Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 9,36-10,8

Pfarrer Stefan Kömm (rk)

18.06.2017 St.-Bruno-Kirche in Niederwerrn

Jesus - ein Nationalist?

 

"Bist du eigentlich stolz darauf, Deutscher zu sein?" Ich weiß nicht, ob Ihnen schon mal jemand diese Frage gestellt hat. Mir ist sie ein paar Mal gestellt worden vor fünfundzwanzig Jahren, als ich ein Jahr als Diakon in Bolivien war und dort als Seelsorger im Urwald gearbeitet habe. Ich war der einzige Deutsche weit und breit. Und manchmal kam diese Frage: "Bist du eigentlich stolz darauf, Deutscher zu sein?"

 

Nationalstolz ist ein weltweit verbreitetes Phänomen. Fast täglich begegnet es uns in der Zeitung und in den Nachrichten. Menschen, die stolz darauf sind, Deutsche zu sein, stolz darauf, Amerikaner zu sein, Stolz darauf, Türken zu sein, oder Polen oder Russen oder Italiener oder Chinesen oder was auch immer.

 

Natürlich ist das in den einzelnen Ländern unterschiedlich ausgeprägt, in den USA oder in der Schweiz haben ganz viele in ihrem Vorgarten ihre Nationalflagge hängen. Der Grad des Nationalstolzes unterscheidet sich natürlich auch innerhalb eines Landes von Person zu Person.

 

Eines der Länder mit sehr viel Nationalstolz und Nationalbewusstsein ist mit Sicherheit Israel. Da gründet dieser Stolz nämlich ein ganzes Stück in der Religion. Ganz oft sind auch in anderen Ländern Religion und Nationalismus ganz eng miteinander verbunden. In Israel schafft das Tag für Tag riesige Probleme. Wie willst du mit einem ultraorthodoxen Juden diskutieren, der einfach illegal auf Palästinensergebiet ein Haus baut, weil er sagt: "Gott hat uns dieses Land gegeben. Wir haben darum ein Recht darauf!" Diese Haltung ist allerdings nicht neu. Einen besonderen religiös-nationalen Stolz finden wir an vielen Stellen in der Bibel: "Wir sind Gottes auserwähltes Volk." So auch in der heutigen Lesung. Gott sagt: "Ihr werdet mein besonderes Eigentum sein. Mir gehört die ganze Erde. Ihr aber sollt mir als heiliges Volk gehören." (Ex 19,5f.)

 

Israelischer Nationalstolz. Findet der sich eigentlich auch bei Jesus? Und ob! Wie er seine Jünger aussendet, sagt er heute zu ihnen: "Geht nicht zu den Heiden und betretet keine Stadt der Samariter, sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel!" (Mt 10,5f.)

 

"Geht und verkündet", sagt Jesus: "Das Himmelreich ist nahe! Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus." (Mt 10,7f.)

 

Aber nur in unserem eigenen Land, nicht bei Ausländern, nicht bei Angehörigen anderer Religionen!

 

Und wir finden noch extremere Stellen von religiösen Nationalismus bei Jesus, etwa als ihn eine syrophönizische, also eine nicht-jüdische, Frau darum bittet, ihre Tochter zu heilen. Die Antwort Jesu: "Es ist nicht recht, das Brot den Kindern, also den Juden, wegzunehmen, und es den Hunden, also euch Heiden, zu geben." (Mt 15,26)  Mit anderen Worten: Für euch verschwende ich doch nicht meine Heilkraft!

 

Man kann es, liebe Schwestern und Brüder, drehen und wenden wie man will: Wir finden auch bei Jesus religiös motivierten Nationalstolz.

 

Aber, und das ist ein entscheidender Punkt, wir können bei Jesus eine Entwicklung sehen. Manche Bibelwissenschaftler sagen sogar: Bei keinem anderen Punkt hat Jesus sich so entwickelt, seine Position so geändert, wie bei dieser Frage. Dazu muss man natürlich auch das Menschsein Jesu ganz ernst nehmen, sich ein Stück verabschieden von einem Übermenschen, der von Anfang an alles wusste, und den Jesus entdecken, der auf der Suche ist, der sich immer wieder neu fragt: Was ist meine Sendung? Was will Gott von mir?

 

Dann sehen wir - vielleicht mit Erstaunen - dass Jesus die Tochter der heidnischen Frau am Ende doch heilt. Dass das Evangelium erzählt, dass er mit seinen Jüngern in das Gebiet jenseits des Jordans, die heidnische Dekapolis, geht. Dass er über den heidnischen Hauptmann von Kapharnaum sagt: "So einen Glauben habe ich in ganz Israel nicht gefunden." Dass bei seinem Gleichnis vom Weltgericht Gott nicht fragt: Warst du Jude, Heide, Samariter? Sondern es zählt allein die Barmherzigkeit, die ein Mensch gelebt hat.

 

Man kann wirklich sagen: Jesus lernt während seiner Sendung Universalität, Weite. Er begreift offensichtlich selber immer besser, dass diese Botschaft vom Reich Gottes nicht auf ein Volk, nicht auf eine Gruppe von Menschen, beschränkt sein kann. Und so wird diese Beschränkung der Botschaft auf das jüdische Volk überwunden, abgelöst. Und es ist Jesus selbst, als Auferstandener, der ganz am Ende des Matthäusevangeliums, im vorletzten Vers, jeden Nationalismus zerschlägt mit den Worten: "Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern!" (Mt 28,19)

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Die junge Kirche, die Urkirche, wird den gleichen Prozess noch einmal durchlaufen. Die Apostelgeschichte, das fünfte Buch des Neuen Testaments, das wir in der Osterzeit immer gehört haben, erzählt von den vielen Konflikten und Schwierigkeiten, die entstehen, bis es auch der letzte Jünger begriffen hat, dass Kirche, dass christliche Gemeinschaft, sich nicht ausschließlich zusammensetzen darf aus getauften Juden, sondern dass diese Botschaft für alle Menschen gelten muss, unabhängig von ursprünglicher Religion, aber auch von Nation und Hautfarbe.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Der Nationalismus ist seit einigen Jahren wieder am Erstarken. Weltweit. Das hat viele Gründe. Wenn ich mir die biblische Botschaft anschaue, dann steht für mich fest: Wer ein Kreuz als Zeichen des Christentums kombiniert mit einer deutschen Flagge als Zeichen der nationalen Identität, hat vom Christentum nicht viel verstanden. Nationalismus verträgt sich nicht mit einer christlichen Botschaft, die sagt, dass es nicht mehr Juden und Griechen, nicht mehr Sklaven und Freie, nicht mehr Mann und Frau gibt, weil alle einer sind in Christus. (Gal 3,28)

 

Wenn ich damals in Bolivien gefragt worden bin: "Bist du stolz, Deutscher zu sein?", war meine Antwort immer: "Nein! Erstens, man kann stolz sein auf etwas, was man geleistet hat. Dafür, dass ich als Deutscher geboren wurde, kann ich nichts, wie kann ich also darauf stolz sein?" "Und zweitens", hab ich immer gesagt: "Ich bin Christ. Für mich sind alle Menschen Brüder und Schwestern. Zumindest sollten wir uns Tag für Tag - über alle Grenzen von Nation hinweg - darum mühen, es immer mehr zu werden."