Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 28,16-20

Dekan Ulrich Kloos (kath.)

23.07.2017 Ulmer Münster

Ulmer Stadtfest, ökum. Gottesdienst am Schwörsonntag

Liebe an diesem Schwörsonntag versammelte ökumenische Gemeinde,

das Ulmer Münster leuchtet in diesem Jahr besonders bunt. Das hat nicht nur die Videoinstallation kürzlich am Abend gezeigt. Das passt auch in dieses Jahr, da wir zurückdenken an 500 Jahre Reformation. Mit „Vielstimmigkeit“ ist dieses Jubiläum überschrieben, Vielfarbigkeit und Buntheit würde ich ergänzen. Ja, kirchliches Leben – noch weiter gefasst religiöses Leben in Ulm und um Ulm herum ist bunt und vielfältig. Nicht  nur innerhalb der evangelischen Kirche gibt es viele unterschiedliche Ausprägungen des gelebten Glaubens, auch innerhalb der katholischen Kirche ist das so, in einer Weltkirche, die ganz unterschiedlich gefärbte Spiritualitäten leben, wenn ich schon allein an die vielen Gemeinden anderer Muttersprache hier in Ulm denke. In 10 verschiedenen Sprachen finden Gottesdienste in Ulm statt, so steht es auf unserer neuen Homapage. Und auch in den anderen Religionen entdecke ich diese Vielfalt unterschiedlich gelebten Glaubens, auch hier in Ulm.

Es ist wichtig, dass wir diese Vielfalt gelebten Glaubens respektieren und anerkennen als Reichtum und nicht als Defizit. Ökumene heißt nicht, alles über einen Kamm zu scheren und auf eine Linie zu bringen. Was Ökumene bei aller Vielfalt aber wohl heißt, ist eine gemeinsame Basis, ein gemeinsames Grundwertefundament zu haben, das uns gemeinsam trägt und unser gemeinsamer Boden ist. Es braucht so einen gemeinsamen Geist – also auch eine geistliche Einheit, aus christlicher Sicht wirklich diesen gemeinsamen Heiligen Geist, der uns über alle Konfessionsgrenzen hinweg in der einen Taufe verbindet.

Und das ist gar nicht so weltfremd. Bei ganz unterschiedlich ausgeprägten Lebensstilen braucht es doch eine gemeinsame Grundorientierung und gemeinsame Werte. Pluralität wäre falsch verstanden, wenn wir einfach den anderen machen lassen würden, was er will. Den anderen respektieren, machen lassen, seinen Glauben und sein Leben lassen, geschieht auf einem gemeinsamen Fundament, auf einer gemeinsamen Werteüberzeugung. Das hat Kurienkardinal Koch Anfang April hier im Münster und auch in Basilika in Wiblingen nochmal betont bei dem hochkarätigen Treffen mit Bischof Bedford-Strohm organisiert von der Unita die Cristiani Anfang April.

Was ist das gemeinsame Wertefundament können wir fragen in unserer Gesellschaft heute hier in Deutschland, hier in der internationalen Stadt Ulm. Ich denke, der heutige Predigttext legt da eine gute Spur. Das eine ist der Gottesglaube. Das wird jetzt vielleicht manche überraschen. Aber der Glaube an Gott gehört für mich ganz wesentlich zu diesem gemeinsamen Wertefundament. Im Evangelium hören wir, wie die Jünger auf einen Berg in Galiläa gingen, um Gott zu begegnen, in Gestalt des menschgewordenen und auferstandenen Jesus Christus. Sie nehmen sich Zeit, sie nehmen sich aus dem Alltag heraus, gehen auf einen Berg, um Gott zu begegnen. Das gibt ihnen wieder Orientierung, sie sehen wieder klar, sie können ihre Ängste und Sorgen ablegen in dieser Gottesbegegnung. Das gelingt aber nur, wenn Sie ihren Alltag kurz unterbrechen, auf einen Berg steigen – oder vielleicht auf den Turm des Ulmer Münsters, um mit Gottes Hilfe, wieder einen klaren Blick auf das eigene Leben zu bekommen. Gottesbegegnung und Gebet im Leben richten uns aus, bringen uns wieder ins Lot. Das ist die Erfahrung aller gläubigen Menschen, über Religions- und Konfessionsgrenzen hinweg. Kürzlich stieg in Wiblingen ein Harley Fahrer von seiner schicken Maschine und fragte, ob die Basilika noch offen sei, er würde hier gerne herkommen, da kommt er zur Ruhe. Wir haben auch heute solche Orte der Gottesbegegnung, die wirkliche Kraftorte für Menschen sind, und hier im Münster werden das noch mehr Menschen erfahren und immer wieder herkommen, um kurz aufzutanken, sich neu auszurichten in einer kurzen stillen Begegnung mit Gott.

Denn eines merke ich auch in einer immer säkularer und atheistischer werdenden Zeit. Je mehr die Gottesbeziehung verloren geht, umso mehr geht auch die Beziehung unter Menschen verloren, umso mehr schauen einzelne immer mehr nach sich selbst, ich könnte auch sagen in ihr Smartphone, und auf Ihren Profit. Der Respekt vor Gott als höherem Wesen, als einem, der meinem Leben Halt und Orientierung gibt, führt dazu, dass ich auch respektvoll mit der ganzen Schöpfung, der Umwelt und Natur und natürlich auch mit jedem einzelnen Menschen umgehe, egal welchen Schulabschluss, welche Religion oder welche Hautfarbe er hat. Das ist meine Überzeugung: Wer Respekt hat vor Gott, der hat auch Respekt vor dem anderen und vor der Schöpfung.

Dann können sich Haltungen wie Vertrauen, Wertschätzung, Warten und Lassen können ausprägen. Was die Welt heute braucht ist nicht äußerliche Machtdemonstration, sondern innerlich starke Menschen. Das wird von innen heraus unsere Welt anders prägen. Dann geschieht es eben nicht mehr, dass der Vorgesetzte von Vorgaben unter Druck, den Angestellten unter Druck setzt und der seinen Mitarbeiter. Dann zählt nicht das, was irgendwelche Qualitätshandbücher von einzelnen erwarten, sondern der Einzelne, dem ich Vertraue. Und auch die weit verbreitete Segmentierung, die den ganzen Menschen aus dem Blick verliert, hört dann auf. Der Mensch ist k Dinge einfach ein Roboter. Er ist ganz Mensch. Deswegen braucht auch Zeit. Geduld, warten können, setzten lassen können sind da so Haltungen, die viel Ruhe in unseren Alltag bringen und eben die persönliche Wertschätzung für den Einzelnen, mit seinen Stärken. Diese Haltungen erwachsen aus dem Respekt vor dem Einzelnen, der wiederum aus dem Respekt vor Gott erwächst, der jeden einzigartig geschaffen hat.

Daher meine ich, gehört der Gottesglaube auch zu den gemeinsamen Grundwerten, die unsere Gesellschaft braucht, bei aller Vielfalt wie sich das Leben  der Einzelnen dann auch bunt entfaltet.

Daher bin ich froh, dass es durch die Jahrtausende immer wieder Menschen gab, die sich von diesem menschgewordenen Gott, von Jesus Christus haben ansprechen lassen, so wie die Jünger. Die diesen Auftrag beherzigt haben, zu allen Völkern zu gehen, sie zu taufen, uns sie das Evangelium, die frohe Botschaft zu lehren. Dieser Auftrag Jesu könnte heute freilich als zu missionarisch verstanden werden. Das ist jedoch keineswegs der Fall. Niemand soll gezwungen werden sich taufen zu lassen. Die Taufe steht für die Beziehung zu Gott, das bewusste Ja, mit diesem Gott durchs Leben zu gehen. Aber diesem Ja von uns geht das Ja Gottes zu jedem von uns voraus. Gott sagt zuerst einmal Ja, zu jedem, so wie er ist. „Du bist mein geliebter Sohn, meine geliebte Tochter.“ So eine Zusage, tut doch jedem von uns einfach (sau)gut. Zu wissen, von ihm bin ich gehalten und angenommen. Und wenn ich dann Ja dazu sage in der Taufe, sage ich Ja zu diesem Angebot Gottes, zu seinem Evangelium, zu seiner frohen Botschaft. Und das hat nichts einengendes. Ich lade mir nicht ein hartes Joch in Form eines strengen Gesetzes auf. Sondern als Kind Gottes, will Gott mich in die Freiheit führen, wie das Volk Israel aus der Knechtschaft heraus geführt wurde, so will Gott mich von unguten Abhängigkeiten befreien. Das habe ich auf meinem Lebens- und Glaubensweg oft erfahren. Nie hätte ich als schüchterner 17-jähriger mir vorstellen können, hier heute als Dekan zu stehen. Bindung an Gott schenkt Freiheit. Wie oft hat gerade Luther von der Freiheit des Christenmenschen gesprochen. Ein Gottesglaube darf von Religionen nie zur Unterdrückung und Knechtung missbraucht werden. Der Glaube führt in die Freiheit, zu einem guten, vertrauensvollen und respektvollen miteinander. 

Und ich sehe noch einen weiteren Grund, warum es diesen Gottesglauben als Fundament braucht: Weil er uns eine gewisse Gelassenheit gibt. Da möchte ich den letzten Satz des Matthäusevangeliums in Erinnerung rufen: Und siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. Das steht als Schlusssatz, sozusagen als Pointe am Ende des ganzen Evangeliums: Die Zusage, dass Gott bei uns ist, bis zum Ende der Welt. Dies gilt bei allem, was wir tun, bei allem, wie wir unseren Dienst in der Welt tun, bei allen Herausforderungen, denen wir uns stellen und bei allen Herausforderungen, die uns das Leben stellt. So ein Satz ist eine grandiose Zusage. Er nimmt mir manche Angst. Wir wissen es ja alle, dass Angst ein schlechter Ratgeber ist. Aber wie sehr ist unsere Zeit heute oft von der Angst getrieben, wieviel wird heute aus Angst auch schlichtweg überreguliert, wieviel Aufgeregtheit entsteht da, wo zuviel Angst ist. Der Glaube führt zu einem gewissen Grundvertrauen, zu einer gläubigen Gelassenheit auch dann, wenn vieles unsicher geworden ist, was wir ja auch in unserem Land und in Europa spüren. Heute ist nicht mehr alles so klar und sicher, wie es die letzten dreißig Jahre war. Bei allem, was wir für Sicherheit in unserer Zeit tun können und müssen, braucht es auch in den Köpfen und Herzen der Menschen ein Grundmaß an Vertrauen und gläubiger Gelassenheit.

Als unsere christliche Berufung und Aufgabe sehe ich es, auch unseren Glauben unaufgeregt, nicht mit verbissenem Ernst und strenger Miene, sondern mit einer Fröhlichkeit und Zuversicht zu leben, die ansteckt. Ein Wort aus dem ersten Petrusbrief begleitet mich zur Zeit: Seid jederzeit bereit, Auskunft zu geben, von der Hoffnung, die euch erfüllt. Diese Hoffnung, diese Zuversicht, die wir aus dem Glauben schöpfen, soll uns prägen und soll unsere Welt prägen. Das wollen wir auch an diesem Schwörfest hier mitten in Ulm tun. Ich möchte schließen mit dem Wort eines großen Ökumenikers, von Kardinal Walter Kasper, der anlässlich seines 60. Priesterjubiläums ein Büchlein herausgegeben hat mit dem Titel: „Seid fröhlich in der Hoffnung“. Amen.