Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Römer 1,16-17

Pfarrerin Jutta Beldermann, Vereinte Evangelische Mission

31.10.2008 in der Unterbarmer Hauptkirche in Wuppertal

ARD-Fernsehgottesdienst zum Reformationstag

ARD-Fernsehgottesdienst zum Reformationstag

Hier die Predigt hören

 

„Weltweit Evangelisch“
Gemeinschaft von Kirchen in drei Erdteilen


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Liebe Gemeinde,
ich habe in der Vereinten Evangelischen Mission eine Frau kennengelernt. Sie heißt Grace. Sie hat sich mit dem Aids-Virus infiziert. Sie war 16 als es herauskam. Sie flog von der Schule. Ihre Familie gab ihr unmissverständlich zu verstehen, dass sie die längste Zeit ihre Tochter gewesen sei.
 
Nicht so ihre Kirchengemeinde. Nicht dass die Leute in dieser evangelischen Gemeinde in Botswana ihre Aids-Infektion einfach ignoriert hätten. Sie haben ihr schon gesagt, wie unverantwortlich sie sich verhalten habe. Sie haben nichts beschönigt. Aber sie haben sie nicht weggeschickt. Das hat Grace geholfen.

Aber so erstaunlich es klingt, das war für Grace noch nicht einmal das Wichtigste. Das Wichtigste war für sie, dass es in der Gemeinde Menschen gab, die ihr in ihrer Situation Gottes Evangelium gesagt haben.
Sie haben ihr gesagt, dass Gott nach anderen Kriterien richtet, als wir Menschen. Nicht weil er hinwegsieht über das, was wir tun. Auch nicht, weil wir es ja möglicherweise wieder gut machen können. Bei Aids ist nichts wieder gut zu machen. Auch nicht, weil er uns trotzdem liebt. Sondern weil Gottes Gerechtigkeit viel größer ist als unser Tun oder Lassen. Größer als das, womit wir uns schuldig machen oder das, was wir Gutes tun.

Und das liegt daran, dass Gott uns selbst unsere Gerechtigkeit schafft. Er beurteilt uns nicht nach dem, was wir tun, sondern nach dem, was Jesus Christus getan hat. Wer das glaubt, der erfährt eine große Kraft, der wird aus diesem Glauben heraus leben. 

Grace weiß:
- sie wird nie eine Familie haben
- und sie wird früh sterben.
Aber bis dahin ist sie Mitarbeiterin im Aids-Aufklärungsprojekt der Evangelisch-lutherischen Kirche in Botswana. Sie erklärt jungen Menschen, dass sie auch „Nein“ sagen müssen und wie sie sich vor dem Virus schützen können. Vor allem aber erzählt sie ihnen von der Kraft, die Gott ihr gibt, und von der Gemeinschaft der Christen, die von diesem Evangelium reden und es auch leben.


Eine HIV-Infektion war nicht Martin Luthers Problem. Aber seine große Frage war der von Grace sehr ähnlich. Kann Gott mir eigentlich gnädig sein? Denn was auch immer ich tue oder lasse, es wird für Gott immer einen Grund geben, mich schuldig zu finden. Kein Mensch - und sei er in unseren Augen auch noch so perfekt - wird vor Gottes Augen bestehen können.

Martin Luther ist als junger Mönch an dieser Frage fast verzweifelt, bis er die Sätze aus dem Römerbrief des Apostels Paulus wirklich verstanden hatte: 
Ich schäme mich des Evangeliums nicht, schreibt dort der Apostel,
denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben ...
Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben zum Glauben;
wie geschrieben steht: Der Gerechte wird aus Glauben leben.

Durch dieses Evangelium erfahren wir eine große Kraft. Eine Kraft, der wir anmerken, dass wir sie nicht mit eigenen Anstrengungen „machen“ können. Es ist eine Gotteskraft. „Nicht ich lebe, sondern Christus lebt in mir“, beschreibt Paulus diese Kraft einmal an anderer Stelle.

Die Kraft-Erfahrung des Paulus, aufgeschrieben und zur Heiligen Schrift geworden, wird Luther zur alles entscheidenden Erkenntnis: Es kommt nicht darauf an, was du getan oder unterlassen hast, wie viel Bußgebete du betest oder wie viel Ablass du zahlst. Es kommt noch nicht einmal darauf an, wie viel Reue du zeigst. Es kommt alles darauf an, dass du glaubst, dass Jesu Hingabe am Kreuz bei Gott genügt – auch für dich. Dass Gott sich mit uns Menschen versöhnt hat, weil er uns Jesu Gerechtigkeit als unsere Gerechtigkeit anrechnet. Das ist das Evangelium. 

Auch in Martin Luther hat dieses Evangelium zunächst einmal Kraft bewirkt. Eine Kraft, die ihn stark machte. So stark, dass er selbst vor dem Kaiser sagen konnte: Hier stehe ich und kann nicht anders. Denn diese Gotteskraft bewirkt vor allem eines: Freiheit. Wer aus dem Glauben lebt, dass allein Gottes Gnade von Bedeutung ist für das eigene Leben, der weiß sich frei. Frei vom Urteil anderer, frei von den eigenen Erwartungen an sich selbst, frei sogar von der Angst vor dem Tod.

Martin Luther hat diese Freiheit erfahren, als er mit seiner Kirche stritt. Er wollte eine Kirche, die den Menschen diese Freiheit verkündet, statt sie einzuengen in Gesetze, Vorschriften und Drohungen. Aus diesem Streit mit seiner römisch-katholischen Kirche, ist die evangelische Kirche entstanden. Vor fast 500 Jahren in Deutschland und heute in der ganzen Welt.

Paulus blieb in seinem Evangelium von Jesus Christus aber nicht bei den Kraft-Erfahrungen der einzelnen Menschen stehen. Die Gotteskraft ist der ganzen Welt versprochen. Sie gilt nicht nur mir persönlich, sondern allen anderen Menschen auch, ja, sie gilt der ganzen Schöpfung. Nicht nur ich selbst erlebe mich durch diese Kraft „wie neu geschaffen“, sondern die ganze Welt wird sich „wie eine neue Schöpfung“ erleben.

Das aber heißt: Christus lebt nicht nur in mir, sondern auch in den anderen Menschen. Ich bin mit ihnen verbunden durch Jesus Christus selbst. Sie sind meine Geschwister.

Wenn sich unsere evangelischen Geschwister jetzt im Kongo und in Ruanda für die Versöhnung in ihren Ländern einsetzen, dann tun sie das aus dem Glauben, dass sie in den Menschen aus den verfeindeten Volksgruppen Jesus Christus begegnen. Dass sie sich mit Christus selbst versöhnen, wenn sie sich mit ihnen versöhnen. Das schafft Anfeindungen von allen Seiten. Der Glaube an das Evangelium aber macht die Christen stark gegen alle Verleumdungen und Drohungen an der Versöhnung festzuhalten.
Wenn evangelische Kirchen in Deutschland sich zum Beispiel gegen Kinderarmut engagieren, dann tun sie das, weil sie in den Kindern, die in unserer Gesellschaft kaum eine Chance haben, Jesus Christus sehen und ihn hören, wenn er sagt, ich bin gekommen, damit die Menschen das Leben in Fülle haben.

Ob für Aids-Prävention, für Versöhnung oder gegen Kinderarmut: evangelische Kirchen engagieren sich nicht, weil sie damit Gutes tun. Sie engagieren sich, weil sie in den Menschen um sie herum Menschen sehen, die genau wie sie selbst aus nichts anderem leben als aus der Gnade Gottes.

Dieses Evangelium weiterzusagen, ist nicht leicht, denn für die meisten ist es „ein Ärgernis und eine Torheit“, wie Paulus das nennt. Auch evangelische Kirchen schämen sich dieses Evangeliums manchmal, weil sie fürchten, von der Gesellschaft, in der sie leben, für unbequem und dumm gehalten zu werden. Wäre das in Ruanda und im Kongo so, würde es weniger Versöhnung geben.

Weil wir uns schämen, hoffen wir, die Menschen könnten das Evangelium schon aus unseren Taten herauslesen, und sagen es nicht extra. Grace hätte das die Kraft des Glaubens vorenthalten. 

Aber auch diese Kraft ist nicht immer gleich erfahrbar. Uns ist der Glaube zwar geschenkt ein für alle Mal in Jesus Christus, aber in den Höhen und Tiefen unseres Lebens droht er  manchmal verloren zu gehen. Dabei will er immer wieder neu ergriffen und begriffen werden. Der Glaube an das Evangelium ist nicht statisch, er verändert sich. Er wächst. „Aus Glauben zum Glauben“ sagt Paulus. Glaube ist der Ursprung aber auch das Ziel. Wer glaubt, bleibt nicht an einer Stelle stehen, er bleibt in Bewegung, mit sich selbst, mit den anderen und mit Gott.

Damit wir uns des Evangeliums nicht schämen und im Glauben weiterwachsen, braucht es die weltweite Gemeinschaft der evangelischen Christen. Wir machen uns einander darauf aufmerksam, wo wir als evangelische Christen herausgefordert sind. Und wir leben einander vor, wo wir den Glauben an das Evangelium neu ergreifen und die Kraft Gottes neu erfahren können. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.