Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 5,1-12a

Diakon Dr. Dennis Rokitta (kath.)

29.01.2017 Kirche St. Franz Josef, Hamburg-Harburg

Schwestern und Brüder, das christliche Abendland ist bedroht. Ich bin ehrlich: Ich habe Angst. Und wenn ich so in die Zeitung oder die ein oder andere Nachrichtensendung schaue, dann glaube ich, ich bin damit nicht allein. Christliches Abendland, das muss doch noch etwas mit Christentum, etwas mit Christus zu tun haben. Und heute, im Evangelium, da haben wir quasi sein Programm, seine Regierungserklärung gehört. Die Bergpredigt steht am Anfang des Wirkens Jesu. Seine Worte schreibt er uns als Programm ins Stammbuch. Da heißt es:

Selig, die arm sind vor Gott. – Selig, die anerkennen, dass da einer ist, der größer ist als sie. Einer, der die letzten Antworten hat. Einer, vor dem ich arm und mittellos bin. Nicht, weil ich kein Vermögen habe, sondern, weil ich im Vergleich zu seiner Größe nichts bin. Und heute? Da heißt es doch eher: Selig, die am lautesten rufen. Selig, die die einfachsten Antworten geben. Selig, die auf jemanden zeigen und sagen: Die sind schuld! Woran auch immer. - Selig, die arm sind vor Gott.

Und Jesus spricht weiter: Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit. Selig, die Barmherzigen. Und wenn ich, im Rahmen der Flüchtlingsdebatte den ein oder anderen Beitrag gehört habe, sei es aus Frankreich vom Front National, sei es hier in Deutschland von der AfD, sei es vom jetzigen Präsidenten der USA, Donald Trump oder aus den osteuropäischen Mitgliedsländern der EU, als es um die Verteilung der Flüchtlinge ging, ja, da wird mir Angst, um unser christliches Abendland. Wenn osteuropäische Regierungen sich abschotten, dann mag das Recht sein. Es mag legal sein. Aber ist es gerecht? Heißt Gerechtigkeit nicht, sich am Wohl aller Menschen zu orientieren? Silvester 1946 hat der Erzbischof von Köln, Kardinal Frings - es war ein bitter kalter Winter nach dem Krieg - seinen Gläubigen in der Silvesterpredigt zugesagt, dass wenn sie das, was sie zum Leben brauchen - es ging damals vor allen Dingen um Kohlen - von den Wagons am Bahnhof mitgehen lassen, dann ist das keine Sünde. Als „fringsen“ ist diese Art Mundraub in den deutschen Sprachgebrauch eingegangen.1 Legal, war das nicht. Aber es war gerecht und es war barmherzig. - Und wenn heute die dortigen Ortsbischöfe den osteuropäischen Regierungen in der Flüchtlingskrise nach dem Mund reden, sich damit gegen den Papst und, das ist doch der eigentliche Skandal, gegen das Evangelium, gegen Christus selbst stellen, ja, dann wird mir Angst um unser christliches Abendland.

Selig, die keine Gewalt anwenden, selig die Frieden stiften. In den USA haben wir jetzt einen Präsidenten, dem, wenn auch Gott sei Dank nicht alle, so doch viele Menschen zujubeln. Der sagt: „Wenn dich jemand schlägt, dann schlag so fest du kannst zurück!“2, „Wenn wir schon Atombomben haben, warum sollen wir sie nicht einsetzen?“3 - In Deutschland können Politiker wieder fordern, dass man an der deutschen Grenze auf Frauen und Kinder schießt: Da wird mir Angst.

Und wenn ich die aktuellen Umfragen anschaue, dann bin ich mir durchaus darüber im Klaren, dass ich, zumindest statistisch gesehen, auch hier jedem Zehnten gerade auf die Füße trete. - Ich hoffe, dass das nicht so ist, aber ich nehme es billigend in Kauf. Schon Jesus war sich darüber im Klaren, dass seine Worte nicht nur Widerspruch, sondern auch Widerstand hervorrufen. Er sagt es eindeutig: Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden. Ich glaube, das richtet sich an uns alle: Wenn wir nicht mehr bereit sind, gegen eine Politik der Menschenverachtung, eine Politik der Egoismen und eine Politik der Nationalismen aufzustehen und uns zu diesem Programm Christi zu bekennen - als Christen zu seiner Regierungserklärung - dann brauchen wir uns auch keine Sorgen mehr um das christliche Abendland zu machen: Dann ist es bereits am Ende.

 

 

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1: Vgl.: https://www.erzbistum-koeln.de/kultur_und_bildung/historisches-archiv/schaetze_aus_dem_archiv_1/eine_predigt_mit_folgen_die_bedeutung_des_wortes_fringsen/

2: Vgl.: www.focus.de/kultur/vermischtes/donald-trump-die-schlimmsten-sprueche-von-politik-ruepel-donald-trump_id_4890681.html

3: Vgl.: www.faz.net/aktuell/politik/trumps-praesidentschaft/donald-trump-zieht-angeblich-den-gebrauch-von-atomwaffen-in-betracht-14371030.html