Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 28,1-10

Pastor Tobias Götting (ev.-luth.)

16.04.2017 Ev.-Luth. Kirchengemeinde Ansgar Hamburg-Langenhorn

Ostersonntag

„Was vorüber ist, ist nicht vorüber“ (Rose Ausländer)

 

Liebe Gemeinde,

 

Sie will ihm einfach immer wieder nah sein. Schließlich waren sie so lange verheiratet gewesen. So lange, dass sie sich kaum mehr an eine Zeit zu erinnern vermag, in der sie nicht mit ihm zusammen gelebt hatte. Sie hatten all' das Schöne und das Schwere geteilt. Sie waren gut und gerne miteinander alt geworden. Dann griff die Krankheit bei ihm mit hartem Griff zu und er ist gestorben.

 

Oft kommt sie seitdem auf den Friedhof. Nimmt ein paar frische Frühlingsblumen mit in diesen Tagen. Harkt die dunkle Erde vor dem großen Grabstein. So groß ist der, wie der Stein auf ihrem Herzen, den noch niemand wegzurollen vermag. Und doch ist es gut für sie, herzukommen. Immer wieder. Hier, auf dem Friedhof, kann sie etwas tun. Sie macht das Grab schön für ihn - und für sich. Das stützt und das stärkt. Sie bleibt nicht eingefroren und regungslos in ihrem Trauer-Schnecken-Haus. Immer wieder geht sie los. Das kostet Kraft - und das schenkt Kraft. Auch das ist Teil dieser eigenartigen Spannung, mit und in der sie jetzt lebt. Oft geht sie zum Grab. Sie bleibt in Bewegung. Und sie bleibt verbunden.

 

Es ist ein guter Ort für sie, die Gemeinschaftsgrabstätte unserer Kirchengemeinde. Hier haben Menschen sich zusammengetan, die im Leben aufeinander Acht geben wollen und im Tod beieinander bleiben möchten. Der große Findling an der Stirnseite der Gräber ist, wie unsere Kirche auch, von einem großen, schlichten Kreuz geprägt. Vor den Platten, auf denen die Namen der Verstorbenen eingraviert werden, werden mehrmals im Jahr frische Blumen gepflanzt. Die Gemeinschaft trägt das alles - eine gute und auch kostengünstige Alternative zu einer anonymen Beisetzung.

 

Sie kommt oft hierher, die Witwe. Sie will ihm einfach immer wieder nah sein. Und doch: Immer wenn sie zum Grab kommt ist es auch, als bebte die Erde. Schneller pocht dann ihr Herz. Wegen der tausend Traurigkeiten oder, auch das, der vergegenwärtigten Freude von einst. Meist wohl wegen dieser eigentümlichen Mischung aus beidem...

 

Immer wenn sie zum Grab kommt, ist es als bebte die Erde. Wenn sie seinen Namen liest und die Lebensdaten ihres geliebten Ehemanns. Das so geschrieben zu sehen, in der österlich weißen Schrift auf dem rötlichen Granitstein, das lässt sie jedes mal auf's Neue zusammenzucken und erbeben. Das lässt sie erzittern. Dann ist es noch jedes Mal wieder so, als verlöre sie jetzt endgültig den Boden unter den Füßen.

 

Ein Engel ist ihr hier noch nie begegnet, jedenfalls keiner mit weißen Gewändern. Und noch kennt sie auch nicht die Erfahrung, dass der Verstorbene ihr hier näher wäre, als anderswo. Sie spürt vor allem … seine Abwesenheit. Sie spürt keine Berührung mehr auf der Haut von ihm. Berührungen - die gibt es seit seinem Tod eigentlich überhaupt nicht mehr, außer manch' professionelle, wenn der Krankengymnast sie stützt oder jemand ihr zu Begrüßung die Hand reicht. Aber keine Hand mehr, die sich vor dem Schlafen gehen in die ihre legt. Keine Hand mehr, die sanft den Rücken herunter streicht, oder die Wange vertraut berührt. Berührungen sind selten geworden. Und so kostbar.   

 

Sie kommt oft an das Grab. Sie spürt die Erde. Feucht ist sie und kalt. Hier nimmt sie intensiv wahr, was der Fall ist. Dieser Ort erdet sie auch in der Realität.

 

Ein Engel ist ihr hier am Grab noch nie begegnet, jedenfalls keiner mit weißen Gewändern.

 

Aber manchmal trifft sie eine andere Frau hier, die hat ihren Mann vor einem Jahr begraben. Sie kommt inzwischen seltener. Manchmal kommen die beiden hier an den Gräbern miteinander ins Gespräch.

 

Und dann erzählt sie, die schon im Witwenstand Erfahrenere, wie sie immer seltener das Bedürfnis verspüre, an diesen Ort zu kommen. Wie sie sich ihrem verstorbenen Mann an so vielen anderen Orten so viel näher fühle. Zu Hause, in der Wohnung, in der fast kein Teil stünde, das sie nicht gemeinsam ausgesucht und sich in den kleinen, bescheidenen Anfängen gemeinsam vom Munde abgespart hätten. Da, wo sie gemeinsam gelebt haben, gelacht und geweint, eben dieses schrecklich schöne und manchmal ganz schön schreckliche Leben miteinander geteilt haben - da spürt sie eine Nähe, die bleibt. Die der Tod zwar genommen hat, aber in Wahrheit nicht zerstören konnte. Und sie erzählt davon, wie sie langsam diesem schönen schweren Leben wieder zu vertrauen gelernt hat.

 

Wie sie wieder Freude gespürt hat, körperlich spüren konnte. Freude über einen Vogel, der am Morgen schon singt oder eine Knospe, die aufblüht und dem Sterben des letzten Herbstes neu und frech blühend entkommen ist. Und wie sie die Freude darüber auch erst wieder hat lernen müssen. Das war schwer: Zulassen dürfen, sich wieder zu freuen, obwohl er sich doch nicht mehr mitfreuen kann. Sich des Lebens freuen zu dürfen, obwohl er, der Lache- und Weinepartner aus so vielen gemeinsamen Jahren gestorben ist und abgeschnitten scheint von ihrer Freude - „Das war ein richtig hartes Stück Trauerarbeit“, erzählt sie.

 

Manche der Freunde haben den langen Weg durch die Trauer nicht mitvollziehen können. Besonders schlimm waren die sicher gut gemeinten Ratschläge, die eben auch … Schläge waren. „Du musst ihn endlich loslassen“ haben Viele geraten. Aber genau das war doch, was sie nicht wollte. Sie wollte Nähe, wollte in Verbindung bleiben. Loslassen - nein, das konnte doch niemand von ihr verlangen!

 

Und dann erzählt sie davon, wie es ihr mehr und mehr gelingen konnte, „ohne ihn mit ihm“ zu leben. Wie er seinen Platz behielt in ihrem Leben und erst recht in ihrem Herzen. Und wie das gerade nicht die Aufmerksamkeit für andere Menschen und neue Begegnungen verstellt hat, sondern sie allererst mit möglich gemacht hatte. Weil sie nichts mehr abspalten, wegschließen, wegsperren musste - sondern die Trauer und die Wut und die Fragen und alles gewesene Glück zu integrieren vermochte in ihr neues und so anderes Leben.

 

Die erst vor kurzem zur Witwe gewordene hatte ihr jetzt lange zugehört auf der Bank neben den Gräbern. Warm war es ihr durchs Herz geströmt.

 

Waren das nicht genau die österlichen Worte, auf die sie seit dem Tod ihres Mannes so sehr gewartet hatte? Dass jemand ihr einfach sagt: „Es ist in Ordnung, wenn Du in Verbindung mit ihm bleibst. Es ist gut, wenn Dein verstorbener Mann weiter seinen Platz bei Dir behält. Du musst nicht loslassen. Auch ihn nicht. Du darfst ihn geborgen wissen auf der anderen Seite des Lebens. Und Du darfst ihn weiter lieben. Deine Liebe wird ihn finden.“

 

Vielleicht, so denkt die noch nicht so Erfahrene im Witwenstand, war ihr an diesem Tag doch noch ein Engel begegnet. Nicht in weißen Gewändern, sondern in Menschengestalt. Und hat ihr einen Weg zurück ins Leben beschrieben. So ist es dann ganz plötzlich und unvermittelt Ostern geworden.

 

So ist es immer, wenn Du in österlicher Freude und Gewissheit etwas von der Wahrheit der folgenden Verse spürst:

 

Was vorüber ist, ist nicht vorüber

Es wächst weiter in deinen Zellen

Ein Baum aus Tränen

Oder vergangenem Glück. 

 

(Rose Ausländer)

 

Das, liebe Gemeinde, ist auch ein Reim auf Ostern - „Was vorüber ist, ist nicht vorüber.“ Wir haben schon einmal einen wiedergesehen. Der nicht im Grab zu halten war. Der herausgerufen wurde aus dem Tod in ein neues Sein ganz in der Nähe Gottes. „Wenn ihr nach Galiläa geht, dort werdet ihr in sehen“ sagt der Engel in der Ostererzählung.

 

Ich glaube, in dieser Geschichte ist eine Erfahrung bewahrt, die viele von uns auch schon gemacht haben. Wo wir das Leben geteilt haben, wo wir wirklich miteinander waren, da sind die, die uns starben, nah. So ganz anders als früher. Und doch da. Unendlich fern. Unwahrscheinlich nah. Etwas von ihnen wächst weiter in unseren Zellen.

 

Und darum können auch wir wachsen - aus unserer Traurigkeit heraus. Auf das Leben zu. Da werden wir ihn sehen.

 

Amen.