Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 25,14-30

Pfarrer Roland Hadorn

17.02.2008 in der Evang.-ref. Kirche Klosters, Schweiz

I.

Es ist einer jener Texte, der die Theologen immer schon beschäftigt und auch herausgefordert hat. Dementsprechend lassen sich verschiedenste Auslegungen und dann auch Predigten dazu finden.

Es gibt die Deutung des Textes hin auf menschliches Einzelschicksal. Es gibt die Deutung hin auf das Schicksal der Kirche in der Zeit nach Jesu Tod und insbesondere hin auf den Auftrag der Kirche und der Christen, die Kirche sind. Und auch die Kombination von beiden.

Umstritten sind insbesondere die Schlussverse mit der Bestrafung des dritten Knechtes. Hier musste und muss Matthäus auch Kritik einstecken: er habe das ursprüngliche Jesus-Gleichnis erweitert mit dieser Drohbotschaft und so das Evangelium, das Jesus gebracht habe, verdunkelt.

Sicher scheint: Matthäus hat im Rahmen seiner Stoffsammlung und Stoffanordung intensive redaktionelle Arbeit geleistet. Wo darüber hinaus inhaltliche Arbeit vorliegt, muss von der Evangeliums-Konzeption als Ganzes her und von Fall zu Fall entschieden werden.

Einig sind sich die Ausleger weitgehend darin: Das ursprüngliche Gleichnis steht im Dienst der Predigt vom Reich Gottes. Diese Predigt ist Gute Nachricht, Evangelium. Sie ruft den Menschen mit Haut und Haaren in ein Leben, das gottbezogen geführt werden soll.

Dieser Ruf ergeht an unterschiedliche Menschen in unterschiedlicher Weise. Er kann auch mit harten Worten ergehen; dann aber mit dem Ziel, Verhärtetes aufzubrechen. Anders: die harten Worte wollen gerade vermeiden, dass es zum Härtesten kommt. So wird man auch hier davon ausgehen dürfen: Dieses Gleichnis ist erzählt, damit es gerade nicht zum Härtesten kommt.


II.

Was ist das Härteste?
Vom dritten Knecht her, und damit zu einer Deutung des Einzelschicksals, dies: Das Härteste ist, wenn die Angst eines Menschen sein Leben begräbt, beerdigt; und zwar vor der eigenen Beerdigung: Angst, Angst kriecht empor: dieses könnte eintreffen, jenes könnte eintreffen, ja wird mit grösster Wahrscheinlichkeit auch eintreffen.

Und jetzt frisst und frisst und frisst dies Angst und lähmt: die Augen starren nur noch auf diese schwarze Loch. Alles steht! Und wenn noch etwas getan wird, dann solches, das dazu führen wird, ja führen muss: das Befürchtete tritt auch ein!

"Self-fulfilling-prophecy": Die sich-selbst-erfüllende Prophezeiung. Dieser Begriff wurde vom amerik. Soziologen R.K. Merton, 1910 - 2003, eingeführt: Wenn eine Person von einer bestimmten Sache glaubt, sie sei wahr bzw. sie werde eintreffen, trägt die Person durch ihr Verhalten dazu bei, dass diese Prophezeiung auch eintritt. Der Begriff ist dann in die Psychologie eingedrungen, salopp spricht man dort von: den eigenen Ohrfeigen nachlaufen.

"Ich wusste, dass du ein harter Menschen bist": Und dann verhält er sich in der Wiese, dass er genau diese Härte zu spüren bekommt. Die Härte kommt zwar von aussen, aber ihre zieltreibende Energie ist eine innewohnende, die Angst.

Lange Zeit, es wird betont, lange Zeit geht der Herr ausser Landes. Und diese ganze, lange, lange Zeit über mag die Hauptsorge des Knechts wohl der Rückkehr und der Härte des Herrn gelten, diese Sorge bestimmt Tag und Nacht und begräbt unter sich die Lebensmöglichkeiten dieses Menschen.

Die Angst vor der Härte des anderen und die fehlende Kraft, diese Angst abzuschütteln, verdunkeln sein Leben mehr und mehr. Und schon von hier aus lässt sich fragen:

Ist das nicht schon Strafe genug, ungelebtes, umdunkeltes, ja totes Leben genug?


III.

Die Härte des Menschen, die sich gegen den Mitmenschen richtet. Unter den Menschen ist sie bekannt. Es kann sie geben und es gibt sie. Wie weit ist mit diesem harten Herrn auch vom Wesen und Wirken Gottes gesprochen ?

Setzen wir hier an: Was ist den Knechten geboten? Doch mit dem Anvertrauten dies zu tun, was seiner Logik entspricht. Geboten ist, was Geldlogik gebietet: Geld will vermehrt werden. Allen Knechten scheint dies klar. Dies bedarf keines Kommentars. Also die Vermehrung einleiten und vollziehen; das ist die Entscheidung.

Jedoch - das Risiko geht mit. Geld lässt sich vermehren, aber auch verlieren, ja vernichten. Davon muss auch der Herr wissen. Aus Angst vor diesem Folgen vergräbt der Dritte sein Geld. Er schliesst sich so von möglichem Erfolg, aber auch vom totalen Misserfolg aus.

Diese angstbesetzte Selbstsicherung aber verfängt gerade nicht, der Herr akzeptiert diesen Weg nicht. Gemeinhin wird dies damit begründet, weil er sich eben nicht für die Sache des Herrn eingesetzt habe oder zumindest nicht angemessen.

Und dann ist auch noch eine weitere Situation denkbar; ein Ausleger:

"Schade, dass nicht noch von einem weiteren Sklaven erzählt wird, der mit seinem Kapital zu wirtschaften anfing, aber damit scheiterte und Konkurs machte?" Und schreibt dann wörtlich: "Hätte ihn der Herr zum "Eingehen in seine Freude" aufgefordert? Hoffentlich!" (U. Luz, EKK, S. 506).

Zwischenspiel der Orgel

Doch was bedeutete dies für den Dritten? Auch das Eingehen in die Freude? Es ist nach dem Kriterium zu fragen: Wenn es genügt, das Risiko in Kauf zu nehmen, um in die Freude einzugehen, dann würde es ihm nicht reichen.

Das Gleichnis bietet keinen weiteren Weg, keinen Ausweg, also bleibt auch die Härte dieses Herrn. Es sei denn, man geht, wie angedeutet, den Weg jener Ausleger (bswp. Ed. Schweizer, NTD, S. 308), die das Gleichnis mit V. 27 schliessen lassen, und den schwierigen Rest Matthäus anlasten.


IV.

So viel an dieser Stelle:
Man mag den beiden erfolgreichen Knechte ihren Erfolg gönnen. Es läuft zwar nach dem Motto: Kannst du was, dann hast du was, dann bist du was. Es hat sein Recht unter uns. Wieweit dieses Recht das bestimmende sei, ist seit jeher umstritten. Jede Form und jedes Mass von Gewinnstreben ist damit keineswegs abgesegnet, sonst wäre viel, wenn nicht alles falsch verstanden.

Wenn Nachsicht zu verteilen wäre, sie müsste dann doch dem dritten Knecht gelten. Es gelingt ihm eben nicht, über seinen Angstschatten zu springen, zu gross erscheint ihm der. Und nun:
Müsste das Harte sich einsetzten lassen, um Verhärtetes aufzulösen im Dienste des Evangeliums, damit das Härteste vermieden wird: Es ist, als ob dieser Knecht, und gemeint ist der angstbestimmte Mensch, verbal geschüttelt, ja durchgeschüttelt werden solle, damit er aus dem bösen Angsttraum erwache und nicht mehr immerzu in dieses schwarze Loch starre, weil er so geradezu formt, was er befürchtet. Verbal durchgeschüttelt und durchgerüttelt. So, könnte ich es mir vorstellen:

Du, Mensch, es gibt im Leben mehr als lebendig begraben zu leben. Du, Mensch, bist in deiner Tiefe nicht nur auf ein Angstwort gestimmt; du bist in deiner Tiefe ebenso auf ein gutes Wort gestimmt. Ein gutes Wort! Und der so verängstigte Mensch kann es sich offensichtlich nicht mehr selber sagen. Und deshalb muss dieses gute Wort zunächst von aussen kommen:

Zunächst vom Menschen an den Menschen. "Gut, dass du bist." "Gut, dass du bist, wie du bist." Ach, wie sehen wir uns doch nach guten Worten von Menschen. Harte Worte fallen genug. Weiche, zärtliche jetzt!

Und diese guten Worte müssen nicht auf das Private beschränkt bleiben. Längst arbeiten unter uns qualifizierte Berufsleute, die von Berufes wegen mit verletzten, verängstigten Seelen arbeiten, sprich versuchen, Seelen letztlich an guten Worten gesünder werden oder gar gesunden zu lassen.

Und dann ist es in den Gleichnissen angelegt, das zweite fremde Wort, das der Mensch sich selber nicht sagen kann: Es ist das Herzwort Gottes an den Menschen. "Seht, welche eine Liebe unser der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heissen sollen; und wir sind es auch!" (1. Joh 3,1).

Im Dienste dieses Evangeliums möchte ich das harte Wort sehen, das den Menschen aus den finstern Löchern der angstbesetzten Selbstsicherung vertreiben will. Damit sich im inneren des Menschen wieder Lebensfreude regt. Oder mit den Worten des Gleichnisses an die beiden anderen Knechte: "Geh ein in die Freude des Herrn".


V.

Soweit eine Deutung auf ein Einzelschicksal hin. Soweit denn auch für heute. Ein andere Mal dann eine Deutung hin auf die Kirche in der Zeit nach Jesu Tod und insbesondere hin auf den Auftrag der Kirche und der Christen, die Kirche sind.

Den begnadigten Ausgang des Einzelschicksals nimmt ein Lied Paul Gerhardt's (1633), 724, auf, wir werden daraus singen. In Strophe 5:
"Meiner Seele Wohlergehen/hat er ja recht wohl bedacht;/ will dem Leibe Not entstehen,/nimmt er's gleichfalls wohl in Acht./ Wenn mein Können, meine Vermögen/ nichts vermag, nichts helfen kann,/kommt mein Gott und hebt mir an,/ sein Vermögen beizulegen./ Alles Ding währt seine Zeit,/Gottes Lieb in Ewigkeit."

Amen.