Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Römer 14,7-9

Pfarrer Christoph Krauth (ev.)

06.11.2016 Prot. Kirche Schönenberg

I

Bekannte Worte. Vertraute Worte. Friedhofsworte. Worte für Tote und für Lebende gleichermaßen. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Die letzten Worte, bevor ich hinaustrete aus der Trauerhalle auf dem Friedhof. Bevor sich der Sarg in die Erde senkt oder die Urne in die Wand gestellt wird. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Unser Leben umfangen von dem Herrn, der selbst tot war und wieder lebendig wurde. Der Lebende und Tote in seiner Hand hält und umfängt und verbindet. Der mich nicht alleine lässt. Auch im Sterben nicht. Der da ist, wenn ich alleine den letzten Schritt machen muss.

Das ist es doch, wovor ich Angst habe. Allein zu sein. In meinem Leben. Aber spätestens im Tod. Nicht loslassen zu können. Sondern festhalten zu müssen. Weil dieses Leben das einzige ist, das ich habe. Das einzige, was zählt. Weil ich meine, noch nicht genug davon gehabt zu haben. Nicht alles gesehen zu haben, was es gibt. Nicht alles gesagt zu haben, was gesagt werden müsste. Mein Leben eine Ansammlung von verpassten Gelegenheiten. Zur Aussprache und zum Verzeihen; zur Freude und zum Lachen; zum Weinen und um der Traurigkeit Raum zu geben. Weil ich hetze von einem Termin zum nächsten, ohne Luft zu holen und zu fragen, was wirklich wichtig ist. Eingespannt in den Lauf der Welt und der Zeit. Abgelenkt durch so vieles, das Raum nimmt in meinem Leben und verhindert, dass ich mich mit den wirklich wichtigen Dingen beschäftige. Mit meinen Eltern und meiner Familie, mit meinen Freunden und mit Menschen, die meinen Weg begleiten. Vielleicht ihn auch nur dann und wann schneiden.

Und dann, am Ende, ist es aus. Mit mir und der Welt. Allein stehe ich oder sitze ich oder liege ich auf meinem Sterbebett. Und in einem Sarg. Niemand ist da, der mir die Hand hält, der mich auffängt und tröstet und Halt gibt. Das ist der Ort, an dem Glaube entsteht. Vertrauen. Hoffnung. Hoffentlich nicht zu spät. Sondern so früh, dass ich schon im Leben sagen kann: Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Gott tritt an den Platz, wo ich alleine und auf mich selbst gestellt bin. Gott tritt in den Moment, wo mich kein anderer begleiten kann. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Worte im Angesicht des Todes, die mir Halt und Mut, Trost und Vertrauen schenken. Gewähren wollen. Beim Tod eines anderen und auch für meinen eigenen Tod.

 

II

Denn keiner lebt sich selber. Vielmehr ist unser Leben, Leben in Beziehung. Keiner kommt auf die Welt und ist einfach so da. Jede wird geboren. Angewiesen auf Menschen, die da sind und sie in Empfang nehmen. Hände, die tragen und mich nicht fallen lassen. Die mich umsorgen und pflegen. Mir nahe sind. Urvertrauen und Urgeborgenheit entstehen in diesen Momenten.

Keiner lebt sich selber. Keiner hat sich selbst dazu entschieden da zu sein. Jeder ist das Ergebnis dessen, was zwischen zwei Menschen geschieht. Jeder für sich eine eigene Beziehungs- Weise. Einmalig und unverwechselbar. Eingebunden und eingewoben sind wir in Familienbande, die – hoffentlich – stärker sind als alles, was uns voneinander trennt. Keiner lebt sich selber. Vielmehr leben wir in der Angewiesenheit aufeinander. Alte und Junge, Starke und Schwache, Männer und Frauen und alles, was es sonst noch gibt. Was sich da sonst noch scheinbar unvereinbar gegenüber steht. Kein Mensch würde überleben, wenn es nicht noch einen anderen Menschen gäbe, der ihm Gesellschaft leistet und mit ihm das Erlebte teilt. Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine sei, heißt es ganz am Anfang. Und so entsteht der Mensch als Beziehungs-Weise zu anderen Menschen und zu Gott. Bis zu diesem einen, dem letzten Augenblick.

 

III

Doch keiner stirbt sich selber. Ja, das wünschen wir uns. Nicht alleine zu sterben, nicht einsam zu sein. Nicht vergessen zwischen Essenresten und Zeitungsbergen. Sondern eingebunden in ein Netz aus Fürsorge und Liebe. Doch für wie viele sieht das Sterben anders aus?! In den Hochhäusern und Plattenbauten, in den Großstädten und sozialen Brennpunkten. Vielleicht auch bei uns, in unserem Dorf, in unserer Nachbarschaft?

Keiner stirbt sich selber. Und doch müssen wir den letzten Schritt alleine tun. Auf uns selbst zurückgeworfen. Ohne helfende Hand. Ohne den anderen, der mitgeht und das Sterben teilt. Den eigenen Tod kann ich nur selber sterben. Aber doch nicht für mich. Denn einer ist da, der mich auch dann noch in den Händen hält. Der mich trägt und auffängt, wenn ich auch falle. Wie ein welkes Blatt im Wind.

Keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Friedhofsworte – Lebensworte. Worte, die Halt geben und frei machen.

Wenn Er da ist, brauche ich keine Angst zu haben, allein zu sein. Im Leben und im Sterben. Wenn ich Ihm vertraue, bin ich nicht verlassen. Auch nicht im Scheitern und im Versagen. Nicht im Sterben und nicht im Untergehen. Wer sein Vertrauen auf Ihn setzt, ist geborgen. In Seiner Hand, die Lebende und Sterbende umschließt und trägt. Am Anfang und am Ende nur Gott. Nur Geborgenheit. Nichts was mir Angst macht. Sondern Licht statt Finsternis. Leben statt Tod.

Durch Ihn bekommt mein Leben einen neuen Horizont. Einen Horizont der größer und weiter ist, offener und heller als mein Leben in dieser Welt. Ein Horizont, der mich weiterführt als nur bis zur Schwelle des Todes. Hinüber in ein anderes Leben. Ohne Leiden und ohne Schmerzen. Ohne Trauer und ohne Tränen. Ein Horizont, der mich weiterführt als all die anderen, die meinen, meinem Leben Sinn geben zu können. Wer diesen Worten Vertrauen schenkt, wird sein Leben zurückgewinnen. Schon in dieser Zeit und in dieser Welt. Denn er gedenkt daran, dass er sterben wird. Aber er lässt den Tod nicht Macht gewinnen über sein Leben. Wer diesen Worten vertraut, ist nicht mehr der Vergänglichkeit unterworfen, sondern er wird dem Leben dienen mit allem, was er tut. Er gibt weiter, was ihn trägt und hält. In seinem Innersten.

 

IV

Ja, wir haben allen Grund unser Vertrauen auf diese Worte zu setzen. Denn es sind Worte, die von dem erzählen, der tot war und wieder lebendig wurde. Der gestorben und auferstanden ist. Der Leben bringt, das wahres Leben ist. Nicht ein Hineinleben in den Tag. Sondern ein Leben erfüllt von Liebe und Ruhe, Geborgenheit und Verlässlichkeit. Ein Leben, das keine verpassten Gelegenheiten mehr kennt, sondern Möglichkeiten wahrnimmt und sie nutzt. Für das gute Wort und die liebevolle Hand; für die tröstende Umarmung und den versöhnenden Satz. Für die Hilfe in der Not und das bittende Gebet.

Christus spricht: Ich lebe und ihr sollt auch leben (Joh 14, 19). Er ruft uns zu sich. Er ruft uns ins Leben. In seine Nähe. Setze ich mein Vertrauen auf ihn? Und komme vom Tod zum Leben? Von der Vergänglichkeit zur Ewigkeit? Von der verpassten Gelegenheit zur wahrgenommenen Chance? Von der Beziehungslosigkeit zur Vergebung?

 

V

Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Friedhofsworte. Lebensworte. Worte für Tote und Lebendige gleichermaßen. Die einen rufen sie ins Leben. Die anderen bestätigen sie darin. Ausgang und Eingang, Anfang und Ende, liegen bei dir, Herr, füll du uns die Hände.

Mein Leben liegt, mit allem, was es ausmacht, in Gottes Hand. Er ruft mich ins Leben und am Ende zu sich. Darum findet mein Leben in Beziehung statt. Stets mehr oder weniger. Zu anderen Menschen und zu Jesus Christus. Ich lebe aus dem Vertrauen, das ich in ihn setze und in der Hoffnung, dass er da sein wird, wenn auch mir die letzte Stunde schlägt. Dass ich auch dann nicht alleine bin, wenn alle anderen mich verlassen. Sondern dass ich auch dann noch geborgen bin in seiner Hand. Ich lebe im Gespräch mit ihm. Darauf vertrauend, dass er meine Ängste und Nöte kennt, aber auch meine Freude und Dankbarkeit sieht. Ein Leben, das aus seinem Leben kommt und in seiner Verheißung geführt wird, kommt immer an sein Ziel. Wo der Weg auch lang führt. Getragen und gestärkt durch Gottes Wort. Fähig gemacht, auf andere zuzugehen und mit ihnen zu leben in der Verheißung Gottes.

So umfangen kann mir nichts geschehen. Im Leben, wie im Sterben. Denn keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. AMEN.