Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Micha 5, 1 - 4a

Hans Andreae, ev. Pfarrer i.R.

25.12.2016 Gemeindezentrum Jochen-Klepper-Haus im Ortsteil Goldhamme in Bochum

Sage, wo ist Bethlehem?
Wo die Krippe? Wo der Stall?
Musst nur gehen,
Musst nur sehen –
Bethlehem ist überall.

Sage, wo ist Bethlehem?
Komm doch mit, ich zeig es dir!
Musst nur gehen,
Musst nur sehen –
Bethlehem ist jetzt und hier.

Sage, wo ist Bethlehem?
Liegt es tausend Jahre weit?
Musst nur gehen,
Musst nur sehen –
Bethlehem ist jederzeit.

Sage, wo ist  Bethlehem?
Wo die Krippe, wo der Stall?
Musst nur gehen,
Musst nur sehen –
Bethlehem ist überall.

Rudolf Otto Wiemer    

 

(dem Gedicht folgten die Textverlesung: Micha 5, 1 – 4 a und die Predigt, deren Titel ja dem Gedicht entnommen ist)

                 

Sage, wo ist Bethlehem?                                 

Micha, ein Mann aus dem Dorf Moreschet in Juda, hält seinen neu geborenen Sohn im Arm. Liebevoll betrachtet er das Kind. Sein Herz ist voller Stolz und Glück. Ach, was möchte man einem so kleinen Menschenkind nicht alles wünschen! – Was wohl aus ihm werden mag?  So winzig, so zerbrech­lich, wie er heute wirkt! Wird er einmal ein starker, selbst­bewusster Mann sein? Und wird er in politisch stabile Zeiten hineinwachsen?

Es sind bittere Erfahrungen und enttäu­schte Lebensperspektiven, die dem Micha in diesem Moment vor Augen stehen. Die zurückliegenden Zeiten waren schlecht; böse Jahre waren das! Krieg, Unterwerfung,  Vertreibung hatte er hinter sich! Weil die Herrschenden ihre Macht missbrauchten und sich dabei nicht um das Recht der kleinen Leute scherten, war auch er zur Flucht gezwungen worden. Seine ganze Habe ging dabei  verloren. Nun lebte er in mehr als bescheidenen Verhältnissen und hoffte darauf, dass endlich bessere Jahre anbrechen…

Seine Blicke ruhen auf dem Kinde. „Ach, dass du glücklicheren und friedlicheren Zeiten entgegen­gehen mögest! – Dein süßes Gesichtchen, wie friedlich schlummert es hinüber in die Tage, die auf dich warten! Diese kleinen Händchen, diese zarten Ärmchen, ob sie mal kraftvoll zupacken können? Man kann es sich heut noch kaum vorstellen! – Und  trotzdem!“ denkt Micha, „was könnte nicht alles in dir stecken? Großes könnte aus dir werden! Ein kraftvoller Mensch, reich an Ideen! Ein Mensch mit starkem Willen, der sich einsetzt für andere; der sich einbringt ins Weltgeschehen und der all die Dinge verändert, die schwer auf den Menschen lasten. – Ja, warum nicht? Warum sollte nicht aus einem so zarten und zerbrechlichen Menschlein eine starke Persönlichkeit werden? Wenn Gott, der Allmächtige, es nur will, kann er aus Winzigem wunderbar Großes hervorbringen.“

Und plötzlich – Micha weiß selbst nicht, woher, – hat er ein Wort im Kopf, das ihm nicht mehr aus dem Sinn gehen will: „Bethlehem!“ denkt er. – „Bethlehem? Ja, natürlich Bethlehem, das ist es! Bethlehem heißt das Zauberwort!“

„Bethlehem ist ja doch ein winziges Nest in den Bergen von Juda. Dort haben Generationen von Ephratitern ihre Schafe und Ziegen gehütet; ein Kuhdorf also! Winzig klein unter den großen Städten des Landes. Und trotzdem ist ausgerechnet dieses Bethlehem mit sehr bedeutenden Namen verbunden. Leuchtende Namen sind es, aus der Geschichte des Volkes, die es bekannt gemacht haben, wie etwa die Ahnfrauen Rahel und Ruth! Ja, und nicht zu vergessen:  Isai und sein Sohn David, der sagen­umwobene und glanzvolle König Israels, auf den zu hoffen die Menschen des Volkes nie aufgehört haben. Noch heute wünschen sie sich einen König wie David. Er kam aus Bethlehem! Sage also niemand, Bethlehem sei unbedeutend. Gott kann aus einem winzigen Ort etwas Großes machen! – Genauso wie er mitunter aus einem zarten, zer­brechlichen Knäblein einen bedeutenden Menschen werden lässt!“


Im Nu ist Micha fasziniert von dem Gedanken. Träumend sitzt er da, und in ihm wächst unstillbar eine Sehnsucht. Es ist die Sehnsucht nach Heil und Heilung für die gequälten Menschen des Landes. „Ob Gott nicht doch wieder einmal einen Retter hervorbringen wird, der den Menschen eine glückliche Zukunft beschert? Vielleicht eine starke Persönlichkeit, die wie David aus kleinen Ver­hältnissen stammt und sogar aus dem unbe­deutenden Bethlehem kommt? – Gott wird nicht ewig auf sich warten lassen! Es wird die Zeit kommen, da wird er den Messias schicken, seinen Gesalbten,  dessen Herrschaft endgültig ist und kein Ende hat!“


Eilig nimmt Micha Schreibstift und Wachstafel zur Hand, um diese Vision für immer festzuhalten. „Du Bethlehem Efratha,“ schreibt er, „die du klein bist unter den Städten von Juda; aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist…“ –


Und nun fliegen ihm die Gedanken und Bilder nur so zu. Visionär sieht Micha, wie sich seine Sehnsucht im kommenden Messias erfüllt. Geradezu wie im Rausch notiert er: „Er wird weiden in der Kraft des Herrn.“ David steht hier Pate, der einst als Hirtenknabe die Schafe seines Vaters weidete, und der später als König ein guter und verantwortungsbewusster Hirte für das Volk wurde.  Er führte die Menschen, ohne sie zu verführen; er beschützte sie, ohne seine Macht zu missbrauchen. Die Herrschaft des David brachte dem Land Glanz und Ansehen und den Menschen Sicherheit und Wohlergehen.  Mit Wehmut denkt Micha daran, dass die gegenwärtigen Herrscher all diese Eigen­schaften vermissen lassen, und die Menschen sich unbehaust fühlen und sich in ihrer Existenz bedroht sehen. Darum schreibt er über den kommenden Messias: „Er wird dafür sorgen, dass sie sicher wohnen können“, will sagen: Er vermittelt das Gefühl von gesicherter Existenz und Geborgenheit. Er gibt den Menschen Zukunfts­perspektiven. Ein jeder soll spüren, dass es gerecht zugehen wird im Lande seiner Väter!

Und dann findet Micha zu dem großartigsten Gedanken: „Er wird unser Friede sein“! Das heißt: Schluss mit der Flucht vor den Assyrern! Nie wieder sollen Menschen vor Menschen auf der Flucht sein! Nie wieder soll ein Volk zum Schrecken anderer Völker werden. Nie wieder sollen die einen mit Verachtung auf die andern schauen! Friede den Herzen, Friede den Menschen, Friede den Häusern und Familien! Dafür wird der künftige Herrscher sorgen! – „Es werden glückliche Zeiten anbrechen,“ flüstert Micha vor sich hin. Inzwischen hat der kleine Junge seine Augen aufgeschlagen. Fast sieht es so aus, als ob sie ihn anlächelten. Michas Blick ruht glücklich auf ihm. – „Bethlehem!“   denkt er, „der ganz winzige Anfang; und doch ist er mit so großen Hoffnungen verbunden!“
 

700 Jahre vergehen, bis die Prophetie des Micha an Bedeutung gewinnt. Damals kommen Sternforscher aus dem fernen Orient nach Jerusalem. Sie glauben, den aufgehenden Stern des Messias ent­deckt zu haben. So machen sie sich auf den Weg in die Hauptstadt des jüdischen Landes, um ihre Entdeckung mit eigenen Augen bestätigt zu bekommen. Aber am Hofe des Königs Herodes weist man sie schnöde ab mit der Bemerkung: „Keine Ahnung, wessen Kind ihr da sucht!“ Wenigstens  jedoch ist Herodes neugierig und auch misstrauisch genug, um seine Schriftgelehrten nachforschen zu lassen. Und die stellen fest: Bethlehem hat eine Verheißung!  Denn der Prophet Micha schrieb einst: „Du Bethlehem im jüdischen Land bist keineswegs die kleinste unter den Fürstenstädten in Juda; denn aus dir wird der Fürst kommen, der mein Volk Israel weiden soll!“  –   Also auf, nach Bethlehem!


Sicherlich sind die drei Gelehrten ziemlich enttäuscht, als sie dort ankommen. Eine so weite Reise zu einem Ort, der nicht einmal auf ihren Karten verzeichnet ist! Sie müssen sich sogar noch durch ihren Stern hinführen lassen! Und es kommt noch schlimmer: Es gibt dort, in Bethlehem, keinen Palast, wie man ihn sich für ein Fürstenkind hätte erwarten können. – Nein, ein armseliger Stall soll der Ort sein, an dem der Messias geboren wurde, denn auf ihn weist der Stern hin. – Sie können es kaum fassen, dass sie so tief hinabsteigen müssen, um den Weltenretter zu finden.  Denn Bethlehem, das ist für sie zunächst einmal bedrückende Armut, erbarmungswürdige Behausung, erniedrigende Unterkunft, wie sie eines solchen Herrschers nicht würdig ist. Mit ihren Geschenken jedenfalls fühlen sie sich völlig deplatziert: Gold, Weihrauch und Myrrhe – wahrhaft königliche Geschenke – die wollen zu Bethlehem so gar nicht passen!


Trotzdem begreifen die drei weisen Männer recht bald, dass das, was sie hier vorfinden, ein gütiger Hinweis Gottes sein dürfte. Denn ganz offensichtlich will Gott nicht mit schrecken­erregender Macht und nicht mit nach Ehrfurcht heischendem Glanz bei den Menschen wohnen, sondern er kommt zu den Menschenkindern in herz­bewegender Liebe und in beglückender Mensch­lichkeit. Das muss auch den klugen Männern aus dem Orient schlagartig bewusstgeworden sein, als sie voller Demut, selig und entzückt, vor dem Kinde niederknien, um es anzubeten.


Ihr Lieben! Inzwischen dürfte es allen deutlich geworden sein: ‚Bethlehem‘ ist alles andere als die amtliche Angabe eines Geburtsortes.  Bethlehem ist fast schon so etwas wie ein Bekenntnis – ein  Glaubensbekenntnis! ‚Bethlehem‘, das ist Gottes Kommen aus himmlischer Höhe in die Niedrigkeit menschlicher Existenz. Bethlehem ist des großen Gottes gnaden­reiche Hinwendung in die dunkle Enge menschlicher Herzen und Sinne.


Bethlehem rührt den innersten Menschen an, sein Hoffen und sein Sehnen. So jedenfalls verstehe ich Angelus Silesius, den großen Mystiker, wenn er dichtete: „Wird Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du wärest ewiglich verloren!“


‚Bethlehem in dir‘ will sagen, die Geburt des göttlichen Kindes gewinnt nur dann eine Bedeutung für dich, wenn du das Kind in seiner Niedrigkeit wahrnimmst und wenn du diese Niedrigkeit als Nähe Gottes zu dir verstehst, ja, wenn du spürst, wie er dich sucht, um dich von seiner Liebe zu überzeugen. Also, erfreue dich! mehr noch: ergötze dich an dieser Liebe!   Sie will dich im Innersten deines Menschseins so sehr berühren, dass du nie wieder irgendeine angemaßte Macht für göttlich halten kannst und niemals mehr den fadenscheinigen Glanz der Mächtigen bewundern wirst. Die Liebe wird dir die Augen öffnen für unzählige Menschen, die in ihrer Bedürftigkeit und Hilflosigkeit auf dich warten, auf deine Liebe, auf deine Hilfsbereitschaft, weil du weißt, wie Gottes Liebe geht.

Was also ist Bethlehem? – Bethlehem ist dein Bekenntnis zu dem, was wir das Weihnachtswunder nennen, dass Gott nämlich in der Niedrigkeit des Stalles zu den Menschen kam, um sie aus Dunkelheit und Kälte zu retten und ihnen das Heil zu schenken.
Amen.