Foto von aufgeschlagenen Büchern

Traupredigt über Psalm 73,23

Pfarrer Ulrich Zeller (ev.)

13.08.2016 Barbarakirche in Tübingen-Unterjesingen

Trauung

Hinweis: Vornamen wurden durch "Frau" und "Mann" ausgetauscht

 

Liebes Hochzeitspaar Frau und Mann,

liebe festliche Hochzeitsgemeinde!

Hand in Hand gehen Sie Ihren Weg – das symbolische Foto auf Ihrem Faltblatt unterstreicht die Wahl Ihres Trauspruchs.

Ich bleibe stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand.

Nachher werde ich Sie vor dem Trausegen einladen mit den Worten: Nun reicht einander die rechte Hand.

Welche Bedeutung hat die Hand? Da könnten wir vieles aufzählen, könnten anfangen damit, wie kleine Kinder ihre Hände entdecken, oder Geschichten erzählen von alt gewordenen Menschen, die mit ihrer Hand noch etwas ausdrücken können, was mit der Sprache nicht mehr möglich ist. Die Hand ist vielfältig einsetzbar. Sie kann streicheln, aber auch schlagen; sie kann bauen, aber auch einreißen. Und vieles mehr. Das alles wissen wir im Hinterkopf.

In früheren Zeiten wurde ein Vertrag unter einfachen Leuten meistens mit Handschlag besiegelt. Selten gibt es das bis heute. Wer einschlägt, ist einverstanden mit dem Handel. Schon dieses Wort zeigt an, dass die Hand dabei eine wichtige Rolle spielte. Ein Zurück gab es im Normalfall nicht mehr. Und: Es war die rechte Hand, die als die handelnde Hand galt.

Auf einen solchen „Handel“ lassen Sie beide sich heute ein, mit nichts weniger als Ihrer ganzen Person und Ihrer ganzen Liebe. Ich bleibe stets bei dir. Du hältst mich bei meiner rechten Hand. Das sagen heute Sie beide zueinander, weil Sie einander entdeckt haben unter vielen anderen Menschen; damals beim Stuttgarter Frühlingsfest, als Mann einen Junggesellenabschied mitfeierte und Frau mit Freundinnen sich dazu setzte.

Und dann gab es die auswendig gelernte Telefonnummer, Besuche hin und her, die Liebe auf den ersten Blick hat sich durchgesetzt, und am 12. Oktober 2013 waren Sie beide sich einig, dass Sie zusammengehören.

Sie, Frau, lieben an Ihrem Mann besonders seine Augen. Sie strahlen Wärme aus, sagten Sie. Von Anfang an war er liebevoll, zurückhaltend und interessiert in einer guten Balance. Er nimmt mich, wie ich bin, hört mir zu, unterstützt mich, auch in einer schweren Zeit. Wir können zusammen lachen über Witze oder Anekdoten aus dem Berufsleben.

Und Sie, Mann, lieben an Ihrer Frau, dass sie Ihnen Geborgenheit und Liebe und Wärme schenkt. Der Humor passt auch, sagten Sie. Und sie versteht mich ohne Worte, weiß, wie es mir geht. Ich kann mich auf sie verlassen. Ich weiß, dass sie Dinge für mich tun würde, die ich gar nicht von ihr verlangen würde. Sie ist ein Mensch, auf andere bezogen, überhaupt nicht egoistisch.

Sie können offen miteinander reden, und wenn es mal Zoff gibt, gehen Sie achtsam und respektvoll miteinander um, Sie machen sich nicht gegenseitig nieder, sondern klären den Konflikt am gleichen Tag. Das ist wichtig, nicht weniger wichtig als das zärtliche Flüstern.

Und wenn Sie in ein paar Jahren von Ihrer Liebe reden, fällt Ihnen sicher noch manches andere ein, das dazugekommen und gewachsen ist oder sich vertieft hat. Sie beide haben Pläne: die Familie soll an erster Stelle stehen, nicht der Beruf. Sie möchten Kinder, ein Häuschen mit Garten. Das alles wünschen wir Ihnen von Herzen.

Ich bleibe stets an dir. Es ist ein großes Geschenk, wenn sich ein Paar das auch nach vielen Jahren bestätigt.

Spätestens jetzt wird es Zeit, dass wir innehalten und in diesen Psalm 73 schauen, aus dem Sie den Trauspruch gewählt haben.  Denn er wurde ursprünglich nicht für ein Brautpaar geschrieben. Er ist das Gebet eines Menschen in der Krise seines Glaubens.

Der Beter, der ihn geschrieben hat, schaut in die Welt um sich herum. Er sieht, wie gut es denen geht, die nicht nach Gott fragen und seine Gebote nicht halten. Sie setzen sich über das an Gottes Geboten geschulte Gewissen hinweg, nehmen jeden Vorteil wahr. Modern gesagt, sie sind ihr eigener Maßstab, halten nichts von Solidarität und Verantwortung, sind sparsam auf Kosten anderer und großzügig beim eigenen Vorteil.

Dieses vordergründig erfolgreiche Leben macht diesen Beter beinahe – wie er selbst schreibt – zum Tier in seiner Wut, in Neid und Hass, in seinem eigenen Leiden, weil es ihm schlecht geht. Lohnt sich das, auf Gott zu vertrauen, seine Gebote zu halten?

Und plötzlich erschrickt er über sich selbst und seine dunklen Schattengedanken. Und dieses Erschrecken ist heilsam. Denn es weitet seinen Blick, er kann hinter die Dinge sehen und kommt zum Ergebnis und Bekenntnis:

Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich bei meiner rechten Hand. Du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an.

 

Ihr Trauspruch ist ein Gebet und Bekenntnis zu Gott.

Was kann es Besseres geben, als den Lebensweg an Gottes Hand zu gehen und am guten Ziel anzukommen?

So gewinnt sein Leben eine neue Deutung. Jetzt kann er Gottes Treue und Wegbegleitung und Hilfe preisen. Seine innere Unruhe findet zum Frieden, weil er sich selbst ganz in Gottes Hand geben kann. Der Psalm schließt deshalb mit der fröhlichen Ansage: Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott, den Herrn, dass ich verkündige all dein Tun.

 

Warum ist dieser Zusammenhang des Psalms wichtig, auch heute und für Sie beide?

Ihre Liebe steht heute im Mittelpunkt – und das ist gut so. Aber was Sie feiern, reicht ja weit über diese Stunde und diesen Tag und über die Flitterwochen hinaus. Sie versprechen einander das Ja für den gemeinsamen Lebensweg in guten und schweren Tagen. Sie werden Glück und Leid teilen. Und immer wieder entscheiden, nach welchen Maßstäben und in welcher Gemeinschaft Sie Ihr Leben gestalten möchten, woran Sie sich orientieren, welches Glück Sie suchen, welche Pläne Sie verfolgen, wofür Sie sich einsetzen und stark machen.

Da sagt Ihnen Ihr Trauspruch: Lasst euch von Gott an die Hand nehmen, orientiert euch an seinem Evangelium, schöpft aus seiner Liebe.

Sie haben in Ihrem Faltblatt einen schönen Spruch abgedruckt: Einen Menschen zu lieben, heißt ihn so zu sehen, wie Gott ihn gewollt hat. Und dieser Spruch zielt ja nicht auf irgendein Idealbild von „dir“ oder „mir“. Wir sind Menschen mit Grenzen und Fehlern. Er zielt darauf ab, dass wir gut daran tun, Gott zu vertrauen und aus seiner Liebe zu leben. Täglich. Gott will, dass wir offen sind für ihn, dass wir aus seiner Kraft heraus das Leben und die Welt gestalten und aus der Vergebung heraus neu beginnen, wenn einmal etwas schiefgelaufen ist.

Sie, Frau, sagten, dass Sie selbst im Glauben erzogen wurden, dass es Ihnen wichtig ist, kirchlich zu heiraten und die Kinder taufen zu lassen, die Sie sich wünschen. Sie möchten Ihren Kindern diesen Gott vorstellen und bekannt machen als liebevollen Schöpfer und unser Gegenüber, der uns bei unserer rechten Hand hält, auf den wir uns verlassen können, und dem wir uns deshalb anvertrauen.

 

Man kann nicht alles selbst in der Hand haben, sagten Sie. So ist es. Wir können und sollen Verantwortung übernehmen für unser Leben, für die Liebe, für die Beziehungen, für die Welt, in der wir leben, im kleinen oder großen Horizont. Aber wir können nicht alles machen, nicht alles garantieren, nicht alles lenken. Darum bitten Sie Gott um seinen Segen.

Und Sie, Mann, erzählten von Ihren Gedanken, dass Sie auch beten, und dass die kirchliche Trauung Ihr Ja zueinander auf eine andere Ebene hebt. So ist es. Ihre Liebe zueinander findet ein Echo im Himmel. Gott spricht sein Ja zu Ihrem Ja. Er legt seinen Segen auf Ihre Liebeserklärung.

Wie beschreiben wir den Segen Gottes? Er ist eine Kraft, die im Alltag erfahrbar ist, lebendig am Werk, wo wir ihm Raum geben. Segen ist nichts Nebulöses, sondern eine Kraft, die sichtbar werden kann. Wo du ein Kind siehst, begegnest du Gott auf frischer Tat, hat Martin Luther einmal geschrieben. Ein Kind ist natürlich ein besonders schönes, unübersehbares Geschenk aus Gottes Segen.

Aber es gibt unendlich viel mehr Geschenke oder Früchte der Liebe, wenn wir den zugesprochenen Segen in die Hände und in die Herzen nehmen. Wer mit dem Segen Gottes den Lebensweg gestaltet, wird vieles wachsen sehen, ernten und schmecken können, als Glück und Erfüllung in der Liebe.

Und wenn es schwere Tage gibt, sind auch die allemal besser an Gottes Hand zu bestehen als ohne seine Begleitung.

Ich bleibe stets an dir. Du hältst mich bei meiner rechten Hand. Sagen Sie es zueinander, beten Sie es zu Gott.

In beidem liegt guter Segen.

Amen.