Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 6,11

Kuratoriums- und Vorstandsvorsitzender Augusta-Viktoria-Stift

Pfarrer i. R. Thomas M. Austel (ev)

03.07.2016 Kaufmannskirche am Anger in Erfurt

"Unser tägliches Brot gib uns heute." (Matthäus 6)

 

Liebe Predigthörer. Liebe Gottesdienstgemeinde.

 

Prolog

Also wider das Vergessen Herzensbildung. Fragen respektvoll nach der Geschichte, die in der fremden Figur steckt, der Prophetenplastik in dem Kanzelkorb hier in der Kaufmannskirche. Das Raunen: „Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr …  Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen?“ (Martin Luther Jes 40)

“Comfort ye, comfort ye my people, saith your God. Speak ye comfortably to Jerusalem, and cry unto her … The voice said, Cry. And he said, What shall I cry?” (King James Jes 40)

Predige: frage nach dem Erzählen der Geschichte, die in der Christusplastik in unserem Kanzelkorb steckt.

Predige auf Augenhöhe: „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern … ihr sollt so beten: Unser Vater im Himmel! … Unser tägliches Brot gib uns heute.“ (Martin Luther Mt 6)

Spricht so die Christusplastik inmitten mit den fünf Wundmahlen, mit der Dornenkrone und mit dem Kreuzstab? Spricht so „der Allerverachtetste und Unwerteste“, der Mann „voller Schmerzen und Krankheit.“ Spricht so der Mann, der „so verachtet war, dass man das Angesicht vor ihm verbarg“; predigt der Mann so und „haben wir ihn darum für nichts geachtet“. (Martin Luther Jes 53)

                                     

Sequenz 1

Weder Welt- noch Brotschmerz. In Tagen wie diesen[i]. Was ist in? Wellness und Brotfeste. Landlust in der Badescheune für immer und für immer für uns. Rauschende Brotfeste mit Nuss-, Mandel- und Rosinenbrot für immer und für immer mehr Brotfeste und für immer mehr Brotfeste für uns. Der Hedonismus europäischer Freizeitmenschen bei wohlanständigen Fleischtöpfen und Brot die Fülle in Kirche und Welt.

 

Unser tägliches Brot. Unser täglicher Anspruch auf Grundversorgung und Grundsicherung. Der starke Sozialstaat. Der Ernährer. Brotgarant. Lange Tafel. Vorsorge. Ach wir Armen! „Am Brote hängt, zum Brote drängt doch alles …“[ii] in Kirche und Welt. Und wieviel Neid erscheint als Brotneid.[iii]

 

Sequenz 2

In Tagen wie diesen. Bis wohin reicht Wellness und Brotfest. Und wo beginnt die Nacht, die nicht die Nacht des Anderen ist. „Ein Leben mit Hunger oder ein Leben mit Geld“.

Die Absurdität: Arbeit macht nicht satt. Mehr Arbeit führt nicht zu mehr Brot. Weniger arbeiten – nicht weniger Brot.

 

Untergegangen „Das Brot der frühen Jahre“ (Wolfgang Borchert). Mein Kampf um das Brot. Schweiß und Tränen. Schmerz und Qual. Sorge erscheint angesichts gesetzlicher Ladenöffnungszeiten und Sonn- und Feiertage als Brotsorge: „Wo kaufen wir Brot?“ Die tradierte Philippus-Frage in der Lehrerzählung „Die Speisung der Fünftausend“(Jo 6).Die Brotsorge der Menschen in Kirche und Welt.

 

Sequenz 3

In Tagen wie diesen. Wo beginnt die Nacht, die nicht die Nacht des Anderen ist? Beginnt die Nacht bei der Bitte um das Brot. So fremd geworden wie das Beten. Fremd wie das Rufen.

 

Die Durchstreichung des Bekannten ist die Situierung des Beters als Verortung „zwischen einem ‚Nicht-Mehr‘ und einem ‚Noch-Nicht‘[iv] zwischen Nicht-Mehr Brot und Noch-Nicht Brot steht der Beter im Text „Unser tägliches Brot gib uns“.

Die Verortung erscheint im Raum mit Tisch und Stuhl und lässt uns leiblich-körperlich unseren Platz einnehmen.

Das Erleben und Deuten, Wahrnehmen, Erinnern und Erwarten im Hier und Jetzt wird Gestalt im Inferno Alltag – Leben genannt – in der Bitte um Zuwendung – beten genannt –: „gib uns“ und „gib uns heute“ und „gib uns heute“ das Tägliche wie „unser tägliches Brot“. “Täglich“, das heißt nötig zum Dasein und zum Tag gehörig.[v] Zauberhaft. Mehr nicht.

 

Das Erzählen in der hebräischen Thora, die wundersame „Speisung mit Wachteln und Manna“ illustriert das Tägliche. Einst „sprach der HERR zu Mose: Siehe, ich will euch Brot vom Himmel regnen lassen, und das Volk soll hinausgehen und täglich sammeln, was es für den Tag bedarf. … am Morgen lag Tau rings um. Und als der Tau weg war, siehe, da lag's in der Wüste rund und klein wie Reif auf der Erde. Und als es die Israeliten sahen, sprachen sie untereinander: Man hu? Denn sie wussten nicht, was es war. Mose aber sprach zu ihnen: Es ist das Brot, das euch der HERR zu essen gegeben hat.“[vi]

 

Sequenz 4

In Tagen wie diesen. Tröstlich: „Jesus nimmt das Brot und gibt's.“ So tradiert in der Lehrerzählung „Der Auferstandene am See Tiberias“. (Jo 21) [vii]  

Das Tröstliche ist leibhaft wie „essen und trinken Körper und Seele zusammenhält“.

Das Tröstliche ist sinnhaft: wohlriechend, -schmeckend, verdaulich, nahrhaft, kostbar und köstlich. Frisch …

Das Tröstliche ist befreiend: der Leidenschaft Essen freien Lauf lassen („Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“[viii]) und sich erleichtert fühlen als sei einem Heilung zuteil geworden.

 

„Er gibt … unsern Kindern Brot.“ (Matthias Claudius) Das gilt für Jung und Alt. Für Unmündige und Mündige. Generationsübergreifend. Tröstlich: „unsern Kindern“.

Aber wo das Brot unkostbar folglich bezahlbar geworden, werden Menschen Konsumenten im Kraftfeld der Ökonomie und wird die zunehmende Entwicklung des „Menschen zur wirtschaftlichen Ware“[ix] eröffnet. „Jedes Verdinglichen ist ein Vergessen.“ schrieb Adorno. Das tägliche „Mehr“, das verloren gegangen.

 

Jedes Unverdinglichte wird Erinnern. Erinnertes Beten und Rufen – „Unser Vater … gib uns“ „und unsern Kindern Brot“, „unser tägliches Brot“ – bewahrt das Brot als Gabe und den Beter als Empfangenden. Die Hyperbolik des Brotes spiegelt den Empfangenden als Befreiten wie die Christusplastik des Schmerzensmannes in unserem Kanzelkorb den Salvator spiegelt. Die Summe im Wort: kostbar.

 

Das Vertrauen in die Gabe schimmert wie das einfallende Licht im Wort „du bereitest … einen Tisch“ (Ps 23). Der Tisch, an dem Jesus mit den Seinen Platz nimmt.

Vertrauensbildung erfolgt in den ästhetischen „Räumen und Orten gelebter christlicher Religion und den dort zu machenden Erfahrungen einer als christlich identifizierten Praxis“.[x] Der „Vorschein des Nichtidentischen“[xi] im Niemandsland zwischen den Fronten. Zwischen dem fest geformten religiösen Land und dem Land des Verrats.

 

Wie kommt das Brot in unser Leben oder wieviel Heimatlosigkeit brauchen wir?

Das Heimatbedürfnis im Brot. Das Brotwort „Das ist mein Leib/Körper“ (Mk 14) verwoben mit dem anmutenden Christuslogion „Ich bin das Brot“ (Jo 6).  Gedeutete und interpretierte Wirklichkeit in dem Abendmahlsbild des Erfurter Reformationsaltars in unserer Kirche: der gebrochen wird bricht das Brot. Der gebrochen worden ist, ist wiedererkannt worden im brechen des Brotes. (Lk 24) „Die Eucharistie [das Abendmahl, Anm. Vf.] ist unser tägliches Brot.“ lese ich bei dem auf unserem achteckigen Kanzeldeckel sitzenden Kirchenvater Augustinus.[xii]

Nachdenklich frage ich: Sind In den Lebensbildern die Himmelsbilder gebrochen? Ist in dem Lebensbrot das Himmelsbrot gebrochen? Gibt es einen Himmel, der zwischen uns einhergeht, doch weil er für Geld nicht zu kaufen ist, sehen wir ihn nicht mehr?[xiii] Wo ist der „Wiener Stachel“, der umtreibt, manchmal ungelassen sein lässt, manchmal das Leben schwer angehen und nehmen lässt?

 

Ist im Unheil Heil gebrochen, wo das was ist nicht alles ist[xiv]? Ist in der anmutenden Willkommenskultur der Gastfreundschaft – dem inszenierten empathischen Flashmob am Tisch auf dem Erfurter Anger – die Mahlgemeinschaft gebrochen? Nicht solitär, sondern sozial. Nicht ich, sondern wir. Nicht national, sondern global. Die Mannschaft. Das Team. „Christus als Gemeinde existierend.“[xv] Kommunion, die Kommunikation includiert.

Im Kirchraumtext begegnet dem Leser beides: der das tägliche Brot segnende Christus und die gottesdienstliche Mahlgemeinschaft, die glaubend ruft: „Unser tägliches Brot gib uns heute“ und „Das Brot des Lebens für dich“. Anfang der unendlichen Geschichte.

 

Epilog 

Zuletzt Referenz an Hieronymus Boschs faszinierende Bilderwelten großer Apokalyptik – das hymnische Dies Irae – gestaltet aus Zitaten aus Briefen aus der Feder der Paulusplastik in dem Kanzelkorb unserer Kanzel: „Zur Zeit der letzten Posaune. … die Posaune wird erschallen und die Toten werden auferstehen unverweslich, und wir werden verwandelt werden. Denn dies Verwesliche muss anziehen die Unverweslichkeit, und dies Sterbliche muss anziehen die Unsterblichkeit. Wenn aber dies Verwesliche anziehen wird die Unverweslichkeit und dies Sterbliche anziehen wird die Unsterblichkeit, dann wird erfüllt werden das Wort, das geschrieben steht (Jesaja 25,8; Hosea 13,14): ‚Der Tod ist verschlungen vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel‘?“ (Martin Luther 1Ko 15)

Und an anderer Stelle: „O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! Denn ‚wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen‘? (Jesaja 40,13) Oder ‚wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm vergelten müsste‘? (Hiob 41,3) Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.“ (Martin Luther Rö 11)

 

 


Die Toten Hosen, An Tagen wie diesen, Songtext.

[ii] frei nach J. W. von Goethe: „Nach Golde drängt, / Am Golde hängt / Doch alles.“ Faust. Der Tragödie erster Teil, 1808. Abend, Margarete mit sich allein. 

[iii] „Das Grauen besteht darin, daß wir zum ersten Mal heute in einer Welt leben, in der man sich das Bessere gar nicht mehr vorstellen kann.“ (Theodor W. Adorno)

[iv] Wolfgang Iser, Akt 327-47 in: Clemens W. Bethge, Kirchenraum,  S. 189, Stuttgart 2015.

[v] Mt 6, 11) unser [261]tägliches[262] Brot gib uns heute[263]; Übersetzung und Anm. Hans Jochen Genthe 2010. https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Jochen_Genthe

(261] Ü: Das Wort επιουσιοσ (spr. epiousios), das hier steht, kommt in der gesamten griechischen Literatur nur hier vor. “Täglich“ ist die wahrscheinlichste Wiedergabe = „nötig (zum Dasein), zum Tag gehörig … durch die Einschränkung auf das ‚Heute‘ und durch die Form des Verbums (Imperativ Aorist) deutet Mt an, dass er die Bitte auf das konkrete Bedürfnis nur ‚dieses (einen) Tages‘ bezieht und so das Nicht-sorgen noch einmal hervorhebt.“ Alexander Sand, Das Evangelium nach Mt. Leipzig 1989. S. 127f)                   „Dieses neue ‚Gebet‘ war somit für die Gemeinde ein genuin christliches Gebet, denn es vereinigt in sieben Bitten die Kernaussagen der Predigt Jesu von Nazareth, der als der Christus der Gemeinde diese Kernaussagen  im Sinne einer Verfügung eben dieser Gemeinde als ein dauerndes Vermächtnis anvertraut.“ (ebd. S. 129)

[vi] Ex 16

[vii] Für Brot und Zubrot ist gesorgt. Wenn der Alltag mühsam ist… (Jo 21 | Helga Kohler-Spiegel  29. März 2016, http://www.feinschwarz.net/fuer-brot-und-zubrot-ist-gesorgt-wenn-der-alltag-muehsam-ist/):

„Für mich ist dies eine der tröstlichsten Ostererzählungen. Wenn der Alltag mühsam ist, wenn von Auferstehung und „Fülle des Lebens“ weit und breit nichts zu sehen ist, wenn unsere Nächte lang und schlaflos und zermürbend sind, dann steht einer am Ufer. Dann wartet einer und öffnet uns den Blick, zeigt eine neue Perspektive. Dann macht uns jemand – bildlich gesagt – ein wärmendes Feuer und eine warme Mahlzeit, eine Freundin vielleicht, ein Arbeitskollege, der Partner oder die Oma oder eine Enkelin…

Der heutige Abschnitt aus dem Johannesevangelium sagt für die Zeit nach Ostern, wenn der Alltag wieder mühsam wird: Wir sind nicht allein, Gott selbst, der „Ich-bin-da“ begleitet uns, wir werden genährt, Brot des Lebens – sagen wir zu Jesus. Und: Wenn Sie wieder einmal müde und enttäuscht und gerädert und ausgebrannt sind, wenn Sie wieder einmal „mit leeren Netzen“ nach Hause kommen, dann sagt das heutige Evangelium: Ändern Sie die Blickrichtung und machen Sie einen neuen Anlauf. Und erinnern Sie sich: „153“ (17 und 16 und 15…) – vom Ende her ist es gut.“

[viii] Denn wovon lebt der Mensch? In: Die Dreigroschenoper: der Erstdruck 1928. Mit einem Kommentar hrsg. von Joachim Lucchesi. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004. S. 67.

[ix] epd-Meldung 15. Juni 2016: Der Lutherische Weltbund betont die Aktualität der Reformation

[x] Failing, Wolf-Eckart in: Clemens W. Bethge, Kirchenraum, S. 40, Stuttgart 2015.

[xi] Theodor W. Adorno

[xii] „Die Eucharistie ist unser tägliches Brot. Dieser göttlichen Speise eignet die Kraft der Einigung: sie vereint uns mit dem Leib des Herrn und macht uns zu seinen Gliedern, damit wir das werden, was wir empfangen ... Dieses tägliche Brot ist auch in den Lesungen, die ihr jeden Tag in der Kirche anhört, in den Hymnen, die ihr hört und die ihr singt. All das benötigen wir für unsere Pilgerschaft“ (hl. Augustinus, serm. 57,7,7).

[xiii] nach André Heller

[xiv] nach Theodor W. Adorno

[xv] Dietrich Bonhoeffer, Sanctorum Communio. DBW 1, 259 Anm. 36 und 271 Anm. 205.