Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Römer 12,17-21

Lukas Klette, Student der Evangelischen Theologie im 10. Fachsemester

11.07.2017 Christuskirche Greifswald

Gottesdienst im Rahmen des Homiletisch-Liturgischen Seminars an der Universität Greifswald

Als mein Bruder und ich klein waren, haben wir viel im Sandkasten gespielt. Das heißt, eigentlich hat mein Bruder im Sandkasten gespielt, denn außen herum war noch viel mehr Sand und als Älterer war für mich klar, wer den bekommt. Wir haben da stundenlang im Sand gesessen und Häuser gebaut, Straßen und Prachtalleen angelegt. Jeder von uns ließ seine eigene Stadt entstehen. Und wir hatten Autos – ungefähr gleich viele, aber ich hatte natürlich die cooleren von Matchbox. Die meiste Zeit spielte so jeder für sich in seinem Reich. Nur manchmal gab es besondere Stadtfeste, zu denen dann auch die Autos des jeweils anderen anreisen durften und die Stadt bewundern konnten. Bei einer dieser seltenen Gelegenheiten muss irgendetwas schiefgegangen sein. Mir ist nicht mehr in Erinnerung, wie es dazu kam, jedenfalls rief mein Bruder irgendwann wütend: „Ich hol gleich meine Soldaten und dann mach ich deine Stadt platt!“ Das war ganz schön dreist. Ich bin echt wütend geworden. Der Schlagabtausch ging dann einige Male hin und her. Zum Glück weiß ich nicht mehr, ob ich Mitschuld am Eskalieren hatte… Schließlich drohte er mir: „Ich hol gleich eine Atombombe und dann mach ich alles platt! Dann steht hier gar nichts mehr!“ Ich weiß nicht wo ihr ward an diesem Tag im Frühjahr 1999, als in Brandenburg beinahe eine Atombombe hochgegangen wäre, in unserem Vorgarten. Aber ich weiß ziemlich genau, wie wütend ich darüber war, dass mir mein Bruder so etwas androhte.

Zum Glück – für uns alle – ist damals nicht der dritte Weltkrieg ausgebrochen, zum Glück ist mein Bruder heute Abend hier und wir verstehen uns prächtig. Aber es ist ja bei Weitem nicht so, dass jeder kleine Sandkastenkonflikt so ausgeht. Nicht jeder Streit unter Geschwistern erledigt sich von selbst, weil man weiß, dass es Kleinigkeiten sind. Manche von uns heute Abend wissen wie das ist, wenn man sich mit dem Bruder streitet und sich nicht wieder verträgt. Manche von uns kennen das Gefühl nur zu gut, wenn in der Familie auf einmal die Kontakte abbrechen; wenn man nicht mehr miteinander spricht; wenn der Partner nur noch über den Anwalt kommunizieren möchte. aus Liebe Hass wird. Wie kann das sein, dass Liebe und Hass so nah beieinanderliegen; dass sich Menschen hassen können, die sich eigentlich lieben sollten; dass wir sogar ein Wort wie „Hassliebe“ in unserer Sprache haben, als ob beides zusammengehören würde?

In dem Predigttext, um den es heute geht, aus dem Römerbrief im zwölften Kapitel, schreibt Paulus an die Christen von Rom: „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.“ Das sind schöne, einfache Regeln. „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem.“ – Es kann ja nicht immer so weitergehen. Wenn einer anfängt, muss irgendwann jemand den Teufelskreis durchbrechen. Und wie schön wäre es, wenn gute Dinge unser Leben beherrschen würden und nicht Streits und Konflikte. Aber was ist, wenn das dann auf einmal ausbricht in der eigenen Familie, völlig überraschend? Wenn auf einmal ein Konflikt da ist, der nicht wieder eingefangen wird?

 

Die Bibel erzählt die Weltgeschichte als Geschichte vom Hass unter Liebenden, vom Hass unter Menschen, die sich eigentlich lieben sollten. Das beginnt schon bei A wie Adam und Eva: Gott schafft die beiden aus Liebe, er möchte mit ihnen leben, er will für sie sorgen. Und was machen sie? Bei der ersten Gelegenheit brechen sie das einzige Verbot, dass Gott ihnen gegeben hat. Das Paradies nimmt ein jähes Ende und kurz darauf streiten sich zwei Brüder: Kain und Abel. Adams Sohn Kain erschlägt seinen Bruder Abel aus Eifersucht. Mord Nummer eins von vielen Millionen die darauf folgen sollten. Einige Generationen später betrügt Jakob seinen Bruder Esau aus Habgier um dessen Erbe. Er muss flüchten und lebt den Großteil seines Lebens in Angst vor seinem Bruder. Von Jakobs Sohn Josef haben wir schon in der Lesung gehört. Seine Brüder wollen ihn eigentlich aus Eifersucht umbringen, stellen dann aber zum Glück fest: „Ach Mensch, wir können ihn ja auch verkaufen und zu Geld machen!“ Die Bibel erzählt die Weltgeschichte als Geschichte vom Hass unter Menschen, die sich eigentlich lieben sollten.

 

Und das setzt sich im Neuen Testament so fort. Paulus schreibt den Christen in Rom: „Ist’s möglich, so viel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“ In der Gemeinde von Rom können nicht alle Menschen lesen. Deswegen liest einer den anderen vor und sie hören sich das an: „Ist’s möglich, so viel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“ Da sitzen sie jetzt, die Sklaven und die Bürger, und zucken mit den Schultern – natürlich sind sie um Frieden bemüht! Sie wissen, wie wichtig das ist. Vor sieben Jahren erst hatte sie der Kaiser Claudius zusammen mit vielen Juden aus der Hauptstadt vertrieben. Er hatte gehört, dass es unter den Juden zu Streit gekommen sei, weil einige jetzt einem gewissen „Chrestus“ folgten. Da gab es Auseinandersetzungen in der Synagoge, Wortgefechte zwischen Vätern und Söhnen, Entzweiung unter Geschwistern. Hass unter Liebenden. So sehr, dass der Kaiser davon hörte und dem Treiben ein Ende setzen wollte. Inzwischen gibt es in Rom wieder eine Gemeinde und den Christen dort ist klar, dass Streit nicht in ihrem Sinne sein kann. Sie dürfen nicht auffallen, Frieden ist ihre einzige Chance. Und es wird doch schlimmer kommen.

Im Juli 64 nach Christi Geburt brennt Kaiser Nero große Teile Roms nieder und schiebt die Schuld den Christen in die Schuhe. Der Druck wächst enorm, Christen werden massenweise verhaftet und gefoltert. Manche erzählen darunter, wer sonst noch zur Gemeinde gehört. Andere werden von ihren Eltern, Geschwistern, Kindern oder Partnern verpfiffen. Sie erwartet eine grausame Hinrichtung. Der römische Historiker Tacitus schreibt dazu: „Bei ihrer Hinrichtung trieb man auch noch Spott mit ihnen. Man steckte sie in Tierhäute und ließ sie entweder durch Hunde zerfleischen oder heftete sie ans Kreuz oder zündete sie nach Eintritt der Dunkelheit an, damit sie als Fackeln dienten. Nero hatte seine eigenen Gärten für diese Schau hergegeben und bot zudem ein Zirkusspiel. In der Gestalt eines Wagenlenkers mischte er sich unter das Volk oder zeigte sich stehend auf dem Rennwagen.“1 Mit den anderen im Frieden zu leben ist jetzt undenkbar.

Im Frühjahr 54 ist Kaiser Nero schon zwei Jahre im Amt. Die Christen von Rom hören ihren Vorleser lesen: „Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: ‚Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.‘“ Als sie das hören, müssen die Christen schlucken. Sie wissen genau, wie eng die Bedrängung ist. Aber an den Kaiser können sie sich nur bedingt wenden um ihr Recht zu bekommen. Der steht ihnen bereits skeptisch gegenüber, weil sie ihm zwar geben was ihm gebührt, sich aber weigern, ihn anzubeten. Bald wird er sie verfolgen. Dennoch schreibt Paulus ihnen: „Rächt euch nicht selbst!“ Er bittet sie, die gerechte Strafe Gott zu überlassen: „Gebt Raum dem Zorn Gottes“, der gerecht urteilt. Straft nicht in seinem Namen, sondern überlasst ihm die Strafe ganz. Und dann wird es noch dramatischer. Der Vorleser liest: „Vielmehr, ‚wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken.‘“ Was für eine Zumutung. Wie soll ich eigentlich auf meinen Feind zugehen? Die Situation ist doch so angespannt in den Familien. Wie soll man denn da auf den anderen zugehen und sagen „Hey, wenn du was brauchst, sag Bescheid“? Das ist doch lächerlich. Das ist doch brutal wie Paulus das fordert. Die Gemeinde wird unruhiger.

Und dann liest der Vorleser weiter: „Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.“ Jetzt gucken all die Christen die keinen jüdischen Hintergrund haben ziemlich komisch aus der Wäsche. „Hä? Wenn du das tust, so wirst du glühende Kohlen auf sein Haupt sammeln? Ging’s nicht grad darum, dass ich ihm nichts zurückgebe; dass ich nicht mehr draufhaue; dass ich ihm sogar was Gutes tue? Und jetzt soll ich glühende Kohlen auf sein Haupt sammeln?“ Aber da kommt zum Glück ein Gemeindevorsteher und erklärt das Ganze: „Wisst ihr was, das mit den Kohlen ist eigentlich eine Art zu zeigen, dass man umkehrt; dass man gemerkt hat, dass man etwas Falsches gemacht hat; dass man selbst an der Feindschaft schuld ist und die nicht mehr sein darf. Das ist eigentlich ein Bußritus. Dazu hat man sich eine Schale genommen in die man glühende Kohlen reingesammelt hat, ist öffentlich auf den Markplatz gegangen und hat sich die auf den Kopf gesetzt. Das war brennend heiß, aber zeigte auch, dass man die Umkehr ernst meint. ‚Der eingeschlagene Weg war kein guter – jetzt kehre ich um.‘“ „Aha!“ rufen die Heidenchristen, „alles klar!“ Die Idee ist also: Wenn du einen Feind hast und ihm Gutes tust, dann ermöglichst du ihm einen Schritt, den er nicht gehen kann. Du ermöglichst ihm damit den Schritt, umzukehren. Und das Besondere dabei ist, dass es tatsächlich etwas ist, was du tun kannst. Du kannst ihm Gutes tun in der Hoffnung, dass er daraufhin umkehrt und merkt, dass sein Weg schlecht gewesen ist. Und dass es einen guten Weg gibt, den man gehen kann. Das ist der Grund, warum es im Christentum immer Hoffnung gibt. In unserem Glauben gibt es immer Hoffnung, für jeden; weil Gott jemandem immer die Einsicht schenken kann, dass der Weg nicht gut ist, den er geht.; weil jemand immer einen neuen Weg einschlagen kann. Weil das unsere Hoffnung ist konnten Christen kurz nach der Wende die Familie Honecker für einige Wochen bei sich wohnen lassen, obwohl die ihnen noch kurz zuvor das Leben schwergemacht hatten.2 Und weil das unsere Hoffnung ist, kann eine Christin in der Türkei den Mördern ihres Mannes vergeben.3 Und weil das unsere Hoffnung ist gehen Christen immer wieder in die Gefängnisse und besuchen dort Mörder, Entführer und Vergewaltiger. Weil Umkehr immer möglich ist. Weil das Gute triumphieren soll. Weil wir uns nicht vom Bösen überwinden lassen wollen.

 

Die Christen in Rom wissen, dass Christsein wahrlich keine Butterfahrt ist. Und auch jetzt, da sie sie verstanden haben, wird ihnen die Aufforderung von Paulus nicht wie Butter runtergehen. Wie kann denn das sein, dass Hass und Liebe so nah beieinanderliegen sollen; dass man den lieben soll, der einen hasst? Wie kann das sein?

Die Bibel erzählt die Weltgeschichte als Geschichte vom Hass unter Liebenden, vom Hass unter Menschen, die sich eigentlich lieben sollten. Aber sie erzählt nicht nur diese Geschichte; sie erzählt auch noch eine andere. Die Bibel erzählt auch die Geschichte, wie die Weltgeschichte sich ändert durch die Liebe eines Gehassten.

Als Gott gesehen hat, was in der Menschheit passiert, da hat ihn das nicht kalt gelassen. Da hat er nicht gesagt „Na, die vertragen sich schon irgendwann wieder.“ Er hat gesehen, dass diese Feindschaften manchmal kaum zu überwinden sind. Und er ist selber in die Welt gekommen. Die Liebe, die Adam und Eva enttäuscht haben, ist ihnen hinterhergereist. In Jesu ist Gott auf die Erde gekommen um zu zeigen, wie er ist; um das zu suchen, was verloren war; um Vergebung und Umkehr zu ermöglichen. Als Jesus über diese Erde ging, war er auch nicht konfliktscheu. Er hat die Tische der Geldwechsler vor dem Tempel umgestoßen, aber er hat das getan, was Paulus erbittet: Er hat niemandem Böses mit Bösem heimgezahlt, war stets auf Gutes bedacht. Er gab alles, um mit allen Menschen im Frieden zu leben – am Ende sogar sein eigenes Leben. Und statt sich zu rächen, hat er den Hass und alle Gründe der Rache auf sich selbst genommen. All die zerbrochenen Beziehungen der Menschheit hat er getragen. Als Judas ihn verriet, ließ er sich von ihm küssen und leistete keinen Widerstand. Er trug sein Kreuz auf den Hügel und wehrte sich nicht, versuchte nicht zu entkommen. Als Jesus am Kreuz hing, da hat er nicht sein eigenes Leid vor Augen gehabt. Da hatte er dein Leid, deinen Schmerz, deine Verletzungen im Blick, da trug er deine Schuld und dein Versagen im Herzen. Und als Jesus am Kreuz hing, da hat er auch das Leid und die Schuld von dem im Blick und im Herzen getragen, der gerade neben dir sitzt. Und auch das Leid und die Schuld deines Bruders, deiner Schwester, deiner Eltern, deines Partners, deines Feindes. Als seine Augen erloschen und dieses Herz aufhörte zu schlagen, da nahm er all das, was uns zu Feinden machte mit in den Tod. Und als Jesus auferstand, da ist all das – dein Leid, dein Zorn, deine Wut, deine Schuld – vergangen; nicht vergessen, vergangen – im Tode versenkt.

 

Und du? Sitzt du immer noch im Sandkasten und wartest darauf, dass dein Bruder zurückkommt und dich um Entschuldigung bittet? Schau dich um: Eure Sandhäuser sind längst zu Staub zerfallen, die Matchbox-Autos verrostet, der Garten gehört jemand anderem. Du gehörst nicht mehr hier her. Du gehörst nicht mehr hier her!

Du gehörst dahin, wo dein Bruder heute ist. Du gehörst dahin, wo er Mangel hat, wo er leidet, wo es ihm an den Dingen fehlt, die er zum Leben braucht; wo es ihm fehlt an Essen, an Trinken, an Zuneigung, an jemandem, der ein gutes Wort für ihn hat, der ihm zuhört und der ihn vielleicht auch finanziell unterstützt. Da gehörst du heute hin.

Denn das ist der Ort, an den Jesus dir vorausgegangen ist. Hierhin ist er gekommen, als die Menschen ihn ans Kreuz hefteten. Er hat nicht nur deine Last getragen, sondern auch die Last deines Bruders. Er hat nicht nur deine Schuld im Tod versenkt, sondern auch die deines Bruders. Und er hat für dich die Kohlen auf dem Haupt getragen, damit du umkehren kannst und damit du glauben kannst. Hier trug er deine Last, deine Schwäche, deine Unfähigkeit zu vergeben. „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“, schreibt Paulus. Jesus hat das Böse überwunden und dir das Gute gegeben. „Komm her, mein Kind“, spricht er, „und gib deinem Bruder die Liebe weiter, die ich dir geschenkt habe. Lass mir den Hass und nimm die Liebe.“

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. (Amen.)

 

1 Tacitus, Annalen XV, 44 zitiert nach Sierszyn, 2000 Jahre Kirchengeschichte, Witten 2012, 28.

2 Damit wird auf die Unterbringung der Familie Honecker bei Familie Holmer vom 30.01. bis 03.04.1990 angespielt. Vgl. Holmer, Uwe, Der Mann, bei dem Honecker wohnte, Holzgerlingen 2009.

3 Im Hintergrund steht hier die Geschichte der Familie Geske. Vgl. Geske, Susanne –Carswell, Jonathan, Ich will keine Rache, Das Drama von Malatya, Gießen 2008.