Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Psalm 98,1-4

Bischof Ragnar Persenius (Uppsala, Schweden)

28.08.2017 Maria-Magdalena-Kirche, Breslau

Predigt zum Reformationsjubiläum in Breslau

Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder. Er schafft Heil mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm. Der HERR läßt sein Heil verkündigen; vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar. Er gedenkt an seine Gnade und Treue für das Haus Israel, aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes. Jauchzet dem HERRN, alle Welt, singet, rühmet und lobet! (Psalm 98,1-4)

Schwestern und Brüder, wir haben uns hier in Wroclaw versammelt, um an den 500. Jahrestag der Reformation zu erinnern. Das Jubiläum findet am Sonntag Kantate, zwischen Ostern und Pfingsten statt. Wenn wir zurückschauen, können wir jauchzen, aufgrund dessen, was der Herr in Christus für unser Heil und unsere Erlösung getan hat. Wenn wir vorausschauen, auf Pfingsten, können wir den Herrn loben dafür, daß er unsere Leben mit dem Geschenk des Heiligen Geistes erneuert hat, wodurch er uns ermöglicht hat, zu empfangen, was Jesus gesagt und getan hat, aber auch im Glauben und im Zeugnis für unseren Glauben im alltäglichen Leben zu wachsen. Wenn wir das tun, treten wir in die Fußstapfen der Reformierer und aller gläubigen Christen zu allen Zeiten.

Der Kantaten-Sonntag wird nach dem ersten Wort des Psalms 98 genannt, ,,Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder. Er schafft Heil mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm." Das originale Wort über den Sieg, den der Herr gewonnen hat, sagt wortwörtlich, daß er in der Lage war, sein Volk zu retten. Ja, darum haben wir uns versammelt. Wir sind von Gott geladen worden. Wir sind hier, um dem Herrn zu singen, ihn dafür zu loben, was er in Jesus Christus für unsere Erlösung getan hat. Der Sohn Gottes ist einer von uns geworden, aber ohne Sünde. Er hat unser Leben geteilt, hat am Kreuz gelitten und ist gestorben für die Versöhnung der Welt und unsere Erlösung. Das Kreuz der Verdammnis ist zum Kreuz des Sieges geworden, als er durch das Tal des Todes ins ewige Leben gewandert ist. Christus hat uns einen neuen Weg freigemacht - durch den Tod ins Leben. Er ist auferstanden und wir werden auferstehen. Wir sind aufgefordert, ihm Zeit unseres Lebens zu folgen, und dann, zum Schluß, wenn unsere Zeit auf Erden vorüber ist, in das ewige Leben überzugehen.

In der Taufe werden wir mit Christus und seiner Kirche vereint, indem wir die geistigen Kräfte aus dem Tod und der Auferstehung Christi bekommen. Wir durchlaufen den Tod zum Leben, so wie er es getan hat. Das Vorbild der Taufe durch den Tod zum Leben ist das christliche Vorbild für das tägliche Leben. Uns wird es in der Taufe geschenkt. Jeden Tag haben wir die Möglichkeit und werden aufgerufen, alles, was in unserem Leben mit dem Tod verbunden ist, zurückzulassen und stattdessen durch Gnade allein von Christus ein neues Leben geschenkt zu bekommen. Wir tun dies, indem wir unsere Sünden bekennen und Vergebung erlangen, indem wir vor Gott treten, in dem Glauben, unser Leben in den segnenden Hände des dreieinigen Gottes zu legen und wieder und wieder durch Gnade neues Leben zu erlangen.

So haben wir jeden Grund der Welt, zusammen dem Herrn zu singen, in Dankbarkeit dafür, was Gott für uns in Christus von Karfreitag bis Ostern für uns getan hat und was er weiterhin für uns tut. Gott hat Wundertaten für unsere Erlösung getan. Gott ist allmächtig, heilig und voll von göttlicher Liebe. Darum kann Gott uns von allem Bösen und den Lasten, die auf unseren Schultern ruhen, befreien. Jesus Christus hat es für uns vollbracht. Unsere einzige Möglichkeit, ein neues Leben zu erlangen, ist es durch unseren Glauben durch Gnade zu erlangen.

Deine persönlichen Lasten, was sind das für welche? Wie sehen Deine Mühen aus? Das weißt nur Du allein. Es gibt verschiedene Dinge, die uns binden, und wir können einige von ihnen identifizieren, daß sie den Mächten des Todes gehören. Viele Menschen haben heute mit Anforderungen unterschiedlichster Art zu kämpfen. Im Evangelium sind wir eingeladen, durch die mächtigen Taten von Gott erneuert zu werden. Wir finden Gnade, keine Anforderung. Die Botschaft kann nur durch Glauben empfangen werden. Und wenn wir Glauben im täglichen Leben praktizieren, können wir durch die Kraft des Heiligen Geistes im Glauben wachsen. Wir sind nach dem Bilde Gottes geschaffen, darum haben wir ein Programm für unser Leben, und das heißt, mehr wie Gott zu sein, zu sein, wie wir als Gottes geliebte Schöpfung bereits sind.

Es gibt keinen Weg, wie wir uns selbst erlösen können. Das hat Martin Luther erlebt, als er mit all den geistigen Herausforderungen kämpfte, die ihm auferlegt wurden. Er hatte wirklich große Schwierigkeiten, zu erfahren, dass Gott ein Gott der Gnade ist. Luther war so beschäftigt mit all dem, was er zu tun hatte, um Gott zu gefallen. Der persönliche Reformationsdurchbruch gelang, als er von der Guten Nachricht des Neuen Testaments erleuchtet wurde. Als Bibelforscher kannte er sie sehr gut. Aber die Außenwelt war seine Innenwelt geworden. Als Luther bewußt wurde, daß er total von Gottes Heiltaten abhängig war, um vor Gott frei zu sein, war er endlich erlöst. Der Heilige Geist hat es ihm ermöglicht, das Evangelium zu empfangen.

Es gibt viele Bibelstellen, die uns diese Nachricht über­ mitteln. In Römer 1:16-17 finden wir einen dieser Texte, die für die Lutherische Reformation ausschlaggebend wurden. Wir lesen sie mit Dankbarkeit und Selbstachtung: „Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben: wie geschrieben steht »Der Gerechte wird aus Glauben leben.«"

Alle Menschen sehnen sich nach der Quelle des Lebens, seinem Sinn und Ziel, da wir nach dem Bilde Gottes geschaffen sind. Wir sehnen uns nach richtigem Leben in Anwesenheit von Gott. Es wird erwartet, daß wir als Mit-Arbeiter Gottes mit all den Fähigkeiten und Fertigkeiten, die er uns gegeben hat, an der Schöpfung mitwirken. Aber wir alle sind in Strukturen des Bösen und persönlicher Sünde gefangen. Wir suchen, allzu oft an der falschen Stelle. Aber trotzdem suchen wir und sehnen uns immer. Es ist eine Frage von Leben, unser Bedürfnis nach Leben. Ohne die Präsenz von Gott können wir das nicht erreichen, weder durch unsere Taten, noch unsere Gedanken und Kräfte. Über die Jahrhunderte sind wir sehr viele geworden, wir, denen diese Wahrheit bewußt geworden ist, durch die spirituellen Einsichten, die wir von der Reformation ererbt haben. Heute teilen wir vieles davon mit anderen Traditionen innerhalb der weltweiten Kirche. Ein Beispiel ist die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre, die 1998 vom Lutherischen Weltbund und dem Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen unterzeichnet wurde. Nach fünf Jahrzehnten des ökumenischen Dialog war es möglich, daß wir frühere Spaltungen in unserer fundamentalen Verkündigung des Evangeliums überwunden haben. Das leitet eine neue Ära in den Beziehungen zwischen den zwei Traditionen ein, die im 16. Jahrhundert gespalten wurden.

So laßt uns dem Herrn ein neues Lied singen. Wir singen es, weil Gnade im christlichen Glauben im Mittelpunkt steht. Wir singen es, weil viele Menschen gerettet und erneuert worden sind, weil die Reformationskirchen voller Glauben das Wort gepredigt haben. Wir singen es, weil wir zueinander hingezogen worden sind, mit unseren Mitchristen der Römisch-Katholischen, der Orthodoxen und anderen Kirchen der Reformation, durch die mächtigen Taten des dreieinigen Gottes in unserer Zeit. Wir sehnen uns danach, die Einheit zu empfangen, die ein Geschenk Gottes ist. Unser Erlöser Jesus Christ betet für uns, daß wir eins sein können.

Im Angesicht der Wunder von Gnade und Gerechtigkeit, die sich in Gottes Erlösung zeigt, ist die gesamte Schöpfung eingeladen, sich im Lob zu vereinen, wie in Vers 4 von Psalm 98: „Jauchzet dem HERRN, alle Welt, singet, rühmet und lobet!" Die Einheit von Barmherzigkeit und Wahrheit sichert die Segnungen des Versprechens an die Welt. Wir sind die Menschen der Hoffnung! Amen.   


(Quelle: „Schlesischer Gottesfreund 6/2017 S. 82/83)