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Predigt über Philipper 2,5-11

Prädikant Stephen Gerhard Stehli

04.04.2004 im Dom St. Mauritius und St. Katharinen zu Magdeburg

Liebe Schwestern und Brüder in Christo!

„Bei Philippi seihen wir uns wieder.“ Dieser manchmal etwas drohend ausgesprochene Satz geht auf William Shakespeare zurück und bezeichnet die nordgriechische, mazedonische Stadt, bei der im Jahr 42 vor Christus die Cäsarmörder Brutus und Cassius besiegt wurden. Selbst habe ich die Redewendung im Studium in der Kurzform „Philippi“ als Abschiedsgruß der Qualität von Ciao oder Tschüß kennen gelernt.

Der Apostel Paulus hatte ein gute und herzliche Verbindung zur christlichen Gemeinde in Philippi. Sie war sein erster Stützpunkt in Europa, um 40 nach Christus gegründet, und er hatte mit der dortigen Truppe auch regen Briefkontakt, von dem im Neuen Testament der Philipperbrief zeugt, der, um 55 geschrieben, nach Meinung einiger Theologen eine spätere Zusammenfassung mehrerer Paulusschreiben ist. Mahnend und werbend, lobend und ordnend wie immer, baut Paulus literarisch ein damals bekanntes Lied über Jesus in seinen Brief ein. Diese Zeilen stellen den ältesten Christushymnus, den wir kennen, dar, und er fasst eine Vielzahl von Aussagen über Jesus Christus zusammen, über seine Herkunft, seinen Tod und seine Erhöhung durch Gott, ein heute merkwürdig wirkender Begriff, der uns schon im Wochenspruch begegnet ist, und der die theologische Zielrichtung des Apostels klarmachen will. Wir stehen am Anfang der Karwoche, der Heiligen Woche, der Stillen Woche, der Woche des Scheiterns und der Vollendens. Lasst uns daher diesen uralten Hymnus, der heutige Predigtext, zusammen lesen und bedenken.

(gemeinsames Lesen von Philipper 2, 5-11)

Schwestern und Brüder, viele haben diesen Text schon einmal gelesen oder gehört. Bekannt ist Martin Luthers ursprüngliche Übersetzung von Paulus’ Einleitungssatz: „Ein jeglicher sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war.“ Hier wird eher der Appell an den einzelnen betont, und manchmal wurde er streng als „Sei du wie Jesus!“ gepredigt, was natürlich auch ängstigen oder zweifeln lassen kann. Später wurde bei genauerer Betrachtung des Urtextes in angemessenem Gemeindebezug und damit für uns heute ganz entscheidend der Gemeinschaftscharakter stärker betont: „Solche Gesinnung habt untereinander, wie sie auch in Christus Jesus war.“, so die Jerusalemer Bibel. „Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht.“, das ist die Einheitsübersetzung, und unser Gemeindefreund und, ich bin einmal so keck, Haustheologe Professor Klaus Berger übersetzt: „So sollt ihr miteinander umgehen, wie es für die Gemeinschaft mit Jesus Christus selbstverständlich ist.“

Die Richtung ist klar und verständlich, Paulus weist die Heiligen in Philippi, so sein üblicher Duktus für die Gemeinde, und nun auch die Heiligen in Magdeburg, das sind damit wir, Schwestern und Brüder, auf Gemeinschaft und Orientierung hin, Gemeinschaft untereinander und mit Jesus Christus, Orientierung an und in Jesus Christus. So weit, so eindeutig, und dann kommt der bekennende Hymnus, quasi als Antwort auf den real vorstellbaren oder auch inneren Zwischenruf aus der Menge, der Stadt. „Und wer soll dieser Jesus sein, den du Christus, den Gesalbten den König nennst?“ Nun ist aber Paulus kein postmoderner Pastor, der erst einmal schön irdisch anfängt: „Darüber sind sich alle einig, auch die Atheisten: Jesus hat gelebt, Jesus hat gelehrt, Jesus ist gestorben.“, als ob das irgendwie legitimationserhöhend wäre. Nichts von Nazareth und Bethlehem, von Galiläa und Jerusalem, von Spuren und Ideen, sondern Paulus geht in die Vollen: Jesus Christus war bei Gott, in Gott, wie Gott, Dasein vor seiner Zeit auf Erden, Präexistenz, doch er selbst, er, Jesus, wollte es anders, er wurde Mensch, von ganz oben zu uns, so wie der Evangelist Johannes schreibt: „Das Wort war Fleisch und wohnte unter uns.“, Inkarnation.

Dann landete Jesus freiwillig ganz unten, er wollte da sein, wo alles Leidende und Tödliche uns Menschen trifft, Knechts-, Sklavengestalt, Erniedrigung, ganz unten, Tod. Paulus setzt noch einfügend eindringlich den Verbrechertod drauf: Ja, zum Tod am Kreuz.“ Unten, Ende. Und dann die Wendung, Gott reißt Jesus aus diesem Ende heraus, er kommt bar jeder menschlichen Logik und Wahrscheinlichkeit von ganz unten nach ganz oben, Erhöhung, Einsetzung unten dem Namen, der über alle Namen ist, also, so übersetzt Berger, mit der Erlaubnis, sich Gott nennen zu lassen, dass alle ihn erkennen und anbeten können, Inthronisation, Akklamation, „zur Ehre Gottes, des Vater“. Das ist eine gewaltige Geschichte, und es ist die Geschichte der Heiligen Woche, von Palmsonntag, Gründonnerstag, Karfreitag Ostern, von Kreuzestod und Auferstehung, begonnen in Jerusalem, an einem Ort und zu einer Zeit, wo der Schleier zwischen dieser und jener Welt, zwischen dem Menschlichen und dem Göttlichen so dünn wurde, dass er zerriss, wie vor dem Allerheiligsten des Tempels, uns allen zum Segen. Warum Gott unbedingt dieses in einer obskuren Provinz des Römischen Reiches in einem kleinen, widerspenstigen Volk getan hat, darüber kann man spekulieren. Er konnte aber wohl, das gilt auch bei heutiger Betrachtung der Lage des Heiligen Landes, in Israel und Palästina für mich uneingeschränkt, an keiner besseren Stelle Mensch werden, und wichtig ist, er hat es getan.

Schwestern und Brüder, der große Gegner Gottes, der hier natürlich mitspielt, der Satan, heißt übersetzt: „Der Verwirrer“, „Der Durcheinanderbringer“. Das hohe Mittelalter ruft „Inversus“, verkehrt, wenn das Verhalten der Menschen der Botschaft der Bibel widerspricht. Es ist aber gerade diese Botschaft, die in unserem Alltag so verkehrt erscheint. Damit meine ich nun nicht einmal die Schrecken und Brutalität von Krieg und Unterdrückung, von Folter und Mord in allen Formen, sondern den Alltag. Wenn wir uns selber nur anhalten, zu funktionieren, uns anzupassen, um weiterzukommen, unsern Platz im Leben einzunehmen, nicht anzuecken, dann geht die Freiheit der Botschaft Jesu an uns vorbei. Diese Botschaft der Freiheit des Verzichts, durch Jesus Christus vorgezeigt, von ganz oben nach ganz unten, steht diametral zu dem, wie unser ganz normales Leben sehr häufig funktioniert. Inversus, verwirrt, verkehrt. Und das Göttliche, Gottgemäße, erscheint dann auch uns Christen als unrealistisch, als naiv, als nett, oder auch als provokante Zumutung.

Wenn heute jemand unter uns ist, der die christliche Botschaft in den Worten des Philipperbriefes das erste Mal bewusst hört, von der Freiheit des Verzichts auf das Höchste, vom Weg von oben nach unten durch Gott, „er entäußerte sich selbst, nahm Knechtsgestalt an, erniedrigte sich selbst“, dann ist Kopfschütteln die menschliche, die natürliche Reaktion. „So kann das doch nicht sein, das steht im Widerspruch zu allem, was ich erlebt habe, erlebe und auch für sinnvoll und richtig erkannt habe.“ Und dieser Fall des ungläubigen Zweifels bei der Durchschnittsbegegnung mit der christlichen Botschaft erscheint durchaus ehrlich und in unserem Leben nachvollziehbar. Und dennoch, dennoch, ja gerade deswegen halten wir diesem Inversus Jesu Wort und Gottes Gnade entgegen. Wenn wir in unserer Welt ganz unten landen, in welcher Lage auch immer, dann bleiben wir da. Wer sich nicht anpasst und funktioniert, fliegt. Endgültig. Das Lied der Welt hat einen Schlusspunkt, eine Enddissonanz, es bricht ab. Ende. Der Christushymnus hat eine zweite Strophe und die führt nach oben. Weil Gott in Jesus Christus ein anderes, ein neues Verhältnis zur Welt gesucht hat, weil zur Freiheit die Gnade kam und kommt, können wir die Provokation aushalten, bejahen, ja als lebensbejahend und lebensbegründend aussehen und er-leben. Wir werden nicht liegengelassen, wir erhalten wieder ein Chance, wir können uns von Zwängen befreien, wir können leben, und müssen nicht funktionieren, und wir können es in Freiheit und Gnade auch immer wieder neu versuchen. Der Weg mit Gott beginnt jetzt, das macht auch Paulus mit seinem provokanten Hoffnungsbericht deutlich.

Der Verwirren kann uns dann auch kein X für ein U vormachen, und mit guten Absichten den Weg zur Hölle pflastern. Wir können besser wissen. Der Hymnus kann auch innerlich gesungen werden, zur Ehre Gottes, des Vaters. Und daher ist es so unendlich nötig, dass wir diese Botschaft der Freiheit und der Gnade weitererzählen. Dem Exklusivcharakter des Menschen, der nur sich und das Seine betrachtet, stellen wir Christen die offene Inklusivität Gottes in Jesus Christus entgegen. Und diese Hoffnung im Glauben gilt uns allen, auch, ja gerade, wenn die Menschen, die Mitmenschen, auch die Mitchristen nicht immer die angenehmsten Zeitgenossen sind. Wir können und dürfen auch anders, immer wieder! Daher heißt Christentum Leben, volles, pralles, fröhliches Leben in und mit Gott, und wer im Namen Gottes Tod, Vernichtung, Zerstörung predigt, handelt nicht nur verbrecherisch, sondern gotteslästerlich!

Schwestern und Brüder, dieser Paulustext ist nicht zufällig für Palmsonntag gewählt. Einerseits entspricht die Erhöhung am Ende des Hymnus dem Hosiannaruf der Akklamation zum Sohn Davids. Aber auch die realen örtlichen Gegebenheiten in Jerusalem bilden den Text ab. Die heiligen Stätten sind heute oft durch Überbauung und Einbindung in Kirchenräume schwer als das erkennbar, was die Evangelien beschreiben. Bei Palmsonntag ist das anders. Man kann den Weg gehen, ganz real, und jetzt zieht auch im Heiligen Land die Prozession von Bethanien nach Jerusalem. In Bethanien, arabisch Al-Azariya, der Name erinnert an den durch Jesus vom Tod erweckten Lazarus, steht man heut im Schatten des Trennzauns, der Trennmauer zwischen Israelis und Arabern. Es geht dann auf den Ölberg, ganz oben, wo die Himmelfahrtsstätte die Göttlichkeit Jesu Christi deutlich macht, die Berührung von Himmel und Erde, von Gott und Mensch. Und dann geht es abwärts, über riesige Friedhöfe am Hang vor dem golden scheinenden Jerusalem, mitten durch den massenhaften Tod vorbei an Dominus Flevit, wo Jesus über Jerusalem weint, an Gethsemane vorbei, wo er wenige Tage später Blut schwitzt, hinunter ins Kidrotal und ins Hinnomtal, wo die Müllhalde und die Aussätzigenstelle waren und dem Götzengott Moloch Kinder geopfert wurden, ganz unten, Hinnom, arabisch Gehenna, Hölle. Ende.

Nein, eben nicht, es geht dann wieder aufwärts nach Jerusalem und auf den Zion, an die Mauern dieser Stadt, in dieses unzulängliche, menschliche Jerusalem, das dann aber doch Symbol bleibt für das Göttliche beim Menschen, das, wie das Mittelalter es beschrieb, an einer goldenen Kette am Himmel hängt. Hinauf nach Jerusalem, weil unten nicht das Ende ist, weil Gott bei den Menschen, bei uns ist und sein will, weil er uns Menschen an den chaotischsten und verwirrtesten Stellen der Welt, zwischen Fanatismus und Hass, Freiheit und Gnade gibt. Und so wird auch Magdeburg zu Jerusalem, und so haben wir unsere Prozession mit Palmen und Zweigen zu recht zeitlich gleich mit den Christen in Jerusalem unternommen.

Inversus? Nicht, nicht mehr, sondern die Verheißung, ganz und heil zu sein. Diese Woche wird hart, Schwestern und Brüder, Karfreitag ist nicht weit, Gewalttag der übelsten Art steht uns bevor, wir werden Zeugen von Geißelung und Tod am Kreuz, aber die Trauerwoche der Passion ist auch eine Woche der Liebe und der Hingabe, die uns das Sakrament der Anwesenheit Gottes im Abendmahl gibt, und ich kann nicht umhin, schon jetzt an den kommenden Sonntag zu denken. Es ist ja Hiob selbst in Dreck und Erniedrigung, der sagt: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!“

Und so können wir mit Palmzweigen in der Hand uns jetzt schon auf das Osterlachen vorbereiten, und in fröhlicher Provokation unsere Gesinnung bekennen, die der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes des Vater.

Amen.