Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 9,26-29

Pfarrer Wolfgang Vögele (ev.)

19.02.2017 Evangelische Kirche Fahrenbach

Liebe Schwestern und Brüder,

Gärtnern und Glauben gehören zusammen. Die Reformation hat angefangen mit ein paar Samenkörnern und Grashalmen, aus denen eine große Bewegung des Glaubens gewachsen ist. Aber ich will im Nahbereich anfangen, bei der Natur, von der Jesus erzählt.

Im Februar warten alle Spaziergänger auf die ersten sprossenden Schneeglöckchen am Wegesrand. Wer an seinem Haus einen kleinen Garten angelegt oder vor dem Dorf einen Schrebergarten gepachtet hat, der bereitet sich nun auf das Frühjahr vor. Der Gärtner plant die Vorbereitung, das Düngen, das Aussäen. Wenn der Frost sich zurückgezogen hat, bringt er die Winterpflanzen aus dem Keller an ihren angestammten Platz neben dem Rosenbeet. Er nimmt sich für die Wochenenden nichts vor, weil der Garten nun Vorrang hat. Der Gärtner sät aus, er bereitet vor und er tut alles, damit ein paar Monate später die Pflanzenwelt blüht und wächst, damit er im Sommer und Herbst ernten kann, was er im Frühjahr an Vorbereitung geleistet hat.

Ein Gärtner gestaltet und plant, aber er weiß dabei stets: Manchmal sind alle Pläne und Vorarbeiten vergebens. Für Ernte und Blüte lauern so viele Gefahren, gegen die Gärtner seine Pflanzen nicht immer wappnen kann: Hagel und Schnecken, Regenschauer und Blattläuse, Trockenheit und Wühlmäuse. Wer seinen Garten bebaut und pflegt, der weiß dieses eine, was Jesus in seinem Gleichnis in den Vordergrund rückt. Gärtner müssen unbedingt Pläne machen, aber manchmal erweisen sich alle Pläne als vergeblich. Pläne können das Wachstum im Garten gestalten, aber sie sind nicht mehr als Wegmarken, von dem sich Hagel und Schnecken nicht abschrecken lassen. Die Planung des Gärtners ist nicht der einzige Faktor, der die Pflanzen zum Wachsen und die Blumen zum Blühen bringt. Wenn die Bedingungen stimmen, dann reicht es, wenn der planende Gärtner bequem aus dem Liegestuhl beobachtet. Wenn Regenmenge und Sonnenschein, auch die Bodenqualität stimmen, wenn die Schädlinge sich nicht zeigen, dann kann der Gärtner liebevoll alles geschehen lassen. Alles wächst von selbst. Die Gärtner und Säleute, so sagt es Jesus, können die meiste Zeit schlafen.

Sämann, Getreide, Wachstum: Jesus erzählt diese Geschichte nicht als Anleitung zur Gartenarbeit im Frühjahr. Er war kein Hobbygärtner, er will auf etwas anderes hinweisen. Er nimmt die kleine Gartenwelt als ein Bild für das Reich Gottes. Zwischen dem Garten und dem Reich Gottes bestehen viele Ähnlichkeiten. Ich greife eine Ähnlichkeit heraus.

In der Figur des Sämanns sehe ich ein Bild für Gott selbst, welcher die Welt wie einen Garten bestellt. Wenn man sich darauf einläßt, so spürt man einen Gott, der nicht mit harter Hand und entgegen allen Naturgesetzen in die rauhe Wirklichkeit der Welt eingreift. Man spürt einen Gott, der den Menschen ihr eigenes Recht läßt und sich darauf konzentriert, Samen auf die Erde zu werfen. Mit seinen Verheißungen will er für Wachstum und Gedeihen sorgen, aber nicht so, daß er Natur und Menschen vor vollendete Tatsachen stellt. Eher läßt er beiden ihre Zeit. Gott kann abwarten, weil er weiß, daß seine Saat aufgehen wird. Gott ist kein Dirigent, kein Steuermann und schon gar kein Diktator. Gott wirft nur den Samen aus. Er gibt einen kleinen Anstoß und wartet dann wie der jeder gute Gärtner ab, was geschieht. Genau so wächst das Reich Gottes.

Der Reformator Martin Luther war nicht Gott, aber er war auch ein großer Sämann, der Gemeinden und den Glauben der Menschen wachsen lassen konnte. Das 19.Jahrhundert hat aus Luther eine gewaltige, übermenschliche Denkmalfigur aus Stein gemacht: der unbeirrbare Fahnenträger des Glaubens, der unbezwingbare Kritiker von Ablaß und kirchlicher Geldverschwendung, der wortgewaltige Prediger, der die Glaubenden, die Fürsten und die frommen Bürger am kleinen Finger der Predigt auf den rechten Weg des Protestantismus führte.

Aber so war es nicht, es war viel komplizierter im 16.Jahrhundert. Und Luther wußte das. Er sah sich selbst weniger als Kapitän im Kirchenschiff denn als Sämann, der mit seinen Wittenberger Thesen gegen den Ablaß eine notwendige Debatte angestoßen hatte. Sie sollte nach seiner Absicht zu einer inneren Reform der universalen Kirche führen. Luther redete in kleinen universitären Zirkeln über den Ablaß, den er kritisierte, über die Kreuzestheologie und über die Freiheit eines Christenmenschen. Am Ende war die Kirche gespalten, und auch die Protestanten waren über Fragen des Abendmahls und der Kirchenordnung tief zerstritten. Reformierte und Lutheraner beschimpften sich gegenseitig als die schlimmsten Abweichler im Glauben.

Und trotzdem bleibe ich im Lichte dieses Gleichnisses Jesu dabei: Auf Martin Luther ist etwas von dieser Saat Gottes gefallen, und er war gleichzeitig auch Sämann, der etwas Neues vorangebracht hat. Der Garten des Glaubens erlebte durch ihn eine neue, nicht geahnte Blütezeit. Von den theologischen Auswirkungen, der aufgegangenen Saat, leben wir heute noch. Luther hat mit seinen Schriften und Predigten so etwas wie das Handwerkszeug geschaffen, um die Freiheit des Glaubens zu verstehen.

Liebe Schwestern und Brüder, ich gehe für einen Moment hinter Luther zurück zu dem Gleichnis, das Jesus erzählt. Die glaubenden Menschen können das Reich Gott nicht aus eigener Kraft planen, bauen oder konstruieren. Das Reich Gottes wächst. Im Garten wie im Glauben ist mit Überraschungen zu rechnen, die jeden von uns oder die Gemeinde als Ganze treffen können. Das Reich Gott ist wie eine Handvoll Samen, die ohne Zutun des Menschen aufgehen. 

Wendet man diesen Gedanken auf die Reformation an, so erscheint sie auch nicht als planmäßiges Geschehen. Statt dessen erkennt man Gestrüpp und Unkraut: Streitigkeiten, Gewalt und Grausamkeit, Irrtümer, darunter Ketzer- und Hexenverbrennungen und beim alten Luther eine erschreckende Menge an Judenhaß, der Jahrhunderte später zu einem menschenverachtenden Antisemitismus gesteigert wurde. Um es in der Sprache der Gärtner zu sagen: Man erkennt vieles, was weggeschnitten und umgegraben, neu kultiviert werden mußte. Auch die Reformation, so wichtig sie uns ist, ist mit dem Reich Gottes nicht gleichzusetzen.

Und dennoch ist in all diesem Gestrüpp noch so etwas wie der Same zu erkennen, der den Theologen Martin Luther dem Glauben und vielleicht Gottes Reich ein wenig näher gebracht hat. Worin besteht dieser Same? Ein Jahr nach dem Thesenanschlag in Wittenberg strömten 1518 die besten Theologen Südwestdeutschlands nach Heidelberg ins Augustinerkloster, damit sie dort den Worten des schnell berühmt gewordenen Martin Luther zuhören konnten.

Nach der alten Lehre kamen sich Gott und der Mensch auf halbem Wege entgegen. Der Mensch bereute seine Sünden und tat so viel Gutes wie möglich. Wer so seinen guten Willen bewiesen hatte, dem gewährte Gott auch Gnade. Martin Luther verwarf dieses Kompromißmodell. Er sagte: Der Mensch ist gar nicht in der Lage, Gott mit guten Werken entgegenzukommen. Der Mensch kann sich nie sicher sein, ob er Gottes Gebote erfüllt. Vor Gott wird er immer scheitern. Der glaubende Mensch ist einzig und allein auf Gottes Gnade angewiesen. Und weil das so ist, gewinnt der Mensch eine neue Freiheit zu handeln. Im Blick auf Gott befreit er sich von den falschen Göttern, die sein Leben in die falsche Richtung lenken. Und im Blick auf die Menschen gewinnt er ebenfalls neue Freiheit, nämlich das Vernünftige, Sinnvolle und für das Gemeinwohl Angemessene zu tun, ohne dabei dauernd von der Seite auf Gott schielen zu müssen, ob ihm das auch gefällt.

Auch diese entscheidende Erkenntnis läßt sich in der Sprache des Gleichnisses Jesu ausdrücken: Nicht die Menschen, die Gärtner sorgen für die Saat, sondern Gott selbst sorgt für das Wachstum. Dieses Wachstum ist von weit mehr Bedingungen abhängig ist als von den Vorleistungen der Menschen. Ich bin überzeugt, dieser Gedanke von der Freiheit des Glaubenden ist das entscheidende Samenkorn, das den ganzen komplexen kirchlichen und politischen Prozeß, den wir heute vereinfachend Reformation nennen, angetrieben und nach vorne gebracht hat. Schnell geriet dieser Gedankensame in die Mühlen von Fürstentümern, Kaisern, Reichsständen, entstehender Bürgergesellschaft und klerikalen Institutionen. Dauernd drohte die Gefahr, daß der Freiheitsgedanke der Reformation ausgetreten, mißachtet und entstellt wurde - von Politikern, Intriganten und klerikalen Funktionären.  Und leider gilt das auch heute noch.

Liebe Schwestern und Brüder, bevor wir uns dadurch alle reformatorische Frühlingsfreude verderben lassen, zwei kurze Feststellungen: Martin Luther hat sich von all der Kritik an ihm, die ihn als Teufel und viel schlimmeres darstellte, in keiner Weise beirren lassen. Das hat ihn angefochten, aber in keiner Weise von seinem Weg abgebracht. Und: Jesus erzählt in seinem Gleichnis vom Wachstum und von der Ernte, nicht vom Unkraut.

Das Samenkorn ist das beste Beispiel: Aus dem Kleinsten wächst etwas Großes, auch dann, wenn man es manchmal vor lauter Unkraut nicht sieht. Und damit, liebe Brüder und Schwestern, sind wir dabei, für Glauben und Gemeinde in der Gegenwart klarer zu sehen. Luther ist nicht „einer von uns“, wie das gegenwärtige Kunstprojekte suggerieren. Als rosa gefärbte Plastikfigur, als Playmobilmännchen oder als Wiedergänger lokaler Honoratioren in der Gipsbüste mit Kappe ist er gleichermaßen lächerlich. Leider kann er sich nicht mehr dagegen wehren.

Ich versuche, drei Schlußfolgerungen zu ziehen.

Zum ersten: Das Reich Gottes wächst ohne Zutun des Menschen. Niemand muß sich als Supergärtner des Gemeindewachstums aufspielen. Wir sind nicht die Gartenbauarchitekten der Gemeinde und nicht die Psychologen, die verzweifelt an der eigenen Frömmigkeit herumschrauben. Glaubenswachstum geschieht, aber eben nicht aus eigener Kraft und Anstrengung. Darum gehören Geduld und Beharrlichkeit zu den wichtigsten Eigenschaften des Glaubens, obwohl sie gar nicht allzu viel Aktivität erfordern. Niemand muß sich den Leistungszwängen religiösen Wettbewerbs unterwerfen.

Zum zweiten: Die Kraft des Glaubens darf nicht unterschätzt werden. Sie wirkt manchmal dort, wo niemand von uns es vermuten würde. Sie wirkt manchmal dort, wo niemand von uns sie erwartet. Sie wirkt dort, wo jemand sich ihrer gar nicht bewußt ist. Gottes Samen wachsen auch dort, wo sie kein Oberkirchenrat und kein Bischof vermutet.

Zum dritten: Im letzten, sagt Jesus im Gleichnis, geht es auch um Ernten. Wir Glaubenden verlassen uns nicht auf uns selbst. Wir verlassen uns auf den Gott, der sich wie ein Gärtner seinen Pflanzen allen Menschen in Gnade und Barmherzigkeit zuwendet. Das ist der entscheidende Trost dieses Gleichnisses.

Und der Friede Gottes, welcher über alles Unkraut und Gestrüpp hinauswächst, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.