Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 5,1-10

Dr. Susanne Ehrhardt-Rein, Pfarrerin (ev.)

01.11.2015 Andachtsraum des Zinzendorfhauses in Neudietendorf

I.

 

Sie sitzt am großen Esstisch und schaut in den Garten. Ein sonniger Oktobertag, die herbstliche Laubfärbung strahlt.

Die Quitten werden langsam gelb, und hinten im Garten fallen nach und nach die Nüsse ins Gras.

Der große Nussbaum ist übervoll mit Nüssen in diesem Jahr. An dem freut sie sich immer wieder, das wird eine reiche Ernte. Nächste Woche wird sie die Kinder einspannen zum Aufsammeln.

Der Baum steht genau an der Gartenmauer, die eine Hälfte der Nüsse fällt in den Park nebenan, es bleibt immer noch genug, was in ihren Garten fällt. Sie lehnt sich behaglich zurück. Ein schöner Nachmittag.

 

Aus dem Garten sind plötzlich Stimmen zu hören. Kinderstimmen: „Mama, sieh mal, so viel Nüsse sind hier, tausende Nüsse!“

Sie stutzt: Wer kann das sein? Ihre Kinder sind doch gar nicht zu Hause. Sie wirft sich eine Jacke über, schlüpft in die Gartenschuhe und läuft, betont langsam, bis zur Gartenmauer.

Und da hocken sie: zwei Jungs, vielleicht 8, 9 Jahre alt dunkelhaarig, schwarzäugig.

Ihre Mutter, Kopftuch, nicht mehr jung, offensichtlich keine Einheimische, steht auf der anderen Seite des Zaunes, der die Gartenmauer mit der nächsten Hauswand verbindet.

Neben ihr zwei Mädchen, auch so etwa 10, 11 Jahre alt. 

 

Die Lage ist ziemlich eindeutig: Die Mutter hat ihre Jungs über den Zaun geschickt, im Park lagen wahrscheinlich keine Nüsse mehr. Seht mal nach, was ihr da drin findet.

 

Und nun: Erschrockene Gesichter der Kinder, einer will seine halbvolle Tüte gleich ausschütten.

Die Hausbewohnerin hält ihn zurück: Lass mal, die kannst du schon mitnehmen. Aber wie kommt ihr hier rein? Stotternde Erklärungen. Die Mutter mit irgendwie selbstverständlichem Anspruch, in gebrochenem Deutsch: Sie hat doch letztes Jahr schon mal geklingelt und gefragt. Und da hatte niemand Zeit. Und nun dachte sie. Und es wären doch so viel Nüsse.

Die Mädchen ergänzen und übersetzen.

Die Jungs klettern schnell zurück, aufs öffentliche Parkgelände.

Die Hausbewohnerin ringt mit sich, will freundlich sein, aber bestimmt.

Erklärt: dass das nicht geht, einfach in den Garten einsteigen. Dass sie doch klingeln sollen. Dass sie auch selbst  ihre Nüsse gern ernten möchte.

Man redet noch so hin und her. Das nächste mal klingeln, ok?

Ja, aber wenn keiner aufmacht. Dann geht es nicht.

Hm. Entschuldigung. Ok. Ist schon gut.

Dann gehen sie, die Mutter mit den vier Kindern.

 

Sie hebt noch ein paar Nüsse auf, geht wieder nach oben, sitzt an ihrem Esstisch.

Der Kaffee ist kalt. Sie fühlt sich irgendwie blöd.  Sie fühlt sich reich und geizig.

Sie denkt an die Nüsse, auf die sie nicht angewiesen ist. Aber es ist doch ihr Garten, wenigstens gemietet.

 

Zwei halbvolle Tüten, immerhin. Sie haben doch bekommen, was sie wollten.

Meine Nüsse, eure Nüsse. Mein Garten, mein Haus, meine Privatsphäre.

 

Selig sind, die arm sind vor Gott.

 

Ach, es geht doch nur um ein paar Nüsse. Und was hätte sie denn  anderes tun sollen. Der Nachbar hätte vielleicht die Polizei geholt. War es nicht richtig so?

 

Selig sind die Barmherzigen.

 

 

II.

 

Sie betrachtet die Nüsse, die jetzt auf dem Tisch liegen. Ihr fällt eine Geschichte ein, die sie vor einigen Jahren den Kindern im Religionsunterricht erzählt hatte. Es ging um Martin Luther, seine Zeit und seine Ideen. Was er dachte und bewirkte, wie er von Gott redete und was er glaubte.

Eine Geschichte, mit der die Kinder verstehen sollten, was damals passierte. Schön verpackt, verständlich beschrieben:

Der kleine Johannes Luther, Sohn des Reformators, fragt seine Großmutter Margarethe nach seinem Vater aus:

Wie war er so als Kind? Bin ich ihm ähnlich? Wie habt ihr damals gelebt?

Die Großmutter erzählt vom Bergwerk in Mansfeld, von der vielen Arbeit, dem Garten, den Tieren.

 

„Johannes hatte aufmerksam zugehört. Jetzt fragte er: ‚War mein Vater eigentlich ein braves Kind?‘  Die Großmutter lachte: ‚Eigentlich schon. Aber manchmal gab es auch Ärger: Eines Tages kam dein Vater mit einer Nuss nach Hause. Auf die Frage, woher er die Nuss habe, stotterte er: 'Ich habe sie gefunden … auf der Erde.' Ich wusste genau, dass das eine Lüge war. Als ich ihn weiter wortlos ansah, gab er zu: 'Ich habe sie aus Nachbars Garten, von seinem Baum.' Dein Vater bekam meinen Stock zu spüren. Als ich ihn schlug, musste ich weinen, so traurig war ich über das, was dein Vater getan hatte. Ich hielt ihm vor: 'Lügen und Stehlen bringen dich in die Hölle!' Er zuckte zusammen, denn er dachte an ein Bild in unserer Kirche. Jedesmal, wenn wir in den Gottesdienst gingen, versteckte sich Martin hinter mir, um dieses Bild nicht ansehen zu müssen.‘…“*

 

Das Bild vom Weltenrichter, Christus mit dem Schwert. Und die ganze Angst wegen einer Nuss.

Martin Luther muss dieses Erlebnis tief im Herzen getragen haben.

Später hat er, als alter Mann, noch davon erzählt. So groß war die Angst. Wegen einer Nuss. Du sollst nicht stehlen. Und er war doch noch ein Kind.

Gottes Gebot: übertreten. Mit einer Nuss.

 

Sie atmet tief durch. Wie anders die Zeiten waren.

So viel Angst und Schmerzen wegen einer Nuss. Sie hat keine Angst, bestraft zu werden, weil sie etwas falsch gemacht hat. Sie hat das auch ihren Kindern anders beigebracht: Gott ist nicht der, der uns bestraft für die Fehler, die wir machen.

 

Aber nun sitzt sie hier im Nussbaum-Dilemma, mit einem blöden Gefühl.

Was ist falsch, was ist richtig? Ist meine Gartenmauer die Grenze meiner Offenheit?

 

Sie ist reich. Die Frau mit den vier Kindern ist arm. Soviel steht fest.

Was soll sie daran ändern? Wäre das nicht blauäugig, zu sagen: Kommt rein, nehmt, so viel ihr wollt?

Was soll daraus werden? Und  außerdem: Ist das nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein? Es ändert doch nichts am grundsätzlichen Problem: Hier wir  Reichen, dort ihr Armen.

 

Selig sind, die hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit.

 

 

 

 

III.

 

Sie räumt den Tisch ab, legt die Nüsse in eine Schale. Sie müssen erst noch trocknen, bevor sie richtig schmecken.

 

Sie geht an den Schreibtisch und findet einen Gedanken bei Martin Luther. 1509 schreibt er in einem Brief:

 

„Ich hätte von Anfang an am liebsten die Philosophie mit der Theologie vertauscht. Ich meine: mit einer Theologie, die den Kern der Nuss, das Innere des Weizens und das Mark der Knochen erforscht.

Aber Gott ist Gott; der Mensch täuscht sich oft, ja immer in seinem Urteil. Dieser ist unser Gott, er wird uns stets in Freundlichkeit leiten.“

 

Der Kern der Nuss – da ist sie wieder, die Nuss.

Martin Luther hatte sie als Kind kennengelernt als Zeichen der Angst: Angst vor Strafe, Angst vor Gott und seinen Ansprüchen, Angst, nicht das Richtige zu tun, nicht zu genügen.

Sie kannte das auch: Nicht die Hölle des Jenseits schreckte sie. Aber die Angst, nicht zu genügen, das Leben nicht sinnvoll zu nutzen, die kannte sie sehr gut.

Die Angst, den eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden.

 

Sie denkt an ihre Freundin, die sich wie sie und noch mehr Gedanken macht über den Lauf der Dinge, über die Politik im Großen und das richtige Leben im Kleinen. In deren kleinen Wohnort wurden im Frühjahr 100 Flüchtlinge in der Turnhalle einquartiert. Große Unruhe im Ort – aber auch große Hilfsbereitschaft. Die Freundin hatte gleich Initiative ergriffen, sich um Kontakte gekümmert, viel Zeit und Kraft investiert. Um einen jungen Senegalesen hatte sie sich besonders bemüht: Sprachunterricht, Berufsberatung, ein bisschen familiäre Wärme in der ganzen Unsicherheit. Einer von Hundert. Und nun: Verlegung der Flüchtlinge, neue Unsicherheit, Enttäuschung. Keiner weiß, was aus ihm wird. War jetzt alles umsonst?

 

Selig sind, die reinen Herzens sind.

 

 

IV.

 

Sie klappt ihr Buch zu.

Der Kern der Nuss.

Der Kern dessen, was von Gott zu sagen ist: „Er wird uns stets in Freundlichkeit leiten.“

Das Gute, das wir tun sollen: Gott gibt uns die Gelegenheit dazu.

Er stiftet uns zum Guten an.

Zur Sanftmut und zur Barmherzigkeit.

Zum Frieden und zur Gerechtigkeit.

Vielleicht ist Gott vor allem bei denen, die nicht rechnen: meine Nüsse, deine Nüsse.

Bei denen, die das Gute, das ihnen vor die Füße fällt, einfach tun.

Bei denen, die so tun, als wären sie schon im Himmel.

 

Lieber Gott, gib mir noch eine Gelegenheit, denkt sie. Vielleicht kommt die Frau mit den vier Kindern ja noch einmal.

Vielleicht traut sie sich, noch einmal zu klingeln.

Ich könnte sie reinlassen, in meinen Garten, in mein Haus. Ich könnte mit ihr sprechen, auf Augenhöhe. Ihre Geschichte hören, ihr begegnen, freundlich und menschlich. Hoffentlich traut sie sich, zu klingeln.

V.

 

Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.

Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.

Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.

Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.

Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.

Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.

Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.

Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.

 

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne ein Christus Jesus. Amen

 

 

* Zitat aus: Feil-Götz, Elvira: Martin Luther und seine Zeit: Materialien und Kopiervorlagen für die Grundschule. Calwer Verlag, 1999, S. 50.