Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Römer 6,1-11

Pfarrer Stefan Bauer (prot.)

03.07.2016 Protestantische Jona-Kirchengemeinde Ludwigshafen - Apostelkirche

Liebe Gemeinde, stellen wir uns einmal vor, Raum und Zeit spielten keine Rolle und es käme zu einem gemütlichen Zusammentreffen des Apostels Paulus, seines Zeichens zuhause im ganzen östlichen Mittelmeerraum, und des Reformators Martin Luther, zuhause im östlichen Mitteldeutschland. Sagen wir mal, sie träfen einander auf halber Strecke in Rom, da waren sie schließlich beide auch mal gewesen – Luther am Anfang seines Wirkens, Paulus am Ende seines Lebenswegs. Stellen wir uns vor, sie machten einen abendlichen Spaziergang am Tiber entlang.

 

(Zwei Sprecher in verteilten Rollen:)

 

Luther: Du, Paulus, endlich kann ich mich mal bei dir bedanken! Dir habe ich den Durchbruch in meinem theologischen Denken zu verdanken: Dass kein Mensch durch Werke gerecht wird vor Gott, sondern nur durch den Glauben. Ich bin ja sowieso der Meinung, dass wir alle Sünder sind und bleiben – wir entfernen uns doch immer wieder von Gott und seinem Lebenswort, machen wir uns doch nichts vor!

 

Paulus: Moment mal, lieber Martin, das geht mir ein bisschen zu schnell. Selbstverständlich sollen alle sich anstrengen, nichts mehr zu tun, was von Gott trennt. Selbstverständlich soll man die Sünde nicht herrschen lassen und den üblen Begierden widerstehen! Wenn ich dich so ansehe, du hast ja ganz schön zugenommen! Ich vermute du sprichst dem Bier und den fetten Thüringer Würsten reichlich zu. Du solltest vielleicht etwas mehr Maß halten, damit man dich nicht für einen Fresser und Säufer hält!

 

Luther (lacht): Och Paulus, weißt du, das fände ich gar nicht so schlimm, denn schließlich haben sie so doch auch unseren lieben Herrn Jesus Christus genannt – einen "Fresser und Weinsäufer". – Aber jetzt ernsthaft: Du siehst ja auch nicht gerade gesund aus, mein Alter. Da lass dir mal von mir ehemaligem Mönch sagen, dass Askese auch nicht in den Himmel führt! Vielleicht hätte dir auch mal eine Familie und ein richtiges Zuhause ganz gut getan.

 

Paulus: Jetzt werd mal nicht unfair, mein Guter! Auch auf meinem Lebensweg hat es Frauen gegeben. Selbstbewusste, großartige Persönlichkeiten – ich denke nur an Lydia, mein erster Täufling in Europa. Sie hat mich in ihr Haus aufgenommen und ich muss sagen, da hätte ich auch bleiben können, um mit ihr zusammen die Gemeinde von Philippi zu betreuen. Ganz zu schweigen von Phoebe, die meinen Brief an die römischen Christen von Korinth aus hierher gebracht hat. Aber jedes Mal, wenn ich kurz davor stand, mich zu binden, hielten meine Aufgaben und meine Verantwortung mich wieder davon ab. Glaub mir, es gab tolle Frauen in meinem Leben und ich habe mehr als einmal darüber nachgedacht, mich zu verheiraten, was du von dir ja nicht unbedingt behaupten kannst. Wie ich hörte, war es deine Käthe, die sich dich als Gemahl ausgesucht hat – und du wärst viel lieber bei deinen Büchern geblieben!

 

Luther: Gut, das war ein Punkt für dich und ich möchte mich entschuldigen. Ich wollte dich nicht verletzen. Aber du hast ja angefangen mit den Anspielungen auf meine Leibesfülle. Und, ja, mir ging es so wie dir. Es gab immer viel zu viel zu tun für die gute Sache des Evangeliums, da hatte ich keine Zeit, auf meine Ernährung zu achten und so habe ich meine Gesundheit vernachlässigt. Das werde ich eines Tages noch bereuen ...

Ich meine aber, wir sind beide keine Engel. Deine Vergangenheit war kein Ruhmesblatt – und meine auch nicht. – Und so ist es doch immer bei uns Menschen. Wir kommen doch nicht raus aus dem Sündigen. Und das müssen wir irgendwann akzeptieren. Denn das Leben damit zu verbringen, sich allen möglichen Versuchungen zu enthalten, das wird am Ende so viel Zeit und Mühe in Anspruch nehmen, dass wir uns gar nicht mehr an unserem Christus erfreuen können und nicht mehr merken, dass Gott im Himmel uns von Herzen liebt.

 

Paulus: Wenn du auf meine Vergangenheit als Christenverfolger anspielst, mein Lieber, da muss ich dir aber sagen, dass es schließlich eine Wende gab in meinem Leben, damals vor Damaskus. Da ist der alte Saulus gestorben und ich konnte ein neuer Mensch werden. Und genau so ist es mit allen, die getauft werden: Der alte Mensch bleibt zurück im Wasser und der Neue wird in Christus geboren. – Und wer mit Christus gestorben und auferstanden ist, der kann ein neues, besseres Leben beginnen. – Ich jedenfalls habe nach meiner Lebenswende keine Menschen mehr verfolgt.

 

Luther: Das mag ja sein, guter Paulus. Aber trotzdem möchte ich davor warnen, dass irgendwer von sich sagt, er sei kein Sünder mehr. Nicht mal dir nähme ich das ab! Wenn einer das von sich behauptet, dann ist doch immer etwas faul! Und jetzt sag mir nicht, dass du nicht die Eifersucht kennst, wenn andere Apostel sich in einer deiner Gemeinden eingenistet haben, oder dass du frei wärst von Stolz?

 

Paulus: Bruder und Kollege, ich muss schon sagen: touché! Ja, das ist wohl so. Ich gebe zu, dass Korinth meine Lieblingsgemeinde ist und ich schwer getroffen war, dass dort einige dem Apollos mehr vertrauten als mir. Aber ich habe mir dann immer gesagt, in wessen Auftrag ich unterwegs bin – ich habe immer Christus die Ehre gegeben. Meine Person ist mir nur wichtig, insofern ich meiner Berufung folge. Und ich habe meine Gesundheit und mein Leben, ebenso wie du, mehrfach dafür riskiert.

 

Luther: Zurück zu deinem Argument mit dem neuen Leben und der Taufe: Sicher, der Glaube drängt uns dazu, gute Früchte zu bringen und Gutes zu tun. Schließlich wissen wir doch, dass Sünde, Tod und die ganze Welt besiegt sind durch unseren Heiland. – Aber leider erst, in seinem Reich. Und so lange bleibt die Welt nun mal die Welt, und sie steckt voller Dämonen, Verlockungen und Irrwege. Der Kampf hört doch nicht einfach nach der Taufe auf! Ich bin ehrlich zu dir: Ja, ich erlebe jeden Tag meine Anfechtungen. Und dann sage ich mir jeden Tag: Luther, du bist getauft, das kann dir jetzt nichts anhaben! Und wenn ich mir dann sicher bin in meiner Liebe zu Christus und in meinem Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit, dann werde ich wieder froh und muss nicht an mir oder an meinem Los verzweifeln.

 

Paulus: Das klingt ja gerade so, als sollten die Menschen in der Sünde bleiben, damit Gottes Gnade dann umso mächtiger werde. Aber da kann ich nur sagen: Das sei ferne! Christus hat uns doch nicht umsonst befreit? – Und deshalb könntest auch du ruhig etwas befreiter wirken, lieber Martin, und fröhlicher auch!

 

Luther: Und du, mein lieber Paulus, sei bitte auch etwas weniger verbissen und gehe mit deinen Gemeinden nicht so ins Gericht! Dir stünde ein wenig mehr Barmherzigkeit auch ganz gut zu Gesicht, denn schließlich predigst ja auch du immer davon. Und deshalb sage ich dir, was ich auch schon meinem Melanchthon geschrieben habe: "Sei ein Sünder und sündige kräftig, aber vertraue noch stärker und freue dich in Christus, welcher der Sieger ist über die Sünde, den Tod und die Welt!" (Brief an Melanchthon, 1.8.1521)

 

Paulus: Jetzt verstehen wir uns! Komm, lass uns darauf einen trinken – ich kenne da hinten eine kleine Taverne, wo sie einen  spritzigen Nemea-Rosé aus der Nähe von Korinth ausschenken!

 

Luther: Einverstanden, aber nur wenn sie da auch diese leckeren Bucatini all'amatriciana mit Speck servieren ...

 

Liebe Gemeinde, Paulus und Luther, so stell ich mir vor, ließen diesen lauen römischen Abend gemütlich ausklingen und erzählten einander noch manchen Schwank aus ihren bewegten Leben.

Aus ihrer Unterhaltung nehme ich mit, dass wohl beides richtig ist: Wir sind neue Menschen in Christus – und gleichzeitig sind und bleiben wir angefochten, verführbar, inkonsequent, Menschen eben. – Aber Sünde hin, Gnade her, diesen beiden Großen können wir abschauen, was das Entscheidende in einem Christenleben ist: Niemals daran zu zweifeln, dass wir zu Christus gehören und er zu uns.

 

Und der Friede Gottes, ...