Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 25,31-46

Pfarrer Thomas Jung (kath.)

16.11.2016 ev. luth. Martinskirche zu Nienburg /W.

Buß- und Bettag / Reformationsjubiläum

Ökumenischer Gottesdienst zum Buß- und Bettag, bei dem ich aus Anlass des Reformationsjubiläums Gastprediger im Rahmen des ökumenischen Kanzeltausches war.

 

Liebe Schwestern und Brüder

Auf  dem Plakat zum diesjährigen Buß- und Bettag ist ein Maschendrahtzaun vor einem blauen Himmel zu sehen. Deutlich erkennbar: In den Zaun hat jemand ein Loch geschnitten. Und das Besondere: Das Loch hat die Form eines großen Kreuzes. „Angekommen“ steht unter dem Zaun mit dem kreuzförmigen Loch.

Es ist der Phantasie des Betrachters überlassen, wer an diesem Zaun angekommen und durch das kreuzförmige Loch hindurch gelassen sein könnte: Es können Männer, Frauen und Kinder gewesen sein, die vor Armut, Krieg und Tod aus ihrer Heimat fliehen mussten; Menschen, die nach einer gefährlichen Odyssee  die Festung Europa erreichten, und von  Leuten auf der anderen Seite des Zaunes hereingelassen wurden. Die Leute auf  der anderen Seite des Zaunes könnten das getan haben, weil sie in diesen geflohenen, den hungrigen, durstigen,  obdachlosen, nackten, kranken und ihrer Freiheit beraubten Menschen Christus erkannt hatten.

Nicht jeder auf der sicheren Seite des Zaunes hatte das vor einem Jahr verstanden! Oder: versteht es bis heute nicht, warum  in den Zaun der Festung Europa  dieses Loch hineingeschnitten wurde:„Das schaffen wir nicht!“ „Willkommenskultur ja -  für unsere Kinder“, stand auf den Wahlplakaten der AFD
„Wir brauchen einen Politikwechsel in Deutschland“, tönt es von der anderen Seite.

Erstaunlich doch, dass die Mehrheit der Wähler des rechten und linken Spektrums in unserem Land Wladimir Putin mehr vertrauen, als Angela Merkel. Ihr Bauchgefühl dürfte ihnen Recht geben: Der Putin schneidet bestimmt keine Löcher in Zäune -  schon gar keine kreuzförmigen! Und die Wahl von Donald Trump auf der anderen Seite des Atlantik wird die Sache mit der Mitmenschlichkeit nicht einfacher machen. Auch dieser Mann scheint ein Faible für Zäune zu haben.

Wie überwindet man eigentlich Zäune?

Aufgewachsen in Duderstadt, an der Grenze zur ehemaligen DDR, habe ich mich das als Kind und Jugendlicher oft gefragt. 2,5 km in östlicher Richtung hinter dem Ortsschild von Duderstadt war die Welt zu Ende. Es gab einen 3,50  Meter hohen Metallgitterzaun, der so hell beleuchtet war, dass man nachts dort Zeitung lesen konnte. Außerdem gab es Wachtürme, KFZ Sperren, Hundelaufanlagen, eine elektronische Meldeanlage,  ein durchgängiges Minenfeld und die Selbstschussanlagen vom Typ  SM70. Die Wachen schossen auf alles, was jenseits der Grenzübergangsstellen  von Ost nach West wollte. Auch das waren Flüchtlinge – sogenannte „Republikflüchtlinge.“ Die Wachen glaubten,  den Arbeiter u. Bauernstaat vor dem Klassenfeind beschützen zu müssen. Und wann immer dieser in Form des damals 14-jährigen Thomas Jung angeradelt kam, der gern um den Pferdeberg bei Duderstadt  eine Radtour machte, warfen sich die DDR Grenzer mit angeschlagener Waffe in Deckung. Ich gebe zu, dass ich das als Katholik eigentlich hätte beichten müssen, wenn ich den Pferdeberg,  an der Stelle nahe am Grenzzaun gleich zwei oder drei Mal hintereinander herunter gebraust bin und voller Genuss gesehen habe, wie sich die Doppelstreife wieder in den Matsch warf. Aber das man diesen Zaun jemals würde überwinden können, dass hatte ich nicht geglaubt. „Vielleicht, wenn du alt bist“, hatte ich als 14-jähriger gedacht.

Aber dann geschah es doch:  Nur 10 Jahre später. „Wir sind das Volk.“, hatten die Menschen gerufen! Sie waren   auf die Straßen gegangen ohne zu wissen, wie die Staatsmacht reagieren würde. Ich glaube, dass Gott hier mitgegangen ist. Aber neben Gott  ging auch die Angst mit. „Wir hatten alles geplant. Wir waren auf alles vorbereitet. Nur nicht auf Kerzen und Gebete.“ Diese Worte vom SED-Zentralkomitee-Mitglied Horst Sindermann  stehen für das,  was wir vor mehr als 27 Jahren in diesen Tagen erlebt haben: Und der Versprecher von Günther Scharbowski  auf der Pressekonferenz am 09. November 89 um 19.54 Uhr  war vielleicht  der letzte Windstoß des Heiligen Geistes, der das Kartenhaus der Unfreiheit und Unmenschlichkeit Diktatur und Ungerechtigkeit  zum Einsturz brachte: Auf die Nachfrage eines Journalisten antwortet er, in seinen Notizzetteln kramend: Die Reisebeschränkungen für DDR Bürger in den Westen würden „sofort – unverzüglich in Kraft treten“. Dann geht es los! Zehntausende DDR Bürger ziehen jubelnd zu den Kontrollpunkten. Die Grenztruppen werden von den jubelnden Menschenmassen förmlich überrollt.  Sie können die hochprofessionellen Sperranlagen nur noch öffnen. Und dann tanzen Menschen auf der Berliner Mauer. Wenige Stunden später fällt dann auch der unüberwindliche Grenzzaun bei Duderstadt.

 

So überwindet man Zäune: Es braucht Menschen, die sich bewusst sind, dass sie das Volk sind! Kerzen, Gebet, Friedfertigkeit und eine ordentliche Portion des Heiligen Geistes.

Wer könnte noch an diesem Zaun mit dem kreuzförmigen Loch und dem blauen Himmel angekommen sein? Wir vielleicht, die wir vor wenigen Wochen begonnen haben, uns an einen Tag zu erinnern, der 500 Jahre zurückliegt?

 

Am 31. Oktober 1517 schlug der Augustiner Eremit und Professor für Theologie, an der Universität zu Wittenberg, Dr. Martin Luther,  der Überlieferung nach, seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg und zeigte damit die Bereiche an, in denen er sich eine Erneuerung seiner Kirche wünschte. Besonders empfindlich war der gebildete Mönch, wenn es um das Thema „Selbsterlösung“ ging: Kein Mensch, auch Bischöfe und Päpste nicht, würden Gottes Gnade zur handelbaren Ware degradieren dürfen. Der Ablasshandel  - „wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt“ – war für Luther der Aufhänger seiner Kritik. Als Papst Leo, der Geld für den Bau der Peterskirche benötigte, Luther daraufhin exkommunizierte, begann die Spaltung der Kirche:

Längst nicht war diese spätmittelalterliche Zeit so finster, wie sich das viele heute gemeinhin vorstellen: An das Ablasswesen stellten damals auch die einfacheren Menschen zunehmend Fragezeichen. Sie wünschten sich theologisch fundierte Predigten, zu denen der normale Dorfpfarrer in der Regel nicht in der Lage war. Mehr Landwirt als Theologe, war er bei einem anderen Pfarrer in die Lehre gegangen und hatte gelernt auf Latein recht und schlecht die Messe zu lesen. Der Vollzug des Rituals war wichtig, nicht so sehr der Inhalt. Auch das fand Luther nicht sonderlich lustig. Vor Gott wurde in den Predigten häufig Angst gemacht, und die Menschen fragten sich voller Sorge, wie der junge Martin Lutter auch:  „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ Das berühmte Turmerlebnis brachte dem jungen Luther, der sich oft mit Bußübungen quälte, den inneren Durchbruch: als er Römer 1,17 las: „Der aus dem Glauben Gerechte wird leben.“

Mittlerweile sind viele Dinge die Martin Luther 1517 in seinen 95 Thesen anmahnte, in der katholischen Kirche umgesetzt: Der Begriff Ablass kommt im Katechismus der Katholischen Kirche zwar noch vor, aber in der Praxis der Gläubigen spielt er keine Rolle mehr.  Geistliche und weltliche Ämter sind nicht mehr miteinander verflochten. Es wird das Wort Gottes hochgeschätzt,  die Geistlichen sind theologisch gut ausgebildet. Der Opferbegriff  ist dem des Judentums angeglichen und als „Zeichen der Hingabe an Gott“ zu verstehen. Mittlerweile  ist man sich auch in der katholischen Kirche bewusst, dass kein Mensch durch Rituale Gott beeinflussen oder sich den Himmel verdienen kann. Gute Werke oder Zeichen der Hingabe  sind nicht Elemente einer Selbsterlösung, sondern Ausdruck des angenommenen und gelebten Glaubens.

Beide Kirchen benötigten sage und schreibe 482 Jahre, bis dieses theologische Problem mit der gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre 1999 gelöst wurde. Vieles, was Martin Luther vor 500 Jahren als reformbedürftig benannte, hat die katholische Kirche in den letzten Jahrhunderten, Jahrzehnten und Jahren umgesetzt. Es wäre an der Zeit, die Lehrverurteilungen gegen Martin Luther endlich aufzuheben. Sie haben keinen Sitz im Leben mehr. Martin Lutter hat die Kirche nicht gespalten und wollte sie nicht spalten. Er hat sie weiterentwickelt. Gespalten haben sie alle, die Luthers Kritik nicht ernst nahmen. Und nicht zuletzt Leo X., der mit der  „Bulla contra erorres Martini Lutheri“ Luther exkommunizierte und damit vogelfrei machte.

 

Trotzdem sind die 500 Jahre Reformationsgeschichte bis heute auch eine Geschichte der gegenseitigen Verletzungen und des Ringens miteinander. Bis heute gibt es unter uns Zäune: Das unterschiedliche Amtsverständnis ist nicht so weit geklärt, als dass eine eucharistische Gastfreundschaft auch von katholischer Seite möglich wäre. Aber an diesem Zaun wird gearbeitet. Vielleicht erleben wir ja noch, dass er Löcher bekommt. Es gibt auch vermeidbare Zäune: Der Chef der Glaubenskongregation, Gerhard Ludwig Kardinal Müller, hat  im Rückgriff auf Dominus Jesus in seinem jüngsten Buch der Evangelischen Kirche wieder  das „Kirche sein im Vollsinn“ abgesprochen. Welche Hybris steckt in dieser Haltung, die evangelische Kirche am katholischen Kirchenrecht zu messen. Das ist ein Zaun, der vermeidbar gewesen wäre. Ebenso wie das Abstecken von evangelisch wie katholischen Einflusssphären, wenn es um die öffentliche Präsenz geht. Ich glaube, beides gehört nicht mehr in unsere Zeit.

Das Reformationsjubiläum fällt heute in eine Zeit, in der das Christsein nicht mehr selbstverständlich ist  und sich die Christen beider Konfessionen mit anderen Weltanschauungen und Menschenbildern verstärkt auseinandersetzen müssen. Mit Sorge schauen wir mit unseren Bischöfen auf die, die immer wieder versuchen unter die Menschen die Saat des Hasses, des Terrors und der Angst zu säen. Es tat gut, wie mich Superintendent Lechler eingeladen hat, das Grußwort zur Veranstaltung „Vielfalt statt Einfalt“ am kommenden Samstag gemeinsam zu sprechen. Auf diesen Weg müssen wir weitergehen! Gemeinsam ist uns, dass wir Christi Angesicht, in unseren leidenden Schwestern und Brüdern sehen, unabhängig ihrer Herkunft, Rasse und Religion. Gemeinsam ist uns, dass wir Christus gegenwärtig glauben im Wort, im gebrochenen Brot des Abendmahls und der Eucharistie, in den Versammlungen in seinem Namen und überall dort,  wo Menschen in Liebe und Güte handeln. Gemeinsam ist uns, dass wir glauben, das  Gottes Heiliger Geist immer wieder in den Kirchen wirkt. Nicht in der einen oder der anderen, sondern in beiden; mal weniger und mal mehr. Der Rat der Evangelischen Kirche Deutschlands  und die Deutsche Bischofskonferenz laden  dazu ein, das Reformationsjubiläum, wo immer es möglich ist, auch ökumenisch zu begehen. Es ist wichtig, sich über die Reformation und ihre Hintergründe zu informieren. Vorurteile, die auf beiden Seiten immer noch bestehen abzubauen, unterschiedliche Empfindungen zu respektieren,  für Verletzungen um Vergebung zu bitten, für die Einheit der Christen zu beten und zu arbeiten und den christlichen Glauben immer wieder gemeinsam zu feiern. Denn:  Wir sind das Volk    -  Gottes Volk!

Und wir müssen in den Zaun, der uns immer noch trennt, gemeinsam mit unseren Bischöfen immer größere Löcher schneiden. Kreuzförmige Löcher! Löcher im Sinne Jesu!

 

Amen.