Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Philipper 3,17-21

Prof. Dr. Matthias Konradt

18.06.2017 Peterskirche Heidelberg

Liebe Gemeinde,

Religion ist Opium für das Volk. Statt die Menschen anzuhalten, an der Veränderung und Verbesserung ihrer Lebensumstände hier und jetzt zu arbeiten, vertröstet sie auf ein Jenseits. Diesen Vorwurf der Religionskritik, der heute alles andere als verstummt ist, muss man ernst nehmen, und zwar zum Guten der Religion selbst. Denn es ist ein Schaden für die Religion, wenn sie als bloße Jenseitsvertröstung daherkommt und dem Leben in dieser Welt keinen eigenen Wert beizumessen vermag. Warum hat Gott dann überhaupt dieses Leben gegeben, hier und jetzt auf Erden?

Es gibt neben billiger Jenseitsvertröstung allerdings auch den umgekehrten Schaden für die Menschen: eine ungläubige Jenseitsvergessenheit, die Gefahr läuft, zur panischen Vergötzung dieses Lebens zu führen. Davon handelt der heutige Predigttext im Rahmen unserer Predigtreihe zum Philipperbrief des Apostels Paulus. Er steht im dritten Kapitel in den Versen 17 bis 21:

 

17 Seid miteinander meine Nachahmer, Brüder und Schwestern, und seht auf die, welche so wandeln, wie ihr uns zum Vorbild habt! 18 Denn viele wandeln, von denen ich euch oft gesagt habe, nun aber auch unter Tränen sage, dass sie die Feinde des Kreuzes Christi sind: 19 deren Ende Verderben, deren Gott der Bauch und deren Ehre in ihrer Schande ist, die auf das Irdische sinnen. 20 Denn unsere Bürgerschaft ist in den Himmeln, von woher wir auch den Retter erwarten, den Herrn Jesus Christus, 21 der unseren Leib der Niedrigkeit umgestalten wird zur Gleichgestalt mit seinem Leib der Herrlichkeit, nach der wirksamen Kraft, mit der er vermag, auch alle Dinge sich zu unterwerfen.

 

Liebe Gemeinde, Paulus zeigt sich in unserem Text nicht gerade von seiner zimperlichen Seite. Von „Feinden des Kreuzes Christi“ ist die Rede, deren Gott ihr Bauch ist. Wen meint Paulus damit? Der Apostel hat wohl nicht mehr die Leute vor Augen, vor denen er am Anfang des dritten Kapitels mit ebenfalls nicht gerade freundlichen und ausgewogenen Worten warnte. Aber Paulus’ Auseinandersetzung mit diesen Leuten führt uns auf die Spur, um wen und um was es sich am Ende des Kapitels in unserem Predigttext handelt. Ich hole daher ein bisschen aus.

Zu Beginn des 3. Kapitels ging es um Leute, die die Position vertraten, dass Christusgläubige aus den Völkern erst zum Judentum übertreten müssen, wenn Gottes Handeln in Christus auch ihnen zuteilwerden soll. Paulus reagierte darauf, indem er sich selbst als Exempel präsentierte. Bevor er zum Glauben an Christus kam, musste er sich in seiner jüdischen Lebensweise vor niemandem verstecken. Aber all seine Untadeligkeit, die ihm damals zu höchster Ehre gereicht haben mag, ist für ihn nun, seitdem Christus sein Leben bestimmt, im Grunde bedeutungslos. Denn nun kommt es für ihn allein auf seine Gemeinschaft mit Christus an.

Paulus schildert also seine Lebenswende als eine komplette Neuausrichtung, durch die das Vergangene für ihn keinen Wert mehr hatte – und dies, obwohl sein neues christliches Leben für ihn nach üblichen Maßstäben betrachtet nicht gerade ein Platz auf dem Sonnendeck bedeutete. Als er den Brief schrieb, saß er im Gefängnis. Die Verkündigung des Evangeliums hatte ihm Verfolgung eingebracht, ja er fürchtete um sein Leben. Seine Gemeinschaft mit Christus ist auch eine Gemeinschaft im Leiden. So konkretisiert Paulus sein neues Leben in den Versen, die unserem Predigttext vorangehen, eben mit den Worten: Christus „möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden, indem ich seinem Tod gleichgestaltet werde, ob ich irgendwie hingelangen möge zur Auferstehung aus den Toten“ (Phil 3,10f).

Wenn Paulus die Philipper zu Beginn unseres Predigttextes ausdrücklich dazu auffordert, ihn nachzuahmen, geht es analog zu seiner eigenen Vita darum, dass sie bereit sein sollen, sich vom Früheren zu lösen. Das Alte war für die Adressaten aber nicht wie bei Paulus selbst die vorbildliche Verwirklichung jüdischer Lebensweise durch das untadelige Halten der Gebote. Philippi war eine römische Kolonie, und hier spielte, was auch sonst für die antike römische Gesellschaft charakteristisch ist, das Streben nach Ehre und sozialer Anerkennung eine zentrale Rolle. Die antiken Inschriften, die in Philippi gefunden wurden, geben davon ein facettenreiches Zeugnis. Seitdem die Adressaten aber Mitglieder der christlichen Gemeinde in Philippi sind, erhalten sie keine Anerkennung; man begegnet ihnen nicht mit Hochachtung; sie erfahren vielmehr Ausgrenzung und Bedrängnis. Ein gefangener Apostel trägt auch nicht gerade zur Attraktivitätssteigerung ihrer neuen Religion bei. Im Judentum hatte man schon lange gelernt, mit dem Leiden theologisch umzugehen. Aber im römischen Kontext der Gemeinde in Philippi versprach man sich von einer Gottheit üblicherweise Bewahrung und Gedeihen des diesseitigen Lebens. Entsprechend groß waren die Probleme, mit den Erfahrungen von Leid und Bedrängnis sinnvoll umzugehen.

In seinem Brief an die Philipper sucht Paulus diesem Problem zu begegnen. Was seine Bereitschaft betrifft, um des Evangeliums willen Ungemach in Kauf zu nehmen, nimmt Paulus in der Tat den Mund nicht zu voll, wenn er auf sein Vorbild verweist. Auf rein Irdisches gesinnt zu sein, das kann man Paulus wirklich nicht vorhalten. Das ist vielmehr, was er bestimmten Leuten in Philippi vorwirft. Konkret dürfte es sich um ehemalige Gemeindeglieder handeln, deren Abwendung die Gemeinde als Ganze zu irritieren droht. Paulus nennt sie Feinde des Kreuzes Christi, weil sie der Leidensgemeinschaft mit Christus ausgewichen sind. Ihr Sinnen und Trachten ist auf ihr irdisches Wohlergehen gerichtet. Paulus bringt dies pointiert in dem Vorwurf zum Ausdruck, dass sie ihren Bauch zu ihrem Gott erkoren haben. Und ihre irdische Gesinnung manifestiert sich zudem eben darin, dass sie nach Ehre und Anerkennung streben, was Paulus bissig mit den Worten kommentiert: „Ihre Ehre ist in ihrer Schande!“

Paulus hingegen lenkt den Blick auf den Himmel. Der Anfechtung und der Trübsal, die jetzt auf Erden zu ertragen sind, steht die Bürgerschaft im Himmel gegenüber. Es zählt also nicht das irdische Gemeinwesen, die Bürgerschaft der römischen Kolonie Philippi – mit all den Ehrungen und Anerkennungen, die hier zu erlangen waren. Es zählt die Bürgerschaft im Himmelreich, welche die Christen besitzen. Deshalb ist die gegenwärtige Trübsal auch nur Durchgangsstation. Denn vom Himmel her, so schließt Paulus, erwarten wir unseren Retter, den Herrn Jesus Christus, der unseren Leib der Niedrigkeit umgestalten wird zur Gleichgestalt mit seinem Leib der Herrlichkeit (3,20f). Das ist die wahre Ehre, und die dürfen die Adressaten erwarten.

Paulus, liebe Gemeinde, reißt also eine klare Alternative auf. Wenn wir seine Rede von der Bürgerschaft im Himmel aufnehmen, kann man die Alternative so beschreiben, dass es um die Frage geht: Welchem Gemeinwesen sieht man sich zugehörig? Lässt man sein Leben dadurch bestimmt sein, dass man Bürger der römischen Kolonie Philippi ist? Oder ist das Entscheidende, dass man sozusagen einen himmlischen Pass besitzt, dass man ein Bürgerrecht im himmlischen Gemeinwesen hat? Für Paulus ist die Antwort klar: Unser Bürgerrecht ist im Himmel!

Ist das Jenseitsvertröstung, was Paulus hier treibt? Auf den ersten Blick wird man sagen müssen: Ja, das ist es. Nun sind wir hier aber in einer Universitätskirche, und daher gilt besonders streng, was allerdings immer zu beachten ist: Man muss sich vor historisch schiefen Urteilen hüten. Unsere Situation ist offenkundig eine andere als die der ersten Christen in Philippi. Die damaligen Christen in Philippi hatten keine Möglichkeit, sich als Christen an der Gestaltung ihres städtischen Gemeinwesens zu beteiligen. Zwischen der vollen Integration in die städtische Gesellschaft und der Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinde gab es im Grunde keine Option, die beides miteinander zu vereinbaren vermochte. Das ist für uns zum Glück ganz anders. Wir können mit Paulus sagen, dass wir ein himmlisches Bürgerrecht haben, aber wir sind auch Bürger unserer Stadt, unseres Landes und unseres Kontinents, ja wir sind, kurz gesagt, Bürger dieses Globus. Und wir gehen als Christen hier unseren Pflichten und Aufgaben nach, auch ganz alltäglich im Beruf oder in unseren Familien und Freundeskreisen.

Es kommt hinzu, dass Paulus’ Weltbild und unser Weltbild ebenso offenkundig nicht identisch sind. Das ist im Grunde eine Binsenweisheit, aber wir müssen eben auch die Konsequenzen daraus ziehen. Wenn Paulus in Phil 3 eine klare Alternative aufzureißen sucht zwischen irdischer Gesinnung und der himmlischen Bürgerschaft, dann geschieht dies unter einer wesentlichen Voraussetzung: Für Paulus war die baldige Wiederkunft Christi eine äußerst lebendige Erwartung. Er rechnete in der Tat damit, dass Christus alsbald vom Himmel her erscheinen wird, die Toten dann auferstehen und mit den noch Lebenden verwandelt werden. Im Horizont antiker Religionsgeschichte betrachtet, ist Paulus’ Erwartung übrigens nicht übermäßig spektakulär. Aber wenn in heutigen Gemeinden in unserer Landeskirche über die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod gesprochen wird, dann wird die Diskussion bei den allermeisten wohl kaum um die Erwartung der Wiederkunft Christi kreisen. Ich weiß nicht, wie es damit bei Ihnen steht; ich jedenfalls würde diesen Gedanken nicht an erster Stelle in die Diskussion einbringen. Schon in den ersten Generationen nach Paulus haben die Christen begonnen, darüber nachzudenken, dass Jesus eben noch nicht wiedergekommen ist, ohne sich davon in ihrem Glauben grundsätzlich anfechten zu lassen. Zugleich haben sie die Aufgabe, das Leben in dieser Welt zu gestalten, beherzt aufgegriffen. Um wieviel mehr sollte es heute theologisch selbstverständlich sein, dem ersten Artikel des Glaubensbekenntnisses sein volles Recht einzuräumen, dem Glauben an Gott als dem „Schöpfer des Himmels und der Erde“. Im Übrigen wusste auch Paulus schon mit kräftigen Worten von dem neuen Leben in Christus zu reden, das hier und jetzt Gestalt gewinnen soll. Den Vorwurf der Jenseitsvertröstung kann man Paulus also nur machen, wenn man zum einen die Verse unseres Predigttextes von dem isoliert, was Paulus sonst zu sagen hat, und zum anderen auch noch die historische Differenz zwischen Paulus und uns missachtet.

Wenn sich aber ein historischer Graben zwischen uns un dem Text auftut: Geht uns dieser Text dann aber überhaupt noch etwas an? – Ja, unbedingt, denn das Kind ist bekanntlich nicht mit dem Bade auszugießen. Auch heute zeichnet es Christenmenschen aus, über dieses Leben hinauszudenken. Wir Christen haben eine Hoffnung, die über dieses Leben hinausreicht und die zugleich Licht auf dieses Leben wirft. Nicht in der Gestalt, dass das irdische Leben entwertet wird. Aber die Glaubenszuversicht, dass mit dem Tod nicht alles aus ist, sie entlastet. Sie entlastet davon, allen Sinn in diesem Leben finden zu müssen. Sie entlastet davon, alles aus diesem Leben rausholen zu müssen. Sie entlastet auch von der Trauer, wenn man erkennt, dass man wertvolle Lebensjahre fehlinvestiert hat – in ein Projekt, eine Freundschaft, eine Partnerschaft. Die Hoffnungsperspektive des christlichen Glaubens ermöglicht es, alles Fragmentarische des eigenen Lebens annehmen zu können. Die Schwester der christlichen Hoffnung ist daher die Gelassenheit. Nein, dieses irdische Leben ist alles andere als belang- und wertlos. Wie könnte es das sein, wenn Gott der Geber dieses Lebens ist. Aber dieses begrenzte irdische Leben ist eingebettet in die Weite der Ewigkeit.

Unser Text spricht aber noch in anderer Hinsicht in unsere Gegenwart hinein.  Denn das, was Paulus als Gegenüber im Blick hat, was er als rein irdische Gesinnung bezeichnet, hat ganz offenkundig nichts an Aktualität eingebüßt. Und mir scheint, dass es hier um Dinge geht, die uns Gefahr laufen lassen, das irdische Leben selbst zu verfehlen.

Mit dem Glauben an Gott ist für mich eine grundlegende Frage meines Lebens beantwortet: Warum bin ich hier auf der Welt? Weil es Gott gefallen hat, mir und vielen anderen dieses Leben zu schenken. Wenn man aber sein Leben nicht so verankert sieht, wie kann man dann die Frage sinnvoll beantworten, was mein einzelnes Leben soll – im Angesicht von Milliarden anderen Menschen und noch mehr Milliarden anderen Lebewesen und angesichts all der offenkundigen Sinnlosigkeit, die die Welt- und Menschheitsgeschichte durchzieht. Und was soll ich, wenn ich das Leben schon habe, aus diesem denn machen?

Eine Option könnte sein, sich dem Lebensgenuss hinzugeben und mitzunehmen, was es auf der Wegstrecke des Lebens so gibt. Delikate Speisen, erlesene Weine oder ein gut gezapftes Bier. Sich gut unterhalten lassen durch Spiel, Sport und Musik. Und natürlich achtgeben, dass man so ungestört wie möglich durchs Leben kommt. Also immer rechtzeitig den Kopf einziehen, nicht anecken, unauffällig mit dem Strom schwimmen – so wie die Leute, die Paulus in unserem Predigttext vor Augen hat, die angesichts ihrer Ausgrenzungs- und Leiderfahrungen als Christen schnell wieder die Assimilation an die römische Gesellschaft anstrebten. Die Lust als Lebensprinzip. Oder mit Paulus’ Worten in unserem Predigttext: der eigene Bauch als Gott.

Nun ist wirklich nichts gegen gutes Essen und Trinken einzuwenden; das sollten wir wiederum als Gaben des Schöpfers dankbar empfangen und auch genießen. Aber sich in der ästhetischen Erfahrung zu verlieren und dem kulinarischen Genuss hinzugeben, mag für eine Weile das Gemüt erheitern. Aber ist das eine tragfähige Grundlage für ein ganzes Leben, geschweige denn für ein Gemeinwesen? Wer aber auf Gott hin lebt – und dies in der Hoffnung, dass das Leben über den Tod hinausreicht –, der darf die Tage genießen, wenn sie denn freundlich sind, aber er verliert sich nicht darin und weiß auch aufrecht zu bleiben, wenn es für etwas einzustehen gilt.

Eine andere Option, und auch das kennt Paulus aus dem römischen Philippi, ist das kompetitive Streben nach Ehre und Anerkennung. Neben dem Genussmenschen steht also der Mensch, der auf Erden etwas gelten möchte. Das ist die Antriebsfeder für das, was er aus seinem Leben machen möchte. Dass man davon auch in einer Universitätsstadt wie Heidelberg Geschichten erzählen kann, die ganze Bücher zu füllen vermögen, muss ich hier nicht im Einzelnen entfalten. Als Gegengift sollte man sich einfach immer wieder die klugen Worte des Predigers Salomo zu Herzen nehmen: Das ist alles eitel und Haschen nach Wind (Pred 1,14). Um sich dann als Gegenmodell mit Paulus’ Worten im Philipperbrief Christus als Modell vor Augen zu halten: Er, der in der Gestalt Gottes war, strebte nicht danach, Gott gleich zu werden, sondern wurde niedrig und nahm Knechtsgestalt an. Sicher: Jeder Mensch sucht Anerkennung – irgendwie. Das ist ganz natürlich. Aber es gibt ein Streben nach Ruhm und Ehre, das krank macht – und das Menschen asozial werden lässt. Paulus wird nicht müde zu betonen, dass seine Ehre bei Gott liegt. Christus nahm Knechtsgestalt an – und wurde von Gott erhöht. Das ist auch für uns der Grund der Hoffnung – und sollte gelassen machen gegenüber all dem eitlen Haschen nach Wind.

Liebe Gemeinde, darauf vertrauen zu dürfen, dass wir neben unserem irdischen Gemeinwesen noch eine Bürgerschaft im Himmel haben, das führt nicht zur Weltflucht. Christlicher Glaube eignet sich denn auch nicht als Opium. Er ist Elixier und Medizin des Lebens, des guten Lebens; eines Lebens, das erfüllt ist, ohne dass „das Glas“ randvoll sein muss. Denn er hilft, dieses Leben jeden Tag neu zu gestalten – in der Gelassenheit, die aus der Hoffnung auf das ewige Leben kommt; sich weder rauschhaft in den Sonnenseiten des Lebens zu verlieren noch verzweifelt in seinen Schattenseiten; sondern die Mühen geduldig zu tragen und das Gute dankbar zu empfangen und weiterzugeben, um jeden Tag, ohne sich perfektionistisch unter Druck setzen zu müssen, Schritt für Schritt einen Beitrag zu leisten, diese Welt zum Guten hin zu verändern. Amen