Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Psalm 23

Pastor Stefan Herb (ev.-meth.)

26.06.2016 Martinskirche Kirchheim-Teck

Liebe Gemeinde,

natürlich, Sie kennen ihn, den 23. Psalm. Wenn aber nicht, dann sollten Sie ihn unbedingt kennen lernen! Ich könnte mich allein schon beim ersten Satz ziemlich lange aufhalten: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Schmecken Sie die Sahne? Mir wird nichts mangeln. Was für eine Behauptung! Mir fehlt es an nichts. Manche denken vielleicht schon an all die kulinarischen Genüsse, die uns beim Stadtfest erwarten. Vielleicht haben Sie aber auch ganz andere Sonntagsträume, die es an nichts fehlen lassen. Ja, heute ist ein Fest, hier und draußen, in unserer Stadt. Und es gibt sie immer wieder: Zeiten, in denen wir aus dem Vollen schöpfen können, Momente der grenzenlosen Freude am Dasein, Glück ohne Ende. Es mangelt an nichts.

 

Wirklich? Ist Psalm 23 mit seiner steilen Behauptung im Recht? Seit Freitag früh wissen wir, dass die Briten Europa verlassen werden. Den ersten Eilmeldungen folgten postwendend Schlagzeilen wie: „Der DAX bricht ein“ oder „Die Aktienmärkte im freien Fall“. Was Europa jetzt prägen wird, ist Verunsicherung, Angst und Veränderungen in einem Ausmaß, das noch niemand absehen kann. Es ist eine Situation eingetreten, die uns auch in unserem Land, das ja selber vor großen Herausforderungen steht, gerade noch gefehlt hat.

 

Und gleich noch eine ganz andere Geschichte: In der vergangenen Woche ist ein junger Mann mit 24 Jahren bei einem Motorradunfall tödlich verunglückt. Er wohnte in der Nachbarschaft unserer Kirche. Seine Familie ist uns nur flüchtig bekannt, aber können wir als Gemeinde so tun, als wüssten wir von nichts? Ich bin mit betroffen vom Schmerz der Angehörigen und fühle mich heraus gefordert. Nur: was soll ich sagen? Mir fehlen die Worte.

 

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. So kann man das nicht stehen lassen, war meine spontane Reaktion. Ich hab ja tatsächlich nicht alles, was ich mir wünsche. Aber ist das dann schon ein Mangel? Oder muss ich umdenken? Wenn mir die Worte fehlen, wie im Gespräch mit der Trauerfamilie, könnte das nicht der Hinweis darauf sein, dass es manchmal einfach angemessener ist, mit den Trauernden zu weinen und auf Worte zu verzichten? Und im Falle Europas: Könnte der Austritt der Briten  nicht ein Weckruf sein, enger zusammen zu  rücken, uns auf das zu besinnen, was uns letztlich verbindet und vor allem zurück zu kehren  zum Gedanken der Versöhnung und des Friedens, der einmal am Anfang der europäischen Einigung stand? Das wäre nicht der schlechteste Effekt. So hätte der Abschied der Briten von der europäischen Familie bei allem Verlust und allen Schmerzen, die damit verbunden sind, auch sein Gutes. Europa  könnte am Ende sogar gewinnen.    

 

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Es ist das Besondere des 23. Psalms, dass er nicht vom Schlaraffenland erzählt, sondern das Bekenntnis von Menschen ist, die den echten Mangel kennen und wissen, was es bedeutet, mit Entbehrungen zu leben. Und ausgerechnet von ihnen kann man Dankbarkeit lernen. Ja, der ganze Psalm lebt von dieser Grundstimmung. Er atmet Dank.

 

Nun könnte man auf die Idee kommen, dass der Psalm – zumindest in seinem ersten Teil – von einem vergnüglichen Sonntagsausflug berichtet und ein Picknick im Grünen beschreibt: Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Ja, das hat was. Und das frische Wasser passt ausgezeichnet zu den heißen Tagen, die wir hinter uns haben. Ich hatte dann noch einen anderen Gedanken. Wir haben zu Hause einen kleinen Zimmerbrunnen, also eines von den 10 000 Dingen, die jede/r Deutsche laut Statistik durchschnittlich besitzt und die man natürlich unbedingt braucht. Der Brunnen plätschert ganz leise vor sich hin, ich nehm ihn schon gar nicht mehr wahr. Nur wenn ich sonntagnachmittags mal auf dem Sofa liege und alles ganz still ist, dann hör ich das Wasser fließen. Aber darum geht es hier natürlich nicht. Was hier im Blick ist – nämlich die „Ruhe an Wassern“, wie es wörtlich heißt – steht in der alten Bildersprache des Psalms für eine ganze Welt, nämlich für eine Welt des Friedens, in der jeder Mensch seinen Platz hat und keine Angst haben muss, dass er ihm streitig gemacht wird. Schalom, sagen die Juden zum Gruß, wenn sie sich sehen und wünschen damit einander den Frieden, die Ruhe am frischen Wasser, eine Welt ohne Mangel und in Gerechtigkeit. Es geht also um mehr als um ein Picknick im Grünen, es geht um mehr als um das Nickerchen am Sonntagnachmittag. Aber sind all die schönen, heilsamen Unterbrechungen, die wir in unserem Alltag erleben, auch das Stadtfest mit seinen Köstlichkeiten und Erfrischungen, die andere für uns vorbereitet haben, nicht ein Zeichen für den Schalom und ein Vorgeschmack auf ihn? Und muss es uns nicht dankbar stimmen, wie Gott uns heute schon versorgt und es nun wirklich an nichts fehlen lässt?

 

Der Psalm erinnert uns aber auch daran, dass Gott uns nicht nur mit einer gelegentlichen Erfrischung überrascht, so wie mitfühlende Zuschauer erschöpften Radsportlern vom Straßenrand aus hin und wieder eine kleine, belebende Dusche verpassen. Gott tut mehr. Er ist ständig unterwegs mit uns: Er führet mich auf rechter Straße. Vielleicht finden Sie das etwas übertrieben. Vielleicht glauben Sie das einfach nicht. Tja, wenn ich das nur immer wüsste, ob ich auf dem richtigen Weg bin! Ich hatte da mal ein ziemlich frustrierendes Erlebnis. Als einer, der aus der Provinz kommt, muss man in Berlin zum Beispiel schon mal nach dem Weg fragen. Ich nannte die Adresse, die ich ansteuern wollte. Ein Mann gab mir bereitwillig Auskunft. Und seine Wegbeschreibung war so ausführlich, dass ich nur staunen konnte. „Nehmen Sie diesen Weg“, meinte er schließlich, „aber ich garantiere für nichts. Er könnte auch falsch sein.“

 

Er führet mich auf rechter Straße. Was macht den Menschen, der das bekennt, so sicher?  Die Antwort steckt im Namen, den Gott trägt: Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. „Ich bin da“, ist der Name Gottes. Oder noch zugespitzter: „Ich bin für dich da.“ Schon Mose hat sich über diesen Namen gewundert, damals am brennenden Dornbusch, als er ihn zum ersten Mal gehört hatte. Er ist nicht gerade alltäglich. Aber sehr aussagekräftig. Der Name Gottes verrät etwas über sein Wesen. „Ich bin da.“ Gott heißt nicht nur so, er ist auch so, Gott tut, was sein Name sagt: Er ist da, er ist uns nahe, er sucht ständig den Kontakt zu uns. Er ist unser verlässlicher Begleiter, und oft genug ist er unerkannt mit uns auf dem Weg. So wie Jesus mit seinen Freunden aus Emmaus, damals, am Ostermorgen. Die hatten keine Ahnung, wer sie da aus ihrer Verzweiflung heraus geholt hat auf ihrem Trauerweg. Erst im Nachhinein ist ihnen klar geworden, dass es Jesus war, der Auferstandene. Vielleicht finden ja auch Sie auf Ihrem Lebensweg Spuren Gottes, die Sie bisher noch gar nicht beachtet hatten und wollen ihm dafür danken.

 

Besonders in Krisenzeiten wünschten wir uns Gefährten auf unserem Weg, helfende Begleiter, Menschen, die zu uns halten und Wege aus der Gefahr weisen. Und natürlich wenden wir uns dann an Gott, wenn nicht schon alle Hoffnung aufgebraucht ist. Das kann man auch an Psalm 23 beobachten. Dort, wo das finstere Tal beginnt, fangen wir Menschen an zu beten. Plötzlich reden wir mit Gott, sind mit ihm per Du: …denn du bist bei mir. Jetzt suchen wir seine Nähe, und wir nehmen ihn beim Wort: „Du bist bei mir! Hast Du das nicht versprochen? Ist das nicht Dein Name? Ich-bin-da, so heißt Du doch, Ich-bin- für-dich-da! Darauf verlasse ich mich, gerade jetzt, wo der Weg dunkel vor mir liegt und ich kein Ziel vor mir sehe. Ja, ich fürchte kein Unglück, komme, was da wolle.“

 

Was für ein Gebet! Eines, das Gott an sein eigenes Versprechen erinnert, ihn darauf festlegt, dabei behaftet und sich durch nichts davon abbringen lässt. Eigentlich erwartet man ein verzweifeltes Gebet, mitten in der ‚Todesschattenschlucht‘ wie man das ‚finstere Tal‘ auch wiedergeben kann. Man erwartet ein Gebet, das keine Hoffnung mehr hat, weil sich kein Mensch auch nur vorstellen kann, wie eine Rettung aus der Gefahr aussehen könnte. Und dann trifft man auf Worte, die in geduldiger Ruhe und mit großer Gelassenheit sich einem Hirten anvertrauen, der mit Stecken und Stab seine Schafe verteidigt. Das ist schon beeindruckend! So kann nur beten, wer dankbar ist, wer nicht nur die Krisen in seinem Leben zusammenzählt, sondern auch darauf achtet, wie er sie durchgestanden hat und wer ihm dabei zur Seite gestanden ist. Da kommt zweifellos Einiges zusammen und wir werden staunen und danken!

 

Doch lassen wir erst noch den Psalm ausreden. Er hält nämlich in seinem zweiten Teil eine Überraschung bereit, die wir uns nicht entgehen lassen sollten. Wir sehen einen reich gedeckten Tisch, aber nicht in der guten Stube, im Festsaal oder auf dem Marktplatz, wo wir Freunde treffen: Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Und dann wird die kleine Tisch-Szene sogar noch verlängert, allen feindlichen Blicken zum Trotz: Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Vielleicht kennen Sie ja die Geschichte von dem kleinen Mädchen, das sich beim Mittagessen zu Hause so unmöglich benimmt, dass die Mutter sie an einen kleinen Tisch abseits der Familie strafversetzt und sie dort mit einem Teller Suppe vorlieb nehmen muss. Dass das Menu gestrafft wurde, macht ihr gar nichts aus. Im Gegenteil. Sie faltet die Hände und betet laut und für alle vernehmlich: „Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.“ Ja, so kann man diesen Satz auch verstehen. Und er ist ja auch unmissverständlich: Mitten unter den Feinden, den Widersachern, den Neidern, gibt es für die Freunde Gottes Genuss pur! Dabei geht es aber nicht um ein unseliges Freund-Feind-Denken, um Abgrenzung oder Schadenfreude. Nein, es ist eine andere Botschaft, die von dieser Tisch-Szene ausgeht: Gott schafft sich seine neue Welt mitten in der alten, und die Feinde sollen Freunde werden und mit genießen und satt werden

am Tisch des Herrn!

 

Wir feiern nachher Abendmahl, Eucharistie, ein Fest der Freude und der Dankbarkeit. So beginnt Gottes neue Welt. Eine andere Geschichte, die ich von einem somalischen Flüchtling gehört habe, geht in eine ähnliche Richtung. Er erzählte mir von einer Gruppe von Helfern, die sich an der lybischen Mittelmeerküste um Flüchtlinge kümmert. Ehe die Menschen in eines der Boote steigen, das sie übers Meer nach Europa bringen soll, werden sie von diesen freundlichen Menschen zu einem einfachen Essen eingeladen. Mitten in der Not und angesichts widrigster Umstände eine Mahlzeit, die Hoffnung schenkt. Mit leuchtenden Augen hat er davon berichtet, der Somalier. Und war immer noch unendlich dankbar!

 

Vielleicht wird dieser Afrikaner auch einmal sagen können, dass er vom Glück verfolgt ist. Ich wünschte es ihm. Der 23. Psalm jedenfalls tut das. Nicht die Feinde verfolgen den Beter, das Böse und  das Pech, wie viele glauben,  sondern Gutes und Barmherzigkeit. Glück und Gnade,  könnten wir auch sagen, heften  sich an unsere Fersen unser Leben  lang. Ist es denn so schwer, unseren Blick auf das Gute zu richten, das uns verfolgt? Auf die vielen kleinen und großen Zeichen der Gnade Gottes? Üben wir uns darin und entdecken wir dabei einen Reichtum ohnegleichen.

 

Am Schluss stellt sich mir die Frage, auf wen der 23. Psalm denn am besten passen könnte. Ist es am Ende ein Flüchtlingspsalm? Die Wanderung durchs finstere Tal, der Tisch im Angesicht der Feinde und die Verfolgungssituation deuten darauf hin. Und dann folgt die überraschende Wende zum Glück, das sich an die Ferse heftet und endet  schließlich beim dauerhaften Asyl im Tempel: …und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar. Ja, es ist ein Flüchtlingspsalm. Für uns aber, die wir ein Zuhause haben, mit einem Dach über dem Kopf leben, geschützt und komfortabel, für uns ist es ein Ansporn zum Teilen und zur Dankbarkeit. Eine Frage bleibt: Haben wir denn auch ein inneres Zuhause? Gehören wir irgendwo dazu? Sind wir Teil einer Gemeinschaft? Wenn im Psalm davon die Rede ist, dass wir im Haus des HERRN bleiben dürfen, dann geht es nicht um eine Immobilie, dann geht es um das Wohnrecht bei Gott. Und das heißt zu wissen: Ich gehöre zu Gott. Bei ihm bin ich zu Hause. Das ist das Beste von allem. Amen.