Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Römer 15,4-13

Pastor Klaus-Uwe Nommensen (ev.)

10.01.2018 Johanniskirche Stade

3. Advent

Schwestern Brüder,

Mal ehrlich:

Was ist bei euch im Gedächtnis geblieben von den Briefzeilen des Paulus,

die ihr vorhin gehört habt?

Ich gebe zu:

Ich habe diese Zeilen auch mehrmals lesen müssen,

habe sie Satz für Satz buchstabieren müssen,

um sie sie mir so einprägen zu können,

dass dazu eine Predigt entstehen kann.

Ich lese die Briefzeilen des Paulus darum noch einmal:

Denn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben,

damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben.

Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch,

dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander,

wie es Christus Jesus entspricht,

damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt,

den Vater unseres Herrn Jesus Christus.

 Darum nehmt einander an,

wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre.

Denn ich sage:

Christus ist ein Diener der Beschneidung geworden

um der Wahrhaftigkeit Gottes willen,

um die Verheißungen zu bestätigen, die den Vätern gegeben sind;

die Heiden aber sollen Gott die Ehre geben um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben steht:

»Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen.«

 Und wiederum heißt es:

»Freut euch, ihr Heiden, mit seinem Volk!«

Und wiederum:

»Lobet den Herrn, alle Heiden, und preisen sollen ihn alle Völker!«

 Und wiederum spricht Jesaja:

»Es wird kommen der Spross aus der Wurzel Isais,

und der wird aufstehen, zu herrschen über die Völker;

auf den werden die Völker hoffen.«

 Der Gott der Hoffnung aber

erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben,

dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung

durch die Kraft des Heiligen Geistes.

Satz für Satz habe ich dann verstanden:

Hier notiert der Briefeschreiber Paulus seine Vision.

Hier fasst er noch einmal das zusammen,

wofür die vergangenen Jahrzehnte seines Lebens gekämpft hat.

Der Zeltmacher aus Tarsus,

der einst gelehrige Thoraschüler,

der einst radikale Pharisäer

hatte vor den Toren von Damaskus eine Vision,

eine Vision,

die seine bisherige Vergangenheit

und alles, wofür er bis dahin geeifert hatte,

ins Wanken brachte,

eine Vision,

die ihm jedoch eine neue Perspektive gab.

Und das alles mit einer einzigen Frage:

Was versprichst du dir davon?

Damals, vor den Toren von Damaskus,

so schreibt es der Erzähler Lukas,

und so bestätigt es Paulus in seinen Briefen,

habe ihm kein anderer als Christus diese Frage gestellt:

Was versprichst du dir davon,

dass du die Menschen, die mir glauben, verfolgst,

und damit letztlich mich?

Und damals bekam Paulus im wahren Sinne des Wortes vor Augen geführt,

dass Hass, Engstirnigkeit, Intoleranz blind machen.

Was versprichst du dir davon, Paulus?

Eine Frage, die von nun an sein Denken und Handeln bestimmen sollte.

Paulus fängt neu an:

Er sieht sich jetzt als Apostel,

als Botschafter Christi im Auftrag Christi.

Und? Was versprichst du dir jetzt davon, Paulus?

Nun, in seinen Briefen an die damaligen Gemeinden

gibt er Antworten auf diese Frage.

So auch in den Zeilen, die wir vorhin gehört haben.

Was versprichst du dir jetzt davon, Paulus?

Fünf Begriffe finde ich in den Briefzeilen als Antwort:

Geduld,

Trost,

Hoffnung,

Freude,

Frieden.

Große Begriffe,

aber wenn wir sie hören,

spüren wir etwas,

so etwas wie einen Anflug von Sehnsucht.

Tief unten in uns,

manchmal verborgen,

sehnen wir uns

nach Geduld,

nach Trost,

Hoffnung,

nach Freude,

nach Frieden.

Mögen sich diese Begriffe doch endlich

in uns

und für uns

mit Leben,

mit Gewissheit

füllen,

für unser Leben Früchte tragen.

Paulus fängt neu an,

aber immer wieder holt ihn auch seine Vergangenheit ein,

mal als Bedrohung,

sogar als Lebensgefahr,

mal schmerzlich,

mal dienlich.

Und mittendrin auch in ihm

diese Sehnsucht nach

Geduld,

Trost,

Hoffnung,

Freude,

Frieden.

Davon schreibt er in seinen Briefen immer wieder,

von dieser Sehnsucht,

wie sie in ihm Früchte trägt.

Und genauso schreibt er davon,

wie seine Vergangenheit,

wie der Mensch Paulus

das Wachsen und Reifen dieser Früchte in ihm gefährdet.

Manchmal verzweifelt er daran.

Aber er gibt nicht auf.

Warum,

das können wir immer wieder in seinen Briefen lesen,

darum drehten sich alle Gespräche,

das war Thema aller seiner Reden,

die er in Synagogen, auf Straßen und Plätzen gehalten hat.

Immer wieder war von ihm zu hören und ist von ihm zu lesen:

Ich, der Mensch Paulus,

bin schwach.

Ich, der Mensch Paulus,

kann noch so sehr an mir arbeiten,

ich bin und bleibe ein ungeduldiger Kerl.

Ich kann mir noch so viel Annehmlichkeiten und Zerstreuung schaffen,

immer wieder gibt es Augenblicke,

in denen alles trostlos erscheint,

in denen alle Hoffnung schwindet.

Alle Freude ist oft ein Strohfeuer.

Und wie oft machen

Angst oder Missgunst

alles Friedliche in mir zunichte.

Ich, der Mensch Paulus,

bin schwach,

wenn nicht …

Wenn da nicht ein anderer mir Kraft gäbe.

Und so ist Paulus tausende von Kilometern

zu Fuß,

per Schiff

kreuz und quer durch Asien und Europa gezogen.

Und was versprichst du dir davon, Paulus?

Ich stelle mir jetzt einmal vor,

wir hätten heute nicht nur die Zeilen aus dem Brief an die Gemeinde in Rom,

sondern Paulus wäre unterwegs

und käme hierher nach Stade.

Und wie das so seine Gewohnheit wäre,

würde er sich zunächst in der Stadt umschauen.

Der Weihnachtsmarkt würde ihn auch interessieren,

aber, ich vermute, nicht lange.

Eher würde er auf Menschen zugehen,

das Gespräch mit ihnen suchen.

Da würde er einigen begegnen,

deren Heimat er gut kannte.

Zum Beispiel auf Karima.

Sie ist von Syrien hierher nach Deutschland geflohen.

Sie erzählt ihm von der Flucht mit ihrer Mutter,

dass der Vater in Syrien geblieben ist,

weil für ihn das Geld nicht reichte.

Sie erzählte ihm von der Freude,

hier Schutz gefunden zu haben,

und von ihrer Verzweiflung darüber,

dass ihr Vater nicht nachkommen dürfe.

Ein Mann geht auf Paulus zu,

der ihn und sein Gespräch mit Karima beobachtet hat.

Die gehörten hier nicht her,

sagt der Mann.

Aus seinen weiteren Worten hört Paulus

Angst heraus.

Manche Worte sind von Hass geprägt.

Und dann die Frau vor dem Bäckerladen am Markt.

Auch sie erzählt von einer Flucht.

Vor vielen Jahren aus Ostpreußen.

Damals, so sagt sie, sei auch sie hier fremd gewesen.

Inzwischen aber sei hier alles so vertraut geworden,

auch viele Menschen.

Paulus trifft auf etliche Menschen

und ihre Geschichten,

hört ihre Sorgen und Nöte,

ihre Hoffnungen und ihre Lebensfreude.

Lauter verschiedene Menschen,

lauter verschiedene Geschichten,

jeder oder jede mit anderen Gefühlen,

unterschiedlich alt,

unterschiedlich gesund,

die einen schwach,

die andern stark

oder zumindest halten sie sich für stark.

Manche können sich gut ausdrücken,

andere suchen nach Worten.

Einige drehen sich auch einfach weg

oder gehen wortlos vorbei.

Und dann kommt Paulus hierher in die Kirche.

Er hat immer die Gotteshäuser in den Städten aufgesucht.

Und hier erzählt er uns von seinen Begegnungen,

von den verschiedenen Menschen,

von Geduld und Rastlosigkeit,

von Zuversicht und Trostlosigkeit,

von Hoffnung und Argwohn,

von Freude und Verbitterung,

von Offenheit und Abscheu.

So verschieden sind wir Menschen,

höre ich ihn sagen,

so einzigartig,

wie jeder und jede von euch.

Aber eins haben sie,

habt ihr alle gemeinsam,

jetzt kommt Paulus so richtig in Fahrt:

Sie und ihr alle seid geliebt von Gott.

Und Gott wünscht sich nichts sehnlicher,

als dass seine Liebe auch in ihnen und euch Liebe hervorlockt.

Dafür hat Jesus gelebt, ist er ans Kreuz gegangen und auferstanden.

Um das zu verbreiten,

bin ich kreuz und quer durch Asien und Europa gelaufen,

darum bin ich jetzt hier,

sagt Paulus.

Ich bin Jude,

sagt Paulus,

ich gehöre zu Gottes Volk.

Ich habe versucht,

streng nach Gottes Geboten zu leben,

um von Gott geliebt werden.

Aber das wurde mir infrage gestellt:

Was versprichst du dir davon, Paulus?

Ja, ich habe mir von meinem Eifer versprochen,

von Gott geliebt zu werden.

Aber durch Christus habe ich begriffen:

Ich kann noch so eifrig Gottes Gebote erfüllen,

wie wir Juden sagen,

nach seinem Gesetz leben,

ich weiß nie,

ich habe am Ende nie die Gewissheit,

ob das reicht,

um von Gott geliebt zu werden.

Durch Christus habe ich begriffen:

Gott liebt mich, weil ich Paulus bin.

Und das hat mir die enorme Kraft gegeben,

kreuz und quer durch Asien und Europa zu laufen,

um diese frohe Botschaft weiterzusagen.

Das hat mir auch die Kraft gegeben,

gegen alle Widerstände durchzuhalten.

Immer wieder wurde ich angefeindet,

von denen, die glaubten,

Gottes Liebe gelte nur seinem auserwählten Volk.

Weil ich diese Grenze überschritten habe,

wurde ich angeklagt, verleumdet, verurteilt, geschlagen, verjagt und sogar einmal gesteinigt.

Aber nicht ich habe diese Grenze überschritten.

Für mein Volk hat sich mit Jesus bereits erfüllt,

worauf unsere Väter und Mütter Jahrhunderte gehofft haben.

Jesus ist in unser Volk gekommen als der König Gottes,

der endlich Gerechtigkeit und Frieden bringt,

der König, der Gottes Liebe unter den Menschen verbreitet.

Das hat sich für mein Volk erfüllt.

Für mein Volk hat Jesus gezeigt:

Gott hat sein Versprechen erfüllt,

auf ihn ist Verlass.

Aber Gottes Liebe überschreitet die Grenzen meines Volkes.

Kannst du uns das belegen?

könnten wir jetzt Paulus fragen.

Als Antwort zitiert er aus den alten Schriften.

Als ausgebildeter und gebildeter Pharisäer kennt er sich da aus.

Paulus zitiert aus den Psalmen Davids,

aus der Thora,

er zitiert die Propheten:

Gott hat von Anfang an daran gedacht,

mit seiner Liebe alle Grenzen zu überschreiten.

Und der beste Beleg,

so Paulus,

ist doch Jesus.

Er hat gesehen,

wie Menschen sich und andere eingegrenzt haben

aus Angst,

Missgunst,

Engstirnigkeit,

Intoleranz

oder Hass,

ein jedes Ausdruck von Schwäche.

Ja, Grenzen sind Ausdruck von Schwäche.

Darum hat er Menschen gestärkt,

ist ihnen mit Gottes Offenheit und Liebe begegnet.

So hat er ihnen Kraft gegeben,

die Grenzen zu überwinden.

Paulus macht eine Pause.

Dann fährt er fort:

Ihr feiert heute ein besonderes Fest.

61 Jahre habt ihr dieses schöne Haus,

eure Johanniskirche.

61 Jahre habt ihr einen Ort,

an dem ihr zusammenkommen könnt,

um euch gemeinsam zu Gott und Jesus Christus zu bekennen,

um gemeinsam Gott mit euren Liedern zu loben,

um miteinander und füreinander Gott zu bitten und zu danken.

Gemeinsam,

miteinander und füreinander

als Menschen,

die hier eine neue Heimat gefunden haben,

nach Flucht und Vertreibung eine neue Bleibe,

als Menschen,

die ihr hier geboren und aufgewachsen seid,

als Menschen,

die ihr aufgrund von Beruf oder Familie hierhergekommen seid,

als unterschiedliche Menschen,

verschieden wie die Menschen, die mir in der Stadt begegnet sind.

Ihr alle seid eine Gemeinschaft mit Jesus.

Und ihr feiert in diesen Wochen Advent,

eine Zeit der Sehnsucht

nach Geduld,

nach Trost,

Hoffnung,

nach Freude,

nach Frieden,

eine Zeit der Sehnsucht

dass Gottes Liebe unter und in euch werde,

euch die Kraft gebe,

dass sich Rastlosigkeit in Geduld wandle,

Trostlosigkeit in Zuversicht,

Argwohn in Hoffnung,

aus Verbitterung Freude werde,

aus Abscheu Offenherzigkeit,

eine Zeit der Sehnsucht

dass Gottes grenzenlose Liebe in euch die Kraft gebe,

einander anzunehmen,

ohne Grenzen,

so wie Christus euch angenommen hat.

Dann geht Paulus wieder.

Aber ich glaube,

er hat seine Vision unter uns zurückgelassen,

eine adventliche Sehnsucht,

mag sein eine Wärme für unsere Worte,

mag sein ein Freudestrahlen für unsere Augen,

mag sein eine Freiheit, zu widerstehen,

mag sein eine Offenheit für unsere Herzen,

mag sein eine Liebe für unser Tun,

mag sein ein Stück vom Himmel in uns irdenen Menschen.

Amen.