Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 27,3-10

Pfr. Thomas Muggli-Stokholm

14.04.2017 Kirche Bubikon (Schweiz)

Karfreitagsgottesdienst

Als nun Judas sah, der ihn ausgeliefert hatte, sah,
dass er verurteilt war, reute es ihn,
und er brachte die dreissig Silberstücke
den Hohen Priestern und den Ältesten zurück
und sagte:
Ich habe gesündigt,
unschuldiges Blut habe ich ausgeliefert.
Sie aber sagten:
Was geht das uns an?
Sieh du zu!
Da warf er die Silberstücke in den Tempel,
machte sich davon,
ging und erhängte sich.
Die Hohen Priester aber nahmen die Silberstücke und sagten:
Es ist nicht erlaubt, sie zum Tempelschatz zu legen,
weil es Blutgeld ist.
Sie beschlossen, davon den Töpferacker zu kaufen
als Begräbnisstätte für die Fremden.
Darum heisst jener Acker bis heute Blutacker.
Da ging in Erfüllung,
was durch den Propheten Jeremia gesagt ist:
Und sie nahmen die dreissig Silberstücke,
den Preis des Geschätzten, den sie geschätzt hatten,
von den Söhnen Israels,
und sie gaben sie für den Töpferacker,
wie der Herr mir befohlen hatte.
Predigt: Brief an Judas
Judas - wie soll ich dich überhaupt anreden in meinem Brief?
Du Verräter!
Du Feind Gottes!
Du Satan in Person!
So jedenfalls stellen die Evangelien Dich dar,
und das offenbar mit gutem Grund:
Schliesslich hast Du Jesus, den Sohn Gottes,
an seine Mörder ausgeliefert.
Und dabei gehörtest Du doch zum Kreis der zwölf engsten Vertrauten.
Täglich warst Du mit Jesus zusammen,
teiltest alles mit ihm, assest aus derselben Schüssel.
Und Jesus schenkte Dir sein Vertrauen in ganz besonderem Mass:
Du warst der Verwalter der Kasse und schautest umsichtig,
dass das Geld richtig eingesetzt wurde.
Was trieb Dich zu Deiner schrecklichen Untat?
Welcher Ungeist beherrschte Dich,
als Du Dich in den Dienst der Hohen Priester stelltest?
2
In den Evangelien klingen verschiedene Gründe an:
Zuerst einmal scheint Dich die nackte Geldgier getrieben zu haben.
Dreissig Silberlinge - in heutiger Währung rund 10'000 Franken -
für einen einzigen verräterischen Kuss.
Das ist ein gutes Geschäft,
besonders dann,
wenn es in der Beziehung zum Herrn ohnehin kriselt:
Es kam zu Meinungsverschiedenheiten zwischen dir und Jesus.
Dass er allzu sorglos mit den Finanzen umging und sich von einer Sünderin mit Öl im Wert eines mittleren Vermögens salben liess -
damit liesse sich ja noch knapp leben.
Sein Verhalten nach dem Einzug in Jerusalem
war für Dich dann aber unerträglich:
Am Palmsonntag jubelten die Massen Jesus zu.
Jetzt wäre für ihn die Gelegenheit da gewesen,
sich als Messias zu offenbaren und seine Königsherrschaft anzutreten.
Aber Jesus tat nichts dergleichen.
Im Gegenteil:
Er richtete im Tempel mit seiner Räumungsaktion ein Chaos an
und schuf sich mit seinen provokativen Reden und Gleichnissen nur Feinde bei den Pharisäern, Schriftgelehrten und Hohepriestern,
die ihm ursprünglich wenigstens teilweise wohlgesinnt gewesen waren.
Das konntest Du, Judas, nicht mehr aushalten.
Du hast Deinen Beinamen "Iskariot" schliesslich nicht umsonst.
Iskariot heisst auf Deutsch "Sichelmann", Schwertträger.
Bevor du zu Jesus stiesst, warst Du ein Zelot,
ein Kämpfer gegen die verhassten Römer.
Du dachtest, in Jesus auf den Mann gestossen zu sein, der den Kampf erfolgreich beendet - und warst dann bitter enttäuscht,
als nichts dergleichen geschah.
Und vielleicht wandtest du dich ja sogar an die Hohen Priester in der Hoffnung, dass Jesus, wenn er seinen Feinden gegenübersteht,
gar nicht anders kann, als sich endlich als Messias zu zeigen.
Dein Verrat wäre dann gewissermassen das Mittel gewesen, um die Heilsgeschichte voranzutreiben.
Und der Zweck heiligt schliesslich die Mittel, oder?
Geldgier, Enttäuschung, Übereifer.
Mir begegnet in all dem keine einzigartige, dämonische Bosheit -
ich erkenne nur menschliche Schwächen,
die ich bei mir selbst allzu gut kenne.
Und ich bin nicht der einzige.
Als Jesus seinen Jüngern bei der Feier des letzten Abendmahls eröffnet:
Einer von euch wird mich ausliefern.
Da werden alle sehr traurig und fragen einer nach dem andern Jesus:
Bin etwa ich es, Herr?
Ja, Judas, das, was dich zum Unerhörten trieb, steckt in uns allen.
Darum weiss ich jetzt, wie ich dich am besten anrede:
Bruder Judas.
3
Lieber Bruder Judas.
Dein Ruf ist heute nicht mehr so schlecht wie auch schon.
Zweitausend Jahre nach deiner todtraurigen Geschichte
will man allenthalben entlasten.
Theologinnen und Theologen hinterfragen deine Verurteilung kritisch und werfen den Evangelisten vor, sie hätten dich zum Sündenbock gemacht.
Tatsächlich: Paulus weiss in seinen Briefen, die er einige Jahrzehnte vor den Evangelien geschrieben hat, noch nichts von deinem Verrat.
Für ihn ist einzig wichtig,
dass Jesus, wie schon der Prophet Jesaja angekündigte,
dem Tod ausgeliefert wurde.
Geschichtliche Details interessieren ihn nicht.
Erst als die Evangelisten die Geschichte von Jesus aufschreiben,
stellt sich die Frage,
wer konkret für seine Auslieferung verantwortlich ist.
Und da kommt man eben auf dich, Judas:
Als einziger Nicht-Galiläer eignest du dich am besten als Bösewicht.
Dabei betont doch Jesus wieder und wieder,
dass die Katastrophe des Karfreitags geschehen muss.
Und beim leeren Grab Jesu erklären die Engel den Frauen:
Der Menschensohn muss in die Hände von sündigen Menschen ausgeliefert und gekreuzigt werden und am dritten Tag auferstehen.
(Lk 24,7)
Selbst wenn alles stimmt, was die Evangelisten über dich erzählen,
bist du damit doch weitgehend entlastet. Ja, mehr noch:
Ohne dich würden wir nicht Ostern feiern.
So schreibt Reinhard Kramm in der neusten Ausgabe von "reformiert":
"Kein Kreuzestod ohne den Verrat von Judas,
keine Auferstehung, kein Christentum ohne Judas."
Er ist ein Mensch, "der sich opfert, damit Gottes Plan in Erfüllung geht.
Er gibt sein Leben für ein höheres Ideal.
Er übergibt Jesus an die Tempelbehörden, denn nur so kann sich
Gott im gekreuzigten Jesus als Gott der Schwachen offenbaren.
Der Verräter ist also wohlmöglich ein Idealist.
Ein Mensch, der an Werte glaubt.1"
Lieber Bruder Judas.
Ich kann mir denken, dass solche Worte wie Balsam sind für deine wunde Seele. Mir aber geht diese Entlastung zu weit, nicht weil ich etwas gegen dich persönlich habe. Mir geht es um den Ernst dessen, was an Karfreitag geschieht und um die Mitverantwortung, die jeder einzelne Mensch an dieser Katastrophe trägt.
Die Evangelisten halten bewusst diese Spannung durch, dass auf der einen Seite alles bis zum kleinsten Detail geschehen muss, von der Verhaftung über die Verurteilung bis zur Kreuzigung Jesu.
1 Reinhard Kramm in: reformiert, EVANGELISCH-REFORMIERTE ZEITUNG FÜR
DIE DEUTSCHE UND RÄTOROMANISCHE SCHWEIZ, NR. 4.1 | APRIL 2017
www.reformiert.info
4
Andererseits entlässt dies keinen einzigen der Beteiligten aus der Verantwortung, weder die Hohen Priester noch die Schriftgelehrten, weder das fanatisierte Volk, das besinnungslos die Kreuzigung fordert, noch die Soldaten, die ihre Pflicht mit sadistischem Genuss erfüllen,
weder den einen Verbrecher am Kreuz, der Gott noch im Sterben lästert,
noch dich, Judas, der seinen Herrn ausliefert.
Alle sind mitverantwortlich, mitschuldig an dem,
was an Karfreitag geschieht - obwohl alles geschehen muss.
So gibt es keine einfache Entschuldigung für Dein Verhalten,
keinen Zweck, der die Mittel heiligt.
So schön es anders wäre, aber wir Menschen, Du, Bruder Judas,
ich und alle, die hier in der Kirche sitzen,
müssen geradestehen für unser Handeln und Tun
mit allen seinen Konsequenzen.
Bist du also doch ein böser Mensch, ja mehr noch:
Der Teufel in Menschengestalt?
Jesus sagt ja über dich:
Es wäre besser, er wäre nicht geboren, dieser Mensch! (Mt 26,24)
Was würde Jesus dann über mich sagen?
Wie erwähnt:
Ich kenne Deine Schwächen bestens an mir:
Habsucht, Mühe, mit Enttäuschungen umzugehen, Ungeduld, unüberlegtes Handeln, Treulosigkeit …
Wie oft habe ich schon Dinge gesagt und getan, die ich später bitter bereute. Wie dankbar muss ich Gott sein, dass er mich bis jetzt vor allzu drastischen Folgen meiner Fehltritte und Irrtümer bewahrte.
Bis jetzt kam ich immer ungeschoren davon -
im Gegensatz zu Dir, der vor der totalen Katastrophe steht:
Jesus, Dein Herr und Meister, zum Tod verurteilt.
Und du bist massgeblich schuld daran.
Furchtbar!
Dennoch:
Es gibt Menschen, die ihren Kopf sogar in solchen Situationen aus der Schlinge ziehen können:
Stalin, Mao und andere Diktatoren, die den Tod Millionen Unschuldiger auf dem Gewissen haben, sterben alt und lebenssatt und lassen sich als Helden bestatten.
Lüge, Verrat und Missachtung von Menschenrechten gilt auch in der Schweizer Politik als legitimes Mittel zum Zweck,
wenn damit der eigene Reichtum und Einfluss gefördert wird.
Ausgerechnet Du, Judas, wählst nun aber nicht den Weg solcher Ausflüchte.
Du stellst Dich Deiner furchtbaren Schuld.
Du gehst zu deinen Geldgebern und bekennst dein Fehlverhalten:
Ich habe gesündigt, unschuldiges Blut habe ich ausgeliefert.
5
Und du willst dein schmutziges Geld wieder loswerden.
In all deiner Tragik zeigst du hier mehr Grösse als die anderen Jünger,
die sich längst verzogen haben.
Doch leider gerätst du bei den Hohen Priestern an die Falschen.
Sie, die höchsten Geistlichen und Oberseelsorger distanzieren sich von dir und schicken dich weg. So zerbrichst du schliesslich an deiner Schuld und hängst dich auf.
Lieber Bruder Judas.
Am Ende erträgst du deine Wahrheit nicht
und siehst nur noch den Tod als letzten Ausweg.
Im entscheidenden Moment fehlt dir der,
welcher dir die Tür der Vergebung öffnet,
Jesus, den du ausgeliefert hast.
Der andere Verbrecher am Kreuz hat mehr Glück als du:
Er kann seine Schuld Jesus bekennen und in Frieden sterben.
Dir wird keine solche Gnade gewährt.
Und nun?
Leidest du ewige Qualen in der Hölle,
wo Heulen und Zähneklappern ist?
Wo lande dann ich, mit meinen eigenen Lügen und Ausflüchten,
meiner Gier nach Besitz und Ansehen, meiner Ungeduld und meinem Unglauben?
Lieber Bruder Judas.
Dein Beispiel zeigt mir:
So sehr ich mich darauf verlassen kann,
dass Gott diese Welt in seinen Händen hält
und zuletzt allein sein Wille geschieht.
Mein Handeln bleibt entscheidend.
Und ich trage Verantwortung für die Folgen meines Tuns.
Der Karfreitag ist kein Unglück, das über die Welt bricht,
sondern das Werk aller, die mitspielen.
Und der Karfreitag wiederholt sich bis heute,
wenn wir Menschen Gott und einander verraten und ausliefern.
Diese Wahrheit scheint im alten Lied "O Haupt voll Blut und Wunden" auf,
das wir vorhin gesungen haben:
Was du, Herr hast erduldet, ist alles meine Last.
Ich, ich hab es verschuldet, was du getragen hast.
Erst diese Einsicht in unsere Mitverantwortung und Mitschuld öffnet den Blick für das Neue, das Gott auf den Trümmern des Karfreitags schafft:
Österliches Leben, Reich Gottes,
Frieden aus seiner Liebe und Vergebung.
6
"Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein,"
verheisst Jesus dem Verbrecher, der am Kreuz Reue zeigt.
Auch du, lieber Bruder Judas, hast Reue gezeigt,
leider am falschen Ort und zum falschen Zeitpunkt -
so dass Du auf dieser Welt keine Vergebung mehr erfahren konntest.
Ich vertraue aber darauf:
Für Gott ist keine Schuld zu gross, weder deine noch meine.
Und Gott verstösst keinen Menschen, der Reue zeigt und ihn sucht.
Und so grüsse ich Dich, lieber Judas, in Verbundenheit
und schliesse meinen Brief mit einem Vers aus Psalm 34 -
in der Hoffnung, dass dieser sich für dich erfüllt:
Gott ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens
und hilft denen, die zerschlagenen Geistes sind. (Ps 34,18)
Amen.