Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Philipper 2,05-11

Pastor Andreas Brummer (ev.-luth.)

24.03.2013 in der St. Petri-Kirche in Hannover-Döhren

Gottesdienst am Palmsonntag

© privat

Predigtpreis 2014 für die beste Predigt

 

Ein Mann will nach unten

Nach diesem trachtet in euch, was auch in Christus Jesus war:
Welcher, obwohl er in Gottes Gestalt seinen Anfang nahm, nicht meinte, Gott gleich zu sein sei etwas, das man gierig an sich rafft; vielmehr entleerte er sich selbst, indem er die Gestalt eines Knechtes ergriff und den Menschen gleich wurde.
Sodann: In der Gestalt aufgefunden wie ein Mensch, setzte er sich selbst (noch) herab, indem er hörig wurde bis in den Tod, ja bis in den Kreuzestod.
Deshalb aber hat Gott ihn hochgehoben an die höchste Stelle und über alles hinweg und hat ihm einen Namen geschenkt, der über allen Namen ist, auf dass im Namen Jesu ein jeder seine Knie beuge im Himmel und auf der Erde und unter der Erde und es aus jedem Mund zustimmend herausströme: Fürwahr, Herr ist Jesus Christus, zum Ruhm Gottes, des Vaters.

Damit war nicht zu rechnen.
Dass jemand von oben kam. Festen Trittes, mit klarem Ziel steigt er hinab. Schielt nicht nach oben und sichert sich nicht ab nach unten. Kommt ins Gehege mit all denen, die sich abmühen, Sprosse um Sprosse höher zu klettern. Geht einfach seinen Weg. Steigt ab. Ein Mann will nach unten. Gegenverkehr auf der Lebensleiter.
Ein Lied des Kontrastes ist es, das Paulus singt. Wo alles nach oben strebt auf den Lebens- und Karriereleitern dieser Welt, wo Menschen danach trachten, sich einen Namen zu machen, da wechselt einer die Richtung.
Damit war nicht zu rechnen.
Dass einer nicht krampfhaft festhielt, was er hatte. Dass einer nicht seinen Besitzstand wahrte, sondern losließ. Alles losließ. Seine Heimat. Seine Geschichte. Sich selbst.
... entleerte er sich selbst.

Ein Loblied auf den Niedergang ist das.Aber wer ist da, der wirklich mit einstimmen will?Wer ist es, der diesen Weg mitgehen und die Konsequenzen tragen will?
Es singt sich so schön, dieses Lied von dem Christus, der hinabsteigt. Von dem herunterkommenden Gott, der sich hinab neigt zu seiner Schöpfung, sich ihr verbindet ganz nah. So nah, dass ihr Lachen nun auch sein Lachen wird - und ihr Schmerz auch der seine. Es singt sich so leicht, dieses Lied vom herunterkommenden Gott, der die Himmelspaläste verlässt, so es diese denn jemals gegeben hat. Und der sie eintauscht mit unseren irdischen Hütten.
Es singt sich so leicht … doch der, den Paulus besingt, hält nicht an an der Sprosse der Lebensleiter, an die wir uns gerade klammern. Gewiss: Er kommt auch dort vorbei, gleichsam ein Gottesschatten in unserem Leben, ein Streiflicht des Himmels. Und doch hält er nicht an bei uns, um nun Gott unserer Wünsche zu werden. Wir sind das Ziel seiner Reise nicht. Noch nicht. Sein Abstieg geht weiter. Ein Gott will nach unten. Unsere Tiefe, wie tief sie auch sein mag, ist ihm noch nicht tief genug. Und all unsere irdischen Hütten sind ihm noch zu fest ummauert. Ins Unbehauste steigt er hinab: ... entleerte er sich selbst, indem er die Gestalt eines Knechtes ergriff.

So streift er uns. So wirft er seinen Gottesschatten über unser Leben: Über unser ängstliches Klammern und zögerndes Klettern, über unser alltägliches Fragen und Mühen. Auch über unsere Abstiegsangst und die Furcht vor dem Niedergang. Und doch lässt er uns hinter sich. Oder besser: Über sich. Auf der Leiter des Lebens steigt er an uns vorbei, in Gegenrichtung. Von seinem Schatten gestreift, klammern wir uns an unsere Sprosse und schauen ihm hinterher: Ihm, der es wagt, in die Tiefe zu gehen.
Und plötzlich sind wir auf ganz andere Art und unerwartet gottverlassen. Weil wir nämlich auf einmal ihm über sind. Weil wir über ihm zu stehen kommen, der sich zum Knecht macht und der weit unter uns ist und weiter und weiter hinabsteigt.
Was kann ein Gott uns nützen, der im wahrsten Sinne des Wortes „unter“ uns ist?
In der Gestalt aufgefunden wie ein Mensch setzte er sich selbst (noch) herab, indem er hörig wurde bis in den Tod, ja bis in den Kreuzestod.
Das ist die eigentliche Gottesfrage, die in mir zu nagen beginnt. Nicht die Frage ist es nach einem fernen allmächtigen Himmelsgott, der weit über mir ist. Die Gottesfrage, die in mir nagt, ist die nach dem fernen Gott, der weit unter mir ist und unter meinen Möglichkeiten. Nach dem Gott, der sich die Tiefe aussucht als Wohnstatt, der dort haust, wo alles unbehaust ist. Der sich schwächer macht, als ich selbst es bin. Was kann dieser heruntergekommene Gott noch geben?

Schau ihn dir an, antwortet Paulus in meine Fragen hinein. Schau ihn dir an, deinen heruntergekommenen Gott, wie er seinen Weg in die Tiefe geht:
Hörig wurde er bis in den Tod, ja bis in den Kreuzestod.
Siehst du, ein Höriger war er. Aber doch nicht ein Höriger des Todes. Ein Höriger des Lebens ist er gewesen bis in den Tod hinein. So nützt er dir. Das war sein Weg. In der Gegenrichtung auf der Lebensleiter hat er auf das Leben gehört. Hat er am Leben gehorcht. Ist diesem Leben und der Suche nach ihm hörig geworden. Hat es gesucht, es gefunden, es selbst geweckt. Selbst dort, wo Menschenwelten zusammenbrechen und Lebensleitern ihren Stand verlieren. Tiefer und tiefer ist er gestiegen, wie ein Rettungstrupp, der nach verschütteten Bergleuten sucht und nicht aufhört nach Klopfzeichen, nach Lebenszeichen auszuhorchen.
Christus, so antwortet mir Paulus, war dem Leben hörig bis in den Tod hinein. Daran hielt er fest: Überall diesen Ton des Lebens noch zu erwarten, überall pulsierendes Leben zu entdecken und zu wecken. Selbst im eigenen Tod hat er noch hörend den Ton des Lebens gesucht - und hat ihn gefunden.

Deshalb aber hat Gott ihn hochgehoben an die höchste Stelle und über alles hinweg und hat ihm einen Namen geschenkt, der über allen Namen ist.
Damit war nicht zu rechnen.
Dass der, der in die Gegenrichtung stieg, noch einmal Höhenluft atmet. Dass der Absteiger nicht in der Namenlosigkeit endet und im ewigen Vergessen. Dass der Heruntergekommene noch in der Tiefe das Leben findet, ja es in sich aufnimmt als eine ewige Hoffnung. Als eine Hoffnung, die sich nun nicht mehr oben festmacht, wo Menschen sich an die Sprossen des Erfolgs klammern. Sondern als eine Hoffnung, die von unten kommt: Von dort, wo unsere Lebensleitern, an denen wir so oft waghalsig und ungesichert klettern, ihren festen Grund suchen. Von dort steigt diese Hoffnung nun auf in seinem Namen, ein ewiges Klopfzeichen des Lebens.
Das aber ist ein Loblied wert im Himmel und auf der Erde und unter der Erde.