Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 14,22–33

Vikarin Dr. des. Katharina Krause

29.01.2017 Eberhardsgemeinde Tübingen

Es gibt Orte, liebe Gemeinde, die machen einen völlig fertig.

Weil man dort nur schlimme Dinge erlebt hat:

Angst. Schmerzen.

Weil man kein einziges schönes Gefühl mit ihnen verbindet.

Manchmal sehen diese Orte gar nicht nach Angst-Orten aus.         

Bei Licht besehen.

 

Bei Licht besehen leuchtet der See Genezareth sogar. Er strahlt und flimmert.

Wie das Auge Gottes – meint Joseph ben Matitjahu.

Einer, der Geschichte schreibt – im ersten Jahrhundert.

Und da kommt der See auch vor.

Die Uferlandschaft: Wie das Paradies!

Josephus gerät ins Schwärmen: Wein und Feigen wachsen da.

Zehn Monate lang, ohne Unterbrechung.

 

Der tiefste Südwassersee der Erde.

Wenn man hinabfährt in das Tal, in dem er sich ausbreitet, kriegt man einen Druck auf die Ohren.

Man spürt richtig, wie sich das Wasser sich in die Senke presst.

In die Depression – wie Geologen auch sagen.

 

Der See – ein depressiver Ort.

Auch davon erzählt Josephus.

Von den Fallwinden, die vom Gebirge herabstürmen und das Wasser zu 4 m hohen Wellen türmen.

 

Schwarze Nordwinde, sagen die Fischer leise.

Und Furcht legt sich dabei auf ihre Stirn, weil sie es selbst gesehen haben:

Wie der Wind das Boot erbarmungslos gegen die Felsen wirft, wo es dann zerschmettert.

 

Der See –

ein paradiesischer Ort.

Ein Albtraum-Ort.

Jammer und Elend sind im See Genezareth versunken.      

Haben seine Wellen rot gefärbt.

Josephus schildert, wie der See im ersten Jahrhundert nach Christus zum Schauplatz schrecklichster Gräueltaten wird.

Gleich mehrmals stürmen römische Militärs die Küstenstädte.

Ermorden Frauen und Kinder und treiben die verzweifelten Männer hinaus auf den See.

Wer im Boot Schutz sucht, wird von den Stürmen eingeholt.

Mit Getöse stoßen die Fahrzeuge zusammen, die Männer gehen über Bord und wer sich an Land retten will, läuft den Soldaten ins Messer.

 

Ein schreckliches Trauma.

Der See – ein Albtraum-Ort.

 

Vielleicht haben sie sich an all das erinnert: Die ersten Hörer der anderen See-Geschichte, die ich eben vorgelesen habe.

Und wenn es stimmt, dann ist diese biblische Seegeschichte eine Gegengeschichte!

Die Geschichte von einem, der drübersteht.

Über dem, was runterzieht.

Über dem Schrecken und dem Grauen.

 

Mich fasziniert Petrus’ Mut!

Wie er über den Rand der Nussschale steigt, in der er eben noch mit seinen Freunden gesessen ist.

Ein echter Anführer, der es vormacht.

Während die Jünger noch mit der Angst im Boot sitzen wagt er sich hinaus.

Klar sitzt ihm die Angst im Nacken.

Aber Petrus lässt sie einfach sitzen und ganz schön alt aussehen.

 

Erst mal.

Aber die Angst ist ja nicht blöd.

„Mach das nicht!“ flüstert sie, „oder willst Du untergehen?

Komm, ich halte dich fest, damit dich das Grauen nicht mit sich hinunterzieht.“

Und dann streckt sie ihren Arm aus, um Petrus wieder ins Boot zu ziehen.

 

Aber leider reicht ihr Arm nicht weit genug.

Petrus hat sich schon viel zu weit hinausgewagt.

Jetzt zerren andere Mächte an ihm.  

Petrus sieht sie über sich zusammenschlagen; spürt ihr Drohen:

„Wir werden dich mit uns hinabziehen. Hinunter in den Abgrund!“

 

Chaosmächte.

Vor denen ist niemand sicher.

Auch nicht Anführer-Typen.

 

Leo ist Anführer. Erster Anführer.

Weil’s, wie in jeder richtigen Bande, noch einen zweiten gibt.

Neben den beiden Anführern gibt’s dann noch, den Schlauen, den Schönen, den guten Geist und … ‚das Mädchen‘.

Und Leo ist ein guter Anführer.

Stark und sportlich.

Er steckt voller Energie und hat ein unglaublich einnehmendes Lächeln.

Außerdem eine Glatze und nur ein Bein.

Das andere Bein und die Haare haben ihm der Krebs genommen.

Auf der Lehne seines Rollstuhls steht „fight!“ – „kämpf!“

 

Leo ist ein Kämpfer.

Vier Chemo-Zyklen lang ist er schon im Krankenhaus.

Er weiß jetzt, wie der Laden läuft.

Hat so gut wie alles erlebt, was man auf Station durchmachen kann.

 

Aber jetzt ist es genug.

Leo sitzt vor der Tür zum Chemoraum. Seine Freunde stehen um ihn herum.

„Ich muss,“ sagt er, „nur da reinschauen und ich hab’ das Gefühl, dass ich kotzen muss. Ich kann das nicht. Ich kann nicht nochmal eine Chemo machen.“

 

Emma schlägt vor, dass sie zusammen gehen.

Tag für Tag bringt ihn einer der Freunde hin und holt ihn wieder ab.

 

Aber Leo schüttelt den Kopf:

„Emma, du weißt nicht, wie das ist.

Erst geht’s dir noch gut. Und plötzlich geht’s dir so elend wie noch nie zuvor. Innerhalb von zwei Minuten.

Ich hab’ Angst, hierherzukommen. Und ich hab’ Angst, wieder zu gehen, weil ich weiß, dass ich wieder hin muss.“

 

Und da hat Jonas so eine Idee.

Die rettende Idee.

Es gibt nämlich nur eins, was stärker ist als das Grauen.

Was die schlimmsten Befürchtungen verwandeln kann und Leo am Ende hilft, den Schmerz auszuhalten:

Zu wissen, dass man nicht allein ist.

 

Petrus scheint das zu wissen. Sonst hätte er sich nicht rausgewagt.

Aber ich glaube, er begreift erst richtig, was das heißt,

als er diese Hand mit seinen Fingern umschließt.

 

Die Hand seines Freundes.

Der all das auch kennt.

Der selbst erlebt hat, wie Angst und Schrecken über ihm zusammenschlagen.

Der es (auf Kruzifix zeigen) am eigenen Leib erfahren hat und deshalb wirklich mitfühlen kann.

 

Und noch mehr:

Der ihm etwas zeigt, das ihn hochziehen kann.

Sein liebes Antlitz nämlich.

Über dem Dunkel scheint es auf.

Das Auge Gottes. Fest und gleichzeitig unendlich zärtlich blickt es mich an.

Ein leuchtender Blick, der sagt:

Du kannst dich auf mich verlassen.

Ich steh das mit dir durch.

Halt dich bloß an meiner Liebe fest.

 

Amen … könnte ich hier sagen.

Aber eins fehlt ja noch, was ich Ihnen nicht vorenthalten will:

Jonas’ zündende Idee.

 

Was haben die Freunde gemacht?

Sich Spraydosen besorgt.

Und dann sind sie nachts in den Chemoraum eingebrochen und haben ihre Gesichter an die Wand gesprüht:

Damit Leo nicht allein ist, wenn er am Tropf hängt.

Und etwas hat, zum Draufschauen, das ihn hochzieht.         Amen.