Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 12,38-42

Pfarrer Stefan Scholpp

12.03.2017 Christuskirche zu Mannheim

Eins, zwei, drei Eins, zwei, drei Eins, zwei, drei – letzte letzte Chance vorbei?

Es wird richtig ernst. Endgericht. Der Richter, der König versammelt sie alle, Lebende und Tote. Milliarden, Abermilliarden stehen vor dem Thron und warten auf ihr Urteil. Wir wissen ja, wie es ablaufen wird: wie die jungen Ziegenböcke wird er eine Gruppe, die Schuldigen, zur Linken des Thronsessels aufstellen und von der Herde trennen, die zur Rechten des Richters zu stehen kommt. Beurteilt wird – ihr Leben, was denn sonst? Dieser Richter betreibt keine Gesinnungsschnüffelei. Er forscht nicht nach der „Tiefe“, oder gar nach der „Echtheit“ eines persönlichen Glaubens. Er fragt sich nicht: hat der oder die auch „richtig“ geglaubt. Er fragt sich: hat sie, hat er „richtig“ gelebt. Und das Kriterium für „richtiges“ Leben? Es heißt ganz einfach: wie bist Du den Schwachen begegnet? Den Bedürftigen? Konkret: den Hungrigen, Durstigen, den Obdachlosen, den Fremden, den Kranken, den Verfolgten. Wie bist Du denen begegnet, die Du an Einfluss, an Wohlstand, an Glück weit überragst? Danach wird sortiert, die einen zur Rechten, die anderen zur Linken.

Und das ist eine todernste Angelegenheit. Sie wissen ja: gegen das Urteil dieses Gerichts ist kein Rechtsmittel gegeben. Keine Berufung auf Verbotsirrtum. Keine Revision wegen Verfahrensmängeln. Wen sollte man auch anrufen, gegen dieses letztinstanzliche Gericht?

Mehr noch. Das ist eine todernste Angelegenheit, weil das eigene Gewissen diesem Richter zustimmen wird. Ein Schuldspruch wird, tief drinnen, eine Einsicht wecken, die vorher oft von allerlei Rechtfertigungsversuchen überdeckt worden ist. Die sehr einfache, dabei keineswegs banale, und deshalb ganz zwingende Einsicht: Dieser Richter hat Recht. Das, was er fordert, ist eben das was man tut, wenn man Schwachen begegnet. Wenn eine in Not ist, dann hilft man ihr. Wenn einer am Boden liegt, dann hebt man ihn auf. Das tut man eben, weil es richtig ist. Und alles andere, alle möglichen Entschuldigungsgründe, mögen sie auch noch so überzeugend gewesen sein, erweisen sich vor diesem Richter als hohl und schal.

Todernst ist diese Angelegenheit aber vor allem, weil das Urteil, das auf einen Schuldspruch folgen wird, so lautet: Leben – verwirkt. Du hast die zentrale Aufgabe Deines Lebens nicht bestanden. Jedenfalls in der Summe Deiner Taten bist Du den Schwachen nicht gerecht geworden. Du hast, um die Ruhe Deiner Andacht zu schützen, Notleidende von Deiner Tür gewiesen. Du hast, durch die Art und Weise Deines Wirtschaftens, Menschen in anderen Weltgegenden sterben lassen. Du hast Flüchtenden Schutz und Zuflucht verwehrt und ihren Tod auf der Flucht oder in ihren Herkunftsländern billigend in Kauf
genommen. Du hast daran mitgewirkt, die Schöpfung auszubeuten, Deinen Lebensraum zu vermüllen.
Die zentrale Aufgabe Deines Lebens hast Du nicht bestanden. Und nun, im Endgericht, heißt es: LetzteChance vorbei. Leben verwirkt.

Es wird richtig ernst. Endgericht. Wir wissen ja gar nicht, wie es im Einzelnen ablaufen wird. Vielleicht wird der Richter, mit dem feinen Humor des Weinbergbesitzers im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, mit seiner Untersuchung bei denen anfangen, die vor Christus gelebt haben. Oder die nie etwas von Christus und seinem Rechtsmaßstab gehört haben: Was ihr getan habt einem von diesen
meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

Vermutlich wird sich der übliche Reflex von Angeklagten auch in dieser todernsten Situation Bahn brechen, gegen tiefere Gewissens-Einsicht. „Hätten wir das gewusst, dass wir in den Schwachen unserem
zukünftigen Richter begegnen! Aber das konnten wir ja nicht wissen. Ja, hätte es uns jemand gesagt…!“
Und vielleicht wird der Richter dann, mit demselben feinen Humor des Weinbergbesitzers im Gleichnis, in todernster Lage sagen: „Nun gut. Zwar habt Ihr unterlassen, was man eben tut im Angesicht der Not. Und euer Gewissen hat Euch schon immer bezeugt, dass Ihr im Unrecht wart. Aber Ihr kanntet mich nicht und wusstet nicht, wo Ihr mir begegnet.“ Wir wissen es nicht, aber wahrscheinlich wird dann eine leichte Unruhe entstehen im Gerichtssaal der Welt. Dass der Richter so von seinem eigenen Maßstab abweicht! Erleichterung bei den einen dürfte sich mit Verwunderung bei den anderen mischen. Da hebt sich, fast zaghaft und doch stolz und majestätisch, eine Hand. Alle blicken zu ihr hin. Strahlend steht sie da im Krönungsornat, die Herrscherin des Südens, Königin von Saba. Ihre klare Stimme klingt hell über der Versammlung. „Verzeihung, Euer Ehren, aber auch ich kannte Dich nicht. Trotzdem habe ich Weisheit gesucht, wo ich sie nur finden konnte. Legendär mein Besuch bei Salomo, Deinem gesalbten König. Ich habe mich immerhin bemüht! Diese da auch?“ Die Königin senkt den Blick. Alles schaut auf den Richter.

Der aber lächelt, mit der feinen Milde des Weinbergbesitzers im Gleichnis. „Du warst stark und einflussreich und gebildet. Es ist Dir nicht schwer gefallen, das Richtige zu tun. Warum tadelst Du, die Starke, die Dir unterlegen sind, für ihre Schwäche?“ Und er wendet sich zu denen, die nicht so stark waren: „Nun, da ihr mich kennt: Geht ein ins Leben, zu meiner Freude.“ Und wenn es dann so weiterginge – bis die Reihe an die kommt, die Christus gehört, seine Lehre angenommen, an ihn geglaubt haben? Bis die Reihe an die kommt, die sich Christen nennen – und doch ihre Lebensaufgabe verfehlen? Die sich dann nicht rechtfertigen können mit: Wir haben ja nichts gewusst? Vielleicht wird der Richter ja selbst dann noch, mit dem feinen Humor des Weinbergbesitzers im Gleichnis, sagen: „Nun gut. Zwar wusstet Ihr, was zu tun war. Und hättet Ihr Euer Gewissen nicht betrogen, hätte es Euch laut gesagt, dass Ihr im Unrecht wart. Aber Eure Scham und Eure Verzweiflung im Angesicht des ewigen Todes sind mir Reue genug.“ Die Unruhe im Gerichtssaal wird größer. Erleichterung bei den Böcken. Aber Protest beim Rest der Herde. Und jetzt meldet sich eine ganze Gruppe zu Wort, lautstark und wenig vornehm. Die Leute von Ninive – ehedem nicht gerade bekannt für christliches Wohlverhalten. Sie hatten so ziemlich alles auf dem Kerbholz, was der liebe Gott verboten hat. „Abgeschmackt“, rufen sie ins Rund. „Das kann nicht sein. Wir haben uns die Strafpredigt des Propheten zu Herzen genommen. Wir haben uns gebessert, haben unseren Lebenswandel umgestellt. Wir haben die Chance genutzt, die uns gegeben wurde. – Aber die? Notorische Sünder, verstockt bis ins Mark.“ Und dann senken sich die Daumen. Und alles blickt zum Richter.

Doch der, mit der klaren Eindeutigkeit des Weinbergbesitzers im Gleichnis, sagt bloß: „Das Zeichen des Jona. Drei Tage im Bauch des Fisches. Und dann: eine neue Chance.“ Und er wendet sich zu denen, die alles hätten wissen können und nichts verstanden haben: „Geht ein ins Leben, zu meiner Freude.“

***

Wenn unser Leben auf dem Prüfstand steht, dann stehen wir nicht allein. Dann kannst Du für mich einstehen und ich für Dich. Vielleicht schlägt sie ja bald, die sel’ge Stunde. Und vielleicht ist es bis zum Endgericht noch lange hin. Aber hier und jetzt entscheidet sich, wie wir dastehen werden vor dem Richter. Und dann und dort können wir einstehen für einander. Deshalb bitte ich Euch, die Predigt heute einmal mit mir gemeinsam zu beenden. Steht doch bitte alle auf.
Nicht vor mir; ich bin kein Richter und natürlich demselben Richter unterworfen wie wir alle. Damit das sinnfällig wird, will ich jetzt auch von der Kanzel heruntersteigen.

Und wenn wir dann alle gemeinsam vor dem Richter stehen, dann, schlage ich vor, wendet Euch doch einander zu. Ja, auch Ihr im Chor und im Orchester! Nein, nicht zu mir schauen – ich bin nicht einander… Zum Nachbarn zur Rechten, oder zur Linken. Egal, ob Ihr Euch auf der Seite der Herde oder auf der Seite der Böcke seht. Wendet Euch einander zu. Seht einander an. Haltet den Blick des anderen aus. Und dann sprecht, jeder zu seinem Gegenüber:

Ich sehe dich.
Ich weiß nicht, was Du durchgemacht hast.
Aber, um Gottes Willen, Du solltest jede weitere Chance bekommen.
Amen.