Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Offenbarung 22,1-5.16.17

Pastor Tobias Götting (ev.-luth.)

15.07.2015 Ev.-Luth. Kirchengemeinde Ansgar Hamburg-Langenhorn

Wenn wieder etwas ins Fließen kommt, denk' es mit Gott zusammen

 

Du warst in einer glücklichen Beziehung. Dachtest Du jedenfalls. Aber dann wurde Deiner Frau alles irgendwie zu eng. Sie brauchte Luft. Zog aus. Ging auf große Fahrt. Und dann fandest Du Dich allein vor in dem viel zu großen Haus. Und konntest es nicht verstehen. Gestritten habt Ihr nie. Du sprachst von „Trennung aus Liebe“. Und warst am Boden zerstört. Dein ganzes Leben kam Dir vor wie ein dürres Land, wie ein ausgetrocknetes Flussbett.

 

Endlich hast Du es im wahrsten Sinne des Wortes be-griffen, als sie nach einer ziemlichen Weile die Möbel abholte. Da wurde Dir klar, was der Fall war. Die Klarheit tat weh und war doch der Same, aus dem Neues wachsen würde. Aber das konnten wir damals noch nicht sehen, allerhöchstens erahnen in einem besonderen Augenblick.

 

Wir haben uns in den Wochen seit ihrem endgültigen Auszug aus Eurem Haus immer wieder getroffen. Meist haben wir eine sehr lange Zeit geschwiegen. Manchmal habe ich Dir nur eine Frage gestellt. Manchmal hast Du erzählt, wie Deine innere Lebenswüste sich gerade anfühlte. Leer und ausgetrocknet. Wie ein brachliegendes Land. Oft haben wir nach Worten gesucht, die von so weit her kommen, dass sie eine tragfähige Hilfe für das gegenwärtige Verstehen wären. Wir wussten immer, dass wir solche Worte brauchen würden. „Du musst Bilder des Lebens haben, sonst werden dir die Bilder des Todes, der Trennungen, der Verluste zu groß“ - so in etwa (sinngemäß) schon Dr. Martinus aus Wittenberg (in seinem „Sermon zur Bereitung zum Sterben“, zur Vorbereitung auf den großen, endgültigen Abschied, 1520).

 

Worte haben wir gesucht, die nicht einfach leer behaupten „Wird schon wieder!“. Diese Karte hatten manche Deiner Freunde schon zur Genüge ausgereizt - und sie meist mit einem irgendwie zu kräftigen Schulterklopfen verbunden. Worte haben wir gesucht, die gewaschen waren mit den Tränen der Menschen vor uns und angefüllt mit all' ihren Hoffnungen auch.

 

Manchmal habe ich uns darum Worte der Bibel ausgeliehen, eines dieser vielen „Einmal wird es sein“-Worte, jene letzte Hoffnungsration, wenn die Gegenwart getrübt und die Zukunft verdunkelt, jedenfalls längst noch nicht in Griffweite ist.

 

Es hat seine Zeit gebraucht, bis Du aus Deinem Schneckenhaus herausgefunden hast. Du hast Deinem veränderten Leben erst langsam wieder vertraut. Eines Tages hast Du die Füsse wieder in die Luft gesetzt, und plötzlich trug sie Dich. Du hast Dich verabredet mit alten Freunden, lange vernachlässigte Kontakte hast Du wieder aufgenommen. Hast wieder begonnen, im Chor zu singen. Da war wieder etwas von lebendigem, klarem Wasser, das dein Leben erfrischt hat. Langsam, ganz langsam, füllte sich Dein Flussbett wieder. Langsam, ganz langsam strömte Leben in Dich zurück. 

 

Und dann hast Du in dieser Zeit auch die Frage nach Gott ganz neu gestellt. Die war irgendwie versandet unter den vielen Betrübnissen und davor schon unter all' den vielen alltäglichen Anforderungen. Ganz verstummt war sie wohl nie. Aber jetzt flutete sie wieder Dein Herz. Und wurde lauter. Suchte nach Antworten. Das Göttliche hast Du lange schon in vielen seiner Färbungen erkannt. Am dichtesten dran fühltest Du Dich wohl bei der Geburt Deiner Kinder. Da war Dir, als hättest Du dem lieben Gott ganz unmittelbar in die Karten geschaut. Jetzt  fandest Du etwas vom großen göttlichen Ganzen in der Natur, bei einsamen Waldspaziergängen und postkartengleichen Sonnenuntergängen. Aber jetzt wolltest Du mehr. Begreifen, verstehen, vertrauen.

 

Und eines Tages war für Dich klar: „Ich will getauft werden!“. Du willst also zur Gemeinschaft derer gehören, die nicht ohne Gott leben wollen. Du willst aufgenommen werden in den Kreis der Freundinnen und Freunde Gottes, die gemeinsam nach ihm fragen. Die ihn loben, ihn vermissen und bei seinen Versprechungen behaften. Und ich möchte Dir jetzt eines dieser „Einmal-wird-Es-sein-Worte“ aus der Offenbarung des Johannes für Deine Taufe vorgeschlagen:  

 

Lesung des Textes: Offenbarung 22, 1-5.16.17

 

Einmal wird es sein - das ist die freche Behauptung jener Sätze. Sie malen eine goldene Zukunft, mag die Gegenwart auch unter norddeutschem Mittelgrau verschleiert sein. Sie lassen sich die Hoffnung nicht verbieten. Sie lesen sie ab in den alten Geschichten aus längst vergangenen Zeiten. Sie sagen: Weil am Anfang einmal alles gut war, kann und wird es wieder gut werden. Manche wittern darin eine unzulässige Vertröstung. Sie sagen stattdessen mit Lessings Emilia Galotti: „Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verlieret, der hat keinen zu verlieren“ (Emilia Galotti IV,7).

 

Der Theologe Henning Luther hat in diesem Zusammenhang von den „Lügen der Tröster“ gesprochen. Die Lügen der Tröster - das waren für ihn, den früh Gestorbenen, die hilflosen Beschwichtigungsversuche jener, die schwierige Lebenssituationen Anderer nicht ertragen können. Die die Sinnlosigkeit nicht auszuhalten vermögen und darum versuchen, dem Leiden der Anderen einen vermeintlichen Sinn zu geben. Die Lügen der Tröster trösten eben nicht, deshalb sind sie Lügen und die Tröster keine Tröster. Es sind sinnlose Versuche, die Leiden der Anderen auf Abstand zu halten, um sich selbst der Sinnlosigkeit nicht aussetzen zu müssen.

 

Ja, es gibt Grund, den Verstand zu verlieren angesichts persönlicher Trauer und Not - und gewiss auch angesichts globaler Krisen und Entwicklungen. Aber den Generalverdacht mancher, dass die biblischen Bilder einer heilen, geheilten Schöpfung nur lügende Vertröstung wären, kann ich nicht teilen. Im Gegenteil: Sie sind doch auch beunruhigend, versetzten in Bewegung, rufen auf zur Mitarbeit an Verhältnissen, die dem unbedingten Lebensrecht Aller im Hier und Jetzt dienen. Sie sind beruhigende Unruhestifter. Sie sind unruhig machende Ruhepole. Sehnsuchtsworte.

 

Und doch lese aus ich jetzt aus den Sätzen der Offenbarung auch etwas Tröstliches für Dich, ganz persönlich: Wenn wieder etwas ins Fliessen gekommen ist in Deinem Leben, ahne dahinter Gott! Wenn Du nach langer Trauer wieder Licht siehst, denk' das mit Gott zusammen! Wenn Du Früchte siehst und eine reiche Ernte hast, mehr als einmal im Jahr, so wird und muss das mit Gott zu tun haben. Und wenn Du Dich schwer tust, mit dem alten schweren Wort „Gott“, dann empfehle ich Dir ein Experiment: Setz' doch versuchsweise an die Stelle des Wortes „Gott“ einfach einmal das Wort „Sinn“, und dann schau, wie und wo Dich das berührt. Riecht das nach unerlaubt harmonisierender „Vertröstung“? Oder kann es eine Kraftquelle sein, die die Dürre nicht leugnet, aber ihr doch etwas entgegenzusetzen vermag?

 

Wenn etwas ins Fliessen kommt, dann ist das sinnvoll. Voller Sinn. Voller Gott.

 

Deine Taufe - die ist ein feuchter Kuss vom lieben Gott. Ist ein Geschenk. Umsonst. Einfach so. Du wirst danach nicht mit allen Wassern gewaschen sein. Aber Gott bestätigt, was seit Deiner Geburt für ihn immerschon wahr gewesen ist und wir uns heute noch einmal neu deutlich machen: Du bist sein geliebter Sohn, an Dir hat er sein Gefallen! Gott braucht kein Gedächtnistraining, aber wir vergessen so leicht, was Gott bei der Taufe zu uns sagt: „Fürchte dich nicht! Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“

 

Das Wasser, mit dem wir Dich taufen, es ist klar und frisch und kann auch wegwischen, was zwischen Dir und Gott steht, was zwischen Dir und Anderen belastet, was zwischen dem steht, wie Du eigentlich sein möchtest, und dem, was Du Dich jetzt schon zu leben traust. Das Wasser der Taufe klärt und macht Dich „durchsichtig“: Du siehst neu auf das, was Du Dir für Deinen weiteren Lebensweg wünschst. Und dann: Staune! Vertraue! Lebe!

 

Die Offenbarung-Sätze greifen dabei über Dein Tauf-Fest weit hinaus. Sie sehen Frieden, wo heute Unfriede herrscht. Sie werfen alle Fragezeichen einen Moment über Bord und zeichnen das Bild einer Welt, in der das Dunkel besiegt ist. Sogar in der heiligen Stadt, von unheiligen Kämpfen zerrissen hier, wird einmal Friede sein.

 

Manche mißtrauen diesen Bildern, weil sie, das, was ist, zu überspringen scheinen. Mir aber sind sie eine große Kraft. Ansporn, ein großes Ziel vor Augen zu haben und dafür die kleinen Schritte heute zu gehen und zu wagen. Die Bilder der Offenbarung sind Seh-Hilfen, die es mir möglich machen, meine Schwarzseherbrille einen Moment zur Seite zu legen. Sie sind Aufforderung und Entlastung zugleich. Denn sie wissen: Die Kraft zur Veränderung kommt im Letzten nicht aus uns selber - so heisst es in der Mitte unseres Predigttextes. Sie wird uns vielmehr geschenkt. Gott wird uns erleuchten. Wird uns füllen und erfüllen. Einfach so. Aus seinem Willen heraus, dass er einmal und endlich wieder wird sagen können: „Siehe, alles ist sehr gut.“