Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Psalm 22

Lars Tutt, Leitender Dezernent für Finanzen der Ev. Kirche im Rheinland

21.03.2017 Christuskirche St. Tönis

Passionsandacht

Thema: „Wachstumsschmerzen“ (Das Thema stand über allen Andachten der Gemeinde in der Passionszeit)

 

Wachstumsschmerzen – ein unkonventionelles Thema für die Passionszeit. Passion und Schmerzen, das geht ja immer, aber Wachstum?

Als Papa eines sechsjährigen Sohnes weiß ich immerhin, was Wachstumsschmerzen bedeuten: Da legt man abends ein jammerndes Kind ins Bett, dem Knie und Schienbeine wehtun und morgens ist das Kind fröhlich und einen halben Zentimeter größer.

 

Als man mich fragte, ob ich mit dem Thema Wachstumsschmerzen etwas anfangen könnte, sagte ich daher optimistisch „Ja“ und damit begann das Grübeln. „Papa, könntest Du nicht mal eine Andacht über Legobausteine machen“, fragte mein Sohn – also der, der über Nacht einen halben Zentimeter länger geworden ist und der mir regelmäßig Bauaufträge für Legokonstruktionen gibt.  Mit zunehmendem Alter werden die Aufträge komplexer. Haus und Autos sind lange abgearbeitet und nun werden Flaschenautomaten, Kalksandsteinwerke und Roboter mit jeder denkbaren Funktion in Auftrag gegeben. Und Papa baut. Irgendwann kommt angesichts der Vielzahl von Bauwerken dann zwangsläufig der Punkt, an dem ein Teil fehlt, weil es schon woanders verbaut ist.

 

Da ist dieses kleine graue Zahnrad mit den gebogenen Zähnen. Genau zweimal haben wir es in unserer Sammlung von Legoteilen und beide Räder sind im Einsatz. Verbaut in einem wunderbaren roten Traktor mit Heuwender. Jetzt gilt es eine Entscheidung zu treffen. Opfere ich das eine Modell, um etwas Neues bauen zu können? Die Entscheidung ist nicht leicht, denn das was man hat, das kennt man und das gefällt einem meistens.

Das was man gerade baut ist noch eine Idee und ob diese Idee am Ende überzeugen kann, ist ungewiss. Etwas Neues wachsen zu lassen bedeutet bei Legobausteinen häufig, etwas bereits Vollendetes zu zerlegen. Das ist durchaus schmerzhaft, denn auch in das, was man zerlegen muss, hat man Zeit und Geschick investiert. Wachstumsschmerzen beim Legobauen. Am Ende ist die Frage zu beantworten, ob die Aussicht auf das Neue verlockend genug ist, um den Schmerz des Verlustes von Altem aufzuwiegen.

 

Auch in vielen anderen Zusammenhängen gibt es diese Form der Wachstumsschmerzen, die entstehen, wenn ich lieb gewonnene Gewohnheiten oder Sicherheiten aufgeben muss, um etwas Neues zu ermöglichen. Manchmal sind es Kleinigkeiten und manchmal ganz grundlegende Veränderungen. Besonders fallen diese an Lebensabschnitten auf: der Wechsel vom Kindergarten in die Schule, der für die Familie einen neuen Rhythmus mit sich bringt und gut organisierten Alltag auf den Kopf stellt, der Wechsel des Arbeitgebers, der inhaltlich herausfordert und den Abschied von Routine und Sicherheit bedeutet und Lernbereitschaft sowie den Mut zum Betreten von Neuland fordert; der Eintritt in den Ruhestand, der freie Zeiträume mit sich bringt, deren Füllung herausfordern kann. Solche Schritte lassen Menschen wachsen, doch bleiben auch schmerzhafte Erfahrungen nicht aus.

 

Auch die Wirtschaft kennt das Phänomen. Der österreichische Volkswirt Joseph Schumpeter hat den Begriff der schöpferischen Zerstörung geprägt und wirtschaftliches Fortkommen vor allem damit erklärt, dass bestehende Geschäftsmodelle infrage gestellt werden durch innovative Erfinder, die hoffen mit ihren Neuerungen Pioniergewinne zu erzielen.

Solcher Verdrängungswettbewerb durch Innovation ist nicht schmerzfrei, treibt aber das Wachstum an. Das ist Legobauen im großen Stil.

 

Sie werden sich fragen, was das alles mit der Passionszeit zu tun hat. Weder der kreative Umgang mit Legokonstruktionen noch Umbrüche an Lebensabschnitten oder die schöpferische Zerstörung des Herrn Schumpeter haben einen christlichen Bezug. Alle Beispiele eint aber, dass das, was als Neues entsteht, den schmerzhaften Abschied vom Bisherigen fordert. Der Grad des Schmerzes hängt dabei nicht unwesentlich davon ab, wie selbstbestimmt eine Entscheidung für das Neue getroffen werden kann.

 

Beim Legobauen, liegt die Entscheidung über Rückbau und Aufbau vollständig in meiner Hand und mit jedem Stein, mit dem die Idee der neuen Konstruktion fassbarer wird, schindet das Gefühl, etwas dafür aufgegeben zu haben.

Bei einem Arbeitgeberwechsel kann dies schon anders aussehen, wenn die Entscheidung für die Veränderung nicht getrieben war, von der Lust auf Neues, sondern vielleicht von der Sorge um den Fortbestand der bisherigen Arbeitsstelle. Der Schmerz der Veränderung dürfte trotz der Aussicht des Wachsens an einer neuen Aufgabe spürbar sein.

Noch gravierender mag das volkswirtschaftlich erfreuliche Wachstum durch technischen Fortschritt für den sein, dessen Produkte vom Markt verdrängt werden, weil sie nicht mehr konkurrenzfähig sind. Hier fällt die Vorstellung nicht schwer, dass solches Wachstum schmerzhaft ist.

 

Wie mag das erst sein, wenn es nicht um Lego, Arbeitsstellen oder Unternehmen geht, sondern um das eigene Überleben? Und damit sind wir mitten in der Passionsgeschichte angekommen. Das Leiden Jesu ist notwendige Voraussetzung, um zur Verheißung des ewigen Lebens zu gelangen. Doch der Weg dahin ist wahrlich schmerzvoll.

Die Demütigungen, die Jesus auf dem Weg zum Kreuz über sich ergehen lassen musste, von dem Gespött der Leute bis zur Dornenkrone illustrieren dies eindrucksvoll. Das Leiden des Gottessohns gipfelt in dem verzweifelten Ausruf: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen? Zu dem spürbaren körperlichen Schmerz kommt der seelische Schmerz des Gefühls der Gottverlassenheit. Das Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten ist ohnehin gebrochen angesichts der Verurteilung und des drohenden Todes und nun schwindet auch das Vertrauen auf den himmlischen Vater.

 

In Psalm 22 schreit der Beter, diese Verzweiflung zum Himmel. Der Psalm nimmt die Klage Jesu am Kreuz vorweg: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich heule; aber meine Hilfe ist ferne. Mein Gott, des Tages rufe ich, so antwortest du nicht; und des Nachts schweige ich auch nicht.“ Verzweiflung pur.

Doch in den 32 Versen des Psalms wandelt sich die Stimmung des Betenden. Aus der Anklage wird Flehen: „Auf dich bin ich geworfen von Mutterleib an; du bist mein Gott von meiner Mutter Schoß an.  Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe; denn es ist hier kein Helfer.“ Brüchige Hoffnung.

Und aus dem flehentlichen Bitten wird schließlich ein Lobgesang auf Gott: „Ich will deinen Namen den Brüdern verkünden.  Vor der ganzen Gemeinde preise ich dich! Lobt Gott, alle, die ihr ihn fürchtet!  Ihr Nachkommen Jakobs, bringt ihm das Lob!“ Überschwängliche Dankbarkeit.

 

Das ist eine erstaunliche Entwicklung, die sich in diesem Psalm spiegelt. Er zeigt auf beeindruckende Weise was aus Schmerz erwachsen kann. Er ist damit ein beeindruckendes Glaubenszeugnis und macht Mut für die kleinen und großen Herausforderungen, die das Leben für uns bereit hält und die uns manches Mal wehtun.

 

Und dann ist da noch Jesus und das Wunder der Osternacht. Jesus ist im Tod über sich hinaus gewachsen. Eine der Bibelstellen, die dies besonders prägnant beschreiben findet sich  im 14 Kapitel des Römerbriefs: „Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.“

 

So gelangen wir dank des etwas sperrigen Themas der „Wachstumsschmerzen“ zu der Erkenntnis, dass selbst der Tot als schmerzhafteste Infragestellung des Lebens Wachstum verheißt. Jesus hat uns den Weg dazu gewiesen. Und es ist an uns, hierauf zu vertrauen. Das fällt mir nicht immer leicht. Da mag es helfen zu wissen, dass man damit nicht alleine ist. Mindestens dem Autor des Psalm 22 ging es ebenso. Er ist aber der beste Beweis dafür, dass alle Zweifel eindrucksvoll überwunden werden können und der österlichen Hoffung Raum geben: „Lobt Gott, alle, die ihr ihn fürchtet!  Ihr Nachkommen Jakobs, bringt ihm das Lob!“