Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 15, 21-28

Dorothee Becker (rk), Theologin und Seelsorgerin

17.08.2014 in der Heiliggeistkirche in Basel

20. Sonntag im Jahreskreis

Das Sigristenhaus. Ein neues Daheim für syrische Flüchtlinge. © privat

Von zwei Personen abwechslungsweise zu lesen:

„Wann erwacht die Schweiz endlich um zu merken, dass es genug ist und wir nicht die ganze Welt bei uns aufnehmen können! Sehr vielen Leuten reichts und sie haben genug davon, diese nicht abreissenden Flüchtlingsfluten weiter hier aufzunehmen!“

 

„Aber ausgerechnet ins Sigristenhaus der Heiliggeistkirche werden Muslime einziehen. Welch ein Hohn für die verfolgten Christen auf der ganzen Welt.“

 

„Macht endlich die Grenzen dicht!“

 

„Das kann ja wohl so nicht weiter gehen! Wir müssen härter vorgehen und diese Menschenmassen abschieben. Wir haben ja keinen Platz mehr!“

 

„Wir Schweizer sind doch im eigenen Land nur noch geduldet, um zu bezahlen, damit wir die armen Flüchtlinge aufnehmen und verwöhnen können.“

 

„Werft alle ins Meer, die bringen uns nur Elend, Mord und Krieg.“

 

„Das Boot ist übervoll, wir wollen nicht mehr Migranten, die dann für immer hier bleiben und von uns sozial betreut werden dürfen.“

 

«Als christliches Land wäre es unsere Pflicht, christliche Asylbewerber, die in ihrem Heimatland an Leib und Leben bedroht sind, bevorzugt zu behandeln.»

 

Das, liebe Mitfeiernde, sind nur einige von zahlreichen Kommentaren, wie sie in den letzten Wochen im Internet unter Berichten zum Thema Flüchtlinge und Asylbewerber zu lesen waren. Und es sind noch die harmloseren. Viele dieser Kommentare sind erschreckend, sind hasserfüllt, rufen zu Gewalt auf.

Aus diesen Kommentaren höre ich Angst heraus. Die Angst, dass es zu viele werden. Zu viele, die an der Grenze stehen und zu uns hinein wollen. Die vor Not und Verfolgung aus ihrer Heimat geflüchtet sind. Angst davor, etwas von meinem Wohlstand abgeben zu müssen. Angst vor den anderen, die sich anders kleiden, etwas anderes glauben, eine andere Sprache sprechen als ich. Angst, die ich auch verstehen kann, die mir auch nicht fremd ist.

Angst, die sich in diesen Kommentaren aber in Aggression verwandelt. Die nicht nur abwehrt, sondern angreift. Menschen, die so schreiben, zeigen keine Bereitschaft, mit ihrer Angst konstruktiv umzugehen. Sie sind nicht bereit, ihre Meinung zu ändern. In Beziehung zu treten mit denen, vor denen sie Angst haben, um zu schauen, ob ihre Angst tatsächlich Berechtigung hat.

Im heutigen Evangelium verhält sich Jesus ähnlich abweisend und sagt: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen Israels gesandt“ und „Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen.“

Harte Worte. Er sagt diese Worte zu einer Frau, die in grosser Not für ihre Tochter bittet – und sie wird abgefertigt, als stünde sie im Sozialamt vor dem falschen Schalter. „Nicht zuständig. Wenden Sie sich bitte an einen anderen Sachbearbeiter.“ Ziemlich unfreundlich.

Es ist dies eine Haltung, die mir Jesus fremd macht und die ich doch auch von mir selber und von vielen Menschen in unserem Land und in Europa kenne und die weit verbreitet ist, wenn wir uns an die Kommentare von vorhin erinnern. Erst einmal nicht hinhören, abweisen. Sich nicht zuständig fühlen. Es ist ja auch so schon genug zu tun. Das hat Jesus erlebt, den die Menschen immer wieder bedrängten, der sich mit Schriftgelehrten herumärgern musste, die ihn und seine Jünger kritisierten – und dann zieht er sich mal zurück und da kommt schon wieder jemand, eine fremde Frau, eine Ungläubige – da kann man sich ja mal in der Wortwahl vergreifen.

Es ist ja auch viel zu viel, was an Not in unsere Wohnzimmer getragen wird. Es erschlägt mich förmlich, wenn ich Nachrichten sehe oder höre: Der Genozid an den Jesiden im Irak. Ein bewaffneter Konflikt auf europäischem Boden zwischen Russland und der Ukraine. Ein totes Baby, zur Welt gekommen während einer Ausschaffungsaktion. Die Ebola-Epidemie in Afrika. Und in diesem Jahr sind bereits 100 000 Flüchtlinge in Italien gelandet.

Da kann man schon mal auf die Idee kommen zu sagen: Das Boot ist voll. Denen können wir doch gar nicht allen helfen. Was können wir, die kleine Schweiz, was kann ich, die Einzelne, denn da überhaupt tun?

Da kann es auch sein, dass Jesus sich überfordert fühlt und meint: es reicht ja aus, wenn ich für mein Volk da bin – ja, er war bis dahin überzeugt davon, lediglich zum Volk Israel gesandt zu sein. Das wird auch an anderen Stellen im Matthäus-Evangelium deutlich.

Und Jesus treibt seine Ablehnung auf die Spitze, indem er die Frau und ihre Tochter mit Haushunden vergleicht, denen man ja nicht das Essen der Kinder vorwirft.

Doch die Frau lässt sich nicht beirren. Sie geht auf den Vergleich ein und schlägt Jesus mit seinen eigenen Argumenten – denn auch die Haushunde lässt man nicht hungern, sondern gibt ihnen das, was übrig bleibt oder für sie bestimmt ist. Das heisst, sie setzt Vertrauen in Jesus, sie vertraut darauf, dass da Hilfe ist, dass auch für sie Heil und Heilung da ist – auch wenn sie erst einmal zurückgewiesen wird. Sie hat Vertrauen darauf, dass Rettung kommt. Dass es gut wird. Dass das Brot für alle reicht.

Auf diese Weise tritt sie auf eine neue Ebene an Jesus heran. Sie tritt zu ihm in Beziehung. Und Jesus lässt sich darauf ein. Auf dieser neuen Ebene ändert sich etwas. Ändert sich Jesu Haltung zu der Frau ohne Namen, verändert sich seine Haltung zu den Fremden, den Andersgläubigen.

Indem er das Vertrauen der Frau spürt, das sie in ihn setzt, wird es Jesus seinerseits möglich, neu vertrauen zu lernen. Darauf zu vertrauen, dass seine Kraft auch für die anderen reicht. Dass er sich nicht abgrenzen muss. Dass Leben in Fülle möglich ist auch für die anderen, die Fremden, die Andersgläubigen.

Jesus und seiner Jünger – sie fühlten sich gestört durch die Fremde. Sie wollten an ihr vorbei gehen. Sie war ihnen lästig.

Auch mir passiert das. Da spricht mich jemand auf der Strasse an, will Hilfe von mir, und ich habe ganz etwas anderes zu tun, habe keine Zeit, fühle mich gestört und weise ihn ab.

Doch wenn ich mir Zeit nehme, wenn ich in Beziehung trete zu einem Menschen, der meine Hilfe braucht, dann kann es plötzlich ganz leicht werden. Dann kann ich meine Angst überwinden und ablegen vor dem Fremden, vor dem Andersartigen. Und vielleicht sogar Freunde gewinnen.

Fremde wohnen seit sechs Wochen unter uns: die syrische Familie nebenan im Sigristenhaus. Ein Ehepaar mit sieben Kindern zwischen 6 Monaten und 16 Jahren. Es sind keine Christen – die Wohnung wurde ohne irgendwelche Auflagen an das Sozialamt vermietet. Denn es gibt kaum Christen unter den Flüchtlingen aus Syrien. Gerade weil die Christen in Syrien besonders stark unter Gewalt zu leiden haben, ist der Preis der Flucht für sie auch besonders hoch. Gegen 30'000 Franken muss eine christliche Familie dafür auf den Tisch legen, das sind mehrere Jahreslöhne.

Und so wohnt nebenan also eine muslimische Familie. Sie hat den Ramadan eingehalten und Ende Juli das Fastenbrechen gefeiert. Die Eltern besuchen Deutschkurse und der Vater hat Arbeit in einem Brockenhaus.

Morgen, Montag, ist für fünf der sieben Kinder der erste Schultag. Sie können schon etwas deutsch sprechen, lesen und schreiben. Und sie haben grosse Pläne: sie möchten Anwalt und Zahnarzt werden, Kindergärtnerin, Apotheker und Lehrerin. Ob das realistisch ist, wird sich erweisen. Aber wir möchten sie dabei unterstützen, ihnen bei den Hausaufgaben helfen und sie beim Lernen begleiten. Dazu brauchen wir Hilfe von Freiwilligen. Wenn Sie dabei mithelfen möchten und Freude daran haben, mit Kindern zu arbeiten, melden Sie sich doch nach dem Gottesdienst bei mir!

Wenn dann Beziehung entsteht zwischen einstmals Fremden, dann haben auch Angst und Aggression keine Chance mehr. Dann wächst Vertrauen zueinander und Vertrauen darauf, dass wir das Leben in Fülle haben, wie Jesus es uns verspricht. Und von dieser Fülle können wir abgeben, ohne dass wir ärmer werden. Amen.