Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 14,22-33

Pfarrer Dietmar Reumann-Claßen (ev.-luth.)

21.05.2017 St. Hippolyt-Kirche Blexen

Goldkonfirmation

Konfirmation vor 50 Jahren. 1967. Diese Kirche innen drin gerade radikal umgebaut, alles roch noch nach frischer Farbe. Und auch draußen in der Welt bricht eine Zeit der Erneuerung an: Aufbruch. Kampf gegen das Alte, Bestehende, Überkommene. Wenige Tage nach Ihrer Konfirmation, am 2. Juni 1967, wird der Student Benno Ohnesorg in West-Berlin bei einer Demonstration erschossen. Als 14-jährige werden Sie im Jahr der Konfirmation davon noch nicht allzu viel mitbekommen haben – aber später. Sie, die Goldenen, Sie sollten die erste Generation dieser neuen Zeit werden. Wende hin zu einer offeneren Gesellschaft, neue Musik und neue Freiheiten breiten sich aus. Die Älteren witterten den „Untergang“, aber die Kinder der Nachkriegsgeneration ließen sich nicht mit ihren Träumen mehr aufhalten.

Die älteren Jubilare heute, Diamantene Konfirmandinnen, Eiserne, Gnaden und Kronjuwelen-Konfirmation: Sie können aus eigenem Erleben schon viel mehr davon erzählen, wie sehr sich diese Welt in den zurückliegenden 50 Jahren gewandelt hat, denn Sie kannten auch noch das alte. Und wie der Zufall so will, fast ein Paradox: In dieser Zeit, 50 Jahre später, meldet sich wieder lautstarker Protest zu Wort. Wieder lautstarke Angriffe auf das Bestehende, „Establishment“. Nur jetzt von der anderen Seite her: Jetzt wollen Menschen wieder zurück in eine „gute“ alte Zeit. Sie wollen zurück in eine Welt, wie sie angeblich vorher war: Sie wollen es wieder klarer, übersichtlicher, einheitlicher. Grenzen hoch, und dahinter wieder der sorgsam abgesteckte nationale Kleingarten. Aber lässt sich die Uhr zurück drehen? Darf die Not vieler in dieser verwobenen Welt einfach ausgeblendet werden? Andererseits gibt es auch berechtigte Fragen – und dafür müssen Lösungen gefunden werden.

Und mittendrin in diesem Meer sich rasant ändernder Zeiten: Ihr Leben. Zwischen Konfirmation und Goldkonfirmation. Zwischen Konfirmation und dem noch höheren Jubiläum. Zwischen heute und dem Festtag damals haben Sie Ihre längsten und besten Jahre zugebracht. Damals der Aufbruch. Raus aus dem Elternhaus und hinein in Lehre, Ausbildung, Beruf, später oft die eigene Familie. Oder aber hinein in den je individuellen ganz eigenen Lebensweg. Und heute? Nicht zurück auf „Los“, das gibt’s nur im Spiel. Aber Innehalten. Durchatmen. Zurückgucken, gucken, mit wem ich da noch unterwegs bin, nach vorne schauen.

[Lesung: Mt 14,22-33 ]

Gottes Sohn braucht eine Auszeit. Nach einem anstrengenden Tag will Jesus für sich sein. Sich Zurückziehen, einmal nichts tun, nur: Beten, alleine sein mit sich und der Welt – und mit meinem Gott. Sie alle wissen: manchmal muss das einfach sein!

Und dann heißt es: Jesus drängt die Jünger ins Boot, um vor ihm ans andere Ufer zu fahren. Ein herrliches Bild für Ihre Konfirmation! Ich sehen Sie vor mir: Schick gekleidete Jüngerinnen und Jünger, erstmals gekleidet im feinen Tuch der Erwachsenen. Eingesegnet - und dann hinaus in die Welt gedrängt. Hinaus auf das weite Meer. Wind und Sturm ausgeliefert, genauso wie den anderen, die mit mir mit im Boot sind.

Das Boot aber war schon weit vom Land entfernt. War das Freiheit? Da draußen, mitten im Leben, keine Eltern mehr, die einen einschränken, kein Pastor, kein Lehrer und kein Jesus mehr, die mir sagen, was richtig ist und was falsch. Ich alleine verantwortlich! Ist das Freiheit, so weit weg von allem festen, starren Ufer? Aber eben schnell auch weit weg von allem, was bisher Halt, Sicherheit gegeben hat.

Jeder von Ihnen hat seine eigenen Erlebnisse da draußen auf dem Meer der zurückliegenden Lebenszeit gehabt. Und jede hat sich unterschiedlich orientiert, unterschiedliche Werte als Grundgerüst gehabt, den segnenden Gott in unterschiedlicher Distanz oder Nähe gewußt. War das für Sie lockende, prickelnde Freiheit da draußen oder doch eher beängstigend?

Und dann kommt das Boot in Not durch die Wellen, denn der Wind stand ihm entgegen. Vermutlich blieb auch das keinem erspart: Große Not. Nirgends Rettung in Sicht. Nur Sturm und Wellen. Schicksalsschlag, Krankheit. Ein Vielzuviel an Arbeit. Liebe, die erstarrt. Familie, die zerbricht. Der Sturm kann aus so unterschiedlicher Richtung kommen und die Hoffnung verhageln. Das Boot wankt bedrohlich. Lebensgefahr! Was hat Sie gehalten, das in aller Not dann doch da war, den Sturm wieder beruhigt hat?

Die Jünger fühlen sich den Elementen ausgeliefert – der Herr und Meister weit weg und sie alleine da weit draußen auf dem Meer. Dabei ist er schon lange nicht mehr auf seinem Berg, ist nahe bei ihnen. Nur: Sie- erkennen sie ihn noch nicht: „Es ist ein Gespenst“ schreien sie vor Furcht. Kopfkino gab‘s schon damals: Sehen und doch nicht erkennen. „Ich sehe was, was du nicht siehst.“ Und „das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Vielleicht sind Worte klarer und darum bevorzugtes Medium des biblischen Gottes. In ihrer großen Not spricht Jesus die verängstigten Lebensreisenden an: „Seid getrost, ich bin’s, fürchtet euch nicht!“ Wenige Worte können zum Segen werden: „Du bist nicht alleine.“ Einer bietet sich mir als Halt an. Selbst hier weit draußen, mittendrin zwischen dem einen und dem anderen Ufer und das Leben in Gefahr: Die Stimme des Herrn sagt mir: „Sei getrost, ich bin‘s, fürchte dich nicht!“ Glücklich, wer in notvoller Zeit die Stimme des Konfirmationssegens von neuem hörte. Zeitenwandel hin oder her: Bis heute ist Trost im Kern ganz einfach: Eine steht da und sagt: Ich bin an deiner Seite. Fürchte dich nicht. So sagt es auch Jesus auf dem See – und eigentlich könnte jetzt alles wieder gut sein. Eigentlich.

Da ist noch der Petrus, der mehr will. Er will nicht nur die trostreichen Worte, er will die Worte gleich austesten: Trägt mich das wilde Wasser wirklich, wenn Jesus mich zu sich ruft? „Herr bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser.“ Und Jesus sprach: „Komm her!“
An dieser Stelle halte ich beim Lesen jedes Mal innerlich die Luft an. Kann das gut gehen? Es wird ernst: Ist Jesus ein Herr der guten Worte oder trägt sein Wort im Leben wirklich. Anders gesagt: Ist das „Fürchte dich nicht!“ gut für den Sonntag, für die Konfirmation, aber im Alltag mit Chefs und Konkurrenten, mit Familienstreit und Routine, da trägt es dann eben doch nicht?
Petrus will genau das wissen. Trägt dieser Jesus im Alltag? Im Meer des Lebens? Er steigt aus, setzt den ersten Fuß vorsichtig über den Bootsrand hinaus, tritt auf das aufgewühlte Wasser – und es trägt. Kein Bluff. Jesus hat nicht zu viel versprochen. Das Wasser trägt ihn tatsächlich. Die Bedrohungen sind da, der Sturm, die Wellen. Alles das ist da, was auch mein Leben von einem Augenblick zum anderen in seinen Grundfesten erschüttern kann. Alles das ist da. Aber der Glaube hält dem stand. Solange Petrus sich auf das Wort Jesu verlässt, ist er gehalten. Nur, als die Angst zurückkommt, als er mit bangem Blick wieder auf die Gefahr starrt, - da versinkt er. Er bricht ein - bis Jesus ihm schnell seine rettende Hand entgegen streckt. „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“

Liebe Gemeinde, liebe Jubilare, ich staune auch nach 40 Jahren intensiver Bibellektüre immer noch neu über die tiefe Wahrheit dieser alten Geschichten. Dass wir diese Geschichte von den Jüngern auf dem See heute so lesen können als ob sie direkt für Sie aufgeschrieben worden wäre. Eine Geschichte für Jubiläumskonfirmanden! Für Menschen mittendrin auf ihrem Weg, weit draußen im Meer ihrer Lebenszeit – einerseits völlig ungesichert, schutzlos – und andererseits: Gehalten wie von unsichtbarer Hand. „Ich bin‘s. Fürchtet euch nicht!“

Also: Ob die See stürmisch aufgewühlt ist oder Flaute herrscht, ob die See von lauer Luft sanft bewegt wird: Lassen Sie sich nicht von Gespenstern ins Bockshorn jagen! Hören Sie auf seine Stimme: In der Bibel, im Gottesdienst, am Strand, irgendwo, durch irgendwen ist sie immer da: „Fürchte dich nicht, sei getrost.“

Amen.