Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Psalm 33,4 und Mt 28,20

Prädikantin Dr. Sabine Heumann (ev.-luth.)

15.01.2017 Corvinus-Kirche in Nienburg-Erichshagen

Gottesdienst zur Einführung als Prädikantin

Liebe Gemeinde! Liebe Verwandte! Liebe Freundinnen und Freunde!

Ich freue mich sehr, dass ihr zu diesem besonderen Tag gekommen seid!

 

Wenn man sich Umfragen von Meinungsforschern ansieht,

dann gibt es ein sehr persönliches Thema,

über das wir Deutschen besonders wenig gern sprechen.

Sogar noch weniger gern als über – na Sie wissen schon –

über dieses Wort mit gerade mal drei Buchstaben,

das man in der Kirche allerdings nicht so häufig hört

und das mit s anfängt … (leise und etwas verschmitzt).

 

Na, jedenfalls, dieses Thema, über das - nach Umfragen –

die meisten Deutschen am allerwenigsten gern reden,

ist – na raten Sie mal – ihr Glauben!

Richtig gehört: ihr Glauben!

Darüber reden die Deutschen überhaupt nicht gern!

Interessanterweise ist diese Reihenfolge bei mir genau umgekehrt:

Ich rede eigentlich ganz gern über meinen Glauben.

Natürlich nicht mit jedem und nicht immerzu, aber doch gern!

 

Nun mögen sich manche von Ihnen und Euch hier im Stillen denken:

„Das ist ja schließlich ihr Job vorne im Gottesdienst.“

 

Aber halt!

Ich meine mit ‚über meinen Glauben reden‘

nicht das Reden über das Christentum im Allgemeinen

oder christliche Theologie, so Bücherwissen eben.

Sondern das Reden darüber, was mich – Sabine Heumann –

ganz persönlich im Innersten bewegt und trägt.

Was mich stärkt und was mich froh macht.

Was Gott für mich ist. Was Jesus mir bedeutet.

Und das ist etwas viel Persönlicheres, oder?

 

Mein eigener persönlicher Glauben,

der ist ziemlich individuell. Logisch.

Darin bin ich sehr verletzlich, auch angreifbar.

Möglicherweise könnte es auch mal beschämend sein.

Und wahrscheinlich entwickelt sich mein Glauben ja noch.

 

Doch – wie ist das eigentlich: Was meinen Sie/ Was meint ihr?

Was meint ihr jungen Leute - Konfirmandinnen und Konfirmanden? 

Darf Glauben individuell und persönlich sein?  

Oder: Sollten nicht alle evangelischen Christen dasselbe glauben?

 

Hmmm, ich will mal erläutern,

was ich mit meinem ‚persönlichen Glauben‘ meine.

Denn schließlich habe ich ja vorhin bei der Einsegnung zugesagt,

“… das Evangelium von Jesus Christus zu predigen und zu lehren,

wie es in der heiligen Schrift gegeben …

und im Bekenntnis der evangelisch-lutherischen Kirche bezeugt ist.“

 

„Was glaube ich - Sabine - eigentlich persönlich? Und ganz konkret?“

Das war für mich lange Zeit eine sehr schwierige Frage!

Ich begebe mich etwas auf Spurensuche:

Als Jugendliche hatte ich oftmals den beunruhigenden „Verdacht“,

dass mein Glaube „irgendwie anders“ ist als das,

was ich sonntags in der Kirche zu hören bekam.

 

Dazu muss ich sagen: Ich war damals als Jugendliche

sehr häufig sonntags in der Kirche.

Allerdings, das muss ich gestehen, hauptsächlich deshalb,

weil ich in mehreren musikalischen Gruppen mitmachte.

Über unseren Glauben haben wir so gut wie nie geredet.

Aber ich habe damals so mancher Predigt gelauscht,

das kann ich euch sagen! Und so manchem Predigenden.

 

Nur ich hatte eben immer dieses dumpfe Gefühl,

dass „mein Glaube irgendwie anders“ ist.

Und dass das vielleicht nicht so sein dürfte.

Dass ich vielleicht keine „richtige“ Christin bin.

 

Tja, an was erinnere ich mich noch?

Nun … nehmen wir mal meinen Konfirmationsspruch.

Den habe ich mir selbst ausgesucht.

Wir haben ihn vorhin zusammen gesprochen.

Er stammt aus Psalm 33, Vers 4:

„Des HERRN Wort ist wahrhaftig,

und was er zusagt, das hält er gewiss.“

 

Ich könnte mir vorstellen, dass in mir schon damals so eine Art

Sehnsucht nach Wahrheit, nach Wahrhaftigkeit war.

Und nach Verlässlichkeit.

Ich merkte als Teenager, dass nichts im Leben sicher ist.

Mein Heimatdorf liegt sehr nahe an einer Sonderabfalldeponie.

Und dort wurden zur Zeit meiner Konfirmation gerade

41 hoch giftige Dioxin-Fässer aus Seveso vermutet!

Und es war ja auch noch mitten in der Zeit des Wettrüstens!

Diese Umstände haben mich als Teenager sehr beunruhigt.

Und ich wünschte mir wohl,

dass wenigstens Gott wahr und echt ist!

Und verlässlich: „… was er zusagt, das hält er gewiss.“

 

Im Stillen hoffte ich damals, daran erinnere ich mich,

dass Gott mir verspricht, dass die Welt nicht aus den Fugen gerät.

Dass mein Leben gut wird!

Quasi eine Zusage wie so eine Stimme aus dem „Off“,

aus dem Hintergrund: Nichts und niemand ist sichtbar,

aber die deutliche, wohlmeinende Stimme Gottes ist zu hören.

 

Ein ganzes Stück weiter mit meinem inneren Fragen ging es vor 11 Jahren.

Damals wurde ich von meinem Pastor gefragt,

ob ich mir vorstellen könnte,

mich für die Kirchenvorstandswahlen aufstellen zu lassen.

 

Was habe ich dann verschiedenste Leute mit einer Frage genervt:

„Was muss ich konkret „mindestens“ glauben,

um mich ‚evangelische Christin‘ nennen zu dürfen?“

Daran hing für mich auch die Frage, ob denn ich - Sabine -

für so ein hohes Amt wie den KV überhaupt geeignet bin!

In mir steckte immer noch dieses undeutliche Gefühl,

dass „mein Glaube irgendwie anders“ ist.

 

Konkret beschäftigte mich damals z.B.,

ob ich an die leibliche Auferstehung Christi glauben „muss“?

Also, dass er wirklich mit einem neuen Leib

aus seinem Grab raus ist zu Ostern.

 

Eine Freundin, der ich einmal mein Fragen anvertraut hatte,

hatte mir doch tatsächlich meinen Glauben insgesamt absprechen wollen!

Sie hatte das damals bereits wieder zurückgenommen.

Aber ich war verunsichert, ob nicht in meiner neuen Gemeinde

vielleicht auch manche Leute so dachten?

 

Nun, um es kurz zu machen:

Niemand konnte mir damals eine befriedigende Antwort

auf diese dringende Frage geben:

„Was muss ich konkret „mindestens“ glauben,

um mich ‚evangelische Christin‘ nennen zu dürfen?“

Ich habe dann so bei mir gedacht (verschmitzt):

„Na wenn die es nicht können,

dann kann ich ja auch in den Kirchenvorstand gehen …“

 

Tatsächlich wurde ich Kirchenvorsteherin

und lauschte beim Dienst weiter aufmerksam den Predigten.

Eines Tages passierte Folgendes (einige von euch kennen die Geschichte):

 

Ich hatte wieder einmal KV-Dienst,

da predigte bei uns ein Pastor, den ich vorher noch nie gehört hatte.

Zwei Tage später war mir klar:

So - direkt aus dem Herzen heraus -

möchte ich auch gern reden können! (demütig)

Und so glaubwürdig, authentisch!

Ja, ich will auch predigen lernen!

Ich möchte dann auch - aus dem Herzen heraus -

von meinem eigenen Glauben erzählen!

 

Witzig war zwar, dass ich immer noch nicht so recht wusste,

was meinen persönlichen Glauben ausmacht. 

Aber durch die Lektorenausbildung,

so nahm ich es mir vor, hätte ich Gelegenheit,

dieses dann nach und nach herauszufinden.

 

Als ich dann endlich in die Lektorenausbildung kam,

so vor etwa 6 Jahren, da haben wir oft gefragt:

Darf ich dies – darf ich jenes … in der Predigt sagen?

Und die Antwort war immer („Na wie war die noch?“ J):

Es muss authentisch sein! Echt sein. Stimmig.

Es muss zur - oder zum - Predigenden passen.

 

Wir waren uns darin immer einig.

Dann kommt es auch bei den Hörenden an.

Es wirkt nicht aufgesetzt, sondern lebendig und natürlich.

Zudem ist es schlüssiger und verständlicher.

 

Weiterhin lernten wir:

Wir dürfen - und wir sollen sogar - persönlich predigen.

Das habe ich immer so verstanden,

dass ich als Predigende meine eigene Person

und meinen persönlichen Glauben mit einbringe.

So dass mein Glaube sichtbar wird. Erkennbar.

Wir sollten - natürlich - nichts zu Privates,

z.B. von unserer Familie oder Freunden, preisgeben. Klaro!

 

Was heißt nun „persönlich predigen“ bei mir konkret?

Zum einen rede ich in meinen Predigten gerne darüber,

was der Predigttext beim Lesen in mir ausgelöst hat.

Was mich selbst vielleicht erstaunt hat. Was mich persönlich verwirrt.

Welche Gefühle hervorgerufen wurden.

Auch was mich daran aufregt.

Ich biete dadurch sozusagen meine Gefühle der Gemeinde an.

Als Spiegelbild für eigene Gefühle – und auch um sich daran zu reiben.

 

Zum anderen versuche ich immer wieder,

meinen Glauben mit konkreten Worten zu beschreiben.

Dabei geht es z.B. um folgende Fragen:

Wie kann ich Gott mit Worten beschreiben?

Welchen/Welche Namen gebe ich Gott? Und warum?

Wie wirkt Gott auf mich? Wie erfahre ich Gott?

Was bedeuten Jesu Tod und seine Auferstehung für mich persönlich?

Was bedeutet es für mich, dass er Gottes Sohn ist?

Für meine Lebenseinstellung?

Was ist eigentlich die Seele?

Und warum ist die unsterblich?

 

Natürlich können sich all diese konkreten Beschreibungen,

die ich für meinen persönlichen Glauben suche,

im Laufe des Lebens, oder schon eines Jahres, verändern.

Ich möchte behaupten: Das sollten sie sogar ein bisschen!

Weil ‚Glauben‘ ja immer ein Suchen nach unserem

eigentlich unbeschreiblichen Gott ist!

 

Mein Wunsch nach konkretem Beschreiben rührt vielleicht daher,

dass ich lange an der Uni gearbeitet habe,

wo man immer alles beschreibt und definiert.

Ggf. auch immer wieder neu beschreibt.

Auf der Suche nach der Wahrheit.

 

Übrigens hat mir vor ein paar Jahren meine alte Frage,

was ich als evangelische Christin „mindestens“ glauben müsse,

eine Professorin für Evangelische Theologie beantwortet.

Und zwar überraschend einfach!

Sie fragte mich: „An wen richtest du deine Gebete?“

„Na, an Gott und an Jesus natürlich“, antwortete ich.

„Dann ist es klar“, sagte sie,

„Jesus = Christus. Du bist Christin! Eindeutig!

Mehr braucht es nicht!“

Ich war sehr erleichtert, dass es so einfach ist!

(Nun hoffe ich natürlich, dass mir niemand der Anwesenden

nach dem Gottesdienst etwas anderes weißmachen will. J)

 

Denn auch wegen dieses Erlebnisses traue ich es mir jetzt frei zu sagen,

dass es für mich immer noch keine besondere Bedeutung hat,

ob Jesus wirklich mit einem neuen Körper auferstanden ist!

Für mich ist es jedoch elementar wichtig,

dass Jesus auferstanden ist bei Gott!

Dass zumindest seine Seele in Gottes Gegenwart weilt!

Sonst könnte ich ja nicht zu ihm beten.

 

Und es ist mir wichtig,

dass Jesus seinen schweren Lebensweg auf sich nahm.

Für uns Menschen! 

Oder wieder etwas genauer ausgedrückt:

Um den damaligen Menschen und allen folgenden Generationen zu zeigen,

dass auch unsere Menschenseelen auferstehen werden bei Gott.

 

Heute (lächelnd) lauere ich aber nicht mehr darauf,

dass mir Gott mittels einer Stimme aus dem ‚Off‘ hinter mir

persönlich etwas verspricht, so wie in meiner Konfirmandenzeit.

 

Heute weiß ich trotz allem Wahnsinn dieser Welt:

Gott bzw. Jesus haben uns etwas ganz Wichtiges einmalig versprochen

und dadurch ewig zugesagt.

Etwas, das über allem steht.

Etwas, das nie vergeht.

Dass immer wahr ist. Wahrhaftig!

 

Wir haben es vorhin bereits in der Lesung gehört.

Ich meine die letzte Zeile aus dem Evangelium des Matthäus:

„Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

Dies ist heute mein persönlicher Glaube.

Dies habe ich in meinem Leben für wahr erachtet.

Darauf vertraue ich.

Ich könnte auch sagen: Darauf will ich vertrauen.

 

Denn - natürlich - gibt es immer wieder solche Zeiten,

in denen ich diese Zusage vergesse!

In denen ich mir - zu viele - Sorgen mache.

In denen meine Gedanken kreisen

und mir selbst Worte für ein Gebet fehlen.

 

Da versuche ich, immer wieder neu …

dieser allumfassenden, ewig gültigen Zusage zu vertrauen:

„Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

Auch wenn mir dies gerade wieder fast unglaublich erscheint.

Auch wenn mal wieder etwas passiert, was mich umhaut.

Was mich an Gottes Liebe zweifeln lässt.

 

Kennt Ihr eigentlich das Glaubensbekenntnis auf Plattdeutsch?

Das finde ich toll!

Es beginnt nämlich nicht mit „Ich glaube an Gott …“,

sondern mit „Ich vertraue auf Gott …“.   

Nicht nur, dass ‚glauben‘ ein etwas zweideutiges Wort ist –

glauben heißt ja nicht wissen … usw.!

Vertrauen‘ ist mir inzwischen

 das Wichtigste beim ‚Glauben‘ geworden.

Deshalb könnte ich auch sagen:

Mein persönlicher Glauben an Gott ist eigentlich

mein ‚persönliches Vertrauen in Gott‘.

 

Wenn man – noch einmal – Umfragen für wahr hält,

dann sehnen sich und fragen viele Menschen wieder neu nach Gott.

Vielleicht gehören auch Sie dazu? Auch ihr?

Ich finde es jedenfalls immer sehr spannend,

wenn mir andere Menschen erzählen,

wie sie in Gott Trost, Frieden, Hoffnung und Liebe finden.

 

Dabei ist mir deren konkreter Gottesname gar nicht so wichtig.

Also, ob jemand statt Gott einen anderen Namen verwendet,

so wie Allmacht, die Ewige, Großes Gegenüber,

höhere Macht, Heiliger Geist, Heiland, die Liebe.

Für mich ist viel bedeutender,

welche Art von Beziehung jemand dazu hat bzw. sucht,

was hinter dem Gottesnamen steht.

Dass jemand darauf wirklich sein Vertrauen (!) setzt.

Dass dieses Vertrauen tatsächlich im und zum Leben hilft.

Dass es wahr, stimmig, passend, authentisch ist

für diesen ganz speziellen Menschen.

 

Zum Abschluss möchte ich euch allen etwas wünschen:

Und zwar, ein echtes, volles, wahres Vertrauen zu haben

und alles, was aus Gottes Hand kommt, annehmen zu können!

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,

bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.