Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 25,14-30

Laienprediger Dr. Sebastian Moll (ev.-meth.)

18.06.2017 Ev.-meth. Gemeinde Bad Kreuznach

Liebe Gemeinde,

wenn man so wie ich heute in einer Gemeinde zu Gast ist, in der man noch nie war und mit der man auch sonst wenig vertraut ist, ist es nicht leicht, einen Predigttext auszuwählen, da man immer Gefahr läuft, dass dieses Thema vielleicht bereits vor Kurzem schon einmal aufgegriffen wurde. Ich habe mich daher für ein Gleichnis Jesu entschieden, bei dem ich aus Erfahrung weiß, dass es selten als Predigtgrundlage gewählt wird und daher mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in dieser Gemeinde nicht zum Standardrepertoire gehört: Das Gleichnis von den anvertrauten Talenten.

Dieses Gleichnis ist seit jeher für viele Menschen nur schwer zugänglich, nicht erst, seit man jüngeren Leuten erklären muss, was denn mit dem Begriff ‚Zinsen‘ gemeint ist, die man früher mal für sein Geld bekam, wenn man es zur Bank brachte. Das wirkliche Problem mit diesem Gleichnis besteht darin, dass sich viele fragen: Ist das wirklich derselbe Jesus? In dieser Geschichte wird derjenige, der wenig hat, aus dem Angesicht seines Herrn verbannt, und sein ohnehin geringer Besitz wird ihm noch genommen und dem Wohlhabenderen gegeben. Ist das derselbe Jesus, der an anderer Stelle die Armen seligpreist und die Reichen mit Drohungen überhäuft? Aufgrund dieser doch eher sonderbar scheinenden Botschaft gibt es nicht wenige Ausleger, die meinen, dass an dieser Stelle Ironie am Werke sei, dass Jesus seine Hörer hier bewusst durch eine karikierende Situation aufrütteln wolle. Aber ich muss Ihnen sagen, und ich sage das als jemand, der selbst einen starken Hang zu Ironie und Sarkasmus hat: Auf mich wirkt Jesus weder hier noch sonst wo wie ein hintergründiger Kabarettist, der sich mithilfe ausgefeilter rhetorischer Mittel einen Spaß mit seinen Hörern erlaubt. Er, der an anderer Stelle sagt: Eure Rede sei ja, ja, nein, nein, greift nicht zu solchen Methoden.

Nein, das Gleichnis ist so gemeint wie es gesprochen ist, und es ist derselbe Jesus, derselbe Herr, der es spricht. Interessanterweise gibt es ein anderes Gleichnis aus seinem Mund, das weitaus bekannter und auch beliebter ist, obwohl es gewisse Parallelen aufweist: das Gleichnis vom Sämann und dem vierfachen Ackerfeld. Sie kennen die Erzählung vermutlich. Der Sämann streut sein Saatgut aus und erzielt vier verschiedene Ergebnisse, je nachdem, auf welchen Boden seine Saat fällt. Die ersten drei Böden bringen keine nachhaltigen Erträge, aber beim vierten Wurf entsteht gute Frucht. So wird dieses Gleichnis für gewöhnlich zusammengefasst. Tatsächlich sind es aber mehr als vier Ergebnisse, denn bei besagtem viertem Wurf wird das Ergebnis noch einmal ausdifferenziert: „Anderes fiel auf gutes Land und brachte Frucht, einiges hundertfach, einiges sechzigfach, einiges dreißigfach.“ Es wird also bei der letzten Gruppe, bei der erfolgreichen sozusagen, noch einmal unterschieden. Die Saatkörner bringen unterschiedliche Erträge, so wie die erfolgreichen Knechte in unserem Gleichnis unterschiedliche Erträge erzielen. Der Dritte im Bunde, der dritte, der erfolglose Knecht würde im Gleichnis vom Sämann am ehesten dem ersten Saatgut entsprechen, von dem es heißt: „Und indem er säte, fiel einiges an den Weg, da kamen die Vögel und fraßen es auf.“ Und das Gleichnis wird ja im Anschluss auch direkt von Jesus persönlich ausgelegt, der zu jener Saat erläutert: „Wenn jemand das Wort vom Reich hört und nicht versteht, dann kommt der Böse und nimmt weg, was in sein Herz gesät ist. Das ist der, bei dem am Weg gesät ist.“ Diese Beschreibung trifft auf den dritten Knecht in unserem Gleichnis zu. Sein Fehler liegt in dem falschen Gottesbild, das er sich macht. Er hat panische Angst vor diesem Gott, er glaubt, dass Gott ein strenger, penibler Herrscher ist, der jeden kleinen Fehler aufs Ärgste bestraft, und deshalb sagt er sich: ‚Bloß nichts falschmachen, dann passiert mir auch nichts.‘

Aber diese Angst ist nicht die angemessene Haltung gegenüber Gott. Obwohl – deshalb habe ich als erste Lesung heute Morgen auch Psalm 34 gewählt – doch gerade im Alten Testament immer wieder von der Furch des Herrn die Rede ist. „Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Erkenntnis“, heißt es in den Sprüchen Salomos. Und auch hier im Psalm endet unsere Lesung mit den Worten: „Fürchtet den Herrn, ihr seine Heiligen, denn die ihn fürchten haben keinen Mangel.“ Aber direkt davor kommt der Satz: „Schmeckt und seht, wie freundlich der Herr ist, wohl dem der auf ihn vertraut.“ Direkt hintereinander: Schmeckt und seht, wie freundlich der Herr ist; und dann: Fürchtet den Herrn! Furcht und Vertrauen gehören zusammen. Angst aber, diese unbestimmte Angst des dritten Knechts ist nicht dasselbe wie die Ehrfurcht vor Gott. Ehrfurcht vor Gott lässt innehalten, stille werden und das Knie beugen. Nicht in Angst, sondern in Vertrauen.

Ich habe dieser Tage etwas sehr Schönes gelesen über die Verschwörer des 20. Juli, derer wir in einigen Wochen wieder gedenken. Diese Männer, diese Soldaten, hatten einen Eid geleistet, und sie wussten, dass sie mit dem, was sie vorhatten, diesen Eid brechen würden. Sie waren auch keineswegs so selbstgerecht, sich deshalb als Helden zu fühlen. Aber es gab unter diesen Männern ein Motto: Wir haben Treue gelobt, nicht Gehorsam. Treue, nicht Gehorsam. Gehorsam macht blind, passiv, unselbständig, genauso wie Angst. Treue aber meint Verpflichtung, notfalls auch über den Buchstaben des Gesetzes hinaus. Dietrich Bonhoeffer, der ebenfalls zu diesem Kreis, wenngleich nicht als Soldat, gehörte, drückte es, als er bereits in Haft saß, wie folgt aus: „Wehrlosigkeit als Prinzip des weltlichen Lebens, ist gottlose Zerstörung der von Gott gnädig erhaltenen Ordnung der Welt. Es mußte sich herausstellen, daß eine entscheidende Grunderkenntnis dem Deutschen noch fehlte: die von der Notwendigkeit der freien, verantwortlichen Tat auch gegen Beruf und Auftrag. An ihre Stelle trat einerseits verantwortungslose Skrupellosigkeit, andererseits selbstquälerische Skrupelhaftigkeit, die nie zur Tat führte. Civilcourage aber kann nur aus der freien Verantwortlichkeit des freien Mannes erwachsen. Die Deutschen fangen erst heute an zu entdecken, was freie Verantwortung heißt. Sie beruht auf einem Gott, der das freie Glaubenswagnis verantwortlicher Tat fordert und der dem, der darüber zum Sünder wird, Vergebung und Trost zuspricht.“

Was Bonhoeffer hier sehr treffend beschreibt, diese selbstquälerische Skrupelhaftigkeit, die nie zur Tat führte, ist genau das, was Jesus in unserem Gleichnis aber auch an zahlreichen anderen Stellen geißelt. Er tut dies mit besonderer Vorliebe in Konflikt mit den Pharisäern, mit denen er ja bekanntlich nicht selten in Streit geriet. Die Pharisäer haben in unserer Kultur bereits sprichwörtlich den Makel der Heuchelei und der Scheinheiligkeit an sich, aber es waren durchaus Menschen, die fromm waren oder es zumindest versuchten zu sein. Sehr wohl fand sich unter ihnen edles Wollen und religiöser Eifer, aber er war nicht geschickt zum Reich Gottes, weil er stehenblieb in Gesetzen, Regeln und einer Ethik des Vermeidens – kein Kontakt zu Sündern, keine unreinen Speisen, keine Arbeit am Sabbat. Genau das ist es, was Jesus angreift, dieses zwanghafte Vermeiden aus Angst, aus Angst, bestraft zu werden. Manchmal erzürnt es ihn sogar so sehr, dass er regelrecht ausfallend wird: „Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Zehnten gebt von Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste im Gesetz beiseite, nämlich das Recht, die Barmherzigkeit und den Glauben!“ Der Apostel Paulus drückt es ein wenig wohlwollender, wenngleich nicht weniger kritisch aus, wenn er sagt: „Ich bezeuge ihnen, dass sie Eifer für Gott haben, aber ohne Einsicht.“

Bei dem berühmten Streit am Sabbat, als Jesus einen Mann mit einer verkrüppelten Hand heilt, reagieren die Pharisäer empört, weil Jesus etwas tut, das am Sabbat eindeutig verboten ist. Der Sabbat ist Gesetz. Auch für Jesus. Niemals wäre er auf die Idee gekommen, ihn leichtfertig oder aus einer Laune heraus zu brechen. Aber in diesem konkreten Moment erkennt er, dass etwas Anderes wichtiger ist. Die Barmherzigkeit gegenüber den Schwachen überwiegt das Einhalten der Sabbatruhe. Der dritte Knecht in unserem Gleichnis, der denkt genau wie die Pharisäer, der hätte in jener Situation auch gesagt: Oh, es ist Sabbat, lieber nichts tun, sonst gibt es hinterher Ärger. Aber damit hätte er den Willen seines Herrn nur scheinbar erfüllt. Er hat das Wort gehört, aber er versteht es nicht.

Ich muss gestehen, und ich sage das, ohne dem Urheber des Gleichnisses in irgendeiner Form zu nahetreten zu wollen, ich bin der Meinung, dass dieses Gleichnis ein klein wenig zugänglicher und ein klein wenig weniger verwirrend wäre, wenn einer der anderen Knechte, der mit seinem Pfund wuchert, erfolglos geblieben wäre. Denn ich glaube, dass das die eigentliche Aussage des Gleichnisses ist. Es geht nicht um den Erfolg. Es geht nicht darum, dass der, der Erfolg hat, gelobt wird, sondern der, der einen Einsatz wagt. Derjenige, der versucht, aus dem, was ihm gegeben ist, etwas zu machen. Und der potentielle Misserfolg ist dabei durchaus einkalkuliert. Das ist ja, was Bonhoeffer sagt: Gott wird demjenigen, der bei seinem Einsatz versagt, Vergebung und Trost zusprechen, demjenigen, der etwas versucht hat – auch wenn er dabei scheitert.

Einsatz und Leistung sind nicht identisch mit Erfolg. Vermutlich kennen Sie das, es gibt Menschen, für die ist beides identisch, die sagen: ‚Wenn du in deinem Leben keinen Erfolg hast, dann allein deshalb, weil du dich nicht richtig angestrengt hast.‘ Dazu gibt es dann noch das andere Extrem, also die Leute, die meinen, man könne überhaupt nichts selber leisten, alles sei abhängig vom Zufall, in welchem Land, in welche Familie, in welche soziale Schicht man hineingeboren wurde. Die Wahrheit liegt, wie so oft, irgendwo dazwischen. Leistung ist nicht identisch mit Erfolg, aber oft wird ernsthaftes Bemühen von Erfolg gekrönt. Die Voraussetzungen, mit denen man ins Leben startet, sind wichtig, und doch sind auch die besten Voraussetzungen keine Garantie für Erfolg im Leben.

Liebe Gemeinde, schlagen Sie bitte mal kurz Ihr Gesangbuch auf, Lied Nummer 293: „Kann es denn sein, dass Gott mir gibt ein Anrecht auf des Heilands Blut“. Jetzt fragen Sie sich vielleicht, was dieses Lied mit der Predigt zu tun hat. Antwort: Gar nichts! Aber wenn Sie unten rechts auf die Seite schauen, dann finden Sie dort ein wunderschönes Zitat von John Wesley: „Du wirst nach deinem Einsatz belohnt, nicht nach deinem Erfolg.“ Dieses Zitat ist sozusagen der in seinem Satz zusammengefasste Kommentar zu diesem Gleichnis. Den Einsatz, um den geht es, und man muss ihn bringen, so lange man Zeit hat. Nicht ohne Grund steht unser Gleichnis deshalb im Evangelium des Matthäus auch zwischen zwei Texten, die sich mit dem Ende der Zeiten befassen. Nach dem Gleichnis folgt direkt Jesu Rede vom Endgericht: „Wenn aber der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommen wird, wird er sie voneinander trennen wie ein Hirte die Böcke von den Schafen.“ Unmittelbar davor findet sich das Gleichnis von den törichten Jungfrauen, die kein Öl für ihre Lampen mitnahmen und deshalb von der großen Hochzeit ausgeschlossen werden. Und dieses Gleichnis endet mit den Worten: „Darum wacht, denn ihr wisst weder Tag noch Stunde, in welcher der Menschensohn kommen wird.“ Und direkt im Anschluss beginnt dann unser Gleichnis mit einem ‚denn‘. Denn es ist wie bei einem Menschen, der ins Ausland reisen wollte, seine Knechte rief und so weiter…

Das Gleichnis von den anvertrauten Talenten steht im Zeichen einer Warnung, der Warnung, seine Zeit und seine Möglichkeiten nicht zu verschwenden, sondern stattdessen bestmöglich einzusetzen. Wir alle haben nur eine begrenzte Zeit. Egal, ob Christus wiederkehrt, oder ob er uns zu sich ruft, unsere Zeit wird kommen. In dieser Zeit sollen wir aus unseren Talenten, die uns anvertraut sind, jedem nach seiner Tüchtigkeit, das Beste machen. Unser Talent ist Gottes Geschenk an uns. Was wir daraus machen, geben wir Gott zurück.