Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 18,23-35

Pfarrer Hauke Christiansen

02.02.2003 in Brüssel

Liebe Schwestern und Brüder,

ich möchte mich herzlich bedanken für die freundliche Einladung zu dieser Gastpredigt hier in Brüssel - etwas sehr Besonderes - und für das freundliche Willkommen, das Sie mir und meiner Frau ausgesprochen haben.

Ich möchte Ihnen heute ein Gleichnis Jesu nacherzählen. Jesus hat erzählt, intensiv, mit Leidenschaft und mit Risiko, mit einem hohem Risiko. Seine kleinen Kurzgeschichten vermitteln uns, was ihn im Innersten bewegt hat; und das ist doch spannend, dass wir verstehen können, was Jesus im Innersten bewegt hat, wenn wir hinhören, was er erzählt. Sie zeigen, wie er das Leben und die Welt wahrnahm und wie das sein Innerstes bewegte. Das finde ich wirklich spannend. Also - ich erzähle Ihnen ein Gleichnis aus dem Matthäusevangelium, und wenn Sie es nachlesen möchten in der Bibel: Es steht im 18. Kapitel.

Die erlassene Schuld (Matthäus 18, 23 - 35)

 

I

Ein König wünschte sich einst Klarheit,
die volle ungeschminkte Wahrheit
über seine Reichsfinanzen:
wie die Lage war im Ganzen
und wie auf den Einzelposten
sich summierten teils die Kosten,
teils die laufenden Erträge;
wo zum Beispiel Schicksalsschläge,
Aufruhr, Hagel, Wasser, Feuer
minderten den Fluss der Steuer,
und wie jedes Reichsgebiet
beitrug zum Gesamtprofit.
Auch ein König muss ja planen.
Hungern seine Untertanen,
weil die Ernte ist missraten,
kauft er ein bei Nachbarstaaten,
er lässt sie nicht dem Tod zur Beute;
ein König braucht ja viele Leute.
Was er im Ausland so bestellt,
muss er bezahlen mit viel Geld.
Lässt er sich damit zu viel Zeit,
riskiert mit Sicherheit er Streit.
Ein Schuldvertrag erfordert Taten,
sonst schickt der Gläubiger Soldaten.
So lässt sich also gut verstehen:
Der König wollte Zahlen sehen.
Den Schreibern, die er zu sich rief,
diktierte knapp er einen Brief;
den brachten Boten den gesamten
im Reich verstreuten Staatsbeamten,
all den königstreuen Knechten,
die dort sahen nach dem Rechten.
Und in dem Brief zu lesen stand:
"Ich mache hiermit euch bekannt
den Tag der großen Rechenschaft;
zeigt mir, dass ihr gewissenhaft
die Amtsgeschäfte wahrgenommen.
Steht's damit gut, seid ihr willkommen."
Der Tag war da, die Knechte kamen,
Fürsten, hoch von Rang und Namen;
sie zogen ein in den Palast,
o jeder war des Königs Gast.
Kaum saß der König auf dem Thron,
da lud man vor den ersten schon.

Experten waren auch im Saal,
die prüften nüchtern Zahl um Zahl,
wie hoch im Vorjahr war der Wert
und ob die Summe ward vermehrt.
Und bald schon brachte man dann einen,
der musste jedes Mal verneinen,
wenn er nach Zuwachs ward gefragt;
er hatte abgrundtief versagt.
Klar zeigten alle Dokumente
die Zahl der fehlenden Talente:
Zehntausend! Eine Riesenzahl!
Man hielt den Atem an im Saal.
Schon ein Talent war als Betrag
zehntausendmal der Lohn pro Tag.
Kann man es stärker noch betonen?
Es ging um hundert Millionen,
wenn man in Tageslöhnen zählt
und die als Rechnungseinheit wählt.
Es wurde totenstill im Saal,
als ernst der König jetzt befahl,
den Schuldner, seine Frau und Kinder,
die Ländereien, Häuser, Rinder,
den Schmuck aus Jade und Topas,
kurz: alles, was er noch besaß
an Luxus- und an Alltagssachen,
ücksichtslos zu Geld zu machen
und die erlöste Silbermasse
zu zahlen in des Reiches Kasse.
In diesem Augenblick war klar,
dass das ein Todesurteil war.
Aus dem Raum der Macht vertrieben,
getrennt von allen seinen Lieben,
ohne Habe, ohne Amt
und zur Sklaverei verdammt,
aus der Welt der Pracht, des Lichts
gestürzt ins bodenlose Nichts
war dieser Mann so gut wie tot,
als der König das gebot.
Da warf sich nieder dieser Mann
und flehte ihn auf Knieen an:
"Gönn eine Weile mir Geduld!
Bezahlen will ich dir die Schuld."
Die Bitte des zerknirschten Armen
ließ da den König sich erbarmen.
Er gab ihn frei. Der konnt's kaum fassen:
die Riesenschuld ward ihm
erlassen.
Der König ließ ihn ganz verschonen.
Denn jene hundert Millionen,
die ihn als Schuld belastet hatten,
im Leben jemals zu erstatten -
trotz heftigster Beteuerungen
wär' das dem Schuldner nie gelungen.
Und hätt' er noch so viel gerafft:
die Schuld ging über Menschenkraft.
Erleichtert, frei, beschenkt mit Leben,
das ihm ein zweites Mal gegeben,
verließ der Knecht den Königssaal,
den Ort der beigelegten Qual.

 II

Mit leichtem Schritt ging er hinaus.
Jetzt nichts wie weg! Nur schnell!
Nach Haus!
Als er sich so zum Ausgang wandte,
traf er auf einen, den er kannte:
ein Mitknecht war das, ein Kollege
auf einem seiner Pflichtenwege.
Der schuldete ihm lapidare
hundert silberne Denare.
Nicht etwa hundert Millionen!
Das ist hier nochmal zu betonen.
Den griff er sich; er würgte ihn
und hinderte ihn so, zu fliehn,
und sagte hart: "Zahl mir zurück,
was du mir schuldest, Stück für Stück!"
Da warf sich nieder jener Mann
und flehte ihn auf Knieen an:
"Gönn eine Weile mir Geduld!
Bezahlen will ich dir die Schuld."
Dieselbe Bitte, Wort für Wort,
die kurz zuvor im Thronsaal dort
den König zum Erbarmen brachte,
als da der Fürst verzweifelt dachte,
sein Todesurteil sei gesprochen
und ihm die ganze Welt zerbrochen.
"Gönn eine Weile mir Geduld!
Bezahlen will ich dir die Schuld!"
Er wollte nicht, er hörte nicht,
bestand auf hartem Strafgericht
und ließ ihn ins Gefängnis bringen,
um so die Zahlung zu erzwingen.
Der musste da als Arbeitskraft
die Schuld abtragen in der Haft,
falls nicht ein Bruder, Onkel, Vetter
aufträte als sein Lebensretter
und ihn großmütig kaufte frei
von dieser üblen Schurkerei.
In Freiheit alles abzutragen
ließ jener Schuft ihm stur versagen.
Die eigne Schuld, so riesenhaft,
ging völlig über seine Kraft.
Die fremde Schuld war minimal:
ein Millionstel jener Zahl.
Der andre brauchte nur noch Zeit;
zur Zahlung war er ja bereit:
"Gönn eine Weile mir Geduld!
Bezahlen will ich dir die Schuld."
Dieselbe Bitte, Wort für Wort,
beinahe noch am selben Ort.
Die Ähnlichkeit, die sah er nicht,
bestand auf hartem Strafgericht.
Knapp war er dem Gericht entgangen -
der Mitknecht aber blieb gefangen.

 III

Dies ganz unfassliche Geschehen
hatten mehrere gesehen;
im Thronsaal hatten sie erlebt,
wie jener Schuft vor Angst gebebt.
Dann, wohl in einer Sitzungspause,
lustwandelnd in des Königs Hause,
belauschten sie dies Strafgericht
und trauten ihren Ohren nicht.
Und als sie alles angehört,
da gingen sie zutiefst empört
zu ihrem Herrn im Königssaal,
um ihm zu melden den Skandal.
Der König ließ den Knecht gleich rufen,
befahl ihn vor des Thrones Stufen
und fuhr ihn an: "Du böser Knecht!
Ich setzte außer Kraft mein Recht,
bestand nicht auf den Schuldenmassen,
hab dir die Summe ganz erlassen,
weil du dich flehend mir genaht.
Und als dein Mitknecht dich so bat,
war nicht Erbarmen an der Zeit,
wie ich dazu war auch bereit?"
Ergrimmt, von heißem Zorn gepackt,
befahl er einen Racheakt.
Er war als mächtiger Despot
Herr über Leben und den Tod.
Unberührt von Menschenrechten,
rief er nach den Folterknechten,
ließ ihn ins Gefängnis bringen,
um an Zahlung zu erzwingen,
was noch aufzutreiben war,
wär's auch noch so unscheinbar.
Die Summe war nicht abzuzahlen.
Die Folter- und Gefängnisqualen,
die Seufzer unter Druck und Zwang,
sie würden dauern lebenslang.

 IV

Jesu kleine Kurzgeschichten
lassen sich gut weiterdichten.
Irgendwann war es vorbei
mit der strengen Rechnerei.
Die Bücher geschlossen. Man gab sich entspannt.
Der König zufrieden, lud
alle galant
zum Tanzen und Feiern, zum Schmausen und Trinken;
Wein ließ er fließen,
dazu gab es Schinken.
Am Morgen aufs Pferd, nun reisten sie ab;
es zog sie nach Hause in zügigem
Trab.
So einen erwartet besorgt seine Frau.
Geschönt war'n die Zahlen, das weiß
sie genau.
"Wie ist's dir ergangen? Wardst du ertappt?"
"Nein, nein, sei ganz ruhig!
Hat alles geklappt.
Das bring ich in Ordnung. Doch einer war da,
dem klafften die Löcher nur so
im Etat.
Der war nicht zu retten, war praktisch schon tot
und fällt auf die Kniee
und bettelt devot.
Und wirklich - der König zeigt Engelsgeduld,
verzichtet auf alles, erlässt
ihm die Schuld!
Nun aber kommt es: frei geht der raus
und trifft da auf einen im
Königshaus,
der schuldet ihm läppische hundert Denare.
"Her mit dem Geld!" schreit der
Undankbare
und pfeift auf Geduld, auf Mitleid und Gnade.
Dem fuhren wir jetzt aber in
die Parade.
Wir hin zum König. Der hat sich empört
und zitternd vor Wut alles angehört.
Den Freispruch nahm er mit Ingrimm zurück.
So brachte der Dummkopf sich um
sein Glück.
Die Kinder, die Frau und auch alle Sachen -
die lässt unser König zu
Bargeld jetzt machen.
"Moment!" sagt die Frau und runzelt die Stirn,
nach Meinung der Männer
fehlt's mir ja an Hirn;
du sagst, bestraft wurde nicht nur der Schinder?
Auch seine Frau und auch
seine Kinder?
Die wurden da schuldlos als Sklaven verkauft,
und kein Mann war da, der die
Haare sich rauft?
Keiner, den diese Sippenhaft störte,
keiner, der sich an dem Punkt empörte?
Der Mann hält dagegen: "Das weißt du doch auch:
das ist ja schon ewig des
Landes der Brauch.
Der hat sich sein Unglück doch selbst zuzuschreiben.
Was musste er denn so
empfindungslos bleiben?
Verstehst du, dass einer so kleinkariert denkt,
nachdem ihm sein Leben
erneut ward geschenkt?
Nachsicht und Großmut hat er erfahren,
besteht aber herzlos auf 100
Denaren!
Hätte die Großmut ihn wirklich gerührt,
dann hätte er seinerseits Mitleid
gespürt."
"Gewiss, lieber Mann, ich stimme dir zu;
nur lässt es mir nach wie vor doch
keine Ruh,
dass auch die Frau und die Kinder leiden."
"Ach, Frau, das ließ sich wohl
kaum vermeiden.
Es ging halt so schnell! Es tut mir ja leid."
"Du schiebst dein Versäumnis
auf fehlende Zeit?
Es ging halt so schnell? Da hast du wohl Recht.
Doch gilt das nicht auch
für den herzlosen Knecht?
Was alles der glaubte und dachte vom Leben,
das sollte er ändern ganz
schnell mal so eben?
Gerade dem Strafgericht glücklich entkommen
war er wahrscheinlich im Kopf
noch benommen.
Der war von der Anspannung schwerstens geschlaucht
und hätte vielleicht
einfach Zeit noch gebraucht."
Der Mann wird jetzt knurrig. Er sagt: "Beste Frau,
zurückblickend ist man
immer recht schlau.
Zu welchen klugen und handfesten Taten
hättest denn du uns gestern
geraten?"
"Na, mit ihm reden, ihm drohen sogar:
'Hör zu, Kamerad, du bist in Gefahr,
bist im Begriff, dich bös zu versteigen,
und wenn du das tust: wir werden
nicht schweigen.'
Zum zweiten: dem Schuldner baut flott eine Brücke,
und leiht ihm die
hundert Silberstücke.
Die Summe könnt ihr doch leicht verschmerzen;
traut der Vernunft, und
traut dem Herzen!"

V

Jesu kleine Kurzgeschichten
lassen sich gut weiterdichten.
In gemischter Tafelrunde
saß man da zur Mittagsstunde
irgendwo in einem Haus,
aß und trank und ruhte aus,
teilte Freuden, teilte Leiden,
schimpfte auf die frechen Heiden,
auf die Römer, auf die Steuern,
die das Leben stark verteuern.
Und auch der Rabbi zu reden begann;
schnell zog er die Runde in seinen Bann
mit der Dichtung vom Schuldner, der grade befreit,
dem andern verweigerte
Frist und Zeit,
was dann unweigerlich damit geendet,
dass sein Geschick sich zum Bösen
gewendet.
Die Gäste schweigen, sind ernst, in Gedanken;
dann aber fangen sie an, sich
zu zanken.
Einer beginnt: "Ist das denn zu fassen!
Wie kann denn der Rohling den
einsperren lassen!
Nachsicht und Großmut hat er erfahren
und hackt dann herum auf hundert
Denaren!"
""Sachte, mein Freund", sagt ein zweiter darauf,
"gestern erst warst du
beim Zwangsverkauf.
Mehrere Äcker hast du geschnappt;
hat das nicht wieder mal prächtig
geklappt?"
Darauf der erste: "Lass dein Geschrei!
Alles gesetzlich und einwandfrei!"
"Schönes Gesetz!", sagt der zweite nun wieder.
"Ungerecht ist es! Tu nicht
so bieder!
Verschuldet und chancenlos waren die Bauern,
und Leute wie du brauchten nur
drauf zu lauern,
bis ein paar Ernten durch Hagel verderben;
so wenig genügt - und die Höfe
sterben.
Dann kommen die Bauern zu euch angelaufen
und borgen sich Geld, um Saatgut
zu kaufen.
Versäumen sie schließlich, den Zins zu entrichten,
müssen sie euch sich als
Knechte verpflichten."
Der erste wird wütend:"Die müssen nicht hungern
und brauchen als Bettler
nicht rumzulungern.
Die arbeiten weiter, bebauen das Land!"
Sein Gegner winkt ab und bemerkt
süffisant:
"So dürfen sie schuften für Tagelohn
und sind nicht mal dankbar für diese
Fron!
Wenn die die Geschichte vom Schulderlass hören,
die würden genau so wie du
sich empören,
doch Wut und Empörung, die gälten dann dir,
jawohl: deiner Wendigkeit,
Kälte und Gier!"
Der Reiche springt auf:"Jetzt mach aber Schluss!
Dass ich mir das alles
anhören muss!
Hör auf, mich so frech mit dem Schuft zu vergleichen!
Dich treibt nur die
Missgunst, der Neid auf die Reichen."
Rasch stürmt er hinaus, gekränkt und im Streit.
So hat Jesu Dichtung die
beiden entzweit.
Der Angreifer äußert sein Unbehagen:
"Kann der denn keine Kritik
vertragen?"
"Ich finde", sagt einer, "du warst viel zu laut!
Die Mauern des Hauses sind
leicht nur gebaut,
es ist doch, als hätten die Wände Poren;
wie leicht dringt ein Wort in die
falschen Ohren!
Ein Spitzel schnappt's auf, verdreht's, übt Verrat,
kassiert dafür Geld vom
römischen Staat.
Die eifrigen Lauscher der staatlichen Macht
sind allüberall; und die geben
acht
auf Männer, die heimlich das Volk verführen
und emsig das Feuer des
Aufstands schüren."
Ein andrer meint leise, doch deutlich erregt:
"Ob das nun die Römer im
Ernst groß bewegt,
wenn uns unser Rabbi hier lehrt in Geschichten,
wie Gott seine Herrschaft
in uns will errichten?
Der König im Gleichnis zeigt Engelsgeduld,
erlässt diesem Schurken die
riesige Schuld;
das Leben wurde erneut ihm geschenkt,
durch keinerlei Auflagen
eingeschränkt.
Ein großes Ja hat umsonst er empfangen,
doch dessen Sinn ist ihm völlig
entgangen.

Mir sagt das Ende des Berichts:
Die Fülle wandelt sich ins Nichts,
Gott selber wird zur Mangelware,
wenn geizig ich mit ihm verfahre.
Auch dir ist dieses Ja gegeben.
Frag dich mal selbst: Wie wirst du's
leben?"
"Ja", sagt jetzt einer, "sehr gute Frage!
Wie reimt sie sich aber auf unsere Lage?

Die Reichen füllen ihre Speicher
und werden schamlos immer reicher.
Die Armen werden immer mehr:
ein macht- und hoffnungsloses Heer.
Bald hier, bald dort, gedämpft im Land
ertönt der Ruf zum Widerstand.
Freischärler greifen zu den Waffen,
um diese Herrschaft abzuschaffen.
Und wer die Schuldgeschichte hört,
der reagiert bestimmt empört
und denkt sich schlicht, dass unser Meister
Partei nimmt für die Aufstandsgeister.
Die Römer fackeln da nicht lang.
Mir ist um unsern Rabbi bang."

VI

Jesu kleine Kurzgeschichten
kann ich praktisch weiterdichten.
Bin ich Opfer, König, Knecht?
Lenkt mich Güte? Lenkt mich Recht?
Dient mein Leben auch den Armen?
Kann ich mich genug erbarmen?
Kann ich Ja zum Leben sagen?
Bin ich mühsam zu ertragen?
Jesu Gleichnis lädt uns ein,
wach in Geist und Sinn zu sein.
Das bitt' ich, Gott, in Jesu Namen:
So sei es! Immer öfter!

Amen.