Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 9,36-10,8

Propst Bernd Kösling, Pfarrer (kath.)

18.06.2017 Propsteikirche St.Josef

Predigt 11. So Jahreskreis

Über viele Jahrhunderte hinweg sind profane und religiöse Welten eng miteinander verwoben. Religiöse Fragen haben Auswirkungen im sozialen Leben der Menschen. Krankheit wird zum Bespiel nicht nur als Fehlfunktion des Körpers verstanden, sondern oftmals auch als Reaktion Gottes auf ein Fehlverhalten des Menschen. Dämonen sind nicht nur Ausdruck einer psychischen Störung, sondern ein Indiz dafür, dass jemand vom Satan berührt ist. Der Tod ist nicht nur das Ende des Lebens, sondern führt zur Trennung von Gott. „Tote können den Herrn nicht mehr loben, keiner, der ins Schweigen hinabfuhr.“ (Ps 115, 17) - so sagt es der Psalmist.

 

Deshalb versteht das heutige Evangelium die Verkündigung der Nähe des Himmelreiches in der Befreiung von diesen belastenden Schicksalen. Damit diese Befreiung wirklich gelingt, stattet der Herr seine Jünger mit den dafür nötigen Vollmachten aus:

  • Heilt die Kranken! - Wer nicht mehr krank ist, ist versöhnt mit Gott.
  • Treibt Dämonen aus! - Wer nicht mehr von einem Dämon besessen ist, steht nicht mehr unter dem Einfluss des Bösen.
  • Weckt Tote auf! - Wer nicht mehr tot ist, lebt wieder in einer innigen Gottesbeziehung, den er nun wieder loben und preisen kann.

So spüren die Menschen: Das Himmelreich ist nahe.

 

Unser religiöses Verständnis von Krankheit, dämonischer Besessenheit und Tod hat sich verändert. Sie sind nicht mehr so zentral für die verkündigende Zusage des nahenden Gottesreiches. Der Herr gibt uns aber im Evangelium einen Hinweis, wo Menschen heute auf die Zusage des nahenden Gottesreiches warten. Zu denen er uns heute sendet. Christus spricht von Menschen, die müde und erschöpft sind. Die wie Schafe ohne Hirten sind.

 

Welches aber sind diese Herausforderungen heute? Es kann helfen, Zeitgenossen zu befragen. Welche gesellschaftliche Herausforderungen nehmen sie wahr, die wir als Jünger und Jüngerinnen Christi Ernst nehmen sollten?

 

*  Axel Prahl, bekanntes Gesicht aus dem Tatort, hat 2011 ein Album unter dem Titel: „Blick aufs Mehr“ veröffentlicht1. Im Titellied beschreibt er seine Beobachtungen über das schon fast krankhafte Streben nach dem immer „mehr“ unserer Gesellschaft. Im Refrain heißt es: „Ich habe, also bin ich! Immer mit ´m Blick auf´s Mehr. Deine Verluste gewinne ich. Immer mit ´m Blick auf´s Mehr.“ Am Schluß des Liedes blickt er hinaus auf den Ozean, auf das Meer (mit doppelt „e“ geschrieben) und schreit fast: „WO GEH´N WIR HIN, WO KOMMEN WIR HER? BLICK AUF´S MEER.“ Dann endet das Lied. Auf diese Fragen findet er im gesellschaftlichen[1] Streben nach immer „mehr“ keine Antwort. Er kann diese Frage nur sehnsuchtsvoll mit dem Blick auf den Ozean stellen.

 

*  Gregor Gysi stellt vor kurzem folgendes fest2: Die großen Kirchen in Deutschland haben eine einzigartige Rolle bei der Wertevermittlung. Derzeit seien nur noch sie in der Lage, "Werte und moralische Maßstäbe halbwegs allgemein zu formulieren“. Seit Aristoteles beschäftigt sich die Philosophie mit der Frage nach dem „Guten“ und den damit verbundenen „Werten“. Für uns Christen geht diese Frage noch tiefer. „Niemand ist gut als nur einer, Gott!“, sagt Christus. (Lk 18, 19) Gysi macht die Kirchen also nicht nur zu Anwälten des Guten, sondern letztlich zu Anwälten der Gegenwart Gottes in unserer Welt.

 

*  Cecilia Bognon Küss, eine junge französische Philosophin beschreibt in einem mehrseitigen Aufsatz3 die Möglichkeiten, mittels synthetischer Biologie Leben künstlich zu erzeugen. Man spürt beim Lesen ihre Faszination für das technische Können und den Fortschritt der Forschung. Am Ende des Artik[2]els fragt sie dann aber ziemlich ratlos: „Wir wissen, was wir können. Aber wir wissen nicht mehr, was wir sollen!“ Das technische Können ist dem ethischen Wissen weit voraus geeilt.

 

Jede dieser drei Persönlichkeiten fühlt sich sicher nicht als Schaf, das keinen Hirten hat. Aber jede beschreibt auf ihre Weise und aus ihrer Sicht, Gründe für die Müdigkeit und Erschöpfung vieler unserer Zeitgenossen. Und stellt damit Fragen. Fragen, die auch an Christen und Christinnen gerichtet sind. Zu diesen fragenden Menschen sendet uns Christus heute. Sein Auftrag an uns, könnte deshalb vielleicht so lauten:

 

Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe!

*  Helft den Menschen, die Erfüllung ihrer Sehnsucht nicht im Blick auf das immer „mehr“ zu suchen, sondern im Blick auf das Leben, das Gott schenkt und ermöglicht.

*  Sagt den Menschen, dass sie kein Produkt des Zufalls sind. Keine Laune der Natur. Sie sind von Gott geliebte und gewollte Menschen. Er traut Euch zu, sinnvoll zu leben.

*  Seid Anwälte des Guten. Vor allem aber: Seid Zeugen dessen, der allein „gut“ ist. Seid Zeugen Gottes in dieser Welt. Interessiert Euch für die Menschen, mit denen ihr lebt. Sagt ihnen, dass das Himmelreich nahe ist, indem ihr ihnen helft, dass ihr Leben gelingt.

 

Und wir brauchen dabei keine Angst zu haben. So wie der Herr vor 2000 Jahren seine Jünger mit den Vollmachten ausgestattet hat, die sie damals zur Erfüllung ihres Auftrages brauchten, stattet er jetzt uns mit den nötigen Vollmachten aus, die wir brauchen, um den heutigen Menschen die nahe Ankunft des Gottesreiches verkünden zu können.

 

Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben. Amen

 

1. Text unter: http://www.buschfunk.com/kuenstler/liedtexte/92_Axel_Prahl/8913_Blick_aufs_Mehr (15.06.2017 - 11.00 Uhr

 

2. https://www.domradio.de/nachrichten/2007-03-09/gysi-nur-noch-die-kirchen-koennen-werte-vermitteln (15.06.2017 - 11.15 Uhr)

 

3. Philosophie MAGAZIN, Ausgabe 02/2017, S. 32 fff.