Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Psalm 31

Pfarrer Martin Staemmler-Michael

18.06.2017 Bethanienkirche zu Leipzig

Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen.

Unser Leben besteht aus Geschichten. Wir sollten sie teilen. Das macht uns reich und bringt uns einander näher. Mein Leben ist um eine Geschichte reicher geworden. Ich möchte sie mit Ihnen teilen. Ich glaube, die Geschichte hat sehr viel mit uns und den Konfirmationsjubilaren zu tun.

 

Sie nimmt meine Hände und umfasst sie. Sie greift fest zu. Woher hat sie diese Kraft? Ich spüre die Wärme ihrer Haut. Sie schaut mich mit ihren dunklen und leuchtenden Augen an. Entdecke ich Tränen in ihren Augenwinkeln?

Ihre kleinen Hände umfassen die Meinen. Ihre Finger graben sich in die eine oder andere Nervenbahn meiner Hand. Es schmerzt. Ihre Hände sind irgendwie knorrig und kantig. Trotzdem fühle ich ein tiefes Vertrauen.

Ich möchte ihre Hände sehen, aber ihr Blick hält mich. In ihren Händen bin ich. Plötzlich sagt sie: „Meine Zeit steht in deinen Händen.“

Ich bin irritiert. Sie hat mich ganz im Griff auch wenn der Druck ihrer Hände nachlässt und ihre Hände weicher werden. Aber die Worte, die sie gerade sprach, haben uns beide ganz umgriffen und umfangen.

Meine Zeit steht in deinen Händen.

„Kennen sie diese Worte“, sagt sie. Ich möchte antworten. Ihr Blick durchdringt mich. „Es ist mein Konfirmationsspruch. Es war damals 1941.“

Psalm 31 geht mir durch den Kopf. Ich kann aber nichts sagen. Die hochbetagte Frau breitet eine Atmosphäre aus, die mich nur zuhören lässt.

Jetzt beginnt sie Passagen des Psalms zu rezitieren.

„Du bist meine Fels und meine Burg.“

Dabei ruht ihr Blick auf meinem Gesicht. Ihre Hände liegen jetzt wie eine Schale in ihrem Schoß. Gezeichnete Hände vom Leben und von Krankheit.

Ich höre zu: „und du übergibst mich nicht in die Hände des Feindes“

Ich will ihr etwas sagen – eine Frage stellen, aber mein Mund bleibt stumm, meine Gedanken sind hell wach.

War es damals so, als der Beter vor 2500 Jahren im Gottesdienst aufstand und seine Hände zum Himmel streckte und begann zu beten.

Herr, auf dich traue ich….meine Zeit steht in deinen Händen….

HERR, sei mir gnädig, denn mir ist angst! Mein Leben ist hingeschwunden in Kummer und meine Jahre in Seufzen. Meine Kraft ist verfallen durch meine Missetat, und meine Gebeine sind verschmachtet.

Und alle Gottesdienstbesucher sind still. Sie kennen den Mann aus der Nachbarschaft und wissen, was er durchgemacht hat.

Jetzt lässt er sie in seinen Seelenleben schauen. Er fließt über.

Alles was ihn bedrängt aber auch was ihn glücklich macht und hoffen lässt, sagt er Gott.

Jetzt will er es erzählen. Es gibt für Gott kein Entrinnen. Als ob er Gott fest in seinen Händen hält und ihm zuruft:

Meine Zeit zerrinnt mir zwischen den Fingern wie Sand. Lebenszeit!

Ich will noch, ich muss noch!

Ich will noch die Enkelkinder erleben, die Hochzeit, die Geburt, das neue Haus, die nächste Laubhüttenfest, den nächsten Frühling. Er verausgabt sich. Sieht, was alles im Wege steht und erinnert sich, was er im Leben alles verkehrt gemachte. Scheidung, da war ich nicht schuldlos. Die Kinder, da habe ich manchmal zu ruppig reagiert. Oft gehe ich so pessimistisch in den Tag. Unüberlegte Worte gleiten mir über die Lippen, die andere verletzen. Der Glaube war mir auch nicht so wichtig. u.u.u.. Und die Kehrtwende? So selten geschafft.

Er ist aufgewühlt.

Erschöpft bittet er Gott: Vergib mir, bewahre mich. Er findet den Halt der zerronnen Zeit: Meine Zeit steht in deinen Händen. Meine Lebenszeit ist in deinen Händen, Gott.

Was für ein Glück.

Und so betet er: Ich freue mich und bin fröhlich, lass dein Angesicht leuchten über mir.

Ausgepowert setzt er sich. Er hat Tränen in den Augen.

Es ist unsagbar anstrengend, alles aus sich herauszulassen, was wie ein Feind in einem selbst wütet und Netze stellt.

Nun ist alles ruhig und seine Hände liegen wie einen Schale in seinem Schoß und er sagt: Und du, Gott, stellst meine Füße auf weiten Raum.

 

Die alte Dame im Rollstuhl erzählt vom Krieg, wie sie als junge Mädchen damals alle von Hitler schwärmten. Was für ein Irrtum. Was für ein Irrsinn. Sie erzählt von ihrem Mann, den drei Kindern. Sie erzählt von der Arbeit und der DDR Zeit, wie sie bedrängt wurden, weil sie sich zur Kirche und zu Gott bekannten.

„Wir haben es nicht durchgehalten“, sagt sie. „Die Jüngste hat dann doch Jugendweihe gemacht, sonst hätte man sie nicht zur EOS zugelassen.

Ist das Sünde? Und von meinen Enkelkindern ist kaum noch jemand in der Kirche. Nur, irgendwann im Leben brauchst du Gott. Hoffentlich hat diese Generation dann nicht leichtfertig Kirche abgeschafft. Dann ist keiner da, der einem die Hände und die Seele hält. Wirklich hält.

Als mein Mann starb, und ich mit den drei halbwüchsigen Kindern allein war, da habe ich angefangen, diesen Psalm zu beten und zu lernen. Manchmal habe ich mich in die Worte fallen lassen.

Herr, sei mir gnädig, denn mir ist angst! Leben in Kummer, Jahre in Seufzen.

Manchmal habe ich nach ein paar Worten des Lesens die Bibel in die Ecke geschmissen. Ich war wütend über die Worte und auf Gott.

Du hast mich erlöst, Herr.

Ist das Sünde?

Vor der Konfirmation damals, da mussten wir alle einzeln zum Pfarrer und beichten. Ich wusste nichts. Angst hatte ich aber nicht. Mir fiel ein, was unser Vater uns sagte, wie wir gedanklich mit Autoritäten umgehen sollen. Stellt sie euch in langer Unterhose vor, dann verlieren sie an Größe und Strenge. 

Er stand im Talar da, mit der SA Uniform drunter und sagte: Na Mädel, was willst du mir sagen?

Hätte ich damals den Psalm schon gekannt, ich hätte ihm gesagt:  Ich aber, HERR, hoffe auf dich und spreche: Du bist mein Gott! Meine Zeit steht in deinen Händen. Errette mich von der Hand meiner Feinde und von denen, die mich verfolgen.“

Die kleine Frau im Rollstuhl lacht leise und verschmitzt und redet weiter:

„Nein, es ist alles keine Sünde. Denn nichts trennt mich von Gott, weil er mich lieb hat. Nichts und gar nichts.

Schauen Sie, meine Hände, sie haben meine Zeit gestaltet und geformt. Jetzt liegen sie hier, von Rheuma verformt. Aber ich liebe meine Hände. Sie haben gearbeitet, gestreichelt, geliebt, geschlagen, gepflegt. Und ich habe sie natürlich auch gepflegt.“

Sie schaut sich ihre Hände an: „Manchmal lackiere ich mir noch heute die Fingernägel. Ich glaube, ich werde es nachher tun.

Es ist alles Zeit, die ich von Gott geschenkt bekommen habe. Ich habe sie ausgelebt – mal mehr, mal weniger. Und alles liegt in Gottes Händen.

Das ist mein Glück. Das ist mein Lachen.

Falten kann ich meine Finger nicht mehr aber als Schale hinhalten und mich von Gott beschenken lassen.

Ich aber, HERR, hoffe auf dich und spreche: Du bist mein Gott! Meine Zeit steht in deinen Händen.“

 

Sie beugt sich nach vorn und zeigt mir an, ich möge näher kommen:  Leise sagt sie: „Ich weiß nicht, ob man das sagen darf, aber wenn Gott uns Menschen mit unserer Lebenszeit in seinen Händen hält, dann hält er doch jedes einzelne wertvolle Leben in seinen Händen.

Ihr Leben , meine Zeit. Was müssen das für wundervolle und schöne Hände sein.“

 

Jetzt sind wir uns ganz nah. Unsere Hände berühren sich. Sie flüstert mir ins Ohr:  „Ich glaube, Gott hat auch manchmal lackierte Fingernägel.“

 

Wieder höre ich dieses verschmitzte Lachen.

 

„Sagen sie das den Jubelkonfirmanden. Was immer war und was sie an Entscheidungen in ihrem Leben getroffen haben, ihre Zeit steht in Gottes Händen und darin sind wir mit allem geborgen.

Sagen sie das den Jubelkonfirmanden und allen andern.“

 Amen.