Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Römer 8,18-23

Pfarrer Peter Martin Hohlweg (ev.-luth.)

13.11.2016 Evang.-Luth. Marienkirche in Königsberg

Volkstrauertag

Liebe Gemeinde,

Hinter der Wohnzimmertür meiner Großmutter, über der Anrichte auf der das Telefon steht, hängt ein Bild von einem jungen Mann. Oder sollte man besser sagen von einem Kind, das so tut, als wäre es ein Mann. Schwarzweiß ist das Bild. Darauf blickt ein schmaler, hübscher Junge ernst und traurig und auch ein wenig scheu. So als ahnte er, was mit ihm passieren würde. Man hat ihn in eine Naziuniform gesteckt mit seinen siebzehn Jahren. In eine Uniform, die ihm nicht zu passen schien. Und dann musste er weg von daheim. Weg von seiner Familie, von der Schwester, von der Mutter, vom Vater. Er musste nach Osten, nach Russland hin. Er musste mit den Männern in den Krieg. Fern von dem gewohnten Umfeld, das ihm Sicherheit und Liebe und Geborgenheit bot, in ein Umfeld, das vor Gewalt, Unrecht und Tod nur so strotzte. Wenn es eine Hölle gibt, so konnte man sie damals finden auf dem sogenannten Feld der Ehre. Eine Hölle, die nur Menschen einander selber bereiten können. Und aus dieser Hölle ist er nicht mehr nach Hause zurückgekehrt. Vermisst war er Jahrelang. Und mit jedem Jahr erstarb ein wenig mehr die Hoffnung, dass er irgendwann zurückkehren würde. Es ist sicher, dass er gefallen ist, aber wo und wann? Vor zehn Jahren erkundigte man sich bei der deutschen Kriegsgräberfürsorge, ob es denn irgendwo ein Grab mit seinem Namen geben könnte. Aber dieses Grab gab es nicht. Und so liegt wohl mein Großonkel irgendwo im Grab eines unbekannten Soldaten. Mein Großonkel, der nie erwachsen werden durfte.

 Wie viele Onkel, Väter, Brüder und Söhne sind damals gefallen? Wie viele Mütter und Töchter wurden getötet, durch den Wahnsinn des Naziterrors? Nicht nur im Krieg, auch in den Lagern, auch danach in der Gefangenschaft? Nicht nur bei uns, sondern auch auf der anderen Seite? Ich weiß von manchem Foto hier in unseren Dörfern, in unserer Stadt auf dem der gefallene Bruder, der Onkel oder der Vater zu sehen ist.

Doch all das scheint so lange her zu sein. Die Generation, die den Krieg erlebt hat, ist alt geworden. Viele von ihnen sind schon verstorben. Sie können nicht mehr erzählen, wie es damals war. Und wie wichtig wäre es gerade heute, wo die Erfahrungen so langsam verblassen und wir wieder beginnen mit dem Feuer zu spielen. Wo nationale Interessen wichtiger werden als die Frage nach Krieg und Frieden. Bei uns hier in Europa und auch sonst in der Welt. „Make America great again.“ Ein gefährlicher Spruch in gefährlicher Zeit.

Doch auch heute sind Söhne, Väter und Ehemänner, sind Töchter und Mütter Opfer von Krieg und Gewalt. Und von vielen gibt es wohl nicht einmal mehr ein Bild über einer Kommode, sondern allein die Erinnerung des Nachbarn oder ein paar Pixel auf einem Handy von fliehenden Angehörigen.

Ich weiß, dass das nun kein Thema mehr ist, bei dem man Zustimmung oder gar die Herzen seiner Hörer erreichen könnte. Nach der Euphorie des letzten Jahres ist es still und nachdenklich geworden in unserem Land. Mancherorts gar gefährlich für die, die Hilfe suchen. Und dennoch sind da weltweit Millionen auf der Flucht und suchen Hilfe.

Haben sie nicht Recht? Würdest Du deinen Sohn, deinen Bruder, deinen Vater hineinschicken wollen in die Hölle von Aleppo oder Mosul? Würdest du nicht auch alles zusammenpacken, wenn bei uns die Bomben fielen? Und haben die Opfer von Krieg und Gewalt nicht zumindest unser Wohlwollen, unser Gebet verdient, wenn wir auch sonst nichts machen können, nichts machen wollen? Wir können zumindest ihrer gedenken, unser Herz nicht vor ihren Nöten verhärten, nicht gleichgültig sein.

Paulus, der zwar nie einen Krieg erleben musste innerhalb der Pax Romana, der aber einen geistlichen Kampf, einen geistlichen Krieg erlebte, der angefochten wurde, der geschlagen wurde, ins Gefängnis geworfen wurde, der verfolgt wurde, bedroht und am Ende gar geköpft wurde, wie viele tausende Christen auch heute, diesem Paulus war es nicht gleichgültig, was mit dieser Welt geschah. Er hielt in all dem fest an dem, was er glaubte, an dem was er hoffte, an Jesus Christus. Auch gegen alle Widerstände, gegen allen Augenschein. Er kämpfte den Kampf des Glaubens, gegen den Unglauben, den Kampf der Hoffnung gegen die Hoffnungslosigkeit, den Kampf der Sehnsucht gegen die Resignation, den Kampf der Liebe gegen den Hass. Nicht mit Waffen, sondern mit dem Wort der Gnade.

Wo ist denn nun dein Gott? So fragst du. Warum lässt er´s zu, all das Böse in der Welt, warum greift er nicht ein und regelt das ein für allemal? Und ich sehe uns da sitzen an den bequemen Stammtischen unseres Geistes und die Hände in den Schoß legen und selbstzufrieden sein, dass uns Gott nichts angeht und uns das Leid nichts angeht. Es uns höchstens taugt als Zerrbild für einen pseudotheologischen Diskurs…

Und das, meine Lieben, finde ich schäbig, das Leid anderer zu instrumentalisieren für die plumpen Versuche, die Bequemlichkeit des eigenen Herzens zu rechtfertigen.

Nur wem das Leid anderer wie das eigene Leid nahe geht. Wer da mitseufzt mit aller Kreatur, der darf fragen. Nein, nicht nur fragen, sondern rufen. Vielmehr schreien: Herr wie lang! Wo bist du Gott mit deiner Macht, mit deiner Verheißung, mit deiner Gnade und Liebe, die du mir und der Welt versprochen hast! Wo bist du? Ich sehe dich nicht! Mein Gott mein Gott warum hast du mich verlassen? Und der findet sich in der Gemeinschaft dessen, der da auf Golgatha schrie und starb.

Wo ist denn dein Gott? … Meine Lieben! Unser Gott, der stirbt da im Bombenhagel von Aleppo, der weint und schreit mit der Mutter die ihr Kind verloren hat … der stöhnte in den Schützengräben der Weltkriege und schwitzte Blut und Wasser in den KZs… Der ist auf der Flucht und wird geschlagen Tag und Nacht, wird vergewaltigt und umgebracht. Da ist unser Gott! Und wo bist du?

Und dennoch halten wir fest! Wie der Apostel daran festhält. Es ist dieses unerschütterliche, ja auch protestantische „Trotzdem“. Ja trotz allem halte ich fest an dir Herr Jesus Christus, mein König und Herr, auch wenn du geschmäht wirst, auch wenn die Wundmale deiner Hände heute noch bluten, auch wenn du geschändet wirst in jedem einzelnen der Opfer von Krieg und Terror. Gerade darum halte ich an dir fest an dein Versprechen, an deinem Reich, das du uns verheißen hast. Das kommen wird … uns nahe … schon bald! Darauf will ich vertrauen, darauf bauen … Du wahrer Mensch und wahrer Gott.

„Ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.“ … Können wir hier mit Paulus sprechen, dies nachsprechen: Ich bin überzeugt? … Möge es der Herr uns geben! Möge er uns die Kraft geben, mehr zu sehen, als das, was vor Augen ist. Es gibt mehr als das alte Gesetz von Rache und Gewalt, mehr als nur immer wieder Krieg. Es gibt einen Frieden der jede Vernunft übersteigt, einen ewigen, dauerhaften Frieden. Wer davon träumt, wer sich den ersehnt, der ist kein Traumtänzer, sondern einer, der nüchtern mit Gottes Wirklichkeit rechnet. Amen.

Lasst uns beten:

Verzeih uns Herr, dass wir so gering von dir denken, dass wir in allen Dingen so wenig mit dir rechnen. Verzeih uns, dass uns das Leid der Welt nicht so berührt, wie es sollte. Dass wir unsere kleinen Problemchen so aufbauschen müssen und dich so oft vergessen.

Du trägst das Leid der Welt, du hast es schon längst getragen am Kreuz. Hab dank, dass du uns ein Gott bist, dem das Leid der Welt nahe geht, dass es dich jammert. Komm, Herr Jesus, in unsre stolze Welt! Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Predigtlied „Komm in unsre stolze Welt“ EG 428