Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 8,18-20

Pastor Wolfgang Blaffert

28.01.2001 in Den Haag

Haben Sie schon einmal nachgezählt, wie oft Sie in Ihrem Leben umgezogen sind ?
Sind Sie gerne gegangen oder mit Bedauern ? Haben Sie jedesmal freiwillig die Koffer gepackt oder manchmal auch gezwungenermaßen?
Vielleicht wären Sie an manchen Orten lieber geblieben; vielleicht waren Sie hin und wieder froh, weiterreisen zu können.

Umziehenmüssen, das ist in vielen Familien hier kein außergewöhnliches Thema, sondern normaler Bestandteil ihres Lebens. Die Meisten von Ihnen haben in frühen Jahren gemeinsam mit Ihrem Ehepartner einmal eine Grundsatzentscheidung getroffen, mit allen Konsequenzen für den Partner, der häufig auf eine eigene Karriere verzichten muß und erst recht für die Kinder, die lernen müssen, mit Abschieden zu leben.

Doch auch wenn man geübt ist im Zelteabbrechen, so bleibt jeder Aufbruch trotz allem ein Gang ins Ungewisse, mag er finanziell oder karrieremäßig auch noch so gut abgefedert sein. Und bei aller Mobilität, wird der Wunsch nach Sicherheit und Geborgenheit nicht schwächer.
Niemand hält es aus, im ständigen Wechsel zu leben. Jede und jeder sehnt sich nach etwas, das zuverlässig und dauerhaft ist - nach "Heimat". Ich denke, das gilt auch für jene, die seit langem in den Niederlanden wohnen. Die Fremde ist ihnen vertraut geworden - aber würden sie soweit gehen, sie als Heimat zu bezeichnen ?

Wir alle hier sind moderne Wanderarbeiter oder Berufsnomaden. Wir leben stärker als andere in dieser besonderen Spannung von Vorläufigkeit und dem Wunsch nach Beständigem.
Das aber ist mehr als das Randproblem einer speziellen Berufsgruppe. Das kennzeichnet die Lage menschlicher Existenz insgesamt!

In der modernen Philosophie und in den Naturwissenschaften bezeichnet man diese Situation als Geworfenheit. Der Zufall hat uns auf die Bühne des Lebens gekegelt, so meint man, und wir müssen eben zusehen, eine halbwegs gute Vorstellung abzugeben in der Zeit, die uns gegeben ist. Es ist allerdings niemand da, der uns applaudiert. Das Leben wird als Irrfahrt gesehen, als eine Reise ohne Bestimmung, die grundlos beginnt und genauso grundlos irgendwann abgebrochen wird. Heimatloser als in dieser Vorstellung kann der Mensch nicht mehr sein. Er ist unterwegs und kann wohl selbst bestimmen, wohin er sich denn wenden mag, doch im Grunde ist es vollkommen gleichgültig, wofür er sich entscheidet, weil am Ende der Tod ohnehin alles wieder einkassiert. Geist und Bewußtsein - ein Betriebsunfall der Evolution. Die Welt ist zu klein für den Menschen. Er gehört nicht hierher. Er ist ein Durchreisender ohne Heimat. Soweit die moderne Vorstellung.

Die Bibel insgesamt hat eine andere Sicht der Dinge. In einem Punkt allerdings teilt sie die moderne Vorstellung. Auch sie sieht den Menschen als ein Wesen, das nicht ruht. Auch für sie ist die Welt für den Menschen zu klein. Wollte man eine Überschrift für die Bibel erfinden, so könnte man sie "das Buch der Unruhe" nennen. Denn ständig ist das Personal in ihr auf Reisen, auf der Suche, auf der Flucht oder auf Wanderschaft.

Die Beziehung zwischen Gott und Israel beispielsweise ist immer dann am engsten, wenn das Volk unterwegs ist. Sobald es sich niederläßt, beginnt die Verbindung problematisch zu werden oder bricht sogar ab. Umgekehrt mußte Israel erst mühsam lernen, daß sich Gott nicht in einen Tempel sperren ließ, sondern daß man ihm überall begegnen konnte. Doch gleichzeitig hörte es niemals auf, sich nach einem festen Ort zu sehnen, nach einer Heimat, die es von aller Ruhelosigkeit erlösen sollte.
Und dann taucht eines Tages in der Weltgeschichte ein Zimmermannssohn auf, der im Alter von 30 Jahren seine ordentliche Existenz aufgibt, Familie und Heimatort verläßt und umherzuziehen beginnt, um den Menschen von Gott zu erzählen. Ein Mann, der genau weiß, was er tut, bereit, alle Konsequenzen seiner Entscheidung zu tragen.

In unserem Predigttext, der bei Mt. im 8. Kapitel steht (18-20) werden wir hören, was das bedeutet.
"Als aber Jesus die Menge um sich sah, befahl er, hinüber ans andere Ufer zu fahren. Und es trat ein Schriftgelehrter herzu und sprach zu ihm: Meister, ich will dir folgen, wohin du gehst. Jesus sagte zu ihm: Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege."

Liebe Gemeinde !
Das ist keine Klage, sondern ein Programm. Hier macht einer radikal ernst mit der Heimatlosigkeit des Menschen in der Welt; hier verzichtet einer auf alle vermeintlichen Sicherheiten und lügt sich nicht darüber hinweg. Der Schriftgelehrte, der Jesus nachfolgen will, wird gewarnt. Er solle sich sehr genau überlegen, was er da tun wolle. Denn es geht nicht um ein bißchen Seelenschmalz, nicht um das religiöse Sahnehäubchen auf eine komfortable Existenz. Die Folgen dieser Entscheidung rühren ans Grundlegende. Wenn du mir nachfolgen willst, dann mußt du in Bewegung bleiben, nicht nur physisch, sondern auch im Denken, auch in deinen Überzeugungen, erklärt Jesus dem Schriftgelehrten. Wenn du mir nachfolgen willst, dann darfst du das Vorläufige nicht mit dem Endgültigen verwechseln.

Der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege - das klingt beängstigend; nach einer Aufgabe allein für Superchristen, von Otto Normalvertrauendem nicht zu bewältigen.
Aber Jesus geht es nicht darum, einen Hindernisparcours aufzustellen, den bestenfalls ein
paar Auserwählte fehlerlos hinter sich bringen.
Was er hier von sich mitteilt, das bezieht er zugleich auf uns alle ! Der Mensch geht nicht auf in der Welt. Wer das übersieht, wird nie erfahren, welche Möglichkeiten das Leben für uns bereithält.
Aber zum Leben gehört eben auch das Vorläufige; gehören die alltäglichen Dinge. Es ist genauso falsch, wenn man mit ihnen nichts zu tun haben will.

Wir können in den Evangelien nachlesen, daß Jesus kein Weltflüchter war, keiner, der es nicht abwarten konnte, möglichst schnell in die Ewigkeit zu entkommen. Die Welt ist für Jesus kein Jammertal, sondern ein Ort vielfältiger Freude.

Wir wissen, daß er kein Asket war, sondern gern mit anderen gefeiert hat. Es gibt zahlreiche Berichte im Neuen Testament, in denen von Trinken und Essen die Rede ist. Wir wissen, daß Jesus im Umgang mit Menschen hellwach gewesen ist für ihre Nöte und Sorgen, ohne falsche Rücksichten zu nehmen. Wenn es nötig war, konnte er ebenso hart und verletzend sein. Wir wissen, daß er sich freuen konnte, daß er Gemeinschaft suchte und gleichzeitig immer wieder das Alleinsein brauchte. Wenn man die Geschichten über Jesus liest, muß man irgendwann feststellen, daß er sich nicht festlegen läßt. Was er tut, das tut er ganz und gleichzeitig immer mit einem gewissen Abstand. An ihm können wir lernen, was es heißt, daß der Mensch in der Welt nicht aufgeht.

Was immer wir tun, das sollen wir ganz tun und zugleich mit einer gewissen Distanz. Karriere, Erfolg, Wohlstand - warum nicht, wenn sie nicht zum Selbstzweck werden; wenn man darüber nicht vergißt, daß solche Dinge nicht das Wichtigste sind. Wenn wir unser Leben nur nach dem Bankkonto oder der beruflichen Position beurteilen und uns für besonders großartig halten, dann machen wir uns selbst zu Karikaturen. Denn dann verwechseln wir das Vorläufige mit dem Endgültigen.

Wir gehen nicht auf in der Welt. Wir sind auf der Durchreise, aber nicht auf einer Strafexpedition. Im Gegensatz zu heutigen Vorstellungen betrachtet Jesus unser Dasein nicht als Irrfahrt. Wir stolpern nicht blind durch die Gegend, sondern wir sind unterwegs. Unterwegs ist nur, wer ein Ziel hat. Und nur wer ein Ziel hat, kann einen Weg gehen. Alles andere ist Tappen im Nebel.

Jesus hat ernst gemacht mit der Heimatlosigkeit des Menschen. Er hat sie in seinem Leben abgebildet. Aber das konnte er nur, weil er Heimat gefunden hatte in seiner Beziehung zu Gott, die er über alle sonstigen Bindungen stellte.

Liebe Gemeinde !
Was ist das Dauerhafte unseres Lebens ? Was gibt, bei allen Veränderungen und Wechseln, unserem Leben Beständigkeit ? Jede und jeder von uns hat etwas nötig, das bleibt, etwas, das man überallhin mitnehmen kann.

Der Wunsch nach Geborgenheit ist keine verbotene Sehnsucht. Das Wagnis christlichen Glaubens besteht in dem Angebot, daß sich diese Sehnsucht erfüllen kann, weil es eine Heimat gibt - nicht erst irgendwann, sondern schon jetzt, indem wir unserer Verbindung zu Gott vertrauen. Erst Vertrauen, erst Glaube machen die Welt zu einem bewohnbaren Ort für uns. Erst wenn ich in Beziehung lebe, nicht isoliert, in Beziehung zu Gott, erst dann spiele ich kein sinnloses Stück mehr auf einsamer Bühne. Erst dann habe ich auch eine tiefreichende Beziehung zu anderen Menschen und kann neugierig sein auf das, was kommt, neugierig auf die, die mir begegnen werden.

Jesus hat deutlich gemacht: wenn wir nicht aufgehen in der Welt, müssen wir uns in ihr auch nicht fürchten und nicht an etwas festklammern. Wir haben die Freiheit zu empfangen und wieder loszulassen. Denn wir sind unterwegs.
Und dann ist es gleichgültig, ob ich hierbleibe oder nach Berlin ziehe, nach London oder nach Santiago de Chile. Unsere innere Heimat können wir überallhin mitnehmen, das, was unser Leben trägt.

Am Freitag, liebe Gemeinde habe ich an einer Lehrerfortbildung teilgenommen und bin dabei auf ein Gedicht gestoßen, das mir passend schien, um meine Predigt abzuscließen. Es stammt von einem syrischen Dichter mit unaussprechlichem Namen, Abul Ahal Al Ma'arri, und hat keine Überschrift:

In der Fremde und im Exil
gleicht der Mensch einem Funken,
der von seinem Feuer getrennt wurde.
Wenn er auf blanke Erde fällt,
wird er erlöschen,
wenn er sich mit Reisig verbündet,
wirst du ihn auflodern sehen.

Gott wird uns nicht verlöschen lassen, sondern wird uns immer etwas mitgeben, das unser Leben zum Leuchten bringen kann. Darauf vertraue ich.