Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 5,38-45a

Pfarrer Dr. Dieter Heidtmann

02.02.2009 in der Deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde in Brüssel


[Der Pfarrer zeigt der Gemeinde einen Engel aus Scherben und lässt ihn dann herumgeben. (1)]



Liebe Gemeinde!
Ich habe Ihnen einen Engel mitgebracht. Es ist ein kleiner Glasengel, gefasst in einfachen Lötzinn. Als ich ihn das erste Mal näher angeschaut habe, dachte ich, „der ist ja selbstgemacht  –  und das braune Glas hier unten sieht aus wie von einer Flaschenscherbe“.

Und so ist es auch: Dieser Engel ist aus Scherben gemacht. Aus Scherben, die nach Luftangriffen auf den Straßen Bethlehems gefunden wurden. Junge christliche Palästinenser aus dem Begegnungszentrum der evangelischen Weihnachtskirche in Bethlehem haben ihn gemacht. Ich lasse diesen Scherbenengel einmal herumgehen, damit Sie ihn sich anschauen können. Aber bitte Vorsicht, er ist kostbar.

Heute ist der letzte Sonntag nach Epiphanias. Damit endet die Weihnachtszeit, in der die Menge der himmlischen Heerscharen den Hirten auf den Feldern von Bethlehem verkündigt hatte, „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden …“

Und doch war in dieser Weihnachtszeit ausgerechnet im Heiligen Land kein Friede. Über viele Wochen hinweg haben wir jeden Tag die schrecklichen Bilder vom Krieg im Gaza-Streifen gesehen, von Tod und Zerstörung.

Und man gewöhnt sich an diese Bilder. Irgendwie muss man sie sich ja auch fernhalten, weil all das Leid sonst gar nicht auszuhalten wäre. Ich erinnere mich an das Lied einer Musikgruppe aus den 80er Jahren, in dem es heißt:

„Allein Gewohnheit, das ist es nicht
und cool ist auch nicht das rechte Wort,
eher kalt, kalt wie ein Marmorblock,
so fühlt sie sich.
10.000 Tote in Beirut, das interessiert sie nicht,
sie hört vom Leid, das dort geschieht,
doch es berührt sie nicht.“ (2)

Und dann geschieht es doch, dass dieser Schutzmantel, mit dem wir uns umgeben, an einer Stelle durchbrochen wird. Durch ein Bild in der Zeitung von einer verschütteten Kinderhand unter einem zerbombten Haus, durch einen Engel aus den Scherben des Krieges ...

In der Bibel sind die Engel Botschafter Gottes. Und es ist ein Kennzeichen der Engel, dass sie keine besondere Gestalt haben. Wind und Feuer werden als Engel beschrieben, Menschen und Tiere können zu Boten Gottes werden. (3) Manchmal auch Scherben?

Wenn alles in Scherben liegt, zerstört ist, nicht nur die Häuser, sondern auch alle Hoffnung auf Versöhnung, auf ein friedliches Zusammenleben, was hilft dann noch?
 
Wie überwinden wir Gewalt und Konflikte, Situationen, in denen Hass und Vorurteile so festgefahren sind, dass sie schon von Generation zu Generation weitergegeben werden? Wie durchbricht man die Spirale von Gewalt und Gegengewalt?

Ich lese das Gebot der Feindesliebe in der Bergpredigt (Mt 5,38-45a):
„38 Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn.  39 Ich aber sage euch, dass Ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: Wenn Dich jemand auf Deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar;  40 und wenn jemand mit Dir rechten will, und Dir Deinen Rock nehmen , dem lasse auch den Mantel.  41 Und wenn Dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei. 42 Gib dem, der dich bittet, und wende Dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will. 43 Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.  44 Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde, und bittet für die, die euch verfolgen,  *45 damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel.“

Angesichts des Schreckens, von dem die Scherben des Engels erzählen und angesichts der Verfahrenheit der Konflikte im Nahen Osten scheint die Botschaft der Bergpredigt naiv zu sein.  Als ob man Gewalt und Terror überwinden könnte, indem man sich ihnen unterwerfe.

Aber das will Jesus nicht. Und er war alles andere als naiv.
„Wenn Dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dann biete die andere auch dar.“ Wie immer bei Jesus lohnt es sich, ganz genau hinzuhören. Ich würde Sie gerne einmal bitten, so zu tun, als würden Sie Ihrem Nachbarn oder Ihrer Nachbarin auf die rechte Backe schlagen. Auf die rechte!

Wenn Sie Rechtshänderin/Rechtshänder sind, wie die meisten Menschen, stellen Sie fest: Das geht gar nicht. Ich kann mit der rechten Hand nicht auf die rechte Backe schlagen! Es sei denn, ich benutze den Handrücken.

Damit erhalten Jesu Worte auf einmal eine andere Bedeutung: Wenn ich jemanden mit dem Handrücken schlage, dann geht es nicht darum, den anderen zu verletzen, sondern, ihn zu demütigen, zu erniedrigen. Dem Schläger die andere Backe hinzuhalten, lässt nicht nur die Wirkung des ersten Schlags verpuffen. Es stellt das Handeln des anderen grundsätzlich infrage: „Was tust Du da eigentlich?“

Die Zeit Jesu war nicht weniger gewalttätig und grausam als die unsrige. Israel/Palästina war ein besetztes Land und die Römer waren eine skrupellose Besatzungsmacht. So hatte jeder römische Soldat das Recht, einen anderen, der ihm gerade gelegen kam, sein gesamtes Gepäck für eine Meile tragen zu lassen. Dank der Meilensteine entlang der römischen Feldstraßen war genau definiert, wie weit der andere das Gepäck des Soldaten tragen musste. Sie können sich vorstellen, dass der unglückliche Mensch, der das gesamte Gepäck schleppen musste, es dem Soldaten beim nächsten Feldstein vor die Füße warf,  wenn er - oder sie - nicht schon vorher die erste Gelegenheit nutzte, um davon zu laufen.

Jesus empfiehlt nun, den Frondienst nach der vorgeschriebenen Meile freiwillig zu verlängern, um den erstaunten Römer durch Freundlichkeit zu entwaffnen. Ein biblisches Sprichwort sagt: „Können etwa zwei miteinander wandern, sie werden denn einig untereinander?“ (Amos 3,3) Spätestens auf der zweiten Meile werden die beiden miteinander ins Gespräch kommen und das ist der erste Schritt, um den anderen wieder als Person wahrzunehmen, um Gewalt zu überwinden.

Die Geschichte mit dem Mantel geht schließlich in dieselbe Richtung. Wenn in Israel jemand verschuldet war, durfte ihm alles genommen werden, nur nicht sein Mantel, den er benötigte, um sich in der Nacht vor der Kälte zu schützen. Sozusagen eine frühe Form des Schutzes des Existenzminimums. Indem jemand seinem Gläubiger auch noch den Mantel überreichte, machte er deutlich: Du bist im Unrecht. Du gehst weit über das hinaus, was nötig ist, um Gerechtigkeit wieder herzustellen.

Der jüdische Theologe Pinchas Lapide beschreibt Jesu Gebot der Feindesliebe in der Bergpredigt als eine Methode der „Ent-feindungsliebe“(4): Es geht nicht darum, zum anderen eine emotionale Bindung aufzubauen. Ich kann meine Feinde nicht lieben! Das wäre ein Gebot, das alle menschliche Moralkraft übersteigen würde. Es geht darum, den anderen nicht nur durch Vorurteile zu sehen, sondern wieder als Mensch wahrzunehmen.

Feindesliebe ist demnach kein frommer Wunsch, sondern eine Strategie, die den Ausgleich sucht zwischen den verschiedenen Interessen der Menschen. Ein Verhalten, das die Muster der Gewalt und der Erniedrigung durchbricht und die verletzliche Seite des Lebens wieder sichtbar werden lässt.

So wie dieser Scherben-Engel.  In den Engeln kommt Gott uns Menschen ganz nahe. Er durchbricht unsere Schutzschichten und hilft uns, das Verletzliche in den Menschen wieder wahr zu nehmen. Das ist die Botschaft dieses Engels: Überwindet Gewalt und Zerstörung dadurch, dass Ihr den Menschen die Augen wieder füreinander öffnet. Überwindet das Böse durch das Gute. „Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden.“ Amen.



(1) Zum Scherben-Engel vgl. www.arendt-art.de/deutsch/palestina/texte/scherbenengel.htm
(2) Anyone’s Daughter: Der Plan ( … und das Eis zerschlagen). Auf: Neue Sterne. LP 1983.
(3) D. Heidtmann. Die Engel. Grenzgestalten Gottes. Über Notwendigkeit und Möglichkeit der christlichen Rede von den Engeln. Neukirchen-Vluyn 1999. 173.
(4) P. Lapide. Die Bergpredigt – Friedensutopie oder Realpolitik? Eine jüdische Auslegung. In: Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste (Hg.): Christen im Streit um den Frieden. Beiträge zu einer neuen Friedensethik. Positionen und Dokumente. Freiburg 1982.