Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 10,7-15

Pfarrer Berthold Haerter

04.03.2004 in der Kapelle Waltalingen, der Reformierten Kirchgemeinde Stammheim/ZH Schweiz

Gebende und Empfangende

Liebe Gemeinde,

1. Einführung

Mission - das klingt nicht in allen Ohren gut. Da kommen schnell unangenehme Erinnerungen an die Geschichte hoch. Da fällt uns schnell Zwang und Druck ein, mit der man Missionierungen u.a. auch betrieben hat.
Andere Religionen und Sekten haben dies von uns gelernt und tun dies offensichtlich noch jetzt so. Das Gute der verschiedenen christlichen Missionen -gerade auch das, was die Basler Mission geleistet hat - vergisst man darüber.

Jesus hat eine Rede mit dem Auftrag Mission zu betreiben, gehalten. Im Matthäusevangelium benötigt sie das ganze 10. Kapitel. Es ist die so genannte Aussendungsrede an Jesu 12 Jünger. Seit alters her deute man die Jünger einerseits für die 12 Stämme Israel, dann aber auch als Vielfalt des Christentums. Die Rede ist also ein Auftrag an alle diejenigen, die am christlichen Glauben interessiert sind. Sie ist auch ein Auftrag an uns, hier am heutigen Morgen in der Kapelle von Waltalingen.

Ich weiss wohl, dass wir sehr verschieden sind, auch in unseren Ansichten über Glauben. Auch die Jünger Jesu damals waren keine einheitliche Schar, sondern sie waren so unterschiedliche Menschen wie Du und ich, mit ihren Hoffnungen, Fragen und Zweifeln, mit unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Meinungen. Jesus hatte sie nicht einfach gezwungen genauso zu denken, wie er, auch nicht über Gott. Geeint hat er sie mit einem Auftrag, den sie auf ihre Art erfüllen sollten.
Er lautet:

„Geht aber und verkündigt: Nahe gekommen ist das Himmelreich.
8 Kranke macht gesund, Tote weckt auf, Aussätzige macht rein, Dämonen treibt aus. Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.
9 Füllt nicht Gold, Silber oder Kupfermünzen in eure Gürtel.
10 Nehmt keinen Sack mit auf den Weg, kein zweites Kleid, keine Schuhe, keinen Stab. Denn der Arbeiter ist seines Lohnes wert.
11 Kommt ihr aber in eine Stadt oder in ein Dorf, dann fragt nach, wer dort würdig ist; dort bleibt, bis ihr weiterzieht.
12 Wenn ihr aber in das Haus eintretet, so grüsst es.
13 Wenn das Haus es wert ist, kehre euer Friede dort ein, wenn das Haus es aber nicht wert ist, kehre euer Friede zu euch zurück.
14 Wenn euch jemand nicht aufnimmt und eure Worte nicht hören will, dann geht fort aus jenem Haus oder jener Stadt und schüttelt den Staub von euren Füssen.
15 Amen, ich sage euch: Dem Land Sodom und Gomorrha wird es am Tag des Gerichts besser ergehen als dieser Stadt.“

Das ist eine radikale Rede. Das sind markante Befehle und extreme Verhaltensregeln. Dabei sollen die Angeredeten auf Gott vertrauen und zwar so als würden sie einen Hochseilakt ohne Netz machen. So sollen vertrauen, dass Gott sie auf diesem Seil führt ohne jede Sicherheit. Jesu Jünger haben sich zunächst daran gehalten. Heute gibt es noch einige Gruppen, auch in der Kirche, die Jesu Worte auch hier wörtlich nehmen und danach leben. Sie verdienen Hochachtung.

2. Weltfremdheit des Textes

Bei uns, dass ist klar, lebt man in der Kirche nicht nach Jesu Anweisungen. Wir leben nicht mehr in dieser Zeit! So geht das nicht! So entschuldigen wir uns schon für das, was Jesus hier fordert.

Und doch, diese Aussendungsrede vom Nichtbesitz der Wanderprediger und der immer bereitwilligen Aufnahme und Versorgung durch die Gemeinde, sie ist eine Forderung Jesu. Wenn die 12 Jünger für die Gemeinde stehen, dann gelten die Forderungen uns. Aber Sie wissen es selbst, kein Schweizer Pfarrer, ich auch ich nicht, nagen am Hungertuch. Wir leben diese demonstrative und schockierende Armut, die Jesus hier verlangt, nicht. Bestenfalls die DDR-Pfarrer meiner Kindheit lebten das. (Wir gingen als Pfarrerskinder immer während der Schlachtzeit im Herbst von Hof zu Hof mit einer Milchkanne in der Hand. Immer bekamen wir Wurstsuppe, und wenn man uns besonders gut gesonnen war, auch noch eine Leberwurst.) Die Pfarrfamilien damals waren immer auf die Barmherzigkeit der Gemeinde und das Opfer der Westverwandten angewiesen. Glauben Sie mir, es war keine schöne Zeit als Pfarrerskind. Aber wir lebten auch.

Ganz klar: Wir, ich als Pfarrer erfüllen - ohne wenn und aber - die Forderungen Jesu nicht. Mancher stösst sich daran zu recht und … es gibt kein aber … .

Vielleicht ist dieser wohl lautere aber nichtbiblische Lebenswandel auch der Grund, dass in unseren Kirchen der westlichen Welt keine Wunder statt finden. Jesu übergab die Vollmacht dazu an seine Gemeinde, hörten wir eben. Wunderheilungen sollten wir vollziehen können, Geschehen, die den Menschen die Nähe Gottes bewusst macht. Wir, ich kann das nicht! Hat unser westeuropäisches Sicherungsdenken die Möglichkeit zum Heilen zerstört?

Auffallend bei diesem ganzen Text ist, dass das Wort Umkehr in unserer Jesurede überhaupt nicht vorkommt. Jesus fordert ansonsten immer als erstes Umkehr: Weg vom bisherigen Leben, hin zu einem Gott wohlgefälligerem. Hier nicht!
Mir scheint, die ersten Urchristen, die diesen Wanderpredigerradikalismus lebten, wussten, dass auch sie an den Forderungen Jesu scheitern. Sie selbst mussten immer wieder umkehren und so predigen sie das gar nicht erst, sondern sagen sich: Wir sind fehlbare genauso wie ihr. Als solche fehlbare Menschen, die scheinbar nicht von ihrem Sicherungsdenken weg können, also von der AHV (Grundrente), 1. und 2. Säule (Pensionen), vom Wunsch nach noch etwas Gespartem, Haus und Hof, Sicherheit in Form von Besitz und Aktien, als Menschen, die sich bewusst sind, dass sie nicht wie Jesus sind, müssen wir uns überlegen, was Jesus uns hier sagen will. Denn nur wenn mich die Predigt Jesu direkt trifft, hat sie Bedeutung. Sonst können wir sie gerade zum Feueranzünden oder noch Schlimmeren gebrauchen.

3. Was will der Text von uns?

Jesus will, dass wir weitergeben. Und da geht es zunächst nicht um Materielles, sondern um geistiges oder geistliches.

Liebe Gemeinde
Wir alle haben Gaben. Jeder von uns kann was. Es müssen nicht alle nur schwätzen, wie ich. Redner gibt es eher zu viele. Uns fehlen Praktiker.
Aber es gibt sie, die, die Zäune versetzen und Bäume ausreissen können, die Fensterläden fürs Pfarrhaus beschaffen und einsetzen etc. Wir brauche Leute, die zupacken und mit viel Geschick Probleme lösen, wo ich nur mit Brachialgewalt ran gehe und wenig erreiche. Ich staunte, als wir gestern im Pfarrgarten wirkten, um ihn für die Jugend- und Kinderarbeit umzugestalten. Wie viele Fähigkeiten gibt es da, die wir dringend nötig haben und die Menschen auch gern zur Verfügung stellen. Wir haben viel geschafft, werfen sie mal einen Blick nachher drauf.
Andere können exelent Backen und Kochen und machen gerne Gartenarbeit. Wiederum andere arbeiten ganz in der Stille, machen Besuche, können Zeichnen oder Musik machen. Diese Gaben sollen wir zum Wohle der Menschheit einsetzen, meint diese Jesurede hier.

Und natürlich sollen wir auch von unserem materiellen Reichtum weitergeben. Die „Brot für alle Aktion“ wie die sonntägliche Kollekte lädt dazu immer wieder ein. (z.B. die HEKS - Kollekte für Flüchtlinge in dieser Passionszeit) Bei allem Weitergeben sollen wir aber nicht gleich eine Gegenleistung erwarten. Wir leben in einer Dienstleistungsgesellschaft. Man macht etwas und erwartet Bezahlung. Die frühere Nachbarschaftshilfe, die bei den Bauern noch lange üblich war, sie schrumpft zu dem: Ich mache etwas für Dich, aber du machst dann das und das für mich.

Jesus erzählt uns, dass wir weitergeben sollen, ohne gleich Gegenleistung zu erwarten. Wenn da ein Orchestermusiker einfach aus Freude in der Kirche spielt und aus Dankbarkeit das er das kann keine Bezahlung fordert, dann kommt oft besonders seine Freude auch bei den Hörern an. Diese Freude ist ansteckend, wie die unserer heutigen kleinen Blockflötengruppe, die alljährlich einfach aus Freude einen Gottesdienst gestaltet. Ohne etwas zu erwarten etwas für andere tun: Da liegt Segen auf dieser Arbeit betont Jesus, ja Gottesfrieden erreicht dann nicht nur den anderen, sondern auch mich, der ich gebe. Ich bekomme so eine Zufriedenheit geschenkt, die manchmal mehr wert ist, als der übliche Blumenstrauss.

Aber dieser Text fordert uns auch auf, Gott mehr zu vertrauen. Wir grübeln über unsere Zukunft, die Absicherungen im Alter, die Sicherheit der Kinder, die durchs Ausland pilgern, oder ob die Enkel auch noch den rechten Weg des bürgerlichen Wohlstand erreichen können usw..

Jesus meint: Löst Euch von diesen unnötigen Sorgen. Er fordert uns auf, vertraut Gott mehr. Das heisst nicht auf Kosten anderer leben, wie es manche Menschen in unserem Sozialstaat sehr bewusst tun. Jesus fordert uns auf, freier und mit weniger Angst zu leben. Dann hat Gott auch mehr Platz bei uns.

Aber Jesus fordert uns auch auf, offen für Wanderer und Menschen zu sein, die an unsere Tür klopfen. Da fällt mir dann mein Bettler ein, der jeden Monat bei mir etwas abholt. Gern „haut er mich auch übers Ohr“ und erscheint Mitte des Monats noch einmal. „Ich war noch nicht da, ich hab’s noch zu gute“, sagt er dann zu mir und schaut mich treuherzig an. Ich habe Mühe mir vorzustellen, Gott käme so zu mir, so wie Abraham ihn in den drei Männern erlebte (siehe Gottesdienstlesung Genesis 18). Jesus fordert aber diese Öffnung von uns.

Handeln wir danach, so meint Jesus aber, kommt ein Friede zu uns, der von Gott ist. Es ist ein nicht zu beschreibender Friede, der uns einfach zufriedener und auch glücklicher macht. Jeder von uns hat das schon mal erlebt, wenn er etwas völlig selbstlos Gutes getan hat.
Ich denke da nur an Besuche bei Schwerkranken. Oft muss ich mühsam dafür noch eine Stunde frei schaufeln. Aber noch öfter komme ich dann vom Kranken reich beschenkt zurück. War das Gott, der mir seinen Frieden schenkte?

4. Jesu Forderungen und was fangen wir damit an?

Im wissen, dass Gott mich immer wieder erreicht. Im Begreifen, dass er mich nicht fallen lässt, auch wenn ich diese geforderte Radikalität nicht leben kann, müssen wir uns nun aber doch den ganz klar von Jesus hier gestellten Forderungen noch zuwenden:
Verkündigt: Nahe gekommen ist das Himmelreich.
8 Kranke macht gesund, Tote weckt auf, Aussätzige macht rein, Dämonen treibt aus.

Jämmerliche Versager sind wir da, oder? Keiner kann das. Aber eben, wenigstens im übertragene Sinnen können wir das, verkündigen, Kranke gesund machen, Tote wecken, Aussätzige rein machen und Dämonen austreiben.

Das Verkündigen der Nähe Gottes, das kann jeder. Aber, ich meine es wird genug davon in dieser Welt geschwätzt und es erreicht nur wenige, warum. Auch das zeigt Jesus hier auf.
Auffallend ist, dass Matthäus nur einmal vom Reden und 4 x vom Handeln spricht. Also reden über Gott sollte nur ein Bruchteil von dem sein, was wir praktisch tun. Ich glaube, da verstehe ich Jesus sehr gut. Die Nähe Gottes sollten wir den Menschen praktisch zeigen.

Kranke gesund machen, das können wir so nicht, auch haben wir dafür Ärzte. Aber könnte meine Botschaft nicht sein, dass ich im Umgang mit Kranken, versuche Trost und Hilfe zu geben, so dass sie ihre Krankheit annehmen können. C.G. Jung sagt nämlich: „Erst was ich annehme, kann ich verändern.“

Auch kann ich Tote nicht erwecken. Aber, liebe Gemeinde, da erzählt Martin Sutter in seinen Manager-Erzählungen von einem Manager, der sich nie Zeit für Frau und Kinder nimmt. Aber in den Ferien, da nimmt er sich diese! Natürlich kommt er ein paar Tage später, wenn die Frau mit Gepäck und Kindern schon am Ferienort ist, alles erkundet und sich selbst geholfen hat. Dann, am ersten Abend, schickt der Mann seine Kinder früh ins Bett und seine Frau darf ihm an diesem Abend alles sagen, was sie bedrückt. Er gibt dann kluge Ratschläge. Der nächste Morgen ist dann für die Kinder reserviert. Er fragt sie nach Schule etc aus. Dann belehrt er sie über das Ferienland etc und schliesst statt Baden gleich eine Museumstour an.
Das, was hier übertrieben beschrieben wird, ist aber das, was ein toter Mann heute lebt. Keine Gefühle, ja nicht aufwachen aus dem Geschäftsleben, ein innerlich Toter. Unsere Aufgabe ist es nach Jesus, diesen Mann mal aus seinem traumwandlerischen Zustand heraus zu holen.

Und dann Aussätzige heilen. Es sind genug Menschen in unseren Dörfern, die wie Aussätzige behandelt werden. Man geht mit ihnen nicht um, weil sie merkwürdig sind, auffallen, empfindliche sind, „verschupfft“ wirken. Ihnen müssen wir zeigen, dass sie bedingungslos angenommen sind, auch in unserer Gemeinde, auch von dir und mir. Eine Einladung für solche Menschen aussprechen, das ist wie Jesu sagt, ihnen Gottes Nähe zeigen. Ihnen sagen wir so: Du bist bei Gott gut, so wie du bist.

Auch können wir keine Dämonen austrieben, aber Menschen von krankmachendem Denken befreien, das können wir. Da gibt es Gottesbilder der Kindheit, die Angst machen. Gott wurde als Erziehungsmethode angewandt.
Gott der aufpasst und straft, wenn man nicht folgt. Menschen einen anderen Gott durch unser Handeln zeigen, das können wir.
Menschen von Dingen befreien, die man auf sie projiziert hat und ihnen zeigen,
dass sie so gute Anlagen haben und diese auch leben können, dass ist auch vertreiben von Dämonen.

Dies zu tun, können wir, wenn wir ein offenes Auge und ein offenes Herz für Winke von Gott haben. Gott zeigt uns Menschen, die wir so heilen oder rein machen, oder befreien oder mitten im Leben aufwecken können.

Dies alles können wir, wenn wir uns bewusst sind: Auch wir sind nur von Gott Empfangene und nur als Empfangene können wir weiter geben, nämlich Gottes Liebe. Auch werden wir erleben, dass man uns nicht annehmen will, ja uns ablehnt, wie Jesu Jünger damals. Auch dann dürfen wir das getrost beiseite legen und wissen, es liegt nicht alles an uns.

Deshalb sollte uns unser Versagen auch nicht verrückt sondern uns bewusst machen, der bewusste Rückzug gibt uns auch Zeit für Gott, damit wir seinen Frieden wieder finden, indem wir Zeit uns ein beraumen, um auf ihn zu hören oder indem wir einfach nur still sind.

5. Wir sind Beschenkte

Liebe Gemeinde
Dieser Forderungskatalog bei dem Versagen schon vorprogrammiert ist, diese so gar nicht in unser Leben passende Aussendungsrede, das erschlägt einen fast und Frust und Enttäuschung über Gott sind die mögliche Folge. Deshalb zum Schluss einen Blick hinter diese Rede.
Wenn wir Jesu Rede hören und sie uns berührt, dann gehören wir zu den auserwählten 12 oder wie viele auch immer, mit denen Gott bzw. Jesus etwas vor hat. Wir sind von Gott dann angenommen und akzeptiert als die, die wir sind.
Gott vertraut uns, dass wir mit unseren schwachen Kräften etwas in dieser Welt bewegen können.

Ich meine, von Gott zu wissen, zu wissen, Gott braucht mich, ja ich bin nicht allein, das ist das Grösste, was man im Leben begreifen kann. Dann kann man auch scheitern! Ich habe mit den Konfirmanden im Unterricht „Gottesbilder“ von biblischen Gestalten durchgenommen. Dann haben wir von den Geschwistern Scholl und der Weissen Rose gehört, der Studentengruppe die mit Flugblättern gegen Hitler gekämpft hat. Sie wurden erwischt und hin gerichtet. Scheinbar sind sie gescheitert. Die Studenten taten ihr Werk bewusst als Christen. Sie waren im Glauben, mit den biblischen Geschichten und den Gottesbildern aufgewachsen, die wir im Unterricht gerade durchgenommen hatten.
Auf einmal begriffen die Konfirmanden welche Kraft dahinter steckt, wenn man weiss, dass Gott mich führt wie Abraham, was es bedeuten kann, zu wissen, dass Gott mich aus dem Schlimmsten herausholen kann wie Joseph aus dem Kerker,
ja zu vertrauen, dass Gott auch im grössten Elend mich nicht allein lässt wie Daniel in der Löwengrube und zu hoffen, dass Gott eine Auferstehung nach dem Tode möglicht macht, wie bei Jesus. Genau dieses Wissen wünsche ich Ihnen auch. Es gibt Kraft zum sich am Leben zu freuen und aus dieser Freude heraus zu handeln. Mehr ist nicht von Nöten.

Amen.