Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 10,37-42

Pfarrer Franz Langstein (kath.)

02.07.2017 St. Jakobus Kirche in Weimar/Wenkbach

Liebe Schwestern und Brüder!

 

1.      „Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig.“ Was für ein Satz am Beginn der Schulferien. Aber wir kommen nicht drum herum, uns heute mit diesem Satz zu beschäftigen. Nicht nur, weil er heute im Tagesevangelium auftaucht, sondern auch deshalb, weil das Kreuz zum zentralen Zeichen des Christentums gehört und das Kreuztragen zum Erkennungszeichen des Jüngers Jesu wurde.

 

2.       Die Rede vom Kreuztragen des Christen taucht oft in einem bestimmten Zusammenhang auf. Gemeint ist, ein schlimmes Schicksal annehmen zu lernen als das Kreuz Christi. So sagen manche Menschen, die ernsthaft erkrankt sind, dass sie jetzt ein schweres Kreuz zu tragen haben. Oder manche interpretieren ein schlimmes Schicksal, das ihnen auferlegt ist, als das Kreuz, das ihnen auferlegt ist. Solche Gedanken können Trost geben, wenn man ein schweres Leid so zu interpretieren versteht, dass man ihm einen Sinn abgewinnen kann, nämlich das Tragen des Kreuzes Christi. Und indem man diesem Leid einen Sinn abgewinnen kann, kann man es auch besser bewältigen und annehmen.

 

3.      Ich möchte allerdings heute die Rede vom Kreuztragen in einem ganz anderen Zusammenhang mal beleuchten. Und ich glaube, dass diese Rede vom Kreuztragen - so verstanden - für die heutige Zeit und für die Menschen heute von großer Wichtigkeit ist. Was meine ich?

 

4.      Schauen wir uns unsere Welt an: Neben vielem Guten, das es in der Welt gibt, drohen aber auch der Menschheit große Gefahren. Am Horizont tauchen mitunter dunkle Wolken auf. Wir haben kaum eine Vorstellung davon, ob und wie das sich mit dem Klimawandel verhalten wird. Wir sehen die Not in afrikanischen Ländern und  müssen hilflos zuschauen, wie die ohne Hoffnung Lebenden ihren Kontinent verlassen und zu uns kommen. Wir hören davon, dass in Indonesien der Regenwald abgeholzt wird, um Palmöl – auch für unsere Tankstellen – zu gewinnen und so riesige Monokulturen mit Palmen angepflanzt werden. Völker werden vertrieben, die Tierwelt zerstört. Um die Menschheit zu ernähren, entsteht eine ganze Industrie der Nahungsproduktion, mit all den schlimmen Nebeneffekten wie Käfighaltungen, Pestizide zum Schutz der Pflanzen und Nitrate für den Dünger. Die Erde wird vergiftet. Man könnte die Liste lange weiterführen.

 

5.      Was sind die Ursachen? Das Schlimme ist: Man kann diese Ursachen kaum dingfest machen oder sie klar benennen. Wer ist dran schuld? Einige? Alle irgendwie? Jeder auch ein bisschen? Der Lebensstil? Womöglich liegt unserer menschlichen Natur etwas zugrunde, das man als Ursache ausmachen kann. Ein Egoismus? Eine Unfähigkeit zur Solidarität und zum Teilen? Jedenfalls – so könnte man sagen – fällt das Habenwollen dem Menschen leichter als das Teilenwollen. Es fällt leichter, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen als die anderen. Es ist leichter, eigene Interessen zu sehen als die der anderen. Es kann schon sein, dass in unserer menschlichen Natur etwas liegt, das als Ursache für so viel Ungerechtigkeit und Bedrohung des Lebens gelten kann. Nicht umsonst spricht die Kirche auch in diesem Zusammenhang von „Erbsünde“. In die menschliche Natur hat sich etwas eingeschlichen, das vieles durcheinander bringt.

 

6.       Der Mensch müsste also von einem  Teil seiner Natur absehen – oder mit den Worten des Evangeliums ausgedrückt: Er müsste „sein Leben verlieren, um es zu gewinnen“. Er darf nicht immer das tun, was er will und kann, sondern muss davon absehen. Dies erscheint ihn wie ein Lebensverlust. Deshalb ist das so schwer. Aber gerade in der freiwilligen Beschneidung seines Lebens liegt der Lebensgewinn. Und hier nun setzt in einem  - vielleicht ganz modernen Sinn – die Rede vom Kreuztragen an. Wir ahnen immer mehr und uns wird immer mehr bewusst, dass die Welt nur gerettet werden kann, wenn sich global der Lebensstil ändert. Und wenn jeder einzelne anfängt. Das ist schwer, weil dies auch Verzicht bedeutet – „Selbstverleugnung“. Den Menschen wird dies heute mehr und mehr bewusst. Wir müssen heute das Kreuz tragen, darauf zu verzichten, alles haben und sich leisten und machen zu wollen, was wir können. Das kann sogar eine Generationsfrage sein: Jene Generation, die sich den Wohlstand erarbeitet hat und die mit der Devise gelebt hat: „Meine Kinder sollen es mal besser haben“, sehen sich nun konfrontiert mit einer Generation, die langsam umdenkt. „Wir können es nicht immer nur besser haben, wir müssen uns bescheiden“. Diese Haltung erzeugt Unverständnis. „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich“, sagt Jesus, „ist meiner nicht würdig“. Ja, es kann sein. Mitunter werden existentielle Fragen auch zu Fragen zwischen den Generationen.

 

7.      Um die Schöpfung und die Menschheit wieder ins rechte Lot zu bringen, kommen wir wohl am Kreuztragen nicht vorbei. Wir dürfen nicht alles, was wir wollen. Vielmehr ist ein solidarisches Leben gefordert. „Wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, - amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.“ Es ist der Lohn einer neuen, gerechteren Welt. Ich glaube schon, dass das Wort vom „Kreuztragen“ und das heutige Evangelium an Aktualität nichts eingebüßt haben, ja noch gewinnen werden.  Am Ende noch ein schönes Zitat von Papst Gregor dem Großen: „Und wir tragen das Kreuz des Herrn auf zweierlei Weise: Entweder, indem wir durch Enthaltsamkeit unsren Leib beherrschen lernen, oder indem wir durch das Mitleid mit dem Nächsten seine Not zu der unseren machen“.