Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 15,21-28

Susanne Kahl-Passoth, Pfarrerin u. Kirchenrätin i. R.

27.09.2015

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt. Amen.

Liebe Gemeinde;

„Ist der aber engstirnig! Warum kann er nicht mal über seinen eigenen Schatten springen?“ Sicher hat es auch bei Ihnen schon mal eine Situation gegeben, in der sie das gedacht oder sogar laut gesagt haben! Meist kommt dann als Antwort so ein Satz wie: „Ich habe meine Vorschriften, die habe ich einzuhalten!“

Die deutsche Bürokratie mit ihren Regelungen für fast alle Eventualitäten kann eine da gelegentlich schon zur Verzweiflung treiben.

Im Moment wird in unserem Land über viele „Schatten gesprungen“. Zwei Beispiele:

So hat das Bundesamt für Flüchtlinge und Migration das umstrittene Dublin-Verfahren für Flüchtlinge aus Syrien ausgesetzt – dieses Verfahren sieht vor, dass Asylsuchende in dem Land ihren Antrag stellen müssen, in dem sie als erstes die EU betreten. Das sind in der Regel Italien und Griechenland, die mit den Tausenden von Flüchtlingen, die an ihren Küsten anlanden, schon lange überfordert sind.

Die Bundeskanzlerin hat in Absprache mit dem Österreichischen Bundeskanzler vorübergehend die Grenzen geöffnet, so dass Flüchtlinge, die über die Balkanroute nach Deutschland unterwegs waren, unkontrolliert und ohne Registrierung die Grenzen passieren konnten. Und nicht nur das!  Im Blick auf die Flüchtlinge stellte sie bei einer Debatte des Bundestages fest: „Wir müssen jetzt einfach anpacken“, und – fuhr sie fort: Es müssen nun schnell Regelungen überdacht und zeitweise außer Kraft gesetzt werden.

Gründe für das zumindest vorübergehende „Außer-Kraft-Setzen“ von Gesetzen und Vorschriften war und ist die katastrophale Situation für Flüchtlinge an der ungarischen Grenze, die vielen, die inzwischen in unserem Land angekommen sind.

Grenzen überwinden, Regeln außer Kraft setzen, darum geht es auch in unserem Predigttext aus dem 15. Kapitel des Matthäusevangeliums:

„Und Jesus ging weg von dort und zog sich zurück in die Gegend von Tyros und Sidon. Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt. Und er antwortete ihr kein Wort.

Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach. Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu  den verlorenen Schafen des Hauses Israel.

Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. Sie sprach: Ja, Herr, aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß, Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.“

Die Frau kann es nicht mehr mit ansehen, das Leid ihrer Tochter. Sie hat auch keine Kraft mehr. Keine Nacht durchschlafen können, immer in Habachtstellung: es könnte ja etwas passieren. Keine Therapie hat bisher geholfen. Da hört sie von Jesus, seiner Hilfsbereitschaft, dass er sich dem Leid anderer nicht verschließt, ja, dass er Kranke heilen kann. Sie will nichts unversucht lassen. So macht sie sich auf den Weg.

Um auf sich aufmerksam zu machen, auf gar keinen Fall übersehen, überhört zu werden, schreit sie ihr Anliegen aus sich heraus: „Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt.“ Nicht mit wohl gesetzten Worten geschweige in Büßerhaltung bringt sie ihr Anliegen vor. Aufrechten Ganges, auf Augenhöhe, zudem noch schreiend geht sie auf den Mann zu, von dem sie doch etwas will.

Und Jesus? Er schweigt, tut auch sonst nichts. Die Frau scheint Luft für ihn zu sein. Das kann doch nun nicht sein! Jesus ist ein Heiliger, den Menschen zugewandt, aufmerksam, geduldig, freundlich, redet selbst mit Menschen, deren Vita einige schwarze Flecken aufweist. So schroff ist er allenfalls seinen Gegnern gegenüber. So kennen wir ihn nicht. Das passt nicht zu unserem Jesusbild vom edlen, immer gütigen, auf alles die richtige Antwort wissenden Über-Menschen.

Die Jünger Jesu, befremdet vom Schweigen Jesu, genervt vom Geschrei der Frau, unruhig ob der dadurch erregten Aufmerksamkeit, reden auf Jesus ein, sich ihr zu widmen, damit sie sie dann auch wieder los werden bzw. ihr ein deutliches Zeichen zu geben, dass er sich nicht mit ihr befassen will.

Und nun kommt es – die Begründung für sein distanziertes, arrogantes Verhalten: „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.“ Als Kanaanäerin war sie hier falsch. Die Kanaaniter mit ihrer heidnischen Religion, ihren Gebräuchen wie das Opfern von Kindern gehörten eben nicht zu den verlorenen Schafen Israels – demzufolge: Jesus ist nicht zuständig.

Die Frau lässt sich nun nicht so einfach abservieren. Sie geht auf Jesus zu und fällt vor ihm nieder: „Herr, hilf mir!“ Und nun – nun setzt Jesus noch eins drauf:

„Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.“ Schütteln möchte ich ihn! Jesus, was sagst Du hier! Das kann doch nicht wahr sein. Das bist doch nicht Du, so, wie wir Dich kennen- und lieben gelernt haben. Ich habe das Gefühl, im falschen Film zu sein. Merkst Du nicht, was Du hier tust: Du demütigst die Frau. Du, der immer wieder gesellschaftliche Grenzen überwindet, selbst auf Menschen mit ansteckenden Krankheiten zugehst, nimmst einer verzweifelten Frau die Würde, indem Du sie mit einem Hund gleich setzt.

Die Frau, die wohl gespürt hat, dass sie trotz allem hier richtig ist, der Mann ihr helfen kann, lässt es sich nicht gefallen, abserviert zu werden. Schlagfertig antwortet sie: „Ja, Herr, aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“ Alle Achtung! Jesus ist beindruckt, er kapituliert vor dem Einsatz dieser Frau: „Frau, dein Glaube ist groß, Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.“

Was ist hier geschehen? Eine Lehrstunde für Jesus, der sich als lernfähig erweist. Er, der aufgewachsen ist in dem Wissen, dass Israel das erwählte Volk Gottes ist, dass es seine Aufgabe ist, den Menschen dieses Volkes die Liebe Gottes in Wort und Tat weiter zu geben, spürt, dass eine Abgrenzung zu der Frau, die nicht dazu gehört, nicht angesagt ist. In dem Moment ist es nicht wichtig, woher die Frau kommt, welcher Religion sie angehört. Hier eine Grenze zu ziehen würde Gottes Grundsätzen von Liebe und Barmherzigkeit allen Menschen gegenüber wiedersprechen.

Im Übrigen auch Gott selbst erwies sich als lernfähig, wollte er doch das Volk Israel „vertilgen“. Wütend war Gott, weil es in Abwesenheit des Moses einen Stier als seinen Gott aus dem Schmuck der Frauen geformt hatte. Und Mose, zurück vom Berg Sinai, wo er die Tafeln mit den zehn Geboten empfangen hatte, traf auf diesen zornigen Gott und hörte nicht auf mit dem Bemühen, Gott umzustimmen: „Kehre dich ab von deinem grimmigen Zorn und lass dich des Unheils gereuen, dass du über dein Volk bringen willst.“ Und schließlich wurde sein Flehen erhört: Da gereute den Herrn das Unheil, das er seinem Volk zugedacht hatte.“ (Ex. 32, 12b und 14)

Es ist ein besonderes Lehrstück, was uns mit der Begegnung zwischen Jesus und der kanaanäischen Frau erzählt wird. Zuerst stößt sie Jesus von dem Podest, auf den wir ihn so gerne stellen. Dadurch kommt er uns ein ganzes Stück näher und wird liebenswerter. Das andere – wichtigere Ergebnis: Grenzen dürfen nicht zu unüberwindbaren Betonmauern werden, Traditionen nicht zu Prinzipien, deren Einhaltung Menschen demütigen, schaden, gegebenenfalls das Leben kosten.

Dass diese Grenzen meist nicht so leicht zu überwinden sind, es oft schwerfällt, sich einen Ruck zu geben, es sogar manchmal aussichtslos scheint, dass Menschen über ihren Schatten springen und beispielsweise auf den anderen, den Fremden, den Gegner zugehen, um mit ihm zusammen eine Lösung für ein Problem, einen Konflikt zu finden – das erleben wir täglich im Kleinen und im Großen.

Da kommen Tausende von Menschen in unser Land, wahrscheinlich

1 Million bis zum Ende des Jahres. Ohne mit ihnen je ein Wort gewechselt zu haben, stellen einige sich vor Unterkünfte mit Transparenten, deren Texte mit Willkommenskultur nichts zu tun haben. Andere pöbeln die Flüchtlinge an, werfen Farbbeutel und Steine gegen die Unterkünfte, verschrecken mit ihrem Geschrei vor allem die Kinder, die zumeist sowieso schon Schreckliches hinter sich haben. Wiederum andere zünden Unterkünfte an.

Mancher macht da nicht mit, formuliert seinen Unmut über die Fremden hinter vorgehaltener Hand.

Ach, wenn sie sich doch auf das Schicksal dieser Menschen einlassen würden, die Grenze von Hass und Abwehr überspringen würden, bereit wären, etwas Neues zu lernen. Es wäre ein Gewinn für alle Beteiligten.

Das gilt im Übrigen auch für die großen Konflikte in dieser Welt zwischen Israel und den Palästinensern, im Irak und Afghanistan, In der Ukraine, in Nigeria usw.

Wer lernfähig ist, über die eigenen engen Denkgrenzen springen kann, wird zum Friedensstifter, zur Friedensstifterin. Leider ist es nicht so einfach. Wir können nur dafür beten, im Kleinen selbst auf uns achten, ob wir bereit sind, zum Überwinden von unseren Grenzen im Denken und Handeln, was uns hindert bzw. was uns hilft.

Die kanaanäische Frau hat es geschafft, Jesus zum Umdenken zu bringen, so dass er begriff, dass seine Liebe universell ausgerichtet ist, Grenzen und Mauern überwindet. Möge es auch für uns ein Lehrstück sein.

Amen.