Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Psalm 4,2

Pfarrer Siegfried Eckert

06.03.2016 10. Jazzvesper Bonn, Pauluskirche

Jahreslosung 2016

„Erhöre mich, wenn ich rufe, Gott meiner Gerechtigkeit, der du mich tröstest in Angst.“ (Ps 4,2) Dieses Psalmwort aus Psalm 4 erklingt wie ein einsamer Ruf in der Wüste; ist eingebettet in ein ehrwürdiges Abendgebet. In der Nacht ist der Mensch nicht gern alleine. Wenn es dunkel wird, sind wir anfällig für die Ge-spenster der Sorge. Wem die Sonne scheint, dem erscheint die Trostlosigkeit  ferner. Das schwere Kleid der Trauer kommt eher nach Sonnenuntergang um die Ecke. Dann zieht es dich runter, verschlägt es dir die Sprache, treibt die Trauer  dir ihre Tränen in die Augen. Tränen sind die stillen Postboten unseres Körpers gegen den Schmerz der Welt. Ungekünstelte Trostlosigkeit hinterlässt nach-haltige Narben. Sie sät ihre bittere Saat mit Vorliebe auf den Boden unserer Ein-samkeit aus. Ihre Stiefmütterchen keimen bevorzugt auf, wo Abschiede und Trennungen zu beklagen sind,  das Leben mir die schönsten Aussichten zerstört hat.

Wer kennt nicht die Erdenschwere, das ermattende Gefühl, wenn alles sich so anfühlt, als hätten einen alle guten Geister verlassen? Alles ist dann, als hätte dir einer den Stecker aus der Dose gezogen, wenn der Lebensmut entweicht. Je nach Vor- und Missbrauchsgeschichte, nach Gemüt und Glaubensstärke, findet die Trostlosigkeit in uns unterschiedliche Resonanzräume. Das ist das verzwick-te an ihr. Sie kann jederzeit als Überfallkommando zuschlagen. Wie ein Komet schlägt sie ein, entzieht sie mir den Boden unter den Füssen. Keiner kann sich da sicher sein. Keiner kann sich seiner selbst sicher sein und für den eigenen Le-bensmut die Hand ins Feuer legen. Wir gehen alle auf dünnem Eis; sind dünn-häutiger unterwegs, als es uns lieb sein kann. Wir sind dem Abgrund näher, als den grünen Auen. Jeder Tag der gelingt, ist ein Balanceakt. Jede Nacht die mich in Frieden ruhen lässt, ist ein Geschenk, das ich mir nicht selbst verdanke.

Jeder Friede der sich am Feierabend einstellt, wäre ein Dankgebet wert. Doch selbst das ist dem nicht möglich, der im Gefängnis seiner Trostlosigkeit haust; nicht mehr an einen Morgen danach zu glauben vermag. Ein Leben ohne Trost frisst Seelen auf, raubt der Dankbarkeit ihren letzten Adressaten, verschlägt dir die Sprache und den Appetit. Glücklich ist wer da noch beten kann: „Erhöre mich, wenn ich rufe, Gott meiner Gerechtigkeit, der du mich tröstest in Angst.“

Ich werde sie nicht los die Bilder, die sich in mein Herz eingebrannt haben, das Bild von dem toten Jungen, der auf seiner Flucht ertrank und in Bodrum vor die Kameralinsen der Welt gespült wurde. Ich werde es nicht  los, das Foto des Jah-res, von dem Vater der seinen Jungen durch einen Stacheldraht quetscht; ohne Blitzlicht aufgenommen, um den Fluchtversuch nicht zu gefährden. Wohin mit all den Bildern von den Gestrandeten und Verstorbenen an den Grenzzäunen Europas? Gegenüber ihrem Leid klagen viele von uns auf sehr hohem Niveau. Ist es Zufall, dass Fluch und Flucht nur sich durch ein kleines t unterscheiden? Ich werde sie nicht mehr los die Bilder der Toten, die sich in mir mittlerweile zu einem See voller Traurigkeit aufgestaut haben. Wo gehe ich hin mit meinen Mo-mentaufnahmen von den Intensivstationen, den zu früh Verstorbenen, den Früh-geburten und Frühchen, die ich als Pfarrer in fünfundzwanzig Jahren schon zu Grabe tragen musste? Alle diese Toten und meine eigenen, sind mir zum dunk-len Humus meiner Trostlosigkeit geworden. Wie ein plötzlich ausbrechender Vulkan können sie mich mit einem Mal weinen lassen, steigt in mir ihr Schmerz wie eine Luftblase aus der Meerestiefe auf.

Wo gehst du hin mit deinen Bildern, die dich auf der Rampe des Lebens in die erste Reihe der Trostlosen geschoben haben? Kennst du für den Umgang mit ihnen Vorbilder? Oder muss deine Seele in ihrer Passionszeit im Salzwasser deiner Tränen ertrinken? Wo ging Paul Gerhard hin mit seinem Schmerz? Vier von fünf Kindern und seine Frau musste er zu Grabe tragen, bevor er von Mutter Erde scheiden durfte. Gerhards Dichtkunst war bei Leibe kein billiges Trost-pflaster für bigotte Herzen. Wenn einer das Kreuz nicht auf die leichte Schulter nahm, dann er. Er dichtete Christi und sein Leid so dicht zusammen, wie kaum ein andere. Er verstand es, sich in eine Mystik zu flüchten die Generationen aus der Seele sprach. In Christus seinem Hirten fühlte er sich gehalten, getragen und getröstet, wie von einer Mutter. Er wusste was es heißt, wenn Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Paul Gerhards Worte wurden vielen zum Geländer in eigener Haltlosigkeit. Mit ihnen fand auch meine from-me Oma aus dem Keller ihrer Trauer zurück ins Erdgeschoss des Lebens. Gerhards Gottvertrauen riecht hier nach Mutters Milchreis aus den eigenen Kindheitstagen. Gerhards angefochtener Glaube war infiziert von der Aussicht auf das österliche Morgenrot, als er dichtete: „Erscheine mir zum Schilde, zum Trost in meinem Tod, und lass mich sehn dein Bilde in deiner Kreuzesnot. Da will ich nach dir blicken, da will ich glaubensvoll, dich fest an mein Herz drü-cken. Wer so stirbt, der stirbt wohl.“ Wie Gott verlassen muss ein Leben sein, das keinen Menschen, keine Tradition, kein gutes Wort an seiner Seite weiß, wenn es ans Sterben geht?

Unser Leben ist zum Smartphone, die Welt zur Benutzeroberfläche geworden. Wir wischen die Dinge nach Bedarf herbei und weg. Beschleunigte Zeiten las-sen nur noch Zeit für Effekte und Oberflächenbehandlungen. Echten Tiefen-bohrungen fehlen Müßiggang und ein gebildeter Glaube, der jenseits aller Kari-katuren voller Schönheit und Wahrheit ist. Alles muss schnell gehen. Wer hat da noch Zeit, dem Leben auf den Grund zu gehen? Wer wagt es noch wie in der Antike, sich eine Maske aufzusetzen, um durch die Perspektive des Glaubens die Welt neu zu betrachten? Mit solch anderem Blick würde die Schlüsselfrage des Lebens lauten, wie der Heidelberger Katechismus sie einst formuliert hat: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ Je radikaler der Tod uns fragt, umso beunruhigter reagiert das Herz. Billigen Trost vorzutäuschen, hilft angesichts solch gravierender Fragestellung nicht weiter. Die Realität der eigenen Vergänglichkeit, stellt jedes Ablenkungsmanöver ins Abseits. Welche Haltung hilft weiter, um nicht im Morast der billiger Tröster, des billigen Jakobs zu versinken? Der Tod bleibt das gewaltigste Fegefeuer, durch das jede Hof-fnung hindurchzugehen hat. Die Väter und Mütter aus reformierter Tradition fanden ihre Antwort: „Daß ich mit Leib und Seele im Leben und Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre“. Es ist die selt-same Tugend der Demut, die in ihrer Weise weiß, was es heißt, nicht mir zu gehören! Sie verleiht nicht Flügel für Höhenflüge, sondern eine bodenständige Haltung, die sich dem überlässt, der mein Leben hält. Die Demut lehrt mich, wo der Trost dieser Welt letztlich wohnt. Und dieser Trost, ist manchmal nicht mehr als die Kraft, um die eigene Trostlosigkeit auszuhalten zu können.

„Wir sind nicht alles und nicht die Meister von allem, wir sind ein Teil vom Ganzen, nicht mehr. Aber das ist viel. Wir sind nicht nur für uns allein da. Wir werden sterben und nicht mehr da sein. Aber die Welt mit uns soll sein und die Welt nach uns. Und Gott wird sein. Das genügt!“ so schreibt es Fulbert Stef-fensky.

Gott wird sein, das genügt, im Leben wie im Sterben, auch am heutigen Abend. Deshalb: „Erhöre mich, wenn ich rufe, Gott meiner Gerechtigkeit, der du mich tröstest in Angst, sei mir gnädig und erhöre mein Gebet.“ Amen

Hinweis: Die Gemeinde sang zwischen und nach der Predigt das Taizèlied „Bei Gott bin ich geborgen still wie ein Kind, bei ihm Trost und Heil. Ja hin zu Gott verzehrt sich meine Seele, kehrt in Frieden ein.“

 

Als Fürbitte betete ich:

Wenn die Nacht des Schmerzes,

sich in meine Seele bohrt,

alte Alleen in Sackgassen enden,

das Lachen eines Kindes,

mein Herz nicht mehr erreicht,

und selbst der klügste Lehrer

mit seinem Latein am Ende ist,

dann reiche mir Christus,

deine durchbohrte Hand

und blicke diese Welt gnädig an.

Wenn unsere Wanderungen

in dunklen Tälern ihren Hirten vermissen,

am Ende des Meeres kein Land in Sicht ist,

und die Hoffnung hinterm Horizont versinkt.

Wenn unser Lebenswasser                    

wie ein zerbrochener Krug,

glaubensleer vor dir liegt.

jegliche Sicherheit fehlt,

ob die Kraft noch reicht,

dann hauche uns den Tröstergeist ein,

damit das Trotzdem der Auferstehung gelingt.