Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 26 u. 27

Prädikant Prof. Dr. phil. Jörn Westhoff, M.A. (ev.)

24.03.2017 Erlöserkirche in Haltern am See

Passionsandacht Gründonnerstag

Liebe Gemeinde,

ein wunderschöner Vogel, mit roten und goldenen Federn, mit herrschaftlichem Schnabel und weiten Schwingen – so beschreibt ein uralter ägyptischer Mythos den Vogel Phönix. Der Phönix lebt 500 Jahre lang, dann baut er ein Nest, in dem er stirbt und zu Asche verbrennt.

 

Ein Hollywood-Film aus dem Jahre 1965 trägt den Titel „Der Flug des Phönix“. Darin geht es um den Piloten und die Passagiere eines kleinen Flugzeuges mit dem Namen „Phönix“, das in der Wüste notlanden muss und dabei stark beschädigt wird. Nach vielen Auseinandersetzungen und vergeblichen Versuchen, das Flugzeug zu reparieren, müssen die Überlebenden schließlich einem Passagier vertrauen, der sich nur mit Modellflugzeugen auskennt, der aber sicher ist, dass er aus dem Wrack des alten ein ganz neues Flugzeug bauen kann.

 

„Der Flug des Phönix“ ist ein sehr spannender Film, und mein Vater hätte ihn gern im Fernsehen angeschaut, damals, als ich selbst noch ein kleiner Junge von vielleicht acht Jahren war. Meine eigene Lieblingssendung war damals „Lemmi und die Schmöker“. Sie lief wohl immer am Samstagnachmittag, auf einem der drei Programme, die es damals im Fernsehen zu sehen gab. Wir hatten zuhause, wie die meisten Familien damals, einen Schwarzweiß-Fernseher, der stand im Wohnzimmer, und wir mussten uns in der Familie einigen, welches Programm geschaut wurde.

 

An einem Samstag war in einem Programm meine Lieblingsserie zu sehen, und im anderen Programm „Der Flug des Phönix“. Diesen Film wollte mein Vater gern sehen und schlug mir das ganz lieb vor. Das hatte er noch nie getan, wir Kinder und unsere Wünsche gingen eigentlich immer vor – zumal es sich bei „Lemmi und die Schmöker“ auch um eine Sendung handelte, in der Kinderbücher empfohlen wurden, also etwas Wertvolles. Wenn mein Vater trotzdem vorschlug, ein anderes Programm zu schauen, muss ihm daran schon sehr gelegen haben. Ich aber, ein Kind, beharrte nörgelig und vielleicht auch mit ein paar Tränen auf meiner Lieblingssendung und setzte mich durch.

 

Schon während der Sendung kamen mir Zweifel, ob das denn so richtig war, und ich fragte mich, ob mein Vater nicht vielleicht traurig war, dass er den schönen Film nicht sehen konnte. Traurig war er wohl wirklich, das habe ich gemerkt, vermutlich - wie ich heute verstehe - mehr über die Selbstsucht seines kleinen Jungen. Ich weiß noch, dass ich die Sendung in etwas gedrückter Stimmung zu Ende geschaut und dann meinem Vater vorsichtig vorgeschlagen habe, doch nun das Programm zu wechseln. Er aber wollte den schon halb gesendeten Film nun nicht mehr sehen.

 

Eine kleine Schuld eines kleinen Jungen: ich hatte meinen Vater durch meine Selbstsucht traurig gemacht. Und diese Schuld hat mich verfolgt. Vielleicht kennen Sie das: man denkt an nichts Böses, aber auf einmal fallen einem längst vergangene Situationen wieder ein, in denen man so richtig Mist gebaut hat. Man erschrickt vor sich selbst und ist traurig, weil man die Situation nicht mehr ändern kann. So ging es mir mit dieser eigentlich kleinen Schuld gegenüber meinem Vater. Ich habe immer wieder beschämt daran gedacht – tatsächlich sogar jahrzehntelang, bis ich längst erwachsen war, so sehr hat mich wohl als Kind meine eigene Schuld beeindruckt. Ich hätte wohl nur mit meinem Vater darüber sprechen müssen, aber dazu war mir die Sache dann doch zu gering – obwohl es für mich eine große Sache war, die sogar umso größer wurde, je weiter sie in der Vergangenheit lag.

 

Liebe Gemeinde,

Kein Vergleich zu dieser kleinen Schuld ist die große Schuld derer, die den Tod des Gottessohnes zu verantworten hatten. In der Lesung haben wir gerade vom letzten Abendmahl gehört, das Jesus mit seinen Jüngern gehalten hat. Über das, was am nächsten Tag geschah, berichtet Matthäus uns im 26. und 27. Kapitel seines Evangeliums:

 

Und als er noch redete, siehe, da kam Judas, einer von den Zwölfen, und mit ihm eine große Schar mit Schwertern und mit Stangen, von den Hohenpriestern und Ältesten des Volkes. Und der Verräter hatte ihnen ein Zeichen genannt und gesagt: Welchen ich küssen werde, der ist's; den ergreift. Und alsbald trat er zu Jesus und sprach: Sei gegrüßt, Rabbi!, und küsste ihn. Da traten sie heran und legten Hand an Jesus und ergriffen ihn.

Da verließen ihn alle Jünger und flohen.

Am Morgen aber fassten alle Hohenpriester und die Ältesten des Volkes den Beschluss über Jesus, ihn zu töten, und sie banden ihn, führten ihn ab und überantworteten ihn dem Statthalter Pilatus.

Als Judas, der ihn verraten hatte, sah, dass er zum Tode verurteilt war, reute es ihn, und er brachte die dreißig Silberlinge den Hohenpriestern und Ältesten zurück und sprach: Ich habe Unrecht getan, dass ich unschuldiges Blut verraten habe. Sie aber sprachen: Was geht uns das an? Da sieh du zu!

Und er warf die Silberlinge in den Tempel, ging fort - und erhängte sich.

Liebe Geschwister,

seit zweitausend Jahren klagt die Christenheit über die Tat des Judas. Sein Name ist Synonym geworden für den schlimmsten Verrat. Bei all dem aber wird meist nicht bedacht, wie Judas selbst auf seine Tat und deren Folgen reagiert hat. Dabei lässt sich durchaus Gutes berichten:

 

Judas ist der Einzige, der als unmittelbar Beteiligter erkennt und ausspricht, dass Jesus Unrecht geschieht. Er ist der Einzige, von dem im Evangelium berichtet wird, dass er seine Schuld einsieht und öffentlich bekennt. Judas allein kehrt um von seinem Irrtum: Er bereut. Von sonst niemandem, der mitverantwortlich war, wird das gesagt. Die Jünger: fliehen. Petrus: verleugnet Jesus dreimal und weint darüber eine Zeitlang. Pilatus waltet seines Amtes. Ebenso die Hohen Priester.

 

Nur von Judas heißt es: „Es reute ihn.“ Judas Iskariot, der den Messias verraten hat, hat große, unfassbare Schuld auf sich geladen. Und er leidet unter dieser Schuld. Denn das ist Reue: Leiden unter der eigenen Schuld.

Reue, liebe Gemeinde, hat Konsequenzen im Leben. Natürlich gilt: Niemand, der Schuld auf sich geladen hat, muss sich so hart richten wie Judas – der Tod ist immer eine zu harte Konsequenz. Aufrichtig bereuen, das heißt tatsächlich erst einmal: einsehen und ohne Beschönigung erkennen, dass man Schuld auf sich geladen hat. Ehrlich sein vor sich selbst. Wer das tut, wer eigene Schuld erkennt, der wird darunter leiden – so wie ich selbst als kleiner Junge und noch Jahrzehnte lang gelitten habe.

 

Denn loswerden kann man die Schuld nicht durch die Reue. Die Schuld und das Leiden an der eigenen Schuld kann man keinesfalls allein beseitigen. Sie verschwinden nur durch Vergebung. Vergeben aber kann man sich nicht selbst, das kann nur ein anderer. Reue bewirkt deshalb nur etwas, wenn man sie nicht nur innerlich empfindet, sondern auch nach außen bekennt.

 

Judas Iskariot leugnet seinen Verrat nicht, im Gegenteil: Die dreißig Silberlinge, seinen Verräterlohn, wirft er in den Tempel. Und er bekennt: „Ich habe gesündigt.“  Ohne Einschränkung oder den Versuch einer Entschuldigung  benennt Judas den schuldhaften Kern seiner Tat so deutlich wie nur eben möglich:

 

„Ich habe unschuldiges Blut verraten“.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn es darum geht, ob zwischen Verwandten oder Freunden eine Schuld verziehen wird, dann hoffen und erwarten wir normalerweise, dass das auch geschieht, wenn sich nur alle redlich bemühen. Wir vertrauen darauf, dass die Liebe stärker ist als Zorn oder Enttäuschung. Aber auch in der Familie wird Verzeihung oft nicht einfach geschenkt. Auch uns selbst reicht ein irgendwie gemurmeltes „Tschulligung“ meist nicht aus.

 

Damit alles wirklich gut wird, erwarten wir von anderen und auch von uns, dass wir uns mit einer Schuld, die wir auf uns geladen haben, auseinandersetzen, dass wir bereuen. Wir finden es wichtig, dass wir darum kämpfen, unsere Schuld zu benennen, und dass wir dann aufrichtig um Verzeihung bitten. Das fällt uns nicht immer leicht, aber es befreit.

 

Aber Judas Iskariot kann nicht befreit werden. Er kann sich seine eigene Schuld nicht verzeihen, die Tempelpriester fühlen sich nicht zuständig, und seinen Rabbi Jesus erreicht Judas nicht mehr, ihn kann er nicht mehr um Verzeihung bitten.

 

Liebe Gemeinde,

nicht immer gehen alle Geschichten gut aus. Gewiss, in Hollywood-Filmen gibt es meist ein Happy End, so auch im „Flug des Phönix“: Das aus dem alten Wrack neu entstandene Flugzeug bringt die Überlebenden tatsächlich aus der Wüste heraus. Ihr Vertrauen in die Fähigkeiten des Modellflugzeugbauers wird belohnt.

 

Auch meine eigene Geschichte ist gut ausgegangen: ich bin meine kleine, groß gewordene Schuld losgeworden. Denn irgendwann hat jemand begonnen, alte Filme auf DVD herauszugeben, auch den „Flug des Phönix“. Vor einigen Jahren habe ich die DVD mit diesem Film zufällig entdeckt. Ich habe sie meinen Eltern geschenkt. Und dann habe ich meinem Vater die Geschichte von damals erzählt. Als schon lange Erwachsener habe ich meinem Vater die Verzweiflung des kleinen Jungen, der ich einmal war, gebeichtet und die Scham erklärt, die mich seither immer wieder überkam. Er hat gelacht und war gerührt zugleich. Erinnern konnte er sich sowieso nicht mehr, aber natürlich hat er mir verziehen. Seitdem ist das eine gute Geschichte, die ich gern erzähle.

 

Und Judas Iskariot?

Er richtet sich selbst – mit dem Tod, den sein Verrat über Jesus bringen wird. Aber ist das das endgültige Urteil über Judas Iskariot? Schuld verschwindet nicht  durch Reue allein. Sie muss vergeben werden, und dazu braucht es ein liebendes Gegenüber.

Bei mir war es mein Vater. Und für Judas möchte ich mir wünschen, dass Gott selbst ihm verzeiht.

Liebe Geschwister,

auf einem Kapitell-Relief in der Wallfahrtskirche Saint-Marie-Madeleine im französischen Vézelay ist der  erhängte Judas zu sehen. Die Zunge ragt ihm aus dem Mund, er ist erstickt. Aber im Bild gleich daneben lädt der auferstandene Jesus ihn sich auf die Schulter und trägt den Erhängten wie das verlorene Schaf des guten Hirten heim.

 

Ich glaube: So ist der reuige Judas gerettet und heimgebracht worden. So ist seine Schuld durch Vergebung getilgt, so ist sein Leiden an der eigenen Schuld beendet, und er ist in der Ewigkeit nicht verloren. So geht auch die Geschichte des Judas Iskariot am Ende gut aus, fast wie in Hollywood und genau wie die Geschichte meiner kleinen Schuld.

 

Eine Geschichte, liebe Gemeinde, ist in dieser Predigt noch nicht zu Ende erzählt: Der Vogel Phönix baut sein Nest nicht ohne vergebliche Hoffnung. Er verbrennt in diesem Nest zu Asche, aber in der Asche liegt ein Ei, aus dem er neu geboren wird. Für die frühen christlichen Gemeinden waren der Phönix und seine Geschichte deshalb Symbole für das Leben eines Christen: Keiner ist ohne Schuld, aber das Feuer und die Asche des Phönix sind Symbol für die Reue des Menschen – aus ihr wachsen Vergebung für alle Schuld und am Ende Auferstehung von den Toten und die Hoffnung auf ein neues, auf das ewige Leben.

 

AMEN.