Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 21,14-17

Pastorin Konstanze Helmers (ev.)

17.04.2016 St. Paulskirche Schwerin

I. Gottesdienst am Ostersonntag: Die kleine Gemeinde singt aus vollem Herzen. Justus singt freudig mit. Justus ist drei. Er sitzt auf dem Schoß seines Vaters, ein aufgeschlagenes Gesangbuch in den Händen. Das Gesangbuch steht auf dem Kopf, aber das stört Justus nicht. Wenn er singt, benutzt er seine eigene Sprache. Ab und zu lässt er jedoch ein „Halleluja“ oder auch „Preiset den Herrn“ einfließen. Das kennt er schon, dass das dazugehört zum Singen in der Kirche. Manchmal singt Justus Töne, die zu denen der Großen passen. Und weil der Gottesdienstraum klein ist und Justus laut singt, ist sein Gesang in der ganzen Gemeinde zu hören. Ein Lächeln geht durch die Reihen.

Nach dem Gottesdienst ist Kirchenkaffee. Alle sind noch ganz beschwingt. „Das ist ja so schön, wie der Justus immer singt!“ Wieder geht ein Lächeln über die Gesichter. Da sagt eine aus der Runde ernst: „Mich hat das zu Tränen gerührt.“– und schon ist da wieder ein Schimmern in ihren Augen.

II. Palmsonntag in Jerusalem: Gerade ist Jesus in die Stadt eingezogen. Auf einem Esel ist er geritten, ganz einfach. Eine Menge von Pilgern hat ihn begleitet. Manche sind ihm auch aus der Stadt entgegen gekommen. Sie haben Zweige von den Bäumen gebrochen, ihre Kleider ausgezogen und Jesus damit einen Teppich bereitet. Und immer wieder haben sie gerufen: „Hosianna! Hosianna dem Sohn Davids! Hilf doch, du König! Du bringst Heil! Hosianna dem Sohn Davids!“ Wie ein großer Gesang klangen die Rufe durch die Luft.

Jetzt ist Jesus im Tempel. Lahme und Blinde kommen zu ihm. Er heilt sie. Und jeder kann sehen: Lahme gehen, Blinde sehen, Menschen erleben die Zuwendung Gottes. So ist es, wenn der Messias kommt, der Retter. Und wieder ist da ein Gesang in der Luft, ein Rufen und Brabbeln, ein Jauchzen und Schreien, vielstimmig, lebendig: „Hosianna dem Sohn Davids! Du bist der König, der hilft, du bringst uns Heil! Hosianna dem Sohn Davids!“ So schallt es aus vielen Kinderkehlen. Die Unmündigen machen den Mund auf und jeder kann es hören.

III. Die Pastorin ist zu Besuch bei einer alten Frau: Sie ist über 90. Seit Jahren schon liegt sie im Bett. Sie lebt in ihrer eigenen Welt, kennt ihre Kinder nicht mehr, weiß nicht mehr, wie sie heißt. Manchmal spricht sie, doch es ist kaum zu erahnen, welchen Zusammenhang ihre Worte in ihrem Herzen haben. Manchmal reagiert sie gar nicht, wenn man sie besucht. Auch heute ist sie ganz in ihrer Welt: stumm, scheinbar teilnahmslos. Ob sie überhaupt merkt, dass die Pastorin an ihrem Bett sitzt?

Weil es nichts zu sagen gibt, singt die Pastorin der alten Frau etwas vor. Sie hat kein Gesangbuch, so singt sie auswendig: „Befiehl du deine Wege, und was dein Herze kränkt...“ . Sie singt – und schon nach den ersten Klängen stimmt die alte Frau ein: „Der Wolken Luft und Winden gibt Wege Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann....“ So singen sie. Eine Strophe, noch eine, die dritte… irgendwann weiß die Pastorin den Text nicht mehr. Aber die alte Frau singt unbeirrt weiter, Strophe um Strophe.

 

IV. „Hosianna dem Sohn Davids“ schallt es durch den Tempel. Die Unmündigen machen den Mund auf: Die Kinder plappern, singen Worte nach, die sie bei den Großen gehört haben – vorhin, als Jesus in die Stadt gekommen ist. Der Gesang der Erwachsenen ist verklungen, der Schall verflogen. Andere Töne sind laut geworden, harte Klänge: „Wer ist dieser? Was will der hier?“ Töne voller Misstrauen, Angst und Neid. Doch die Kinder singen unbeirrt weiter, singen den Jubel weiter und die Freude, die Sehnsucht und die Hoffnung: „Hosianna! Hilf doch! Du bist doch der, der Heil bringt! Hosianna dem Sohn Davids!“ Sie singen aus tiefstem Herzen und wissen doch nicht, was sie tun. Singen Worte, die sie nicht verstehen. Nur dass sie irgendwie zu diesem Jesus gehören, das haben sie verstanden. Zu diesem Mann, der auf einem Esel kommt und die Kranken heilt.

Der Gesang purzelt einfach aus den Kindern heraus, sprudelt hervor, unaufhaltsam, unüberhörbar, – unerhört! Ihr Gesang verstört, stört die Ordnung: Er lässt sich nicht aufhalten. Er dringt durch jede Ritze, sickert durch Mauern und Steine. Was, wenn er hinausdringt aus dem Tempel? Was, wenn da plötzlich ein Summen über der Stadt ist: „Er ist es, auf den wir warten. Lahme gehen, Blinde sehen, er ist da – der Messias! Hosianna!“ Was, wenn dieser Gesang sich ausbreitet? Was, wenn er sich ausbreitet in den Gassen, in den Häusern, in den Herzen?

V. Unmündige machen den Mund auf. Kinder singen, was sie vielleicht noch nicht verstehen. Alte, was sie vielleicht nicht mehr verstehen und doch tief im Herzen haben. Und zwischen ihnen, mit ihnen singen wir. Wir Unmündigen machen den Mund auf, singen mehr als wir verstehen, mehr als wir glauben können, singen weiter als unsere Hoffnung reicht.

Wir stehen an Gräbern und singen vom Leben.

Wir verzagen unter der Last des Alltags und singen von der Kraft Gottes.

Wir erschrecken vor der Gewalt der Welt und singen vom Frieden.

Wir sitzen an Krankenbetten und singen von Gottes Nähe.

Und – eigenartig – :

In unserem Singen werden wir lebendig.

In unserem Singen werden wir getröstet.

In unserem Singen bricht der Frieden an.

In unserm Singen ist Gott da.

So singen wir uns uns hinein in den Glauben. Singen Worte nach, die uns die Alten geschenkt haben. Worte die wir nicht ausfüllen mit unserem Verstehen und unserem Glauben und die doch aus tiefstem Herzen kommen. Wir singen mit Tränen in den Augen und Sehnsucht im Herzen. Und immer ist unser Gesang größer als wir.

Und was, wenn dieser Gesang durch die Ritzen dringt? Wenn er durch Mauern und Steine sickert?

Wenn da plötzlich ein Summen in der Luft ist: „Gott macht dich heil!“ Und was, ja was wäre, wenn dieser Gesang ein Lächeln auf die Gesichter zaubert? Wenn dieses leise Summen zu Tränen rührt? Und Menschen dieses Lied weitersingen, Strophe um Strophe, unbeirrt: Gott ist da.

Amen.