Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Predigt Jeremia 9,22-23

Pfarrer Michael Heinrich (ev.)

28.01.2018 Kirche Hülsa in Homberg/Hülsa

Einführung in das Pfarramt

Amerika First – das ist die Erwartung des amerikanischen Präsidenten seit seinem Amtsantritt vor gut einem Jahr, liebe Gemeinde

Gut 4 Monate nach der Bundestagswahl erwarten wir in Deutschland, dass wir bald eine stabile Regierung bekommen.

Und der HSV erwartet, dass Bernd Hollerbach als neuer Trainer die Verunsicherungen in der Mannschaft löst, neue Impulse setzt und die Mannschaft zum Erfolg führt.

Was erwarten wir von anderen? Vielleicht werden Sie spontan antworten, eigentlich nicht viel. Doch in Wirklichkeit sieht es mit unserer Erwartungshaltung anders aus.

Das fängt schon als Baby und Kleinkind an. Die Erwachsenen erwarten sehnsüchtig, dass die Zähnchen sich zeigen, dass man sein erstes Wort spricht und zu krabbeln anfängt.

Dann kommt die Schulzeit mit den Erwartungen der Eltern und Lehrer. Mit der Zeit stellen die Freundinnen und Freunde, die Beziehungen und Partnerschaften, und auch die eigenen Kinder Erwartungen an uns.

Erwartungen verbinden sich auch mit der heutigen Einführung.

Die Gemeindeglieder erwarten, dass bald Licht im Pfarrhaus brennt.

Einige erwarten, dass ich nicht zu viel verändere, andere, dass ich mehr junge Menschen zu uns in die Gemeinde einlade.

Die Vereine und Verbände erwarten, dass ich mich unters Volk mische und bei den Feiern mittendrin bin.

Der Kirchenvorstand erwartet gut vorbereitete und zügig durchgeführte Sitzungen.

Das Kirchenkreisamt erwartet, dass ich die Zählerstände für Strom und Heizung weitergebe.

Die Dekanin erwartet, dass ich mich mit Ideen und Impulsen einbringe, denn unsere Kirche steht ja vor großen Herausforderungen.

Angesicht von rückläufigen Mitgliederzahlen, den rückläufigen Finanzen und den Strukturveränderungen aktuell hin zu neuen Kooperationsräumen, kommt es ja darauf an, dass wir Pfarrerinnen und Pfarrer nicht nur die eigene Gemeinde im Blick haben.

Natürlich habe ich auch Erwartungen im Gepäck.

Ich erwarte, dass auch in der neuen Stelle die Freude bleibt, die mich in den Pfarrberuf geführt hat. Ich erwarte, dass wir weiter gemeinsam gute Wege finden, an den Menschen in unseren Orten dranzubleiben und sie einzuladen, nach dem vielleicht verlorengegangenen religiösen Wurzeln zu suchen.

Alle Erwartungen haben eins gemeinsam. Wir denken daran, was wir oder die anderen sollen. Tatsächlich läuft das Leben oft genau nicht so, wie wir es erwarten. Vielleicht kämpfen wir auch gegen Erwartungen an und spüren, dass Leben so nicht funktioniert.

Da braucht nur eine schlimme Diagnose zu kommen oder eine Kündigung und der Lebensentwurf steht in Frage.

Der Prophet Jeremia, der für unseren Predigtabschnitt heute verantwortlich ist, kann davon ein Lied singen. Er hatte sich sein Leben sicher ganz anders vorgestellt.

Schon vor seiner Geburt hatte Gott, so berichtet der Anfang des Jeremiabuchs, große Erwartungen in ihn gesetzt.

Er sagt über Jeremia: „Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterleib hervorkamst, habe ich dich geheiligt, zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt.“

Noch als junger Mann versuchte er sich diesem Erwartungsdruck zu entziehen, ohne Erfolg.

Der Prophet erwartete dass die Menschen auf Gottes Wort hören und sie sich zuerst auf ihn, Gott besinnen (Jer 4,3f) - und Frieden, Gerechtigkeit und Recht zum Maßstab ihrer Handlungen machen (Jer 9,23).

Das Volk und sein König in Juda hatten keine großen Erwartungen gegenüber Jeremia und Gott. Er wurde gehasst und kam ins Gefängnis. Der Herrscher lies anfangs sogar die Schriften Jeremias verbrennen.

Erst viele Jahre später bekamen die Worte Jeremias Bedeutung, als die Perser das judäische Königtum besiegt und die Menschen verschleppt hatten.

Jeremia erhebt für Gott seine Stimme und spricht zu Menschen. Heute hören wir auf seine Worte:

Jeremia 9,22-23

22 So spricht der HERR: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.

 

23 Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR.

 

Noch mehr Erwartungen, liebe Gemeinde. Sie verhindern nicht Leben, sondern ändern die Blickrichtung.

Hier werden andere Erwartungen formuliert. Sie führen nicht in die Enge, sondern sie führen in freies Leben, jenseits aller Erwartungen.

Jeremia sagt uns, wie wir vermeiden, uns nur um uns selbst zu drehen.

Denn in jedem von uns steckt das Bedürfnis, sich gut darzustellen; steckt die Sehnsucht den Erwartungen zu entsprechen, sich im Erfolg zu sonnen. Jeremia nennt es „sich rühmen“.

Erfolg zu haben oder gut zu sein sind keine schlechten Eigenschaften.

Wer aber nur sich selbst sieht und seine Erwartungen auf andere überträgt, dem wird das Leben schwer und er entfernt sich von Gott, dem Schöpfer allen Lebens.

Darum sagt Jeremia: „Wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er Gott kenne“. Er meint damit mehr als nur an religiösen Inhalten mal zu schnuppern.

Er meint, Gott kennen und lieben, von ihm Liebe zu spüren und sie an andere weiterzugeben.

Denn Gott nicht zu kennen, ob religiös hoch verbunden oder ganz entfernt, ist für den Propheten der Grund allen Übels. Er sagt: „Die Hüter der Tora kannten mich nicht, und die Hirten frevelten gegen mich“ (2,8); „denn mein Volk ist töricht, mich kennen sie nicht“ (9,2).

Es kommt Jeremia vor allem darauf an Gott zu kennen.  Und das ist für uns heute mindestens eine genauso große Herausforderung wie zur Zeit des Jeremia.

Jeremia zählt seinem Volk auf, was in die Katastrophe führte. Jeder war sich selbst der Nächste. Man dachte nur an sich und seinen eigenen Vorteil. Lügen und Hass zerstörten das Lebensgefühl einer ganzen Gesellschaft. Wir wissen, dass das noch immer große Gefahren für das Miteinander sind.

Wir können die Liste noch erweitern, um alternative Fakten, Fake News und fehlgeleitete, politische Stimmungsmache.

Überall werden Erwartungen angesprochen. Menschen deren Erwartungen enttäuscht wurden sind hier besonders anfällig.

Ein gutes Bespiel für freudige und enttäuschte Erwartungen ist der Einzug Jesu in Jerusalem.

Erinnern wir uns, wie sich die Menschen auf die Ankunft Jesu in Jerusalem gefreut haben. Sie haben ihre Kleider auf den weg geworfen. Mit dem Einzug in Jerusalem waren riesige Erwartungen verbunden.

Die Menschen dachten, jetzt wird der Herrschaft der Römer ein Ende gesetzt. Die Stimmung kippte total, weil Jesus nicht den Erwartungen der Menschen entsprach. Das erleben wir auch heute.

Politiker, Stars, Firmenchefs und auch Pfarrerinnen und Pfarrer fallen schnell in Ungnade, wenn sie die selbst formulierten und unsere Erwartungen nicht erfüllen.

Da werden Parteichefs und Fußballtrainer schnell mal ausgewechselt. Uns Pfarrerinnen und Pfarrern wird die kalte Schulter gezeigt oder mit Austritt gedroht.

Tatsächlich läuft das Leben die meiste Zeit genau nicht so, wie wir es erwarten. Ja, ein Leben voller Erwartungen klingt wie eine Anleitung zum unglücklich sein.

Gegenüber unserer Kirche haben die Menschen heute kaum noch Erwartungen.

Die letzte Mitgliedschaftsuntersuchung der EKD ergab, dass die Erwartungen sogar auseinander gehen.

Die kleine Zahl der noch kirchlich hoch verbundenen, erwarten ganz viel von ihrer Kirche.

Es wird erwartet, dass wir uns für Bedürftige einsetzen, die christliche Botschaft verkündigen, für Werte eintreten, die für das gesellschaftliche Leben wichtig sind, kulturelle Angebote machen und uns zu politischen Grundsatzfragen äußeren.

Dieser Erwartungsdruck ist für eine Kirche, die kleiner wird enorm.

Und die kaum mit der Kirche noch verbundenen Mitglieder und die Ausgetretenen, erwarten allenfalls noch, dass wir uns um Bedürftige kümmern.

Überhaupt ist die gesellschaftliche Akzeptanz für unser diakonisches Engagement noch am Höchsten.

So wie allzu hohe Erwartungen von außen und innen schädlich sind, macht es auch etwas mit uns als Christen und Kirchenmitglieder, wenn wir einer Organisation angehören, von der die Mehrheit der Menschen in unserem Land eigentlich nicht mehr viel erwartet.

Dabei ist es für ein gelingendes Zusammenleben gar nicht entscheidend, Erwartungen zu erfüllen, oder den großen Wurf zu landen. Schon gar nicht, wenn man eine neue Stelle antritt.

Für uns und unser Leben in Gemeinschaft und innerhalb der Kirche ist es besser, uns von dem Druck der Erwartungen frei zu machen und das Leben, wie auch kommen mag, zu akzeptieren und aktiv mit anderen zu gestalten. Andernfalls leben wir mit dem Risiko uns viel über uns, andere, die Gesellschaft und die Kirche zu ärgern.

Das gilt auch für unsere Gemeinden. Immer wieder höre ich die Erwartung, unsere Kirchen müssen wieder voller werden. Wir müssen die Menschen gezielter einladen.

Zu hohe Erwartungen helfen uns nicht weiter. Sie schrecken Außenstehende nur ab und zerstören unseren Zusammenhalt.

Als Kirche und Gemeinde gehen wir einer ungewissen Zukunft entgegen. Das was wir tun können, ist als diejenigen, die Gott kennen, erkennbar zu bleiben und so in das Leben verantwortlich einzumischen.

Wir können mit Paulus gesprochen in den Gemeinden zu Gehilfen der Freude werden, und anderen Menschen unsere Gastfreundschaft schenken ohne sie gleich an uns binden zu wollen.

Strahlen wir doch einfach aus, was hier an der Kirchenwand schriftlich festgehalten ist: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat.“

Für mich bedeutet das: Schrauben wir die Erwartungen nicht zu hoch.

Es kommt nicht darauf an, was wir oder andere erwarten. Es kommt auch nicht darauf an, dass wir den Glauben wie ein Licht vor uns hertragen, sondern wie wir uns verhalten, wie wir miteinander und mit anderen umgehen.

Fragen wir also danach, wie wir immer wieder in unserem Leben und in unseren Orten, bei den fröhlichen und traurigen Festen, als Teil der Gesellschaft, Gott ins Spiel bringen.

Bleibt noch unsere große Erwartung im Glauben: Was können wir erwarten, wenn wir Gott weiter loben und rühmen.

Schauen wir auf den Nachsatz in unserem Predigtabschnitt.

 „Denn solches gefällt mir, spricht der Herr“. Wörtlich übersetzt heißt es da: „Denn an ihnen habe ich gefallen…“

Gott selbst zeigt uns Wege und ermutigt uns. Er hat gefallen an uns, wenn wir uns und den Nächsten Liebe entgegenbringen und wir so Gottes Liebe an andere weitergeben.

Gott zuerst, nicht unserer Erwartungen – Gott First! Das ist das Angebot des Jeremia für ein gelingendes Leben. Schrauben wir unsere Erwartungen untereinander nicht zu hoch. Mit Liebe und gegenseitiger Achtsamkeit und Annahme, entdecken wir eher wie Leben funktioniert.

Gott zuerst im Leben! Denn es ist ein Leben, das uns in Gott, der Mitte und dem Ursprung allen Lebens entdeckt.

Gott Frist! Das gilt, wenn uns Angstparolen entgegenstehen oder Resignation sich unserer bemächtigen will, denn Gott selbst zeigt uns den Weg jenseits aller Erwartungen.

Gott sei Dank dafür. Amen.