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Predigt über Römer 10,9–17

Alexander Dölecke (ev.-luth.)

18.09.2016 Ev.-luth. Friedenskirchengemeinde Bramsche-Achmer

17. Sonntag nach Trinitatis

Öffentliches Bekennen und hinkender Glaube

Gnade sei mit euch und Friede von Gott. – Amen.

 

Liebe Gemeinde,

dieser Text, den wir gerade eben gehört haben und der heute Morgen die Grundlage für unser Nachdenken über den Glauben sein soll, ist ein Ausschnitt aus einem längeren Brief, dem Brief des Paulus nämlich an die Gemeinde in Rom. Mit diesem seinem letzten Schreiben stellt sich der Apostel den Römern, die er in naher Zukunft zu besuchen gedenkt, mit seinem theologischen Programm vor. Sechszehn Kapitel lang thematisiert er die Grundfragen des Glaubens: Er spricht von der Schuld der Menschen und der Gnade Gottes, die allem Widerstreit uneinholbar überlegen ist. Er wirbt um den Frieden mit Gott und für die Freiheit von aller Gesetzlichkeit. Er spricht von der Taufe und dem neuen Leben derer, die sich zu Gott bekennen. Er malt eindrücklich die christliche Hoffnung aus, dass Gottes Liebe von nichts und niemandem überwunden werden kann. Er bezieht Glauben und Handeln in für die damalige Zeit überraschender Gestalt aufeinander und plädiert für ein Verhältnis zum Staat, das jedem das Seine lässt. Er fordert Toleranz der Starken gegenüber den Schwachen und schärft den Glaubenden ein, das rechte Wort zu hören und zu sagen und die Gemeinschaft, in die sie gestellt sind, in Hingabe und mit Liebe zu gestalten. Und Paulus bestimmt auf innovative Weise das Verhältnis von Tradition und Erkenntnis, von Schrift und Geist, von Juden und jenen, die durch Jesus Christus zum Glauben an den einen Gott Israels hinzugekommen sind.

Es ist eigentlich ein Gespräch, das Paulus hier führt: ein Gespräch zwischen dem, was er seit Jahrzehnten kennt und gelernt hat, und dem, was sich ihm neu erschlossen hat, als ihm Jesus Christus begegnet ist. Ein Gespräch zugleich, das Paulus führen möchte vis-à-vis mit den noch Fernen, und hierfür soll der Brief ein Auftakt sein, eine Selbstpräsentation, die schon einmal ankündigt, was die Geschwister in Rom von seinem Besuch erwarten können.

Unser Abschnitt ist nun mitten aus diesem anspruchsvollen – und insofern durchaus komplexen, Theologinnen und Theologen seit zweitausend Jahren anregenden – Gedankengang entnommen. Man kann dies schon allein daran erkennen, dass der Text, der in der Leseordnung der Landeskirchen genau in dieser Form vorgeschlagen wird, ganz eigentümlich einsetzt, nämlich mit einem Anschlusswort: »Denn…« Und was so beginnt, leitet unweigerlich zu der schlichten Annahme, dass das nun Folgende eigentlich eine Begründung für etwas Vorhergehendes darstellt. Nichtsdestoweniger, irgendwo muss man ja einsetzen, will man nicht immer den ganzen Brief lesen müssen, und die neun Verse, die uns heute aufgegeben sind, haben es allein schon in sich.

Ich schlage vor, wir hören noch einmal auf des Paulus Worte, die er direkt an die Römer gerichtet wusste, die aber – weil sie im Kanon der Bibel aufgehoben sind – auch an uns adressiert sind. Durchsetzt mit Zitaten aus der Hebräischen Bibel, die wir das Alte Testament nennen, stellt Paulus seine Auffassung des Glaubens vor: Wie entsteht Glauben? Was gehört dazu? Woran glauben wir eigentlich? Wie hängen Glauben und Bekennen miteinander zusammen? Und warum ist es eigentlich so, dass Glauben ausbleiben kann, dass es eben Menschen gibt, die nicht glauben? – Das alles kommt vor in dieser kleinen Fundamentaltheologie in nuce, der wir Schritt für Schritt folgen wollen.

 

I.

Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet.

Das ist vielleicht einer der Kernsätze der ganzen neutestamentlichen Briefliteratur. Es ist geradezu eine Definition des Glaubens: Mit dem Munde bekennen, dass Jesus der Herr ist, und in seinem Herzen glauben, dass Gott diesen Jesus von den Toten auferweckt hat – das ist das Zentrale des christlichen Glaubens. Ja, beim Glauben an Gott, beim Vertrauen auf diejenige Wirklichkeit, die hinter allem Sichtbaren steht, da geht es nicht um ein irgendwie gelagertes religiöses Gefühl. Es geht nicht um unsere Befindlichkeit, nicht um ein religiöses Erlebnis. Es geht auch nicht um die Erfüllung besonderer Gebote, um sich das Wohlwollen Gottes zu erwirtschaften, oder die Einhaltung besonderer ethischer Standards. Nein, beim Glauben an Gott geht es um etwas Existentielles, besser: um das Existentielle überhaupt. Mit dem Begriff der ›Rettung‹ – noch einmal: »wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet« –, mit dem Begriff der ›Rettung‹ wird das deutlich: Es geht nicht um einen netten Zusatz zu unserem Leben, ein schönes Surplus zur Wohl- oder Wehegestalt unserer Existenz, nicht um etwas mein Leben Ergänzendes, sondern um das alles Entscheidende meines Lebens, um das Vorzeichen, das allem anderen die Richtung vorgibt.

Anders gesagt: Gerettet sein – und das heißt: gesichert, angenommen und nicht abgelehnt; angekommen dort, wo mich niemand mehr vertreiben kann; herausgeführt aus den Bedrohungen, die mich so eindrücklich oder auch so unbemerkt umfassen; befreit von den Verstrickungen, die mich hinunterziehen und dem Tode aussetzen wollen –, gerettet sein, das ist das Ziel, der Richtungssinn des Glaubens. Ja, beim christlichen Glauben geht es um die Rettung unseres Lebens. Um nicht weniger.

Und es ist Jesus Christus die Zentralfigur, um die sich alles dreht. Jesus, nicht einfach guter Mensch oder religiös-ethisches Vorbild, sondern derjenige, der die entscheidende Wende bringt, dessen Werk die Zeitläufte verändert hat, ein für alle Mal. Er ist derjenige, der uns mit Gott verbindet, ja der Himmel und Erde verbindet, der Leid und Tod überwunden hat und alles neu macht und machen wird. Jesus, noch einmal, er ist die Zentralfigur, der diese Rettung bewirkt hat und uns vermittelt. Und er ist zugleich derjenige, der einen Anspruch auf uns erhebt, anders gewendet: dem gegenüber wir Menschen nicht gleichgültig sein können. Schlicht: Entweder wir vertrauen ihm und seiner Art und wir sind gerettet oder wir tun es eben nicht.

Das ist das Zentrum des Glaubens und auch wenn das auf den ersten Blick evident erscheint, allgemein einsichtig, so lohnt es doch, dieses Wissen stets in Erinnerung zu rufen. Wir stehen als christliche Gemeinde immer auch in der Gefahr, diesen Kern unseres Glaubens mit dem Unwesentlichen zu verwechseln. Gerade wenn wir im kommenden Jahr 2017 den 500. Geburtstag der evangelischen Kirchen feiern, das Reformationsjubiläum, sollten wir nicht vor allem darauf schauen, was die Kirchen Großartiges geleistet haben und leisten, sollten wir nicht vor allem uns selbst feiern, sondern die in der Reformationszeit wieder enthüllte Botschaft davon, dass Jesus Christus uns gerettet hat, dass Gottes Gnade und unser Glaube allein es sind, auf denen unser Leben steht – mit denen wir stehen und fallen…

 

II.

Was heißt es nun aber, gerettet zu werden bzw. präziser: die durch Jesus Christus schon geschehene Rettung für sich gelten zu lassen? Was ist nun Glaube? Was zeichnet ihn aus? – Paulus nennt zwei Aspekte: Da ist zum einem das Vertrauen, der Glaube, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat. Paulus verortet diesen Glauben im Herzen. Ja, es ist etwas Persönliches, etwas, das mich tief angeht. Der Glaube geht unter die Haut, er betrifft mich in meinem Inneren. Ich kann nicht einfach oberflächlich glauben; wer wahrhaft Gott vertraut, dem ist das alles eine Herzensangelegenheit, die sein ganzes Leben umfasst. – Das ist das eine, das andere ist das Bekenntnis: mit dem Munde bekennen, dass Jesus der Herr ist, dass wir nicht mehr selbst die Bestimmer sind, sondern uns orientieren an diesem einen und dessen Ideen, wie das Leben gelingt. Bekennen, dass wir nicht mehr uns selbst gehören, nicht mehr wir selbst für uns zum Maßstab aller Dinge werden, sondern Gottes Pläne unsere Leitlinien sind. Paulus unterstreicht, dass dieses Bekenntnis ein öffentliches sein muss – der Glaube kann nicht allein im Herzen sein, sondern muss auf den Lippen getragen werden. Ja, er ist zwar etwas Persönliches, aber eben doch nichts Privates, das ich für mich behalten kann. Vielmehr gehört das Bekenntnis in den öffentlichen Raum, das Zeugnis, das Erzählen davon, dass ich glaube an Gott, das gehört mitten in mein Leben hinein und zwar so, dass alle Umstehenden das auch mitbekommen.

Nun mag uns gerade dieses Bekennen manchmal schwerfallen – und zwar womöglich auch, weil schon das Glauben herausfordernd ist. Ja, mit dem Glauben ist das so eine Sache. So vollmundig wie dem Paulus kommt uns selten das Glaubensbekenntnis über die Lippen, und wenn mich selbst so reden höre, was der Anspruch des Glaubens ist, so frage ich mich: Erreiche ich das? Ist mein Glaube nicht vielfach oft zu klein, zu angegriffen, zu sehr Fragment und zu wenig stark? Ja, ich jedenfalls kenne die Zweifel und Fragen nur allzu gut und nicht immer ist mein Glaube so fest, wie er prima facie hier sein zu müssen scheint.

Also doch lieber schweigen? Weil mein Glauben zu klein ist, dann auch das Bekennen einstellen? – Paulus würde wohl widersprechen. Eine Kleinigkeit in unserem Text ist mir aufgefallen: »Wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet.« – Beachten Sie bitte die Reihenfolge: Paulus nennt als erstes das Bekennen und erst danach den Glauben. Ich möchte das heute Morgen einmal so deuten: Ja, manchmal stimmen wir zuerst in das Bekenntnis ein, sprechen das Bekenntnis der Gemeinschaft mit, auch ohne festen Glauben zu haben. Wir stellen uns hinein in die Tradition, leihen uns die Worte, die uns die Väter und Mütter im Glauben zu sprechen lehren. Wenn wir zum Beispiel im Gottesdienst das Glaubensbekenntnis mitsprechen oder in der Liturgie jede Woche die gleichen Worte und Gesänge intonieren, dann übernehmen wir ein Bekenntnis, mit dem wir vielleicht auch einmal hadern, das wir aber dennoch mitsprechen. Und der Glaube kommt dann manchmal erst hinterher. Ja, der Glaube hinkt zuweilen unserem Bekennen hinterher. Ein hinkender Glaube, zaghaft und vorsichtig, mag das sein, aber eben doch ein Glaube. Und dieser entsteht und wird gefestigt, wenn wir uns hineinbegeben in die Worte des Bekenntnisses, wenn wir zuerst die Worte sprechen und dann das Herz folgen lassen…

Das mag für evangelische Ohren eine ungewohnte Reihenfolge sein, aber es ist doch eigentümlich, dass Paulus hier genau diese wählt: Erst kommt das Bekennen, der Glaube folgt dem dann schon nach…

 

III.

Paulus schreibt weiter:

Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet. Denn die Schrift spricht: »Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.« [Jes 28,16] Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen. Denn »wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll gerettet werden« [Joel 3,5].

Hier ist noch einmal das Stichwort der ›Rettung‹ und noch einmal ein Hinweis darauf, wie Gerettet-Werden geht. »Wer den Namen des Herrn anrufen wird…«, das mag ganz zaghaft sein, voller Fragen und voller Zweifel. Wir müssen nicht schon vollkommen glauben, die Glaubenshelden sein, die immer alles schon besser wussten. Wir dürfen unsere Fragen mitbringen, unseren Zweifel, unsere Angst und unsere Not. Das Entscheidende ist nur, dass wir den Herrn anrufen, uns ihm zuwenden und nicht irgendwelchen anderen Heiligen oder selbstgemachten Göttern.

Die Welt ist voll von Dingen und Personen, auf die man seine Lebensgewissheit setzen könnte. Martin Luther nennt in seiner berühmten Auslegung des ersten Gebotes im Großen Katechismus Geld und Gut, Wissen, Macht und Einfluss, Beliebtheit und Ehre. An all dies hingen Menschen ihr Herz nicht allein vor 500 Jahren, auch heute noch sehnen wir uns nach den Genannten, vertauschen ihr durchaus vorhandenes Recht mit dem Platz, der allein Gott gebührt. »Wer den Namen des Herrn anrufen wird…«, das heißt auch: Wer sein Vertrauen ganz allein auf diesen einen Gott, diesen einen Herrn setzt, der ist gerettet.

Mit den Worten des Heidelberger Katechismus, eines in der frühen nachreformatorischen Zeit entstandenen Bekenntnistextes, gesprochen: »Was ist dein einiger Trost im Leben und im Sterben? – Dass ich mit Leib und Seele, beides, im Leben und im Sterben, nicht mein, sondern meines getreuen Heilands Jesu Christi eigen bin.«

Das allein ist entscheidend. Nicht gute Taten, nicht vorzügliche Moral, nicht religiöses Wissen oder vollkommene Weisheit. Nicht meiner Macht und meinem Einfluss, nicht meinem Geld oder meiner Gesundheit vertraue ich, sondern allein das schlichte – manchmal fragmentarische, von Zweifeln erfüllte, ganz zaghafte – Vertrauen auf den einen Gott ist es, das mir Leben geschenkt. Ein Vertrauen, das unser Herz erfüllt. Ein Vertrauen, das uns in das Bekenntnis einstimmen lässt, das dem Glauben eben manchmal auch vorangeht.

 

IV.

Paulus schreibt dann weiter:

Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger? Wie sollen sie aber predigen, wenn sie nicht gesandt werden? Wie denn geschrieben steht: »Wie lieblich sind die Füße der Freudenboten, die das Gute verkündigen!« [Jes 52,7] Aber nicht alle sind dem Evangelium gehorsam. Denn Jesaja spricht: »Herr, wer glaubt unserm Predigen?« [Jes 53,1] So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi.

Ich möchte zum Schluss unser Augenmerk nur noch auf einen Aspekt legen, der in der Fluchtlinie des bisher Gesagten liegt: Paulus führt aus, dass der Glaube aus dem Hören kommt, der Verkündigung, dem Zeugnis (nicht allein auf der Kanzel, sondern auch in Worten und Taten der Liebe, die jede und jeder Einzelne von uns jeden Tag tun kann), dass dieses Zeugnis also notwendige, wenngleich nicht hinreichende Rahmenbedingung für das Entstehen von Glauben ist. Und dann stellt Paulus – fast nur andeutungsweise – fest: »Nicht alle sind dem Evangelium gehorsam«, nicht alle glauben. Ja, nicht überall trifft die Einladung Gottes, ihm zu vertrauen, auf offene Ohren und freudige Herzen. Zum Glauben gehört diese Differenzerfahrung dazu: Andere teilen meine Überzeugung nicht, verlachen vielleicht gar mein Vertrauen auf einen Gott, den sie als nichts anderes denn als Märchenfigur demaskieren zu können meinen. »Wie kann man nur in einer modernen Welt heute noch an Gott glauben?«, so fragen sie.

Manchmal wünsche ich mir, ich könnte sie überzeugen und hätte die richtigen Argumente, um alle anderen und auch mich selbst von Gott und dem Sinn des Glaubens einnehmen zu können. Aber das geht nicht. Dass ein Mensch glaubt, das kann man nicht machen: nicht bei den anderen und auch nicht bei sich selbst. Glauben zu können, das ist letztlich ein Geschenk. Paulus hatte das zuvor schon einmal so formuliert: »Niemand kann Jesus den Herrn nennen außer durch den Heiligen Geist« [1Kor 12,3], also außer dass Gott ihm selbst das schenkt.

Was können wir nun, damit unser Glauben wächst? Wir können Gott darum bitten und wir können uns in den Raum des göttlichen Geistes stellen, können uns hineinnehmen lassen in dieses Bekenntnis, es immer wieder hören und mitsprechen, auch wenn uns gar nicht so richtig danach ist. Ja, wir können in das Bekenntnis des Glaubens einstimmen und uns so mehr und mehr einüben in den Glauben. Und Gott wird sein Versprechen halten: »Wer den Namen des Herrn anrufen wird, der wird gerettet.«

Amen.

Und der Frieden und die Liebe Gottes,
die höher sind als alles menschliche Begreifen und Verstehen,
bewahren eure Herzen und Sinne im Christus Jesus, dem wir gehören. – Amen.