäer“ auf Deutsch „die Abgesonderten“ bedeutet; –  denn die Pharisäer sonderten sich von allem ab, was für sie als unrein galt: von den Prostituierten genau so wie von den Aussätzigen, von den Zöllnern genau so wie von den Heiden.

Indes - ; Jesus verhielt sich in dieser Hinsicht anders: Er sonderte sich nicht ab von den Unreinen, von jenen, die man damals als „Sünder“ bezeichnete, womit man letztlich einfach den gesellschaftlichen Abschaum meinte.

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Und: Verbunden nun mit all diesen Gedanken und Ausführungen möchte ich uns alle damit auch hellhörig und im Ansatz bereits schon misstrauisch machen, wenn irgendwo wieder eine so genannte „Lehre der Reinheit“ mit den damit verknüpften Heilsversprechungen die Runde macht:

Gerade die Geschichte des 20. Jahrhunderts hat uns gezeigt, in welche Unrats-Höllen die so genannten „Reinheitslehren“ führen.

Obwohl das Dritte Reich den arischen und völkisch reinen Übermenschen propagierte, hat das Dritte Reich gerade keine Übermenschen, sondern lauter Unmenschen hervorgerufen, welche die so genannten Untermenschen ins Konzentrationslager schickten, und am Ende des Krieges wurde dann auch die braune Drecksbrühe der nationalsozialistischen Reinheitslehre jedem ersichtlich.

Obwohl die an sich reine Idee des Kommunismus die Menschen von ihrem Besitzstreben befreien, entschlacken und reinigen wollte, hat auch diese Idee die Menschen Russlands nicht vor dem Besitzstreben Stalins und seinem totalitären Machtanspruch befreit und bewahrt, was wiederum viele mit dem Leben bezahlten.

Und obwohl es auch in unserer Zeit immer wieder Menschen gibt, die nun ganz und gar „rein“ christlich leben wollen, oder sich ganz und gar „rein“ – und das heisst wohl „fundamentalistisch“ – an die Bibel halten, wird sich die damit erhoffte Reinheit nie und nimmer einstellen dessen bin ich mir ganz sicher;     denn gerade an den Reinheitslehren der Sekten wird überdeutlich, dass die erhoffte Reinheit sich auf diese Art nie und nimmer einstellen will und nie und nimmer einstellen kann.

Denn obwohl die Ideen vordergründig zwar rein und klar zu sein scheinen - da tragen wir wohl alle in einem gewissen Sinne die klassische Ideenlehre Platons in uns mit, nach dessen Auffassung die Ideen als solche rein und klar und gut und wahr sind –, glaube ich, dass es diese Form der Reinheit nie und nimmer gibt. Denn sämtliche Ideen – auch die vordergründig reinsten – sind immer durch das Menschlich-allzu-Menschliche eingefärbt und eingetrübt.

Aus diesem Grund plädiere ich in einem gewissen Sinne für das „Unreine“ an sich, und damit verbunden glaube ich auch an alle Mischformen, Amalgame und Bastarde des Lebens, wozu wir ja letztlich selber gehören!

Denn nie leben wir ganz und gar rein nach dieser oder nach jener Ideologie!

So funktionieren wir alle nie ganz rein nach ökologischen Gesichtspunkten,nie funktioniert das Leben rein nach der Lehre des Feng-Shui oder nach der Auffassung der Trennkost, und nie denken oder reden wir ganz in einer geschlechtsneutralen Sprache, sondern immer sind wir in einer gewissen Hinsicht unrein und konsequent und tragen unsere inneren und äusseren Widersprüche und Ungereimtheiten mit uns herum.  

 
Aber von Jesus lerne ich: Genau so dürfen wir sein!

Wir müssen gar nicht erst „rein“ zu werden versuchen!

Denn in unserer Unreinheit und Unvollkommenheit und Ungereimtheit sind wir womöglich reiner und vollkommener, als so mancher, der wie ein Pharisäer nach Reinheit und Vollkommenheit strebt.

Lassen wir es also gut sein – und nehmen wir einander an, wie wir sind!

Denn wenn Gott uns annimmt, wie wir sind, weshalb sollten wir es dann anders – und vermeintlich besser – zu machen versuchen?  

Wer gibt uns denn das Recht, das eine als „rein“ und das andere als „unrein“ einzustufen?

Heisst es nicht im Titusbrief: „Den Reinen ist alles rein!“ ? ( Titus 1, 15)

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Und ist es darum nicht auch so, dass jede Gesellschaftsideologie und jede Reinheitslehre, die den Menschen nicht annehmen konnte, wie er war – ihn nämlich nicht mit Haut und Haar und all seinen Menschlich- allzu- Menschlichen Seiten nahm und akzeptierte, sondern ihn erst noch ein wenig zu ändern und zu verbessern versuchte, damit er am Ende auch ins dogmatische System passte – , letztlich an ihrem eigenen Reinheitsanspruch zerbrochen ist, und meist viel Unrat, Schmutz und Dreck geschaffen und hinterlassen hat?  

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Und darum ist es wahr – ja, es muss wahr sein (!) – was uns die Apostelgeschichte sagt:  

Was Gott für rein erklärt hat, das nenne du nicht unrein! (Apg. 10, 15)

Amen.