Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Pfingsten und Joseph Haydn

Pfarrer Dr. Wolfgang Herrmann

31.05.2009 Hessischer Rundfunk: Evangelische Morgenfeier

Predigtpreis 2009 für die „Beste Predigt im Fernsehen, Rundfunk und Internet“

Hier die Predigt hören

 

Begnadet, inspiriert, begeistert

I

Pfingsten ist ein schönes Frühlingsfest. Und das in einem doppeltem Sinn. Denn sinnbildlich gesprochen und von der Jahreszeit abgesehen verbindet das Pfingstfest alle Kirchen weltweit mit dem Frühling der Christenheit. In einer recht vielschichtigen biblischen Geschichte erzählt Lukas, wie nach dem Tode Jesu die Jünger zu Aposteln werden. Sie empfangen den heiligen Geist und damit eine neue Lebensperspektive. Als Abgesandte des Auferstandenen durchwandern sie die Länder rund ums Mittelmeer vom Nahen Osten über Nordafrika, Kleinasien und Griechenland bis ins Herz der Weltmacht, nach Rom. Überall entstehen Gemeinden des neuen Glaubens. Pfingsten ist also gewissermaßen der Geburtstag der Christenheit.

Nun fällt dieser Geburtstag der Kirchen mit einem bedeutsamen Todestag zusammen. Heute vor zweihundert Jahren starb Joseph Haydn, der begnadete und so liebenswürdige Komponist. Ein Geburtstag, ein Todestag. Ich werde diese beiden Ereignisse auf einander beziehen. Die Ausgießung des heiligen Geistes auf die Jünger Jesu an jenem denkwürdigen Pfingsttag in Jerusalem war freilich ein einmaliges Ereignis. Doch der heilige Geist beschränkt sein Wirken ja nun wahrhaftig nicht auf die Apostel. Der göttliche Geist ist es doch, der die Welt beseelt und uns Menschen zu geistigen Wesen macht. Und manchmal mit genialen Inspirationen beschenkt.

Wie der göttliche Geist wirkt, lässt sich immer wieder an den Lebensgeschichten einzelner Menschen ablesen. Wie an der von Joseph Haydn. Er war ein zugleich humorvoller wie selbstbewußter Mensch. Das verdankte er dem Optimismus und der aufgeklärten Humanität des 18. Jahrhunderts. Als gläubiger Katholik war er – so könnte man sagen – weltfreudig fromm. Wenn er mit einer Komposition nicht recht weiterkam, betete er gern den Rosenkranz. Die Mischung aus schöpferischem Einfallsreichtum, Frömmigkeit und humorvoller Humanität hat seiner Musik ihren unverlierbaren Charme verliehen. Der heilige Geist ist ganz offenbar musikalisch, wie ja nicht nur Haydn beweist. Die enorme Fülle musikalischer Ideen ließ ihn zum Vater der Wiener Klassik werden. Mit Mozart verband ihn eine enge Freundschaft. Es versteht sich, dass wir die Musik dieser Morgenfeier „Papa Haydn“ verdanken, wie Mozart den älteren Freund gern nannte.

Musik
2. Satz „Serenade“ Andante cantabile aus Streichquartett F-Dur op.3,5


II

In biblischer Zeit waren die großen Feiertage im Jahreslauf allesamt Wallfahrtsfeste. Die Menschen pilgerten nach Jerusalem, dem Mittelpunkt und Sehnsuchtsort ihres religiösen Lebens; dort befand sich der Tempel. Lukas erzählt vom sogenannten Wochenfest, einem alten Erntefest, das fünfzig Tage nach dem Passahfest begangen wird. „Pfingsten“ ist übrigens ein Lehnwort aus dem Griechischen und bedeutet nichts anderes als „fünfzig“. An diesem Feiertag geschah das so ungemein folgenreiche Ereignis, der Empfang des heiligen Geistes. Wieder waren Pilger aus allen Provinzen des römischen Weltreiches in die heilige Stadt gekommen. Ein buntes Durcheinander und das vielstimmige Gewirr der verschiedensten Sprachen und Dialekte erfüllte die Gassen und Plätze. Auch die Jünger sowie Maria und die anderen Frauen, die zum engsten Kreis um Jesus gehörten, hatten sich eingefunden. Allerdings waren sie nicht in Feierlaune. Jesus hatte ihnen aufgetragen, sein Werk bei den Menschen fortzusetzen: „In der Kraft des heiligen Geistes werdet ihr meine Zeugen sein, in Jerusalem, in Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.“ Ein gigantischer Auftrag. Wie sollten sie, die einfachen Leute aus Galiläa, dem auch nur annähernd gerecht werden?

Da plötzlich, sie zucken zusammen – ein gewaltiges Brausen, als wehte ein Sturm durchs Haus. Auch die Pilger draußen hören das, bleiben verwundert stehen. Was ist denn da los? Und im Haus erscheinen auch noch feurige Zungen, setzen sich über jeden ihrer Köpfe. Eine Feuertaufe. Und auf einmal ist alles anders. Erfüllt vom heiligen Geist geraten sie in Ekstase, stürzen auf die Straße und fangen an, in allen möglichen Sprachen zu predigen. Die Pilger sind verwirrt, bestürzt. „Das sind doch alles Leute aus Galiläa? Wieso können die plötzlich so viele Sprachen? Jeder hier versteht, was sie da sagen. Was geht denn da vor?“ Einige meinten: „Ach was, die sind bloß betrunken.“

Petrus begreift sofort die Chance, die sich ihnen da bietet. Sollten sie nicht „bis ans Ende der Erde“ gehen? Aber hier waren ja die Vertreter aus aller Welt versammelt! „Nein,“ sagt er, „betrunken sind wir nicht, jedenfalls nicht vom Wein. Schließlich ist es erst neun Uhr früh am Morgen. Was ihr hier erlebt, hat Joel, einer unser Propheten, vorhergesagt: Gott wird alle Menschen mit seinem Geist erfüllen. Und es wird eine neue Zeit anbrechen.“ Petrus setzt seine Predigt fort, erzählt von Leben, Tod und Auferstehung Jesu, und er spricht so hinreißend, dass er die Zuhörer mitten ins Herz trifft. „Und jetzt,“ fragen sie, „was sollen wir denn jetzt tun?“ „Ihr könnt euer Leben neu anfangen,“ sagt Petrus. „Lasst euch auf den Namen Jesu Christi taufen, und auch ihr werdet vom heiligen Geist erfüllt sein.“ Noch an diesem Tag fand eine Massentaufe statt. So entstand die Keimzelle der Christenheit. Der Geist hatte die Menschen zusammengebracht und ihre Herzen angerührt, ganz gleich, wer sie waren und woher sie kamen. Eine erste Ökumene. Sie alle „verstanden“, heißt es. Genau das ist die Aufgabe der Christenheit: inspiriert von der Liebe dazu beizutragen, dass Menschen, einander verstehen, anstatt sich die Köpfe einzuschlagen. Trotz allem und über alle Grenzen hinweg.

Und Joseph Haydn? Als er sich, der englischen Sprache unkundig, auf seine Englandreise vorbereitete, fragte ein Freund, wie er sich denn da verständigen wolle. Haydns wahrhaft pfingstliche Antwort: „Meine Sprache verstehet man durch die ganze Welt.“ Seine Reise nach London wurde ein Triumphzug. Diese Reise war mit einer Seefahrt verbunden, und dazu passt ein kleiner Tribut an den heutigen Thementag über das Wasser von HR2-Kultur. Und zwar mit der Arie „Rollend in schäumenden Wellen“ aus Haydns Oratorium „Die Schöpfung“.

Musik
„Rollend in schäumenden Wellen“ (Arie des Raphael in „Die Schöpfung“)


III

Nun noch einige Anmerkungen, was den göttlichen Geist betrifft. Im Hebräischen heißt Geist ruach, und das ist ein weibliches Wort. Also „die Geist“. Oder meinetwegen „Geistin“. Außerdem aber bedeutet ruach auch Wind oder Sturm. Bevor die Welt erschaffen wurde, heißt es in der Schöpfungsgeschichte, war nur Tohuwabohu, das Chaos, da aber brauste Gottes Geist über die Wasser. Aus diesem Geistesbrausen heraus ruft Gott die Welt ins Dasein, – Licht und Finsternis, Himmel und Erde, das Leben, die Menschen. Das Sturmesbrausen der Pfingstgeschichte sagt also: Hier wird etwas Neues geschaffen!

Nun ist das Neue Testament in griechischer Sprache geschrieben, und da heißt das Wort für Geist pneuma. Das ist sächlich. Also „das Geist“, oder besser „das Geistige“. Pneuma bedeutet aber auch Luft und Atem. Als Gott den Menschen erschafft, heißt es wiederum sinnbildlich, nimmt er einen Klumpen Erde, formt ihn zu einer Gestalt und haucht ihm seinen göttlichen Atem ein. Und der Erdklumpen ist lebendig. Der Mensch, durch Gottes Atem inspiriert, ist ein Geschöpf des Himmels und der Erde. Inspiriert? Im Lateinischen heißt Geist nämlich spiritus und ist ein männliches Wort. Also jetzt: „der Geist“. Ruach, pneuma, spiritus – die, das, der Geist: eine universale schöpferische Energie göttlicher Liebe.

Nun ist beim Wort spiritus der Weg zu den geistigen Getränken, den Spirituosen und der Trunkenheit nicht weit. Aber die Jünger waren eben nicht betrunken. Die pfingstliche Inspiration hat die Jüngerschar in eine andere, eine Gottestrunkenheit versetzt. Sie waren plötzlich buchstäblich Feuer und Flamme. Wie Frischverliebte. Im Hohenlied Salomos heißt es „Die Liebe ist eine Flamme des Herrn.“ An dieses schöne Wort mögen die feurigen Zungen erinnern, die über die Häupter der Jünger kamen. Sie erinnern aber auch an Mose vor dem brennenden und doch nicht verbrennenden Dornbusch in der Wüste. Dort erteilt ihm eine göttliche Stimme den Auftrag, sein versklavtes Volk in die Freiheit zu führen. Mose fragt „Wer bist Du? Welchen Namen soll ich meinen Volk nennen?“ Gott antwortet: „Ich bin der, der ich bin.“ Man kann auch lesen: „Ich bin der, der da ist.“ Mit fast den gleichen Worten hatte sich der Auferstandene von seiner Jüngerschar verabschiedet: „Siehe, ich bin bei auch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Pfingsten ist das Siegel auf dieses Versprechen.

Musik
Streichquartett Nr. 5, F-Dur „Kaiserquartett“, Thema und Variation 1


IV

So beginnt Haydns vielleicht populärstes Streichquartett, das „Kaiserquartett“. – Die deutsche Nationalhymne hat den ursprünglichen Text „Gott, erhalte Franz, den Kaiser“ abgelöst. Diese Hymne aber spielt eine bewegende Rolle in Haydns letzten Lebenstagen. Im Frühjahr 1809 belagerte und bombardierte Napoleons Armee die Stadt Wien. Vor Haydns Haus explodierte eins der Geschosse und zerschmetterte die Fensterscheiben. Das Licht der Kerzen erlosch; der Diener und die Köchin schlotterten vor Angst. Der 77jährige, altersschwache Haydn beruhigte die Beiden. „Wo Haydn ist, kann euch nichts geschehen.“ Am nächsten Morgen kapitulierte Wien; Napoleons Truppen rückten ein. Haydn ließ sich zum Klavier bringen und spielte die „Kaiserhymne“. Durch die zerstörten Fenster drang die Musik auf die Straße. Die Menschen blieben stehen und nahmen die Hüte ab. Eine außergewöhnliche Form patriotischen Widerstands.

Einige Tage danach begehrte ein französischer Offizier Einlass in Haydns Haus. Er wurde jedoch nicht herein gelassen. Schließlich waren Plünderungen an der Tagesordnung. Der Offizier blieb hartnäckig, rief, er sei ein Freund und wolle dem Meister seine Reverenz erweisen. Als der Diener endlich doch öffnete, stürmte der Franzose in Haydns Zimmer, stellte sich vor und überraschte Haydn mit der Bitte, etwas aus dem Oratorium „Die Schöpfung“ singen zu dürfen. Im Zivilberuf sei er nämlich Sänger. Der alte Meister ließ sich ans Klavier führen; der französische Hauptmann sang mit schöner Stimme. Wieder blieben die Menschen auf der Straße stehen. Nach dem letzten Ton brach lauter Jubel aus. Der junge Franzose und der alte Mann sanken sich in die Arme. Alle Feindschaft war hinweg gesungen. Haydn weinte vor Rührung – gewissermaßen pfingstliche Tränen.

Am nächsten Morgen war er zu schwach, um aus dem Bett aufzustehen. Ruhig, bei klarem Bewusstsein, gab Joseph Haydn ein reiches Leben in die Hand seines Schöpfers zurück. Man benachrichtigte den französischen Stadtkommandanten. Der gab die Todesnachricht an Napoleon weiter. Dieser war ein großer Verehrer des Komponisten. Er ließ vor Haydns Haus eine Ehrenwache aufziehen. Auch bei der Trauerfeier im Wiener Stephansdom, standen Offiziere der Napoleonischen Armee feierlich und ernst an Haydns Katafalk. Als Abschiedsmusik für den genialen Meister wurde das „Requiem“ seines Freundes Mozart gespielt.

Für einen bedeutsamen Augenblick waren Sieger und Besiegte einig. Wie hatte Haydn einst so pfingstlich gesagt? „Meine Sprache verstehet man durch die ganze Welt.“ Mit einem Chor aus dem Oratorium „Die Schöpfung“ soll diese Morgenfeier zum Pfingstfest beschlossen werden: „Vollendet ist das große Werk“.

Musik
„Vollendet ist das große Werk“, Chor aus „Die Schöpfung“